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04.01.2010

Niedersachsen: Streit um das Bildungssystem – Bewegung in den Kommunen

Schulkampf, Demonstrationen, Elternproteste: Niedersachsen hat ein schulpolitisch heißes Jahr hinter sich. In kaum einem anderen Bundesland – außer in Hamburg – tobt zurzeit der Streit um das Bildungssystem so heftig. Dabei sind die Landkreise oft viel beweglicher als die Landesregierung.

Im Prinzip war alles klar in Bothel: Angesichts sinkender Kinderzahlen in der Gemeinde im Kreis Rotenburg (Wümme) sind die Haupt- und Realschulen künftig nicht zu halten. Eine Elternumfrage ergab, dass rund 90 Prozent ihre Töchter und Söhne auf eine Integrierte Gesamtschule (IGS) schicken möchten. Das überzeugte die Lokalpolitik: Bürgermeister Rüdiger Woltmann (CDU) und sein Gemeinderat entschieden sich einstimmig für das Modell, das auf gemeinsames Lernen bis zur zehnten Klasse, gymna­siale Oberstufe und neue pädagogische Konzepte setzt. „Und dann scheiterte alles an der Sturheit der Landespolitik“, berichtet Susanne Hastedt, Sprecherin der Elterninitiative „pro IGS Bothel“. Die Journalistin und Mutter dreier Kinder fürchtet: „Es geht nur noch um den politischen Grabenkampf, nicht mehr um Inhalte oder pädagogische Konzepte – der geht zu Lasten der Kinder.“

Seit den 1970er-Jahren gibt es in Niedersachsen Gesamtschulen. Ihre Zahl stieg über Jahrzehnte nur langsam, ab 2004 verbot das Schulgesetz weitere Gründungen (E &W berichtete). 2007 kündigte Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) eine Lockerung des Verbots an, der Widerhall war beträchtlich: „Aus dem ganzen Land riefen Bürgermeister in der GEW-Geschäftsstelle an, um sich zu erkundigen, was eine IGS ausmacht“, erinnert sich Eberhard Brandt, GEW-Vorsitzender in Niedersachsen. 16 neue IGSen entstanden in kurzer Zeit, Anträge für weitere rund 20 liegen vor (s. Seite 4). „Ganz unideologisch und pragmatisch“ entschieden sich Schulträger und Eltern für dieses Modell, meint Brandt: „Sie wollen Standorte halten und ihren Kindern lange Wege ersparen.“ Unterstützung gibt es auch von den kommunalen Spitzenverbänden.

Hinzu kommt, dass die Hauptschulen an Bedeutung verlieren: Im Jahr 2008 wechselten nur noch knapp 14 Prozent der Fünfklässler auf die ehemaligen „Volksschulen“, so der Landesbetrieb für Statistik. In einigen Städten, darunter Hannover und Wolfsburg, sind es sogar weniger als fünf Prozent, in der Unistadt Göttingen um die sechs Prozent. 44 Prozent aller Fünfklässler besuchen Gymnasien.

Die CDU/FDP-Landesregierung beharrt dennoch auf einem gegliederten Modell. Zwar sprach sich Kultusminis­terin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) für eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen aus, das Modell blieb bisher aber vage. Eine Schulgesetzänderung, die im Juni von der schwarz-gelben Mehrheit verabschiedet wurde, schreibt den Fortbestand von Haupt-, Realschule und Gymnasium fest und führt das Abitur nach zwölf Jahren an den Gesamtschulen ein. Bislang galt, dass Kinder dort nach dem 13. Schuljahr die Prüfung ablegen können. 10 000 Menschen hatten im Mai gegen diese Änderung demonstriert. „Gesamtschulen sind offenbar für viele Eltern attraktiv und haben sich als Alternative zum Gymnasium etabliert“, sagt Brandt.

