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22.10.2008

Petra Kilian (48), Erzieherin, Leiterin der Kindertagesstätte Griegstraße in Stuttgart

„Ich habe 1974 in Mühlheim bei Frankfurt die mittlere Reife gemacht, dann ein Vorpraktikum und anschließend zwei Jahre die Fachschule für Sozialpädagogik in Offenbach am Main besucht. Mein Anerkennungsjahr habe ich in einer kommunalen Kita in Mühlheim gemacht. Das Betreuungsangebot war für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich: Wir haben unsere Kinder, die zwischen null und sechs Jahre waren, sowohl halbtags als auch ganztags betreut. Insgesamt war ich vier Jahre in der Kita.

Dann ging ich für neun Jahre nach Calw an eine Heimsonderschule für sprach- und mehrfachbehinderte Kinder. Die Einrichtung hatte einen ganzheitlichen Förderansatz. Wir kümmerten uns um die Pflege, Ernährung und Pädagogik. Ich war mit einer Kollegin für neun Kinder verantwortlich und lebte den kompletten Alltag mit ihnen, wie in einem Internat. Ich hatte zwar eine eigene Wohnung, aber auch immer wieder Nachtdienste, die ich an der Schule verbringen musste.

Während meiner Zeit in Calw habe ich vier Jahre berufsbegleitend an der Diakonischen Akademie Stuttgart ein Aufbaustudium zur staatlich anerkannten Heilpädagogin gemacht. Im Sommer 1990 bin ich dann ganz nach Stuttgart und habe bei der Evangelischen Gesellschaft in einer teilstationären Gruppe gearbeitet.

Die Kinder kamen aus Familien, die in Konfliktsituationen lebten, die ihre Eltern nicht mehr alleine in den Griff bekamen. Die Kinder wurden bei uns betreut, um einen stationären Aufenthalt in einem Jugendheim und eine totale Trennung von den Eltern zu vermeiden. In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass es überhaupt keinen Sinn macht, nur mit den Kindern zu arbeiten, sondern zu den Kindern das ganze System Familie gehört.

Seit knapp vierzehn Jahren arbeite ich für das Jugendamt Stuttgart. Zuerst war ich Leiterin einer Kita mit einer Gruppe, dann für vier Jahre stellvertretende Leiterin einer großen Einrichtung, die von Kindern mit und ohne Behinderung besucht wurde. Seit fünf Jahren leite ich die städtische Kindertagesstätte Griegstraße. Ich habe 16 Mitarbeiter/-innen: Erzieher/-innen, Kinderpfleger/-innen, zwei Azubis und eine Hauswirtschaftlerin. Wir betreuen 83 Kinder: das jüngste ist sieben Monate, das älteste sechs Jahre.

Zu meiner Routine gehören viele Verwaltungsaufgaben, wie Anmeldungen, Ummeldungen, das Verwalten unterschiedlicher Budgets, die Instandhaltung der Einrichtung und das Überprüfen von Sicherheitsstandards. Ich muss alles beschaffen, was wir brauchen – von Spielwaren bis hin zum Geschirr. Ich trage die Personalverantwortung inhaltlich, aber auch formal. Ich muss Krankmeldungen verwalten, Urlaubspläne ausarbeiten, Stellenausschreibungen veröffentlichen und Bewerbungsgespräche führen.

Ich mache Öffentlichkeitsarbeit im Stadtteil, kooperiere mit verschiedenen Institutionen, innerhalb des Jugendamtes und der Stadt, aber auch mit anderen Trägern. Wir beteiligen uns als Einrichtung an Arbeitsgemeinschaften, die innerhalb des Jugendamtes angeboten werden. Ich bin Mitglied im Fachzirkel Integration des Jugendamtes und biete zum Thema Kinder mit Behinderungen Fortbildungen und Praxisberatungen an. Mein zeitlicher und inhaltlicher Schwerpunkt ist aber die Mitarbeiterführung. Ich organisiere, moderiere und bearbeite Dienstbesprechungen nach.

