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Brasilien„Arbeit ist meine Leidenschaft, und ich bin Lehrerin geworden, um mich an dem System zu rächen – ich kompensiere meine Frustration, indem ich mich auf meine Schüler konzentriere.“
Maria Conceição Gonçalves Araújo (42),
Lehrerin an einer staatlichen CIEP-Schule
Rio de Janeiro, Brasilien
„Ja, sicherlich ist der Krach eine einzige Tortur“, räumt Conceição gequält lächelnd ein, „aber trotzdem, dieser Schultyp ist geräumig, hell und gut durchlüftet – schauen Sie sich doch mal an, in was für finsteren Löchern sonst in Brasilien unterrichtet wird!“
Maria Conceição Gonçalves Araújo, 42, hat sie noch miterlebt, die Zeiten des bildungspolitischen Aufbruchs und des Reform-Elans in den Achtzigern. Damals, als die Militärdiktatur in ihren letzten Zügen lag, wollte Leonel Brizola, der linke Gouverneur – Ministerpräsident – des Bundesstaates Rio de Janeiro, auch die Erziehung demokratisieren.
Aus für die „Schule der Zukunft“
Sein Vize, der berühmte Anthropologe Darcy Ribeiro, konzipierte die „Schule der Zukunft“ – eine Ganztagsschule, die die soziale Benachteiligung in den ärmeren Vierteln ausgleichen, die zugleich als Gemeindezentrum und Sozialstation dienen sollte. „Integrierte Zentren der Volkserziehung“, abgekürzt CIEP, stehen heute noch zu Hunderten im Bundesstaat Rio. Statt der Abkürzung sagt der Volksmund lieber „Brizolão“ - die Vergrößerungsform des Namens ihres geistigen Vaters.
São Gonzalo, das gehört noch zum Großraum von Rio, und doch liegen Zuckerhut und Copacabana in einer ganz anderen Welt. Santa Isabel heißt der Stadtteil, in dem die CIEP Nummer 410 steht. „Im Stich gelassen – das ist das Schlüsselwort für Santa Isabel“, sagt Conceição: „Hier hat man praktisch überhaupt keine Option, egal ob Erziehung oder Arbeit, ob Kultur oder Freizeit. Höchstens Gewalt und Drogen.“
Wie das oft so geht in Brasilien: Die Nachfolger von Brizola und Ribeiro wollten von dem damals schon umstrittenen Konzept nichts mehr wissen, und heute sind davon praktisch nur noch die von Oscar Niemeyer entworfenen Fertigteil-Schulhäuser übrig. Statt Erziehung für alle heißt es heute „kein Geld für gar nichts“, sagt Conceição: Der Haushalt reiche nicht einmal für die Putzmittel, und „das pädagogische Material wird von den Politikern wie ein Geschenk ausgeteilt. Dabei ist es doch ein Recht“.
Wenn man den Anteil des Bruttoinlandsprodukts betrachtet, der für öffentliche Bildung aufgewendet wird, dann steht Brasilien noch hinter Gabun und Äthiopien. Warum hat sich das Land trotzdem zu einer führenden Wirtschaftsmacht der südlichen Halbkugel entwickelt? Weil es ein hervorragendes Bildungssystem gibt in Brasilien. Bloß ist es privat, es kostet also Geld und ist deshalb vier Fünfteln aller Schüler verschlossen.
Öffentliche Schule versagt
Erziehung sei politisch kein Thema, sagt sie, und auch unter der gemäßigt linken Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva habe sich nichts geändert. „Für Brasilien in zehn Jahren sehe ich schwarz“, sagt sie. Denn die öffentliche Schule versagt. Dass über 20 Prozent der Schüler Wiederholer sind, dass unter den 11- bis 14-Jährigen etwa zehn, unter den 15- bis 19-Jährigen 20 Prozent die Schule ohne Abschluss verlassen und dass selbst unter denen, die durchhalten, jede Menge Menschen sind, die nicht richtig schreiben und lesen können - für Conceição liegt das alles am abgrundtiefen Desinteresse der Gesellschaft. „Meiner Meinung nach ist das Absicht“, unterstreicht sie, „Unwissende kann man leichter manipulieren“.
Und wie hält man das aus, als Lehrerin von 35 Kindern in einer Klasse, an so einer Schule, unter deprimierenden Bedingungen und mit monatlich umgerechnet 318 Euro, Zulagen schon eingeschlossen? „Wissen Sie“, sagt sie lachend, „Arbeit ist meine Leidenschaft, und ich bin Lehrerin geworden, um mich an dem System zu rächen – ich kompensiere meine Frustration, indem ich mich auf meine Schüler konzentriere“.
Und allgemein? Bildungspolitisch – ist da irgendetwas zu hoffen? „Na, ich hoffe auf einen neuen Brizola“, spöttelt sie. Aber dann schiebt sie die Selbstironie zur Seite. „Mir tun die Kinder heute leid“, sagt sie, wieder ernst.
Wolfgang Kunath