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01.06.2007

Ohne Ausbildung 06/2007

Vollzeitschulische Ausbildung gleichwertige Alternative zum dualen System?

Nicht mehr dominant
Berufsbildung einmal anders: Statt im Betrieb lernen Jugendliche ihr Handwerkszeug für den späteren Beruf in der Schule. In Deutschland tut man sich mit dieser Form der Berufsausbildung allerdings schwer: Obwohl das 2005 novellierte Berufsbildungsgesetz (BBiG) die Möglichkeit einer so genannten vollzeitschulischen Ausbildung vorsieht, befinden sich aktuell kaum mehr als drei Prozent der Jugendlichen in solch einem Bildungsgang.
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Vollzeitschulische Ausbildung gleichwertige Alternative zum dualen System?

Das duale System der Berufsausbildung steckt in der Krise. Nicht einmal mehr die Hälfte (43 Prozent) der Jugendlichen absolviert derzeit noch eine Ausbildung in diesem zweigleisigen System aus praxisnaher Bildung im Betrieb und theoretischer Ausbildung in der Schule. Mitte der 90er-Jahre lag der Anteil noch bei 51 Prozent. Rund 40 Prozent der Schulabgänger finden sich mittlerweile im so genannten Übergangssystem wieder. Sie drehen im Berufsgrundbildungsjahr oder in berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre Warteschleifen in der Hoffnung, doch noch einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind aufgrund des knappen Angebots allerdings gering und so nimmt die Zahl der Altbewerber Jahr für Jahr zu: Kamen Ende der 1990er noch 62 Prozent der Lehrstellenbewerber direkt von einer allgemeinbildenden oder berufsbildenden Schule, sank deren Anteil bis 2005 auf 54 Prozent.

Betroffen sind vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss, aber immer häufiger auch besser qualifizierte Bewerber, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der BA feststellt. „Für leistungsschwächere Bewerber verstärken sich damit die Zugangsprobleme zu einer beruflichen Ausbildung”, folgert das Institut. Anders formuliert: Die bereits durch die ausgeprägte soziale Selektion des deutschen Schulsystems Benachteiligten sehen sich im dualen System der Berufsausbildung erneut einer strukturellen Diskriminierung gegenüber.

Das Paradepferd der beruflichen Bildung, das duale System, hat, wie der Essener Bildungsforscher Rolf Dobischat betont, „seine dominante Position eingebüßt“. Nötig seien deshalb „mehr staatliche Verantwortung für die Berufsausbildung“ sowie „mehr vollzeitschulische Angebote“. Auch die Leiterin des GEW-Organisationsbereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung, Stephanie Odenwald, fordert, das duale Ausbildungssystem um ein System aus überbetrieblichen Ausbildungsgängen und schulischen Angeboten, die mit einer Kammerprüfung abschließen, zu ergänzen. Entscheidend sei, dass die schulische Ausbildung gleichwertig gegenüber einem Abschluss im dualen System sei. Wenn die Wirtschaft ihrer Ausbildungsaufgabe nicht nachkomme, müsse notfalls der Staat ein Recht auf Ausbildung gewährleisten. Auch die Gewerkschaften müssten umdenken und sich nicht nur auf die Forderung nach einer Ausbildungsumlage für Betriebe beschränken, argumentiert Odenwald.

Ausgebremst

Es ist der Paragraf 43 des BBiG, auf den die Bildungsreformer ihre Hoffnung setzen. „Zur Abschlussprüfung ist ferner zuzulassen, wer in einer berufsbildenden Schule oder einer sonstigen Berufsbildungseinrichtung ausgebildet worden ist, wenn dieser Bildungsgang der Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf entspricht“, heißt es dort. Entsprechende Rechtsverordnungen könnten durch die Landesregierungen erlassen werden. Doch die tun sich damit schwer. „Die Entscheidungen über solche Rechtsverordnungen fallen in Abstimmung mit den Arbeitsverwaltungen“, erklärt Reinhard Schnadwinkel von der Schulaufsicht über die beruflichen Schulen des Landes Berlin. Im Klartext: Die Wirtschaftsministerien haben ein bedeutendes Wörtchen mitzureden. Bei der Kultusministerkonferenz (KMK) ist man darüber alles andere als erfreut, wie aus Kreisen der KMK zu erfahren ist. Die Landesministerien fühlten sich bei der Reform der Berufsbildung durch die Wirtschaftsministerien ausgebremst. Die Zeit läuft den Bildungsreformern davon. „Die Arbeitgeber blockieren in den Berufsbildungsausschüssen die Umsetzung des Paragrafen 43“, kritisiert GEW-Vorstandsmitglied Odenwald.

Damit könnten sie letztlich erfolgreich sein, denn 2011 läuft die Gültigkeit des Paragrafen 43 des BBiG aus.


Länder sind uneins

Bis Ende 2006 haben sich aber lediglich drei Länder zu Rechtsverordnungen zur Einführung schulischer Ausbildungsgänge durchringen können: Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Sechs Bundesländer haben klipp und klar erklärt, dass sie eine solche Regelung nicht wollen und lieber auf freiwillige Vereinbarungen zwischen den Schulverwaltungen und der Wirtschaft setzen (Brandenburg, Bremen, Hamburg, Berlin, Saarland, Thüringen). Hier setzt man auf freiwillige Vereinbarungen mit den Berufskammern. Der Rest der Länder ist noch uneins, denkt nach, plant, kann sich vorstellen, wie es aus KMK-Kreisen heißt.

Die Freiwilligkeit kann sogar einigermaßen funktionieren, wie das Beispiel Berlin zeigt. Die Hauptstadt ist so etwas wie ein Vorreiter bei der schulischen Berufsbildung. 2600 von knapp 20000 Jugendlichen, die 2005 eine Ausbildung begannen, taten dies an einer beruflichen Schule. Es sind vor allem Dienstleistungsberufe, die von den Jugendlichen angestrebt werden, und auch in Berlin dominieren die Bewerber ohne Schulabschluss diesen Bildungsgang. „Wir sind dennoch kein Notnagel für das duale System, sondern eine echte Alternative“, betont der Leiter des Oberstufenzentrums (OSZ) für Bürowirtschaft und Dienstleistungen in Berlin-Pankow, Stefan Marien. Gerade im Dienstleistungssektor lasse die Qualität der beruflichen Ausbildung in den vielen kleinen Betrieben sehr zu wünschen übrig, kritisiert er. Außerdem änderten sich die Anforderungen in diesen Berufen so schnell, dass die Ausbildungsordnungen damit kaum Schritt halten könnten.

Von einer besonderen Situation ist das Berufsbildungssystem im Osten Deutschlands geprägt. Hier trat nach Schließung vieler Unternehmen vielfach die überbetriebliche Ausbildung an Schulen an die Stelle der betrieblichen Lehre. Der Anteil von Jugendlichen in vollzeitschulischer Ausbildung ist im Osten mit durchschnittlich 4,5 Prozent im Vergleich zum Westen (knapp ein Prozent) deshalb auch größer. Allerdings befinden sich viele dieser Schulen in privater Hand, sind also kostenpflichtig. So waren 2006 allein in Sachsen 191 von 297 berufsbildenden Schulen – Berufsfachschulen, Fachoberschulen, berufliche Gymnasien und Fachschulen – in freier Trägerschaft. „Die Eltern kratzen oft ihre letzten Groschen zusammen, um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen“, beschreibt Stephanie Odenwald die Misere.

