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/ Jahrgang 2009
/ 01/2009
Schwerpunkt: Tarifrunde 2009Reiner Schölles rechnet gern. Und weil er als Lehrer und Gewerkschafter die Situation in den Klassenzimmern der Republik kennt, kann er eine ziemlich eindrucksvolle Rechnung aufmachen: Lehrkräfte – wie alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes – müssen eine Jahresarbeitszeit von rund 1770 Stunden leisten, das entspricht 40 Wochenstunden. Bei 40 Unterrichtswochen im Schuljahr, 26 Pflichtstunden pro Unterrichtswoche und acht Lerngruppen mit jeweils 25 Schülerinnen und Schülern stellt sich für Schölles die Frage, „wie groß denn eigentlich noch der Tauschwert für pädagogische Arbeit ist“. Vom Gesamtpensum gehen nämlich pro Jahr 780 Stunden Unterricht und 30 Stunden Fortbildung ab. Und in den restlichen rund 960 Stunden müssen dann 1040 Unterrichtsstunden vor- und nachbereitet, bis zu 1000 Klassenarbeiten korrigiert und die Lernentwicklung von 200 Kindern und Jugendlichen beobachtet, dokumentiert und bewertet werden – nicht eingerechnet Konferenzen, Schulveranstaltungen und sonstige Mitwirkung. „Gelobt wird viel, insbesondere vor einer anstehenden Wahl“, zieht Schölles mit Blick auf die Bildungspolitik ein kritisches Fazit. „Denn es ist kostengünstiger, die pädagogisch Engagierten zu loben, als sie leistungsgerecht zu bezahlen.“ Und weil immer mehr Aufgaben an die Pädagoginnen und Pädagogen (nicht nur in den Schulen!) herangetragen werden, die Bezahlung aber nicht entsprechend gestiegen ist, gebe es ein Problem, bilanziert Schölles: „Die Arbeitsleistung wurde objektiv entwertet, und zumindest subjektiv müssen Lehrkräfte dies als Geringschätzung ihrer Arbeitsleistung empfinden.“
Für den Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann ist das eine fatale Entwicklung: „Die Wertschätzung pädagogischer Arbeit hängt eben auch vom gesellschaftlichen und politischen Umfeld ab“ – etwa von dem, was die Länder bereit sind, für pädagogische Arbeit auszugeben.
Pädagogenmangel droht
Zeit also für eine spürbare Anpassung der Gehälter (s. Seite 10 ff.), denn: „Deutschland steuert auf einen massiven Pädagogenmangel zu. Wenn wir mehr junge, qualifizierte Menschen für den Pädagogenberuf gewinnen wollen, brauchen wir attraktive Arbeitsbedingungen – und dazu gehört auch das Gehalt“, sagt GEW-Tarifexpertin Ilse Schaad. Tatsächlich zeigen die aktuellen bildungspolitischen Debatten, wie groß der Bedarf an pädagogischer Arbeit in der gesamten Bildungskette ist. Im Dezember 2008 wurden mit IGLU und TIMSS die neuesten Schul-Vergleichsstudien für Grundschüler vorgelegt (s. Seite 18 f.), die – wenig überraschend – erneut deutlich machten, dass guter Unterricht und individuelle Förderung sowie ganztägige Betreuung für den weiteren Bildungsweg der Kinder entscheidend sind. Der im November 2008 veröffentlichte innerdeutsche PISA-Vergleich legte zum wiederholten Male offen, dass weiterführende Schulen hier Defizite haben, weil sie personell zu schlecht ausgestattet sind – nicht nur mit Lehrkräften.
Unis müssen „nachlegen“
Auch an den Hochschulen müssen die Länder spürbar „nachlegen“, damit ihnen die jungen, hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht weglaufen. Denn wer will sich schon immer wieder auf befristete Arbeitsverträge und unsichere Projekt-Finanzierungen einlassen? Heike Hofstetter jedenfalls wollte das nicht. „Die Arbeitsbedingungen spielten bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle“, sagt die Chemikerin. Nach ihrer Promotion in Tübingen ging sie deshalb zunächst nach Israel und ist heute als „adjunct professor“ an der Northern Illinois University in den USA – eine Entscheidung, wie sie jedes Jahr Tausende Nachwuchskräfte treffen. Alleine in den USA arbeiten derzeit über 20 000 deutsche Wissenschaftler, schätzt die Buchautorin Marita Vollborn*.
