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03.11.2011

„Mit einer Mittelschichts-Pädagogik kommen wir nicht weiter“

Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Petra Wagner über Chancengleichheit in der Kita

E&W: Die Ansprüche an Erzieherinnen und Erzieher sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen: Sie sollen nicht nur betreuen, sondern auch bilden. Gleichzeitig sollen sie in der Kita für Chancengleichheit sorgen und inklusiv arbeiten. Eine Überforderung?
Petra Wagner: Ja und Nein. Erzieherinnen und Erzieher können das leisten, wenn Ausbildung und Rahmenbedingungen stimmen. In der Praxis ist das bislang oft nicht der Fall. Das muss sich ändern, denn bei der Frage nach Bildungsgerechtigkeit kommen wir zum Kern der Inklusion: Bildungsgerechtigkeit ist deshalb ein so großes Thema, weil es so viel Exklusion in unserem Bildungssystem gibt.

E&W: Zum Beispiel?
Wagner: Ich spreche von Mechanismen, die Kinder ausschließen und die damit zu unüberwindbaren Barrieren werden. Nehmen wir den Bildungszugang mit Blick auf die Schulen: Die familiäre Herkunft entscheidet, in welcher Schulform das Kind landet. In abgeschwächter Form gilt das auch für Kitas. Hier sind die Hürden allerdings geringer, weil diese prinzipiell allen Kindern offen stehen. Aber auch hier gibt es Verzerrungen: In einem Stadtviertel hat die eine Kita sehr viele deutsche Mittelschichtkinder, die andere einen hohen Anteil an Kindern aus Migrantenfamilien. Wenn wir Chancengleichheit ernst nehmen, müssten sich die Träger dieser Einrichtungen fragen: Warum haben wir diese homogenen sozialen Gruppen und wie bauen wir Zugangshürden ab?

E&W: Die Erzieherinnen selbst haben auf die soziale Zusammensetzung in der Kita keinen Einfluss. Gleichzeitig wird aber von ihnen erwartet, dass sie jedem Kind gerecht werden. Welche Kompetenzen brauchen sie dafür?
Wagner: Sie müssen für einen gerechten Zugang zu Bildungsmöglichkeiten in ihrer Einrichtung sorgen. In der Praxis zeigt sich nämlich, dass nicht alle Kinder in der gleichen Weise von Lernmöglichkeiten profitieren. Und das liegt zum Teil an den Strukturen in den Kitas.

E&W: Inwiefern?
Wagner: In manchen Kitas dominiert eine bestimmte Art der Kommunika­tion. Nehmen wir beispielsweise die in vielen Einrichtungen übliche Morgenrunde. Sie hat das Ziel, bei den Kindern sowohl das Selber-Reden als auch das Zuhören zu fördern. Wenn eine Erzieherin fragt: „Erzählt doch mal von eurem Urlaub?“ Dann kann es sein, dass allein der Begriff „Urlaub“ für manche Kinder schon eine Hürde darstellt. Sie denken etwa: Urlaub heißt: mit dem Flugzeug wegfliegen. Das ist aber nicht ihre Lebensrealität, weil ihre Eltern dafür vielleicht gar kein Geld haben oder das Kind bei Oma und Opa war. Also schweigt das Mädchen oder der Junge lieber, weil sie bzw. er sich nicht angesprochen fühlt.

E&W: Wie vermeiden Pädagoginnen und Pädagogen solche Einseitigkeiten?
Wagner: Sie brauchen ein hohes Bewusstsein für eine inklusive Form der Kommunikation. Sie müssen beispielsweise lernen, Fragen zu stellen, die den unterschiedlichen Lebenswelten und persönlichen Erfahrungen der Kinder entsprechen. Wenn wir Inklusion auch in der frühkindlichen Bildung verwirklichen wollen, dann kommen wir mit einer Mittelschichts-Pädagogik nicht weiter. Denn die setzt darauf, dass die anderen Kinder sich anpassen.

E&W: Also keine Leitkultur im Kindergarten?
Wagner: Das wäre fatal, weil die Erzieherinnen und Erzieher dann genau jene Mädchen und Jungen nicht erreichen, denen der Kindergarten neue Chancen eröffnen soll. Aber es kommt leider noch sehr oft vor, dass benachteiligte Kinder die Kita nach drei bis vier Jahren verlassen und die Lern- und Bildungsangebote dort nur unzureichend nutzen konnten. Das darf nicht passieren.

E&W: Aber wie soll eine Erzieherin das verhindern? Allein mit Intuition?
Wagner: Nein. Intuition kann helfen und manche Erzieherinnen und Erzieher haben sie, aber sie ist nicht vorauszusetzen. Es geht darum, dass alle Fachkräfte sich für inklusive Praxis qualifizieren, idealerweise in ihrer Ausbildung oder aber bei Fortbildungen.

