Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
01.01.2008

Politik muss umsteuern

Die Bundesrepublik steuert auf einen Mangel an wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften zu. Mit der Ankündigung einer nationalen Qualifizierungsoffensive (s. E&W 11/2007) hat endlich auch die Bundesregierung das Problem erkannt.
Akademikermangel: Beim Hochschulzugang ist Deutschland Schlusslicht

Babyboom der 1990er und doppelte Abiturientenjahrgänge: Auf die deutschen Hochschulen müsste eigentlich ein „Studentenberg“ zukommen. Doch im Dezember 2007 meldete das Statistische Bundesamt, dass die Zahl der Studierenden im Wintersemester 2007/08 erstmals seit vielen Jahren die Zwei-Millionen-Marke unterschritten habe.
Zwar ist die Studienanfängerzahl um 3,8 Prozent auf 358 000 gestiegen. Doch der Zuwachs macht weder den kontinuierlichen Rückgang der Studienanfängerquote von 2003 bis 2006 wett, noch hält er mit dem deutlich stärkeren Anstieg der Schulabsolventenzahlen Schritt. Es fällt auf, dass die Länder ohne Studiengebühren überdurchschnittliche Zuwachsraten aufweisen, während die Anfängerzahlen in Baden-Württemberg, Hessen und im Saarland weiter einbrechen: Junge Erwachsene verzichten wegen der Gebühren offensichtlich zunehmend auf ein Studium.
Dabei braucht Deutschland in Zukunft deutlich mehr Akademikerinnen und Akademiker. Wird der Bedarf nicht gedeckt, steuert das Land auf einen dramatischen Mangel an wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften zu. Die GEW prognostizierte bereits 2001 in ihrer vom Bildungsforscher Klaus Klemm erarbeiteten Studie „Perspektive: Akademikermangel“, dass allein bis 2010 etwa 250000 Akademikerinnen und Akademiker fehlen.
Nach den Daten der im Oktober veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) „Bildung auf einen Blick 2007“ wird sich dieser Trend weiter verschärfen. In einigen Fachrichtungen liegen die Absolventenzahlen sogar unter der Zahl der aus dem Beruf ausscheidenden Fachkräfte. Neben den Ingenieurwissenschaften sind die Bildungswissenschaften von dieser Entwicklung stark betroffen. Nicht nur ein Ingenieur-, sondern demnächst ein Pädagogenmangel droht, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird (...).

Die OECD hat in ihrer Studie offengelegt:

  • dass Deutschland im internationalen Vergleich einen erheblichen Nachholbedarf beim Hochschulzugang junger Menschen hat und zu den Schlusslichtern zählt. Während im OECD-Mittel mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs ein Hochschulstudium beginnt, in Ländern wie Finnland, Island oder Schweden sogar 70 Prozent, haben wir in Deutschland dagegen gerade mal eine Quote von 36 Prozent. Tendenz rückläufig.
  • dass der Anteil der 25- bis 34-jährigen Menschen mit Hochschulabschluss in Deutschland bei nur 20 Prozent liegt – gegenüber 36 Prozent im OECD-Mittel.
Schlechte Chancen

Ferner bescheinigt die OECD dem deutschen Bildungssystem, den Hochschulzugang überdurchschnittlich stark von „sozialen Kontextfaktoren“ abhängig zu machen. Arbeiter- und Nichtakademikerkinder haben deutlich schlechtere Chancen an die Hochschule zu kommen. Diesen Befund hat auch die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) untermauert, die im Sommer 2007 auf der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Hans-Böckler-Stiftung, DSW und GEW am Diemelsee präsentiert wurde (s. E&W 10/2007). Fazit: Bildungschancen werden in Deutschland vererbt.
Bund und Länder haben es jetzt in der Hand, einem künftigen Fachkräftemangel vorzubeugen. Dafür wäre allerdings ein Kurswechsel in der Bildungspolitik angesagt:

  • durch die Überwindung des sozial selektiven, gegliederten Schulsystems, das Kinder schon im Alter von zehn Jahren auf verschiedene Bildungkarrieren verteilt und damit vielen die Chance auf Hochschulbildung nimmt;
  • durch einen nachhaltigen Ausbau der Hochschulen. Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2005 könnten im Jahr 2014 2,7 statt heute zwei Millionen Menschen studieren – sofern ihnen ausreichend Studienplätze angeboten werden;
  • durch eine soziale Öffnung der Hochschulen. Das erfordert nicht nur, Studiengebühren insgesamt zu streichen, sondern darüber hinaus für eine wirksame Ausbildungsförderung zu sorgen. Diese muss in der Sekundarstufe II einsetzen und allen Studierenden eine bedarfsgerechte Finanzierung ihres Lebensunterhalts sichern;
  • durch mehr Durchlässigkeit des Bildungssystems, die Absolventen der beruflichen Bildung den Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen durch die Anerkennung gleichwertiger Leistungen eröffnet.

Andreas Keller,
Leiter des GEW-Organisationsbereichs Hochschule und Forschung

(E&W 1/2008)

/ zum Seitenanfang