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Politik muss umsteuernBabyboom der 1990er und doppelte Abiturientenjahrgänge: Auf die deutschen Hochschulen müsste eigentlich ein „Studentenberg“ zukommen. Doch im Dezember 2007 meldete das Statistische Bundesamt, dass die Zahl der Studierenden im Wintersemester 2007/08 erstmals seit vielen Jahren die Zwei-Millionen-Marke unterschritten habe.
Zwar ist die Studienanfängerzahl um 3,8 Prozent auf 358 000 gestiegen. Doch der Zuwachs macht weder den kontinuierlichen Rückgang der Studienanfängerquote von 2003 bis 2006 wett, noch hält er mit dem deutlich stärkeren Anstieg der Schulabsolventenzahlen Schritt. Es fällt auf, dass die Länder ohne Studiengebühren überdurchschnittliche Zuwachsraten aufweisen, während die Anfängerzahlen in Baden-Württemberg, Hessen und im Saarland weiter einbrechen: Junge Erwachsene verzichten wegen der Gebühren offensichtlich zunehmend auf ein Studium.
Dabei braucht Deutschland in Zukunft deutlich mehr Akademikerinnen und Akademiker. Wird der Bedarf nicht gedeckt, steuert das Land auf einen dramatischen Mangel an wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften zu. Die GEW prognostizierte bereits 2001 in ihrer vom Bildungsforscher Klaus Klemm erarbeiteten Studie „Perspektive: Akademikermangel“, dass allein bis 2010 etwa 250000 Akademikerinnen und Akademiker fehlen.
Nach den Daten der im Oktober veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) „Bildung auf einen Blick 2007“ wird sich dieser Trend weiter verschärfen. In einigen Fachrichtungen liegen die Absolventenzahlen sogar unter der Zahl der aus dem Beruf ausscheidenden Fachkräfte. Neben den Ingenieurwissenschaften sind die Bildungswissenschaften von dieser Entwicklung stark betroffen. Nicht nur ein Ingenieur-, sondern demnächst ein Pädagogenmangel droht, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird (...).
Die OECD hat in ihrer Studie offengelegt:
Ferner bescheinigt die OECD dem deutschen Bildungssystem, den Hochschulzugang überdurchschnittlich stark von „sozialen Kontextfaktoren“ abhängig zu machen. Arbeiter- und Nichtakademikerkinder haben deutlich schlechtere Chancen an die Hochschule zu kommen. Diesen Befund hat auch die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) untermauert, die im Sommer 2007 auf der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Hans-Böckler-Stiftung, DSW und GEW am Diemelsee präsentiert wurde (s. E&W 10/2007). Fazit: Bildungschancen werden in Deutschland vererbt.
Bund und Länder haben es jetzt in der Hand, einem künftigen Fachkräftemangel vorzubeugen. Dafür wäre allerdings ein Kurswechsel in der Bildungspolitik angesagt:
Andreas Keller,
Leiter des GEW-Organisationsbereichs Hochschule und Forschung
(E&W 1/2008)