„Bildungs-Schisma“

Angesichts dieser Verhältnisse wundert es, dass die Politik weiter auf „Durchwursteln“ (Dobischat) setzt. Doch der gordische Knoten ist schwer zu lösen, sagt der Göttinger Soziologe Martin Baethge. Diese „dauerhaft wechselseitige Abschottung der Allgemein- und Berufsbildung” gebe es so nur in Deutschland, kritisiert Baethge, der von einem „Bildungs-Schisma” spricht, in dem einerseits eine bürgerliche Bildungsschicht am Gymnasiumsprivileg und andererseits die Sozialpartner am Modell der handwerklichen Lehre festhalten. Viel Hoffnung, dass sich das schnell ändern lässt, hat Baethge nicht. „Offensichtlich ist das deutsche Bildungs-Schisma so stark sowohl im deutschen Produktionsmodell als auch in der Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft verankert, dass alle Reformanstrengungen im 20. Jahrhundert es nicht zum Einsturz bringen konnten.“

Jürgen Amendt,
Redakteur „Neues Deutschland“


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Buchtipps

Lernen wozu?

Mit der gesellschaftlichen Perspektivlosigkeit junger Menschen, genauer gesagt der Hauptschüler, befasst sich das Buch „Kopfschüsse. Wer PISA nicht versteht, muss mit Rütli rechnen“ von Brigitte Pick, der ehemaligen Schulleiterin der Berliner Rütli-Schule. Pick reflektiert darin ihren Schulalltag, erzählt über die Situation der Jugendlichen, ihrer Eltern und Lehrer. Nicht zuletzt informiert sie über die Geschichte der ehemaligen Reformschule, die schließlich als Rütli-Schule für Medienwirbel sorgte.

1970 kam Brigitte Pick als junge Lehrerin an die Rütli-Schule, die schon damals kein Paradies war: Klassen mit über 30 Jungen und Mädchen, Disziplinschwierigkeiten, dennoch war die Lage eine andere als heute. Pick erzählt in ihrem Buch, dass sie zu einigen ehemaligen Schülern noch Kontakt halte. Sie erinnert sich, dass der eine Maler, der andere Fleischer, ein weiterer Kfz-Mechaniker geworden ist. Die Mädchen hätten Bürokauffrau, Friseuse, Verkäuferin oder Krankenschwester gelernt. Die Berufsaussichten für Hauptschüler auch ohne Abschluss waren nicht hoffnungslos. Ein schulmüder Schüler, der die damals junge Lehrerin mit Rauchen im Unterricht provozierte, ging nach der achten Klasse ab und bekam immerhin eine Lehrstelle als Maler, berichtet sie und stellt fest: „Heute würde er als benachteiligt, als nicht ausbildungsreif gelten und sich in einer der endlosen Warteschleifen des Übergangssystems wiederfinden.“ Pick führt aus, wie ab Mitte der 70er-Jahre die Chancen der Hauptschüler, eine Lehrstelle zu erhalten, sich zunehmend verschlechterten. Die Folgen für die Lehrerschaft beschreibt sie so: „Damit schwand der Elan vieler Lehrer. Die Lehrer wurden leerer.“ Mit ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen geht Pick recht hart ins Gericht: Für die gehe es in der Hauptschule vor allem ums Überleben, für die Schüler verliere die Schule ihren Sinn. „In der Konkurrenz um die wenigen Arbeits- und Ausbildungsplätze unterliegen die Hauptschüler.“ Auf derartige Kämpfe seien sie nicht vorbereitet. Die Lehrer gerieten dadurch, glaubt Pick, in eine schwerwiegende Legitimationskrise und fühlten sich damit allein gelassen. Letztendlich verharrten sie im alten Trott, weil eine grundlegende Reform der Schule bildungspolitisch nicht gewollt wird: „Tatsächlich scheint es nicht zu stören, dass ein aufwändiges System allgemeiner Bildung zunehmend Analphabeten und sekundäre Analphabeten produziert.“ Eine bittere Bilanz.

Brigitte Pick: Kopfschüsse. Wer PISA nicht versteht, muss mit Rütli rechnen, VSA-Verlag Hamburg 2007, 184 Seiten, 14,80 Euro

Stephanie Odenwald, Leiterin des
Organisationsbereichs Berufliche Bildung/Weiterbildung.


„Generation abgeschoben“

Der Übergang von der schulischen zur beruflichen Ausbildung ist für viele Jugendliche ein Hindernislauf. Das GEW-Handbuch „Generation abgeschoben – Warteschleifen und Endlosschleifen zwischen Bildung und Beschäftigung. Daten und Argumente zum Übergangssystem“ thematisiert die Situation der Jugendlichen, die sich als Berufsanfänger mit „Warteschleifen“ im Übergangssystem arrangieren müssen.

Mit dem Handbuch trägt die GEW den aktuellen Wissensstand zur Situation der Jugendlichen beim Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf zusammen und verdeutlicht die Missstände in diesem Bereich. Im Zentrum steht die Frage: Was wird aus den jungen Leuten, wenn sie die allgemein bildenden Schulen verlassen, sich mehrfach bewerben und dennoch leer ausgehen?

Stephanie Odenwald, Ulrich Thöne (Hrsg.), Harry Neß: Generation abgeschoben – Warteschleifen und Endlosschleifen zwischen Bildung und Beschäftigung. Daten und Argumente zum Übergangssystem, W. Bertelsmann Verlag 2007, 172 Seiten, 14,90 Euro. Bestellungen an: GEW-Shop Call a Gift Service, Hegweg 6, 63225 Langen, Tel. 0 61 03/3 03 32-0, Fax 3 03 32-20, E-Mail: E-Mail-Adresse, Einzelpreis 6,50 Euro zuzüglich 6,96 Euro Verpackungs- und Versandkosten.


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E&W-Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der BA Frank-Jürgen Weise

„Wir erreichen nicht alleJugendlichen “

E&W: Herr Weise, zurzeit haben wir einen Konjunkturaufschwung, einen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Erwarten Sie, dass sich damit endlich auch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt verbessert?

Frank-Jürgen Weise: Wenn ich mir die Statistik genauer betrachte und erkenne, wer tatsächlich ohne Lehrstelle geblieben ist, dann hat sich die Lage noch nicht entspannt. Trotz der guten Konjunktur haben sich die Bedingungen zum Beispiel für junge Menschen aus Einwandererfamilien nicht wesentlich verbessert.

E&W: Woran liegt das?

Weise: Zunächst auch daran, dass es bei manchem jungen Menschen, aber auch in manchen Familien an Einsicht mangelt, dass eine solide Grundausbildung in der Schule notwendig ist, um Zukunftschancen in der Gesellschaft zu haben. Andererseits: Bei Jugendlichen aus Einwandererfamilien haben sich in den vergangenen Jahren Bildungs- und Ausbildungssituation verschlechtert und Politik und Gesellschaft haben nicht rechtzeitig eingegriffen.

E&W: Wir haben zurzeit eine hohe Jugendarbeitslosigkeit – über 400 000 Jugendliche. Und wir haben eine große Gruppe junger Leute, die 2006/07 keine Lehrstelle ergattern konnten. Was macht die BA für die Unversorgten?

Weise: Wir bemühen uns intensiv darum, zusätzliche Ausbildungsstellen zu gewinnen. Aber es besteht immer noch ein Missverhältnis: Es gibt zwar zwei Millionen Betriebe, die ausbilden könnten, aber lediglich 500 000 tun dies auch. Da ist noch ein hohes Potenzial vorhanden, das wir ausschöpfen können. Gelingt das nicht, so wendet die BA im Auftrag der Beitragszahler viel Geld dafür auf, zum Beispiel außerbetriebliche Ausbildungsplätze bereitzustellen.

E&W: Der DGB fordert 50.000 zusätzliche Ausbildungsplätze von der BA.