Konkurrent Wirtschaft
Neben den besseren Bedingungen an den Hochschulen im Ausland locken aber auch gut dotierte Jobs in der Industrie: Während wissenschaftliche Tätigkeiten oft nur als halbe Stellen ausgeschrieben werden (bei 100 Prozent erwarteter Arbeitsleistung!) und dann in der Gehaltsstufe EG13 nur gut 20 000 Euro brutto im Jahr einbringen, können etwa Chemie-Absolventen mit Diplom oder Master Einstiegsgehälter von bis zu 53 700 Euro erzielen – auch ohne Doktortitel. Wenn die Promotion noch hinzukommt, empfiehlt der Bundesarbeitgeberverband Chemie sogar 62 590 Euro pro Jahr. Kein Wunder also, dass nach dem jahrelangen Abbau von Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau und der ausgeprägten Konkurrenz um die wenigen Arbeitsverträge ohne Befristung die Attraktivität des Arbeitsplatzes Hochschule sinkt.
Außerdem: Viele wissenschaftlich Beschäftigte müssen zusätzliche Verantwortung in der Lehre übernehmen. „Die Hochschullehrerlaufbahn ist fast ausschließlich auf Forschung ausgerichtet“, sagt GEW-Hochschulexperte Andreas Keller. „Folge ist die Neigung zur Delegation von Lehraufgaben – an den akademischen Mittelbau, an den wissenschaftlichen Nachwuchs, an Lehrbeauftragte, sogar an studentische Beschäftigte.“ Und weil diese Gruppen, zusammen mit etlichen engagierten Hochschullehrern, die Überlastung der Unis und FHs immer wieder abfedern, ergebe sich eine absurde Situation: „Gerade diejenigen, auf deren Schultern ein Großteil des Lehrbetriebs lastet, arbeiten unter den schwierigsten Beschäftigungsbedingungen.“ Doch die so geleistete pädagogische Arbeit werde, so Keller, von den Hochschulen kaum gewürdigt.
Tarifsituation unbefriedigend
Die Tarifverhandlungen finden ab Januar zentral für 14 Bundesländer statt. „In Hessen wird gesondert verhandelt, solange der beschlossene Wiedereintritt in die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) noch nicht vollzogen ist“, sagt Ilse Schaad. In Berlin, das 2003 aus allen Arbeitgeberverbänden ausgetreten war, gab es zwar im November 2008 einen Abschluss (s. E&W 12/2008), doch die Tarifsituation, insbesondere an den Hochschulen, ist aus gewerkschaftlicher Sicht weiterhin unbefriedigend.
Die Einbeziehung der Hochschulen in den seit 2006 geltenden Tarifvertrag der Länder (TV-L) sei ein richtiger Schritt gewesen, meint Keller: „Auch für die Hochschulbeschäftigten hat die Einkommensentwicklung in den vergangenen Jahren mit den gestiegenen Kosten nicht Schritt gehalten. Deshalb sind acht Prozent eine berechtigte Forderung.“ Zusätzlich müsse es aber auch darum gehen, die wissenschaftsspezifischen Regelungen im TV-L zu erweitern: Dazu gehört eine bessere Anerkennung von Berufserfahrungszeiten, etwa bei Doktorandinnen und Doktoranden, die außerhalb einer Festanstellung geforscht haben, ebenso wie die Ausweitung des Tarifvertrags auf studentische Beschäftigte, wissenschaftliche Hilfskräfte sowie Lehrkräfte an Kunst- und Musikhochschulen. Andreas Keller: „In den aktuellen Verhandlungen kommt also einiges auf uns zu.“
Armin Himmelrath, freier Journalist
Tarifrunde 2009
// "Darum geht´s"