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/ Jahrgang 2009
/ 01/2009
BildungspolitikKanada ist ein von multikultureller Vielfalt geprägtes Einwanderungsland. Die Amtssprachen Englisch und Französisch sind für zwei Drittel der Bevölkerung die Muttersprachen. Ein Drittel der Kanadier stammt […] aus 100 weiteren Nationen. Kanada begreift die Integration der Immigranten als demokratische Herausforderung, um eine weitestgehende Chancengleichheit zu realisieren.
Aufbau des Schulsystems
Das Bildungssystem ist wie in der Bundesrepublik Ländersache bzw. Provinzangelegenheit. Daher gibt es auch in allen 13 Provinzen Unterschiede im Bildungswesen. Generell unterscheidet sich das kanadische Schulsystem jedoch in drei wesentlichen Punkten vom deutschen: Alle Schulen sind ganztägig. Kindergärten sind den Schulen angegliedert, und die Kinder lernen bis zur sechsten, häufig bis zur neunten Klasse gemeinsam. Die Aufteilung nach der vierten Klasse auf Haupt-, Real- und Gymnasialschulen entfällt.
Es besteht ein bildungspolitischer Grundkonsens, der Bildung an den demokratischen Prinzipien Chancengleichheit und Antidiskriminierung orientiert.
Kulturelles Zentrum
Das Schulsystem ist horizontal unterteilt in die Elementary School mit angegliedertem Kindergarten bis zum sechsten Lebensjahr, die Junior Highschool (Sieben- bis Neunjährige) sowie die Senior Highschool (Zehn- bis Zwölfjährige). Mehr als 90 Prozent der Schüler gehen auf öffentliche Schulen (Public High Schools), der Rest besucht private High Schools oder lernt zu Hause (Home schooling).
Schulen bilden das kulturelle Zentrum des Stadtteils. Architektur und Ausstattung der Bildungseinrichtungen sind modern und verfügen über Schulbibliotheken mit Computer-Arbeitsplätzen, gute Sporteinrichtungen, viele Freiflächen sowie über einen beträchtlichen Etat für Lernmittel und Förderbedarf, den die Schulleitung verwaltet. Für Schulleitungen, die auch Lehrkräfte einstellen, besteht keine Unterrichtspflicht. Diese beteiligen sich aber oft am Team-teaching, um die Kinder besser kennen zu lernen. Ein kanadischer Schultag dauert von 8.30 bis 15.30 Uhr. Der Arbeitstag für Pädagoginnen und Pädagogen beginnt um 8.00 Uhr und endet in der Regel zwischen 16 und 17 Uhr, wenn nicht zusätzliche Konferenzen, Elterngespräche oder Feiern anstehen. Das Mittagessen nehmen Lehrer und Schüler gemeinsam in der Schule ein.
Mit einer früh einsetzenden systematischen Sprachförderung werden die Entwicklungschancen der Kinder vom Bildungsniveau der Herkunftsfamilie abgekoppelt. Über Sprachangebote für Erwachsene in den Bildungseinrichtungen versucht man, auch junge Einwanderereltern zu erreichen. Englisch- und anderssprachige Kinder lernen bereits im Kindergarten über ein Spezialprogramm („French Immersion“) die zweite Amtssprache Französisch. Mütter und Väter entscheiden, ob ihr Kind zwei- oder dreisprachig alphabetisiert oder Französisch als zweite bzw. dritte Fremdsprache in der Grundschule gelernt wird.
Schulpflicht besteht ab dem sechsten Lebensjahr. Jeder Schule ist ein kostenloser Kindergarten angegliedert, der für Kinder ab vier Jahren geöffnet ist. Bereits für die Jüngsten gibt es eine gezielte Förderung von Literacy. Deshalb können die Erstklässler in der Regel lesen und schreiben.
In der Gestaltung der Curricula haben die Bildungsministerien der 13 Provinzen eine gewisse Autonomie. Doch unabhängig, welche Partei jeweils regiert, wird überall an dem Prinzip der comprehensive education (Gesamtschule) festgehalten.