Weise: Es wird immer von 50 000 unversorgten Jugendlichen in der Öffentlichkeit gesprochen. Fakt ist, dass wir praktisch jedem Bewerber ein Angebot unterbreiten könnten. Das Problem ist aber, dass in vielen Fällen die Qualifikation für die ausgeschriebenen Lehrstellen nicht ausreicht. Außerdem erreichen wir offensichtlich nicht alle Jugendlichen mit unseren Angeboten.

E&W: Das erstaunt. Immerhin suchen aktuell noch 50 Prozent der Jugendlichen eine Lehrstelle, viele haben sich sehr oft erfolglos beworben. Und die sollten alle nicht ansprechbar sein?

Weise: Das ist zu diesem Zeitpunkt völlig normal. Die meisten Ausbildungsverträge werden erst im Sommer geschlossen. Ich gehe davon aus, dass sich die Lehrstellenlücke im Jahr 2007 wirklich verringern lässt. Aber wir werden weiterhin unversorgte junge Menschen haben – das ist unser Problem. Für diese jungen Menschen brauchen wir eine intensivere Beratung und eine bessere Hinführung zu den Qualifizierungsangeboten der BA.


E&W: Sie behaupten, die aktuelle Lehrstellenkatastrophe ist nicht durch zusätzliche finanzielle Mittel zu beheben. Trotzdem: Der Haushalt der BA wies 2006 einen Überschuss von zwölf Milliarden Euro aus, bei den Jugendlichenmaßnahmen sind im vergangenen Jahr 1,5 Milliarden eingespart worden, einschließlich der Ausgaben für die Behinderten. Im Haushaltsjahr 2007 ist wiederum ein Überschuss zu erwarten. Fließt alles an die Beitragszahler zurück oder ist die BA bereit, zumindest einen Teil in zusätzliche Ausbildungsplätze zu investieren?

Weise: Bei der BA haben wir kein geschäftspolitisches Ziel „Geld einsparen“. Das heißt, die Kritik, wir gäben nicht genug Geld für Ausbildung aus, akzeptiere ich nicht. Wir müssen allerdings mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wirksam und gleichzeitig effizienter sein. Ich betone noch einmal, wir geben für die Ausbildung von Jugendlichen ausreichend Geld aus. Im administrativen Ablauf, möglicherweise bei den Ausschreibungsverfahren und der Vergabepraxis, gibt es offensichtlich Probleme. Wir haben z. B. in Hessen eine Maßnahme zur Qualifizierung von zwölf Jugendlichen ausgeschrieben und kein Träger war wirtschaftlich in der Lage, uns ein entsprechendes Angebot zu offerieren.

E&W: Die BA hat für 2007 ein 220-Millionen-Sonderprogramm für Jugendliche aufgelegt. Diese Mittel werden – Sie erwähnten es bereits – nicht alle in Anspruch genommen. Wo sind die Hindernisse?

Weise: Bevor beispielsweise jemand eine außerbetriebliche Ausbildung beginnt, soll er, so hat es der Gesetzgeber vorgesehen, ein halbes Jahr eine berufsvorbereitende Maßnahme absolvieren. Doch diese Regelung stellt zugleich eine beträchtliche Hürde dar. Junge Menschen, die in der Schule erfolglos waren, lassen wir wiederum die Schulbank drücken, um sie dann erst in Ausbildung zu bringen. Für dieses Jahr gibt es aber eine Sonderregelung, dass eine vorhergehende Maßnahme nicht mehr erforderlich ist.

E&W: Das 220-Millionen-Sonderprogramm ist doch vor allem ein Sonderprogramm für die Arbeitgeber, die sich so ihren Fachkräftebedarf subventionieren lassen.

Weise: Die Gefahr besteht. Aber man darf nicht vergessen, dass sich viele Betriebe verpflichtet sehen, jungen Menschen ein Lehrstellenangebot zu machen. Trotzdem, es gibt Firmen, die ausbilden könnten, es aber nicht tun. Vielleicht keimt bei manchem Unternehmen auch der Gedanke, dem Staat mehr an Ausbildungsverantwortung zu übertragen. Ärgerlich wäre es allerdings, wenn sich Betriebe ihren Fachkräftemangel indirekt durch die BA finanzieren ließen, indem sie Facharbeiter einstellen, die zuvor eine von der BA finanzierte außerbetriebliche Ausbildung durchlaufen haben.

E&W: Das Sonderprogramm richtet sich vor allem an Hauptschüler aus bildungsfernen Milieus. Sie geben aber zu, viele von ihnen nicht zu erreichen. Wie wollen Sie das ändern?

Weise: Wir haben zum Beispiel Projekte an Schulen gestartet, um frühzeitig mit Lehrkräften zu kooperieren. Damit wir rechtzeitiger erkennen, worin die Handicaps der Jugendlichen bestehen, die sie daran hindern, in Ausbildung und Beruf zu kommen. Das hilft uns im Moment freilich nicht, die angebotenen Stellen im Sonderprogramm zu füllen.


E&W: Sie setzen auf eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Trägern?

Weise: Eindeutig ja. Wie wir das in der Praxis am besten organisieren und realisieren, ist noch im Einzelnen zu prüfen. Berufsorientierung und -beratung sind dabei ein wichtiger Zugang.

E&W: Das bedeutet, dass die Beratungsarbeit intensiviert und nicht zurückgefahren wird. Die GEW hat aber die große Sorge, dass sich die BA hier zurückzieht.

Weise: Da kann ich Sie beruhigen. Erstens gibt es dafür kein Mandat des Verwaltungsrates. Zweitens haben wir unsere Berufsberatung nicht deshalb reformiert, um sie anschließend zu verringern. Vielmehr sehen wir es als Aufgabe an, unsere Beratungsleistung qualitativ zu steigern, Kapazitäten auszubauen, stärker präventiv zu arbeiten, um so auch den Facharbeitermangel besser auffangen zu können.
E&W: Stichwort Fachkräftemangel: Die Wirtschaft sägt sich den eigenen Ast ab, wenn sie nicht mehr ausbildet.
Weise: Erste unternehmerische Verantwortung ist es zweifellos, dafür zu sorgen, gut qualifizierten Nachwuchs auszubilden. Sonst ebbt auch eine gute Konjunkturwelle bald wieder ab. In der Summe ist es aber der Mittelstand, der mehr Lehrstellen als die großen Unternehmen anbietet – an ihn wenden wir uns verstärkt.

E&W: Stichwort Altfälle. Es gibt eine wachsende Zahl von Altbewerbern. Diese übertrifft bei Weitem die Zahl der Erstbewerber. Was sagen Sie denn einem 23-Jährigen, der vor Ihrer Tür steht, Ihre Maßnahmen erfolglos durchlaufen hat und immer noch nicht auf den ersten Arbeitsmarkt gelangt ist?

Weise: Wenn er bereits in diesem Alter ist, ist er tatsächlich ein schwieriger Fall. Vermutlich fehlen ihm mancherlei Voraussetzungen im Schreiben und Rechnen, vielleicht mangelt es ihm auch an Schlüsselkompetenzen. Trotz dieser Probleme sollten wir ihm aber ein auf ihn zugeschnittenes Qualifizierungsangebot machen und darauf hoffen, ihm so noch die Tür zum Arbeitsmarkt zu öffnen.

E&W: Zunächst gehen ja bereits viele junge Leute im Schulsystem verloren, als Schulabbrecher, ohne Hauptschulabschluss. In der Berufsausbildung erfahren die Verlierer des Bildungssystems dann erneut Ausgrenzung. Bleibt nur die Perspektive Hartz IV?