E&W: Was müssen sie konkret wissen?
Wagner: Wir haben gerade eine Expertise für die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) gemacht . Da ging es um die Frage, welche Qualitätsanforderungen die Fachkräfte bei der Inklusion in Kindertageseinrichtungen erfüllen müssen. Wir beschreiben, was gewusst und gemeistert werden muss, um inklusiv zu arbeiten. Das Wichtigste ist, dass eine Erzieherin sich sowohl über die Diversität der Kinder im Klaren ist als auch ein Gespür für die Diskriminierungen im Alltag entwickelt. Sie muss darauf professionell reagieren, indem sie die Diskriminierung zur Sprache bringt und versucht, diese aktiv abzubauen. Sie muss außerdem wissen, nach welchen Mechanismen Diskriminierung funktioniert, und welche Wirkung sie auf die Kinder und deren Familien hat. Die Fachkräfte müssen sich zudem ihrer eigenen Vorurteile bewusst werden. Das alles kann man sich nicht autodidaktisch beibringen. Das geht nur in der gemeinsamen Arbeit mit anderen.

E&W: Das klingt sehr anspruchsvoll für einen Job, der vergleichsweise mies bezahlt und oft unter schlechten Rahmenbedingungen geleistet wird.
Wagner: Es ist anspruchsvoll, aber meine Erfahrung ist, dass Erzieherinnen und Erzieher sehr gewillt sind, sich in ihren Einrichtungen für Bildungsgerechtigkeit einzusetzen. Sie wollen, dass alle Kinder gut lernen können – und zwar ohne Ausnahme. Das entspricht ihrem Berufsethos. Wenn es in der Praxis nicht klappt, dann liegt es einerseits an mangelnden Kenntnissen und andererseits an schlechten Rahmenbedingungen.

E&W: Wie müssten denn die Rahmenbedingungen sein, damit sich Erzieherinnen pädagogisch-professionell verhalten können?
Wagner: Unter Stress lässt sich eine inklusive, vorurteilsbewusste Pädagogik nicht umsetzen. Da reagiert man dann eher mit Verurteilungen und Vorbehalten auf Kinder und Eltern. Stattdessen brauchen Pädagogen Zeit, regelmäßige Gesprächsrunden im ganzen Team, in denen sich die Teilnehmenden beispielsweise darüber verständigen, wie ein respektvoller Umgang mit Kindern und Eltern aussieht. Das kann man lernen. Dafür brauchen die Kindertagesstätten aber zusätzliche fachliche Unterstützung von außen.

E&W: Ist die vorurteilsbewusste Pädagogik bisher schon in der Erzieherinnen-Ausbildung verankert?
Wagner: Das gibt es höchstens punktuell in der Ausbildung manch einer Fachschule. Inzwischen haben wir aber Studiengänge, die Heterogenität berücksichtigen, auch als Querschnittsthema. Weniger deutlich erkennen wir eine diskriminierungskritische Orientierung in Curricula, Abläufen und Ausstattung der Fach- und Hochschulen. Von einer flächendeckenden Aus- oder Fortbildung sind wir in Deutschland noch sehr weit entfernt.

E&W: Wie müsste die Ausbildung qualifizieren, um in den Kindertagesstätten inklusiv im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention zu arbeiten?
Wagner: Unterricht und Studium selbst müssten inklusiv gestaltet sein. Es sollte dann nicht ein Seminar zum Thema behinderte Kinder angeboten werden und ein anderes über Migranten. Kulturelle, religiöse und soziale Unterschiede müssen in allen Seminaren thematisiert werden, nur das wird der Realität gerecht. Zudem brauchen wir in der Ausbildung eine systematische Verknüpfung von Theorie und Praxis.

E&W: Wie lange wird es dauern, bis alle Kindertageseinrichtungen inklusiv arbeiten?
Wagner: Das ist ein langer Prozess. Wir dürfen dabei nicht den Fehler machen, alles den Erzieherinnen aufzuladen. Das wäre sehr ungerecht. Es liegt nicht allein in deren Hand, eine inklusive Pädagogik umzusetzen. Und sie entscheiden auch nicht allein darüber, wie vielfältig ihre Kindertagesstätten künftig zusammengesetzt sind und wie sie mit dieser Vielfalt professionell umgehen. Soziale Barrieren beim Zugang zu Bildungseinrichtungen zu beseitigen wie auch gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, ist eine bildungspolitische Aufgabe des Bundes, der Länder, Kommunen und auch der Träger.

Katja Irle,
Redakteurin der Frankfurter Rundschau

Alle Infos über die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) auch online

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