Jedes Kind etwas Besonderes
Diese konsequent integrative Beschulung vom Kindergarten
bis einschließlich Klasse 8 bzw. 9 (Ende der Junior High School) scheint das wesentliche Erfolgsgeheimnis des Landes zu sein: Jedes Kind gilt als etwas ganz Besonderes („exceptional“) und hat, wenn nötig, das Recht auf einen individuell maßgeschneiderten Bildungsplan („education plan“). Für besonders förderungsbedürftige Kinder (dazu werden Lernbehinderte wie Hochbegabte gezählt) bieten die Regelschulen spezielle Förderprogramme an. Besonders bildungswillige Eltern können zudem ihre Kin-
der in dafür zertifizierten Elementary School Schulen am Programm des „International Baccalaureat“ (www.ibo.org) teilnehmen lassen.
Respekt und Fairness
Das kanadische Schulsystem geht grundsätzlich vom Lernwillen und der Leistungsfähigkeit der Kinder aus: „We believe – kids achieve!“, lautet die Losung der Schulbehörde in Alberta.
Das Selbstbewusstsein der Kinder wird durch Wertschätzung, Lob und Ermutigung gestärkt. Jede Schule hat zudem einen eigenen Verhaltenskodex gemeinsam mit den Schülern entwickelt (code of conduct), auf dessen Einhaltung alle Beteiligten achten. Respekt und Fairness werden erwartet, aber auch gewürdigt, demokratische Prinzipien nicht nur gelernt, sondern auch praktiziert: Konsequent geht man in den Schulen gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierungen vor. „Critical thinking“ ist erwünscht, Fragen und Forschen (Inquiry and Research) sind fächerübergreifende didaktische Prinzipien des Fach- und Projektunterrichts. Die Rhythmisierung des Ganztagsbetriebs mit Arbeitsblöcken, Pausen und Bewegungsphasen lässt außerdem viel Zeit für informelle Kommunikation und selbstständiges Arbeiten. Modern ausgestattete Schulbibliotheken und Medienzentren stellen Arbeitsplätze für Lehrkräfte, Kinder und Eltern bereit. Mindestens bis zur 6. Klasse wird der Unterricht integrativ von einem Klassenlehrer in Kooperation mit Fachkräften für Musik, Sport, Information Technology (Computer) und Literacy (Bibliothek) sowie mit Pädagogen für besondere Förderprogramme erteilt. Differenzierte Curricula legen für jedes Fach, veranschaulicht an Unterrichtsbeispielen, expectations (Anforderungen) und achievement levels (Bildungsstandards) fest. Die Fachcurricula sind in allen Provinzen an den übergreifenden Bildungszielen Erwerb von Fachwissen (academics), Arbeitsorganisation, Zeiteinteilung, Gesundheitsbewusstheit (personal management) sowie dem fairen und kompetenten Wissensaustausch (communication) orientiert.
Einer schrittweise Verkleinerung der Klassengrößen (Zielzahl pro Lehrer 22 Schüler) wird angestrebt, um noch stärker individuelle Lernrhythmen berücksichtigen zu können. Für Kinder mit Lerndefiziten wird neuerdings jahrgangsübergreifendes Lernen in so genannten „combined classrooms“ angeboten.
Großes Engagement
Eine Erziehungshaltung, die konsequent von dem Lernwillen der Kinder ausgeht und ein Selbstbild der Bildungseinrichtungen, das diese als „lernende Unternehmen“ begreift, führen dazu, dass das Leistungsniveau der einzelnen Schule nicht in Konkurrenz zu anderen gebracht wird. Vielmehr wird bei Problemlagen, die durch das kontinuierliche Ranking zutage treten, gemeinsam über Hilfsangebote beraten.
Das, was den Lehrkräften an Engagement und Einsatzbereitschaft abverlangt wird, geht allerdings häufig an deren individuelle Leistungsgrenze. Ausgeglichen wird diese Belastung zumindest teilweise durch die außerordentliche Wertschätzung des Lehr- und Erzieherberufes sowie durch eine aktive Beteiligung der Pädagogen an der Schulentwicklung.
Ganztägige Betreuung kostet
Das Modell ganztägiger Betreuung in einem integrativen Schulsystem lässt sich das Land etwas kosten: Kanada investiert acht Prozent seines Bruttosozialprodukts (BSP) in Bildung. Doch die PISA-Erfolge Kanadas haben gezeigt: Diese Investitionen lohnen sich.
Petra Milhoffer,
Professorin für Erziehungswissenschaft, Uni Bremen,