Weise: Auf keinen Fall dürfen wir uns mental darauf einstellen, dass Hartz IV für junge Menschen eine Perspektive sein könnte. Das Alter, in dem jemand noch ohne Ausbildung ist, ist höchstens eine Indikation für spätere Arbeitslosigkeit. Und ich interpretiere Ihre Frage so, dass dieser junge Mensch schon viele Misserfolge eingesammelt hat. Trotzdem, ihn aufgeben auf keinen Fall! Ich komme noch einmal zu Ihrer Ausgangsfrage zurück: Rein rechnerisch könnten wir jedem jungen Menschen, der eine Lehrstelle sucht, auch einen Ausbildungsplatz oder ein anderes Angebot unterbreiten. Und ich würde von den Beratern der Agentur, aber auch von den Trägern, die wir finanzieren, erwarten, dass sie jeden einzelnen Fall genauestens prüfen und versuchen, möglichst eine individuell passende Maßnahme anzubieten.

E&W: Die Situation ist doch, dass der 23-Jährige im Übergangssystem noch eine weitere, vielleicht letzte Warteschleife dreht, und am Ende bleibt er draußen vor der Tür.

Weise: Prinzipiell bleibe ich dabei, dass unser Ziel sein muss, junge Menschen sofort in betriebliche oder vollzeitschulische qualifizierte Ausbildung zu bringen. Ich gebe Ihnen Recht, das Übergangssystem ist ein schlechter Kompromiss, wenn es nicht sofort greift und Jugendliche, wie Sie es nennen, in so genannte „Warteschleifen“ geraten. Bessere Alternativen sind Einstiegsqualifizierungen in die betriebliche Ausbildung. Damit versucht die BA, den Übergang betriebsnäher zu organisieren. Mit einem solchen Angebot hätte der 23-Jährige die Möglichkeit, den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt bereits mit 19 oder 20 zu packen. Schafft er das nicht, ist es weiterhin unsere Aufgabe, ihn schließlich in einer überbetrieblichen Qualifizierung unterzubringen.

E&W: Das zeugt doch von einem ökonomischen Wahnsinn: Das Übergangssystem ist ein aufgeblähtes, in dem jede Menge Geld steckt. Gleichzeitig demotiviert es mit seiner Perspektivlosigkeit, weil es für junge Menschen einen Verlust an Lebenszeit bedeutet.

Weise: Ich widerspreche Ihnen im Prinzip nicht. Doch dieses System politisch zu bewerten, steht der Bundesagentur nicht an. Wir müssen aber das Problem in zwei, drei Jahren in den Griff bekommen, dass wir viele offene Ausbildungsstellen haben, gleichzeitig aber viele unversorgte Bewerber. Man wird deshalb entscheiden müssen, ob die BA pragmatische Lösungen wie das Übergangssystem weiterführen soll oder ob das ganze System zu hinterfragen ist. Das ist aber keine Debatte der BA, sondern eine der Politik.

Interview: Stephanie Odenwald,
Leiterin des Organisationsbereichs
Berufliche Bildung/Weiterbildung,
Helga Haas-Rietschel, E&W-Redakteurin


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Was wollen DGB und GEW mit ihrer Kampagne „Ausbildung für alle“?

Langer Atem erforderlich

Die gemeinsame Kampagne „Ausbildung für alle“ von DGB und GEW will dem „Ausbildungsmangel ein Gesicht geben“, über die reale Lehrstellennot informieren und Druck auf Politik und Wirtschaft für zusätzliche Ausbildungsplätze machen. Denn die Ausbildungskatastrophe wird systematisch beschönigt.

Eine Ausbildungsgarantie sollte jeder Jugendliche vom Staat erhalten, statt als „nicht ausbildungsreif“ von den Arbeitgebern stigmatisiert zu werden. Gleichzeitig muss das duale System ergänzt werden. Deshalb wenden sich die Gewerkschaften mit folgenden Forderungen an den Gesetzgeber, die Bundesregierung, die Länderparlamente und die Bundesagentur für Arbeit (BA):


  • Das Grundrecht auf Ausbildung (gefordert vom DGB-Kongress 2006) muss vom Gesetzgeber verwirklicht werden.

  • Statt Warteschleifen müssen ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt werden. Dies erfordert, dass der Rückgang der Lehrstellen im dualen System durch Ausbildung an anderen Orten ergänzt wird.

  • Die vollqualifizierende Ausbildung mit Kammerprüfung in Beruflichen Schulen – durch das novellierte Berufsbildungsgesetz in Paragraf 43,2 geregelt – muss endlich erheblich ausgeweitet werden, um ein zukunftsfähiges Ausbildungssystem zu schaffen.

  • Eine Ausbildungsfinanzierung, an der alle Betriebe beteiligt sind (Umlage), steht nach wie vor aus. Der Ausbildungspakt ist kein Ersatz.

  • Sonderprogramme zur Schaffung von Ausbildungsplätzen sind zwar keine nachhaltige Lösung, können aber kurzfristig die Ausbildungsnot lindern. Die GEW unterstützt die DGB-Forderung, dass die BA 50 000 zusätzliche außerbetriebliche Plätze finanzieren soll. Gesetzliche Hürden müssen beseitigt werden (siehe E&W-Interview mit BA-Präsident Frank-Jürgen Weise, Seite 10).

  • Eine intensivere Berufsorientierung und -beratung in Kooperation von Schule und Betrieben mit der Bundesagentur darf nicht bloße Ankündigung bleiben. Bund und Länder müssen bereit sein, dafür auch Geld auszugeben.

  • In Kooperation von Schule und Jugendarbeit sind benachteiligte Jugendliche besser zu fördern, so dass sie den Übergang von der Schule in den Beruf bewältigen können. Während der Ausbildung sollten sie sozialpädagogische Unterstützung erhalten. Berufsvorbereitende Bildungsgänge sind für eine spätere Ausbildung anzurechnen („Ausbildung aus einem Guss“).

  • Allen jungen Menschen ohne Schulabschluss und Ausbildung ist eine zweite Chance zu bieten, fehlende Qualifikationen nachzuholen.

Wie geht es weiter?

Anhörungen in Parlamenten, Gespräche und Verhandlungen mit zuständigen Politikern und Ministerien über die Ausweitung der Ausbildungsmöglichkeiten haben zum Teil bereits stattgefunden, wenn nicht, werden sie die Gewerkschaften in Gang bringen. Auch im Verwaltungsrat der BA steht das Thema Ausbildungsplätze weiter auf der Agenda. Diese Aktivitäten dürfen jedoch nicht auf 2007 beschränkt bleiben. Nur mit langem Atem werden wir uns dem Ziel „Ausbildung für alle“ nähern. Als nächstes Projekt unterstützen GEW und DGB die Petition mehrerer Schülervertretungen, Unterschriften für das Grundrecht auf Ausbildung zu sammeln (siehe Seiten 14/15). Der GEW-Hauptvorstand bittet alle Landesverbände um Unterstützung.

Stephanie Odenwald,
Leiterin des Organisationsbereichs
Berufliche Bildung und Weiterbildung


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GEW und DGB: „Grundrecht auf Ausbildung“

„Die Idee vorantreiben“

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

für einen Teil der Jugendlichen gibt es seit mehr als einer Dekade keine Hoffnung und keine Chance, in dieser Gesellschaft Fuß zu fassen. Seit über zehn Jahren wird hunderttausenden jungen Menschen eine qualifizierte Berufsausbildung schlichtweg verweigert. Vorhersehbar beginnen jetzt die Klagen über einen drohenden Facharbeitermangel in der Zukunft. Ein absurdes und zynisches Spiel auf dem Rücken der Schwächsten unserer Gesellschaft.