Die Stadt Stuttgart fordert mehr Bildung in den Kitas. Also muss ich dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter/-innen diesen Anspruch in die Praxis umsetzen. Dafür strukturiere ich Entwicklungsprozesse für das ganze Team, aber auch für die einzelnen Mitarbeiter/-innen.

Es ist schwierig, Förderung und Herausforderung so zu gestalten, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen und Erfahrungen davon profitieren können. Es gibt immer hochmotivierte Kolleginnen und Kollegen, aber auch die, die bremsend wirken und ängstlich sind. Die Teambildung und -entwicklung ist ein Seiltanz. Ich brauche einen langen Atem und muss immer gucken, dass alle mitkommen und keiner zurückbleibt.

Zusätzlich gibt es noch Elterngespräche, an denen ich teilnehme. Alltagsgespräche und Beobachtung der Kinder ist Aufgabe des Teams. Aber wenn es Schwierigkeiten in der Kommunikation mit den Eltern gibt, oder mich Kolleg/-innen bitten, sie auf der Suche mit den Eltern nach einem gemeinsamen Weg für das Kind zu unterstützen, begleite ich sie. Und ich bin immer dabei, wenn es um Kindeswohlgefährdung geht. Mit den Eltern bin ich zusätzlich über den Elternrat in Kontakt. Da läuft viel per Telefon und Mail.

Ich muss immer wieder auf Unterbrechungen reagieren: das sind nicht nur Anrufe von Eltern, sondern auch von Kolleg/-innen, Handwerkern oder dem Jugendamt. Überraschungen gehören zum Alltag: Da geht was kaputt, dort stürzt ein Kind, und hier haben Eltern das Bedürfnis zu reden. Das Jugendamt hat uns eine große Autonomie zugestanden. Es gibt viele Aufgabenbereiche, in denen wir selbstständig entscheiden. Aber wir bekommen keine weiteren Stunden für die zunehmende Verantwortung und die zusätzlichen Aufgaben bezahlt.

Die Arbeit verdichtet sich. Ich muss mich sehr konzentrieren und ständig präsent sein. Ich versuche alles im Blick zu haben, treffe ad hoc Entscheidungen und nehme Probleme, die spontan von Eltern und Mitarbeiter/-innen an mich herangetragen werden, in die Hand. Ich muss wissen, wo mein Team steht, was die einzelnen Mitarbeiter/-innen an Unterstützung brauchen. Ich muss Konflikte zwischen ihnen erkennen und ansprechen. Es gibt Konfliktsituationen, die nehme ich auch mit nach Hause. Wenn gemeinsam entwickelte, pädagogische Absprachen nicht eingehalten werden, das Team oder auch Eltern in alte Muster zurückfallen, muss ich das ansprechen. Solche Gespräche bleiben nicht immer sachlich. Nicht selten werde ich auch persönlich angegangen und fühle mich entsprechend getroffen.

Meine Kernarbeitszeit ist zwischen 8:00 und 16:00 Uhr, aber ich bin oft schon um halb acht da und höre nicht selten später auf zu arbeiten. Dazu kommen Nachmittagstermine, Elternabende und andere Veranstaltungen. Mein Verständnis von Pädagogik und Bildung war immer auch politisch. Ich bin nicht nur Leiterin meiner Einrichtung, sondern setze mich darüberhinaus für den Beruf der Erzieherin und eine inhaltliche Entwicklung ein, die berücksichtigen muss, was Kinder für ihre Zukunft in unser sich immer wieder wandelnden Gesellschaft brauchen, um zurechtzukommen.

Ich habe früher BAT 4b mit Vergütungsgruppenzulagen bekommen und jetzt nach dem neuen TVöD die Gehaltsstufe 9 mit Zulagen. Das Gehalt bemisst sich nach der Anzahl der zu betreuenden Kinder. Mein Hauptarbeitsschwerpunkt ist aber die Mitarbeiterführung. Diese Verantwortung spiegelt sich in der Bezahlung nicht wider. Ich verdiene netto 1.643 Euro. Zurzeit mache ich nebenbei noch eine Weiterbildung zum Thema „Führen und Leiten“, ein Kontaktstudium an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.“

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