Das zeigt sich besonders deutlich im Landkreis Schaumburg, wo in kurzer Zeit drei neue IGSen eingerichtet wurden, eine davon in Rodenberg. „Im Kreis und im Ort waren sich die Politiker, gleich welcher Couleur, einig, dass diese Form die ideale ist“, sagt Uwe Heilmann, Stadtdirektor unter einem CDU-geführten Stadtrat. „Nur die Holzköpfe in der Landesregierung sind stur.“ Aber das gegliederte System sei angesichts einer veränderten Gesellschaft und des demografischen Wandels nicht zu halten, meint Heilmann: „Gestandene CDU-Leute sind zu Tode betrübt über das, was in der Landeshauptstadt los ist.“ Der Landkreis habe Glück gehabt, seine Schulen zügig durchsetzen zu können – und plant zwei weitere „Wir verwalten schon wieder Mangel“, sagt der Stadtdirektor. Um die Plätze der heutigen IGSen an die Schüler zu verteilen, gab es Losverfahren.

Das enge Geflecht ministerieller Verordnungen stoppt oft die Neugründung dieser Schulform. So muss eine IGS zurzeit genug Kinder für fünf Parallelklassen vorweisen – und belegen, dass sie diese Zahl über einen Zeitraum von 14 Jahren halten kannn.

Elternwille missachtet

„Daran sind wir knapp gescheitert“, sagt Hastedt von der Botheler Elterninitiative: „Wir konnten die Fünfzügigkeit nur für sechs Jahre garantieren.“ Zu den strengen Auflagen für die IGS passe nicht, dass die Vorgaben in anderen Fällen weit lockerer ausgelegt werden: Hauptschulen bleiben erhalten, obwohl zwei Jahrgänge zusammengelegt werden müssen, um überhaupt Klassenstärke zu erreichen. Und die „Neue Schule“ in Wolfsburg, die VW sponsert, ist mit vier Klassen gestartet. „Als wir das Schulamt auf diese Ungleichbehandlung hinwiesen, bekamen wir den zynischen Rat, uns einen privaten Geldgeber zu suchen“, sagt Hastedt. „Aber den werden wir hier nicht finden. Klar ist, dass der Elternwille missachtet wird.“

Das stört auch Pascal Zimmer, Vorsitzender des Landeselternrats: „Eltern sprechen sich gegen das Turbo-Abitur an Gesamtschulen und für eine freie Wahl der Schulform aus“, sagt er. „Und sehr viele wollen eben die Gesamtschule.“ Zurzeit sei das System „sehr starr“, kritisiert er, Eltern würden zu wenig einbezogen. Wünschenswert seien eine Abkehr vom Turbo-Abitur und Gesamtschulen mit weniger als fünf Parallelklassen – beides fordert auch die GEW.

Brandt, der sich im Frühjahr einem offenbar politisch motiviertem Disziplinarverfahren ausgesetzt sah (E &W berichtete), will die Debatte entschärfen. Sein Vorschlag: „Statt gesetzlich festgeschriebener Lösungen sollten Schulträger, Schulen und Elternschaft vor Ort selbstständig und flexibel entscheiden können.“

Zurzeit sind die Dinge im Fluss: Noch vor Jahresende wollte das Kultusminis­terium ein Gesetz vorlegen, das den Kreisen mehr Spielräume zugesteht (dieses lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Allerdings geht es nur um eine neue Art der Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Realschulen. Elternsprecherin Hastedt erklärt schon jetzt: „Aber das wollen wir nicht. Wir setzen uns weiter für eine IGS in Bothel ein.“

Schulsystem in Niedersachsen

Niedersachsen hat ein gegliedertes Schulsystem, das aus Hauptschule – Klassenstufen 5 bis 9 und freiwilliger Besuch der 10. Klasse –, Realschule bis Klasse 10 – und dem Gymnasium, das nach zwölf Klassen mit dem Abitur enden soll („Turbo-Abitur“ – G 8), besteht. Bis 2011 gibt es noch den 13. Jahrgang. Daneben gibt es zwei Gesamtschultypen: Die Integrierte Gesamtschule (IGS) setzt auf gemeinsamen Unterricht, alle Abschlüsse sind möglich. Die Kooperative Gesamtschule (KGS) ist nach Schulzweigen gegliedert. Im Schuljahr 2009/10 hat das Kultusministerium zusätzlich zu den bisher landesweit 33 IGSen weitere zwölf und zu den 32 KGSen zwei weitere genehmigt.

An landesweit rund 200 Schulstandorten sind Haupt- und Realschulen zusammengelegt worden, laut Kultusministerium ist das etwa die Hälfte aller Einrichtungen dieser Schulformen. Sie haben eine gemeinsame Leitung und einen gemeinsamen Schulvorstand.


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