Die Gewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) – und ganz vorne mit dabei die GEW – haben dieser unerträglichen Situation den Kampf angesagt. Das ist gut so. Wir wollen und werden keine Ruhe geben. Das verstehen wir unter Solidarität – Solidarität mit denjenigen, die unserer Hilfe wirklich bedürfen!

Auf Antrag der GEW und des DGB Hessen-Thüringen hat sich der DGB-Bundeskongress im Mai 2006 die Forderung nach einem „Grundrecht auf Ausbildung“ zu eigen gemacht (s. E&W 6/2006, Seite 38). Wir brauchen endlich eine Umkehr der Verantwortlichkeit. Es ist Aufgabe und Sache der Parlamente, durch das Setzen entsprechender Rahmenbedingungen dafür zu sorgen, dass jeder junge Mensch einen qualifizierten Ausbildungsplatz erhalten kann. Sicher liegt es dann in der Verantwortung der Jugendlichen, diese auch wahrzunehmen. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, sich um die vorhandenen Ausbildungsplätze zu balgen und sich gegenseitig mit dem Ellenbogen beiseite zu schieben. Diesem unwürdigen Treiben setzen wir den nachdrücklichen Appell an die Gesellschaft entgegen, die Jugend dafür zu gewinnen, mit ihrer Tatkraft, ihren Energien, ihrer Kreativität die Welt solidarisch und friedlich weiterentwickeln zu wollen. Dazu brauchen sie qualifizierte Ausbildungsstellen – und zwar alle!
Für das Grundrecht auf Ausbildung, starten die Landesschülervertretungen Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Hamburg mit Unterstützung des DGB und der GEW im Juni eine bundesweite Unterschriftenaktion. Mit der Petition an den Bundestag soll sichergestellt werden, dass diese Gesellschaft die Folgen fehlender politischer Bereitschaft nicht einfach weiterdelegieren kann. Die Parlamente dürfen sich nicht drücken. Im Unterschied zu den Jugendlichen haben sie die Macht und die Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen für einen Rechtsanspruch auf Ausbildung zu schaffen.
Ich bitte euch alle darum, diese Petition aktiv zu unterstützen.

Ulrich Thöne, GEW-Vorsitzender


Wirtschaft in der Pflicht

Berufs- und Lebenschancen hängen heute immer stärker von Bildung und Ausbildung ab. Das wissen auch die Schülerinnen und Schüler. Über Jahre hat die Wirtschaft viel zu wenig ausgebildet und damit Jugendlichen Ausbildungs- und Lebenschancen verwehrt. Heute klagt sie laut über den Mangel an Fachkräften.

Die Bundesrepublik Deutschland hat den UN-Sozialpakt von 1966 ratifiziert und damit das Recht auf Bildung, das das Recht auf Ausbildung einschließt, anerkannt. Der DGB fordert deshalb ein Grundrecht auf Ausbildung. Gleichzeitig muss aber im Sinne dieses Grundrechts schon jetzt allen jungen Menschen eine qualifizierende Ausbildung ermöglicht werden.
Der DGB sieht die Wirtschaft in der Pflicht, ein der Nachfrage entsprechendes Angebot guter Ausbildung bereit zu stellen. Eine Ausbildungsplatzumlage würde neue Anreize setzen, um Lehrstellen zu schaffen und zu Fairness zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben beitragen.

Ingrid Sehrbrock,
stellvertretende DGB-Vorsitzende


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„Ausbildung für alle“: GEW und DGB bundesweit aktiv

Klinkenputzen reicht nicht

Quer durch die Republik haben im April und Mai Veranstaltungen der gemeinsamen Kampagne von GEW und DGB „Ausbildung für alle“ stattgefunden. Ein Erfolg: Die Botschaft ist angekommen, dass es um die Zukunft der Jugendlichen geht, um einen besseren Übergang in Ausbildung und Beruf. Tausende von Schülern haben sich mit ihren Lehrkräften an „Wandertagen“ beteiligt, sich zu öffentlichen Kundgebungen in Nordrhein-Westfalen (NRW), Berlin, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Niedersachsen und in mehreren hessischen Städten versammelt. Impressionen aus den Ländern.

Nordrhein-Westfalen

In Düsseldorf folgen 1200 Schüler einem gemeinsamen Aufruf von GEW und DGB, der das Recht auf Ausbildung in den Vordergrund gestellt hat. Im Apollo-Theater finden rund 500 Jugendliche Platz, für die anderen ist eine Open-Air-Bühne vorbereitet. Bei der Begrüßung durch Antonia Kuhn (DGB-Jugend NRW) und Norbert Müller (GEW) ist auf der Bühne drinnen und draußen die vergebliche Suche nach einem Ausbildungsplatz Hauptthema: Auf zwei Bewerber kommt in NRW nur ein Ausbildungsplatz. Die Jugendlichen reden über ihre zu oft erfolglosen Bemühungen, sich zu bewerben, auch darüber, was sie von der Politik erwarten. Im Gespräch mit Familienminister Armin Laschet (CDU) konfrontieren sie den Politiker mit Zahlen: Für 110 000 Bewerber stehen nur 66 000 Ausbildungsplätze zur Verfügung. „Eine Katastrophe in einer noch nie da gewesenen Größe“, betont Norbert Müller. Reaktion des Ministers: „Jetzt müssen bei den Unternehmen wieder die Klinken für mehr Ausbildungsplätze geputzt werden.“ Der DGB-Chef von NRW, Guntram Schneider betont dagegen, dass Klinken putzen für mehr Lehrstellen im dualen System bereits seit über 20 Jahren praktiziert worden ist – aber ohne sichtbaren Erfolg.

Berlin

Berlin-Alexanderplatz, 3000 Jugendliche versammeln sich Ende April vor dem Roten Rathaus. Zwischen Neptunbrunnen und der großen Bühne werden die Berufswünsche der Schüler auf Stoffvierecke geschrieben und phantasievoll präsentiert, aufgehängt hoch oben an Seilen, die ein großes „A“ bilden. Ausbildung als Koch, Mediendesignerin, Mechatroniker, Einzelhandelskauffrau, Tischler, Gärtner und vieles mehr – nur ein Traum? „Trotz Bildung können wir unsere Träume nicht erfüllen“, beschwert sich die Schülerin Sandy Blaszczyk. Sandy, Johannes und Robert, Jugendliche aus Abschlussklassen der Hauptschule Werner Stephan Oberschule berichten von ihren Bewerbungen. Sandy erhoffte sich nach einem Praktikum im Kaufhaus eine Lehrstelle. 20 Bewerbungen hat sie geschrieben, 20 Ablehnungen zurück erhalten. Ebenso erging es Robert, der als Computer-Profi einen IT-Beruf erlernen möchte. Als einziger rechnet sich Johannes eine Chance aus, als Mechatroniker einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Die drei stellen ein repräsentatives Bild der Berliner Verhältnisse dar: Mehr als die Hälfte der Bewerber, fast 60 Prozent, bleiben beim dualen System außen vor.

Lautstarke Zustimmung bei den Jugendlichen, als die Berliner GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke die Perspektivlosigkeit im Übergangssystem bemängelt: „Eure Lebenszeit sollte nicht in Warteschleifen vertan werden.“


Rheinland-Pfalz

Am Schillerplatz in Mainz mit seinem schönen Fastnachtsbrunnen kommen Ende April rund 800 Schülerinnen und Schüler zur GEW-Veranstaltung, die meisten aus Fachschul- und Berufsvorbereitungsklassen.
Der Rap der Gruppe „Kopfhörer“ heizt die Stimmung unter den jungen Zuhörern an.

Auch der GEW-Vorsitzende von Rheinland-Pfalz, Tilman Boehlkau, verweist auf den eklatanten Mangel an Ausbildungsplätzen und berichtet von den vielen vergeblichen Bewerbungen der Lehrstellensuchenden. Boehlkau macht mit den jungen Leuten eine Straßenzeitung mit ihren Ausbildungswünschen. Anschließend wird diese im Landtag übergeben.

Hamburg

„Ich möchte Einzelhandelskauffrau werden und habe mich schon viele Male beworben.“ So und ähnlich lauten die Briefe, die einige hundert Schüler aus Abschlussklassen und berufsbildenden Maßnahmen Ende April aus Anlass der GEW-Kampagne auf den Hamburger Rathausmarkt mitbringen. Sie sind gekommen, um sich über die Ausbildungsplatzsituation in der Hansestadt zu informieren, aber vor allem, um kund zu tun, dass sie alle erhebliche Probleme bei der Lehrstellensuche haben.

In Hamburg fehlen derzeit rund 16 000 Ausbildungsplätze. Die Situation spitzt sich zu, da die Schlange der Wartenden aufgrund steigender Schülerzahlen aus Abschlussklassen ständig länger wird. Die Schulabgänger in Übergangsmaßnahmen „zu parken“, die zu keinem anerkannten Berufsabschluss führen, zeigt, dass Politik nicht bereit ist, für die junge Generation Verantwortung zu übernehmen.

Aufgezeichnet und zusammengestellt
von Stephanie Odenwald, Leiterin des
Organisationsbereichs Berufliche Bildung/ Weiterbildung, und Sigrid Strauß,
GEW Hamburgn


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Kritische Anmerkungen zum Begriff „Marktbenachteiligte“

Beschädigte Identität

Marktbenachteiligte: Ein genauso schillernder wie zu hinterfragender Begriff. Mit ihm werden Jugendliche bedacht, die der (Ausbildungs-)Markt und seine Angebote benachteiligt, weil sie dessen Anforderungen scheinbar nicht erfüllen. Zumeist sind es junge Leute aus bildungsfernen Milieus, darunter viele aus Einwandererfamilien.

Dem ersten Eindruck nach herrscht ein Bild vom Markt vor, auf dem scheinbar mechanistisch die Gesetze des wirtschaftlichen Handelns – staatlich und kooperatistisch abgesichert – das soziale und kulturelle Handeln von Interessengruppen und Individuen bestimmen. Die Höhe des Einkommens, der gesellschaftliche Status, die Position in der betrieblichen Hierarchie von Arbeitnehmern sowie die sich daraus ergebende gesellschaftliche Teilhabe spiegeln dies wider und machen sich am unterschiedlichen Konsum-, Sozial- und Bildungsverhalten fest. Auftretende individuelle, regionale, konjunkturelle oder auch strukturelle Disparitäten werden meist sozial abgefedert mit oft zeitlich befristeten staatlichen Interventionen und Alimentationen. Diese führen allerdings immer häufiger zu dauerhaften Belastungen der öffentlichen Haushalte und der Sozialversicherungen. So werfen sie immer größere Schatten auf das System der sozialen Marktwirtschaft, in dem vor allem eine steigende Anzahl junger Menschen ins Dunkel des sozialen Abseits gerät.

Denkrichtung führt nicht weiter

Der seit den 1980ern an Bedeutung gewinnende Begriff der so genannten „Marktbenachteiligten“ beschreibt zumeist Jugendliche und junge Erwachsene, die aufgrund eines nicht ausreichend vorhandenen Angebots in einer Region oder einer Branche keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz erhalten. Zugleich nimmt eine solche Zuschreibung von den Betroffenen scheinbar den Druck weg, nicht kompetent zu sein und versagt zu haben. Andererseits wird mit dieser Gruppenzuordnung der Eindruck erweckt, als könne das Wirtschaftssystem, der „Markt“, die Balance von Angebot und Nachfrage schließlich selbst regulieren. Es bedürfe nur eines entsprechenden Wirtschaftswachstums, um allen erwerbsfähigen jungen Menschen den Zugang zur Lehrstelle oder einem Arbeitsverhältnis zu garantieren. Beide Denkrichtungen führen aber nicht weiter, sondern eher in die Irre, da Marktbenachteiligte meist mehrfach im Bildungs- und Ausbildungssystem ausgegrenzt werden. Zu dieser Gruppe zählen vor allem Frauen, Migranten, Jugendliche in schwierigen Lebenslagen, Schul- und Ausbildungsabbrecher, Hauptschüler ohne Abschluss und Schüler aus dem Übergangssystem. Alle kommen aus einem Bildungssystem mit verschärften Ausleseprozessen, das in seiner gesellschaftlichen Organisation mehrheitlich von homogenen Lern- und Leistungsgruppen ausgeht. Sie müssen sich dann in einem Ausbildungssystem bewähren, das in der Regel traditionell einzelbetrieblich finanziert wird und an der männlichen Normalbiografie orientiert ist. Als Perspektive bleibt ihnen sehr oft nur ein prekäres Arbeitsverhältnis. Denn die ganze Wucht des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungs-, Informations- und Wissensgesellschaft, deren Leistungsanforderungen und Erwartungen an Kommunikations-, Reflexions- und Selbstorganisationsfähigkeit sie nicht gewachsen sind, trifft sie. Weder das Bildungssystem noch die nach der Schule durchlaufenen Berufsvorbereitungsmaßnahmen haben sie vorbereitet. In der schwierigen Lebensphase der Adoleszenz werden sie damit konfrontiert, dass ihnen der Zugang zum Anschluss an die entsprechende Alterskohorte verwehrt wird. Für sie ist kein Schul-, Berufs- oder Hochschulabschluss möglich. Die Folge: Ihre Identität nimmt Schaden. Resignation und Ängste können entstehen. Die jungen Menschen können nur eingeschränkt an Kultur- und Freizeitangeboten teilhaben. Gründe sind das niedrige Bildungsniveau und die geringeren finanziellen Möglichkeiten. Das kann zur inneren und äußeren Isolation führen. In beiden Fällen erhöht sich das gesellschaftliche Risiko, dass sich der so ausgegrenzte Jugendliche in seiner seelischen Not mit Verhaltensauffälligkeiten wehrt, die weitere Benachteiligungen verfestigen.

Harry Neß,
Wissenschaftler am Deutschen Institut
für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main


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Pro & Kontra

Ausbildungsbausteine – bessere Chancen für Jugendliche?

Wie können die Chancen von Jugendlichen verbessert werden, den Berufseinstieg zu schaffen? Die einen sehen in der Modulausbildung eine Möglichkeit, mehr junge Leute zu einem qualifizierten Berufsabschluss zu bringen. Andere hingegen sehen in dem Ausbildungsbaustein-Konzept* eher einen Systemwechsel. Einen Weg, der zu einem krassen Taylorismus zurückführt und auf diesem das Berufsprinzip abschaffen will.

Ein Pro und Kontra von
Prof. Dieter Euler und
Klaus Heimann, IG Metall.


Neue Ideen sind überfällig

Trotz zahlreicher Programme ist in den vergangenen Jahren das Übergangssystem zwischen allgemein bildenden Schulen und Berufsausbildung drastisch angewachsen. Derzeit werden hier mehr als 500 000 Jugendliche mit einem milliardenschweren öffentlichen Finanzaufwand in einem Dickicht an Maßnahmen untergebracht, die zumeist keinen Anschluss an eine Berufsausbildung in anerkannten Ausbildungsberufen besitzen. Ausbildungsbausteine sind daher ein Weg, Berufsausbildungsvorbereitung (BAV) und Berufsausbildung miteinander zu verbinden und mehr Jugendliche zu einem qualifizierten Berufsabschluss zu führen.

Zunächst die Grundidee: Ausbildungsberufsbilder werden in fünf bis acht Bausteine* gegliedert.

Die Maßnahmen des Übergangssystems können auf diese und damit zielgerichtet auf die Prüfungsanforderungen des Berufs bezogen werden.

Der Ausbildungserfolg wird über modulbezogene Prüfungen und einer (kürzeren) Abschlussprüfung bei der Kammer dokumentiert.

Nach jedem Baustein ist der Wechsel in ein duales Ausbildungsverhältnis möglich.

Erweiternd können Prüfungen über einzelne Module in Verbindung mit Maßnahmen zur Qualitätssicherung auch an Lernorten erfolgen, in denen die Ausbildungsleistungen erbracht werden (z. B. in der Berufsschule).

Transparent und klar

Wesentlicher Effekt: Die teuren und demotivierenden Warteschleifen in der BAV würden auf die Inhalte einer dualen Berufsausbildung und so auf einen qualifizierten Abschluss ausgerichtet. Für Betriebe wäre nicht länger unklar, welche beruflichen Kompetenzen in der BAV vermittelt und wie gut sie gemeistert wurden. Für die Jugendlichen wären die Qualifizierungsziele transparent und erhielten durch die Prüfungsanbindung einen Sinn. Besonders „marktbenachteiligte“ Jugendliche könnten davon profitieren, deren Lernmotivation nicht mehr in sinnlosen Warteschleifen verpuffte. Sie können entweder nach dem Absolvieren erster Bausteine in eine duale Ausbildung wechseln oder nach Abschluss aller Module die Kammerprüfung ablegen und einen anerkannten beruflichen Abschluss erwerben.

Einheit des Berufsbilds bleibt

Allerdings: Der Vorschlag ist nicht für alle Teilgruppen im Übergangssystem geeignet. Es wird auch zukünftig Jugendliche geben, die (noch) nicht in der Lage sind, die Anforderungen einer qualifizierten Berufsausbildung zu erfüllen. Sie benötigen zunächst noch sozialpädagogische Unterstützung.

Vereinzelt wird behauptet, Ausbildungsbausteine höhlten das Berufsprinzip schleichend aus. Das ist nicht der Fall. Die Module repräsentieren in ihrer Gesamtheit die Einheit des Berufsbilds. Erst das Durchlaufen aller Bausteine begründet eine ganzheitliche, qualifizierte Berufsausbildung. So bleibt das Berufsprinzip als konstitutive Grundlage des dualen Systems erhalten! Kritiker wenden ein, dass die Bausteine zu Teil- und Kurzausbildungen bzw. zu gering qualifizierten Abschlüssen führten. Diese Sorge ist unbegründet. Im Gegenteil, gerade die momentane diffuse Lage im Übergangssystem bringt es mit sich, dass Jugendlichen eine dauerhafte Ausgrenzung von Ausbildung und qualifizierter Beschäftigung droht. Viele arbeiten in Praktika oder als Ungelernte und verpassen den Einstieg in eine qualifizierte Beschäftigung. Die Ausbildungsbausteine bieten den Jugendlichen zumindest anschlussfähige Teilqualifikationen, die sie über den Status eines Ungelernten hinausheben. Damit könnten spezifische „Benachteiligtenberufe“ und mindere Ausbildungsstandards verhindert werden.
Wenn man andere als die gewohnten Antworten sucht, sollte man nicht auf die gewohnte Art fragen. Die Bedingungen von Ausbildung und Beschäftigung haben sich drastisch verändert – neue Ideen sind mehr als überfällig.

Dieter Eulern


Ein falscher Weg

Die Metallarbeitgeber (Gesamtmetall) und die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordern, unterstützt von zwei Wissenschaftlern, das bisherige Ausbildungssystem aufzugeben und dafür eine Modulausbildung mit Bausteinen einzuführen. Unter Modulen wird allerdings nicht das verstanden, was in den Ausbildungsberufen längst existiert: Wahlmöglichkeiten innerhalb der Ausbildung oder Zusatzqualifikationen, die man andocken kann. Modularisierung steht vielmehr für die Zerlegung der Ausbildungsberufe in sechs bis zehn für sich stehende und auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Ausbildungsbausteine*. Anstatt 350 Ausbildungsberufe würde es nach diesem Modell einige Tausend Module geben.

Das Bildungsministerium hat klar gemacht, unter welchen Bedingungen dieser Vorschlag realisiert werden kann. Notwendig ist dafür eine neue rechtliche Grundlage, eine Veränderung des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) oder die Schaffung einer eigenen Rechtsverordnung. Erst dann könnten die Betriebe entscheiden, ob sie eine Komplett-Ausbildung anbieten oder nur das ein oder andere Modul. Ansprüche auf eine gewisse Anzahl von Bausteinen hat der Azubi nicht, die Betriebe entscheiden nach ihrem Bedarf, was vermittelt wird. Für viele Autobauer ist schon klar, dass sie mit wenigen Modulen auskommen können. Wie man bei einem solchen Konstrukt die Beruflichkeit absichern kann, wie dies die Protagonisten immer lauthals versichern, bleibt offen. Die Modulausbildung würde zudem ohne Ausbildungsvertrag und Ausbildungsvergütung durchgeführt: Praktikanten statt Azubis. Ein solches Konzept birgt große Nachteile und Risiken für die Jugendlichen. Eine gravierende Verschlechterung der Ausbildungsbedingungen zu Lasten der Jugendlichen ist aber mit der IG Metall nicht zu machen.

Warum beispielsweise Betriebe der Automobilindustrie und deren Zulieferer gegen die Facharbeiterausbildung zu Felde ziehen, ist offensichtlich: Es geht ihnen um die Absenkung der Löhne und Gehälter. Für sie führt der spezifisch deutsche Weg von Arbeit und Berufsbildung nicht zu den erwarteten Wettbewerbsvorteilen. Vertreter dieser Position plädieren für eine höhere Standardisierung und Steuerung der Arbeit, für die Reduzierung von Tätigkeitsumfängen und enge Taktung der Arbeitsabläufe. Sie behaupten, Effizienz und Wertschöpfung verlangten den Wechsel von der beruflichen Ausbildung zur aufgabenbezogenen Anlernung.

Ziel: Systemwechsel

Damit sind wir beim Kern des Problems: Modularisierung steht für einen Systemwechsel, der letztlich arbeits- und lohnpolitisch begründet ist. Keine Frage: Es gibt eine Fraktion, die auf breiter Front zurück will zu einem krassen Taylorismus und das Berufsprinzip dabei als hinderlich ansieht.
Die Modularisierung der Berufsausbildung ist daher ein falscher Weg. Ebenso die massenhafte Einführung von zweijährigen Berufsausbildungen. Die Erfahrungen mit den Mini-Berufen zeigen, und dies wird bei den Bausteinen nicht anders sein, dass sie den jungen Leuten nur unzureichende Kompetenzen vermitteln.

Die IG Metall verteidigt das Berufsprinzip als modernes und zukunftsweisendes Ausbildungskonzept. Deshalb ist es nur konsequent, wenn wir den Abbau von berufsvorbereitenden Maßnahmen, von Einstiegsqualifikationen, schulischen Berufsvorbereitungen etc. fordern. Die mit aller Macht verbreitete These der Modularisierungsbefürworter lautet dagegen: Die Betriebe werden Jugendliche mit Baustein-Quali gerne einstellen und die Ausbildung zu Ende bringen. Eine Hoffnung mit Substanz? Wohl kaum. Vorstellbar ist vielmehr eine andere Entwicklung: Viele Betriebe finden Spaß daran, vorqualifiziertes Personal zu rekrutieren und steigen deshalb aus ihrer eigenen Ausbildung aus. Ergebnis: Anstatt die Anzahl der Jugendlichen im Übergangssystem zu verringern, steigt sie weiter an.

Klaus Heimann


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Die Feintechnikschule in Villingen-Schwenningen bildet in Vollzeit aus

Engagement und guter Ruf

Bei der Staatlichen Feintechnikschule in Villingen-Schwenningen sind sich alle einig: Die dreijährige Berufsfachschule bietet eine hervorragende Berufsausbildung. Die Ausbildung findet in Vollzeit an der Schule ohne dualen Partner statt. Diese Art der beruflichen Qualifizierung gibt es in Baden-Württemberg nur zweimal, aber das schon seit über 100 Jahren. Als Alternative zum dualen System ist das zwar vorbildlich, aber wohl eher die Ausnahme.

Die Frau im Fahrradgeschäft kennt die Feintechnikschule, der Mann in der Tankstelle auch. Wer die staatliche Berufsfachschule in Schwenningen sucht, hat gute Chancen, dass die Bewohner den Weg dorthin erklären können. Die Vollzeitschule ist in der Stadt verwurzelt und bei den Unternehmen bestens bekannt.

Peter Hellstern ist ein Unternehmer, der eng mit der Schule verbunden ist. Wie schon sein Vater hat er dort Anfang der 1970er-Jahre die Lehre als Feinwerkmechaniker abgeschlossen.

Auch für seinen Sohn war klar, dass er seine Ausbildung in der Feintechnikschule absolviert. „Die Schule ist einfach gut“, sagt Hellstern. Der Inhaber der Firma Sternplastic schätzt die breite Grundlagenausbildung der Berufsfachschule.

„Die Industrie spezialisiert sich mit der fortschreitenden Globalisierung immer mehr. Den Betrieben fällt es daher zunehmend schwerer, eine breite Qualifikation zu bieten.“ Mit der fundierten Ausbildung der Feintechnikschule könnten die Absolventen im Laufe ihres Berufsleben den Arbeitsplatz viel leichter wechseln und ließen sich schneller in den Arbeitsmarkt eingliedern. Sternplastic stellt Kunststoff- und Keramik-Spritzgussteile her, beliefert vor allem die Automobilindustrie weltweit und bildet selbst 13 junge Menschen aus. Hellstern stellt immer auch Absolventen der Vollzeitberufsschule ein. „Sie sind zwar das Schaffen nicht so gewöhnt, aber nach einem halben Jahr arbeiten sie gut“, urteilt der Unternehmer, „diese Schulabgänger haben Elan, oft eine Vision und sind technikbegeistert.“

Azubis erhalten kein Geld

Hellstern ist keine Ausnahme. Viele Schwenninger Unternehmer der Metall- und Elektrobranche besuchten selbst die Schule und schicken auch ihre Kinder dorthin. In der eigenen Firma wollen die meist kleinen und mittelständischen Betriebe ihre Nachfolger nicht ausbilden, da sie sonst in den Köpfen der Mitarbeiter lange die Auszubildenden bleiben. Zur Konkurrenz schicken mag man sie auch nicht. So passt die Berufsfachschule als Ausbildungsort ideal. Nachteil: Azubis erhalten kein Geld.
Überzeugt von ihrer Ausbildung sind die Schülerinnen und Schüler trotzdem. „Hier lernen wir nicht nur das, was ein Betrieb braucht. Theorie und Praxis sind zusammen“, begründet ein Auszubildender, warum er die Schule gewählt hat. Im Gegensatz zu den Lehrlingen des dualen Systems beziehen sie allerdings keine Vergütung. Einen Ausgleich schafft das Schüler-BAföG, manche verdienen sich in den Ferien ein paar Euro dazu.

Die Jugendlichen haben nicht nur Elan und Visionen, sondern auch Vorbilder. Dr. Christian Dräger ist ein Beispiel. Er begann seine Karriere in der Schwenninger Schule, promovierte und brachte es zum Vorsitzenden des Vorstands der Drägerwerk AG in Lübeck. Auch Heinz Leiber, der Erfinder des Antiblockiersystems (ABS), ist ein ehemaliger Feintechnikschüler. Dräger blieb der Schule sein ganzes Berufsleben lang treu und schrieb nach 50 Jahren Mitgliedschaft im Verein ehemaliger Schüler der Feintechnikschule (VEFS): „Niemals in meinem Leben habe ich mehr gelernt als in den drei Jahren auf der Feintechnikschule.“ Rund 50 Unternehmer sind Mitglied in diesem Verein, der seit 1911 die Schule unterstützt. Aus dem Innovationsfonds des VEFS wird beispielsweise die Lehrerfortbildung gefördert.


Man hört nur Gutes über die Schule, die auf eine lange Tradition zurückgreifen kann. Die staatliche Schule wurde 1900 als „königlich württembergische Fachschule für Feinmechanik, Elektromechanik und Uhrmacherei“ gegründet. „Sie bildet mundgerecht für die heimische Wirtschaft aus“, bestätigt das Bürgermeisteramt von Villingen-Schwenningen. Die Schule sei eine Institution der Stadt. 166 Jugendliche bildet die berufliche Schule zurzeit aus und ist damit der größte städtische Ausbilder in der Metallbranche. Die Schulleiterin Dr. Annemarie Conradt-Mach setzt alles daran, den Ruf zu halten und die Schule weiter voranzubringen. Allerdings muss sie ständig die staatlichen Kosten rechtfertigen.

Das duale Ausbildungssystem ist für die Öffentlichkeit rechnerisch deutlich günstiger. Ein Berufsschüler im herkömmlichen System kostet den Staat 2000 bis 3000 Euro pro Jahr. Für die Schüler der Berufsfachschule im Vollzeitbetrieb veranschlagt das Land Baden-Württemberg rund 10 000 Euro an Kosten. 1000 Euro werden als Mietkosten gerechnet, obwohl sie rein kalkulatorischer Art sind und nicht real anfallen. Werner Müller, Fachleiter der Berufsfachschule, gefällt diese Rechenweise gar nicht. So sieht auf dem Papier die Ausbildung teurer aus als sie ist. „Der öffentliche Druck zwingt uns zum Gutsein“, sagt Conradt-Mach und sie stellt sich den Herausforderungen.

Chance auch für Hauptschüler

„Die gute Ausbildung der Schüler liegt uns am Herzen“, das betont nicht nur die Schulleiterin, sondern auch Fachleiter Müller. Was die Jugendlichen in der Theorie lernen, können sie in den modernen Werkstätten sofort umsetzen und begreifen. Müller erklärt: „Wir Lehrer schaffen die Rahmenbedingungen, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständig arbeiten können. Das bedeutet, dass wir viel Zeit in die Vorbereitung investieren, im Unterricht selbst aber nicht mehr so viel tun müssen.“

Wer mit einem mittleren Bildungsabschluss die dreijährige Ausbildung antritt, kann parallel die Fachhochschulreife erwerben. Zwei Drittel aller Schüler erreichen diesen Abschluss. Rund ein Drittel der Plätze wird an Bewerber mit Hauptschulabschluss vergeben. Wenn sie das Fach Englisch schaffen, erhalten sie mit dem Berufsabschluss einen dem Realschulabschluss gleichwertigen Bildungsstand. Damit steht ihnen der zweite Bildungsweg offen.

Maria Jeggle,
freie Journalistin


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