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/ Jahrgang 2010
/ 03/2010
Generationenwechsel: AmendtPädagoginnen wie Kathrin Nitsche sind eine seltene Erscheinung in deutschen Lehrerkollegien. 29 Jahre ist die Berliner Grundschullehrerin alt. Sie gehört damit zur Minderheit von knapp vier Prozent der Lehrkräfte in Deutschland, die jünger als 30 Jahre sind. In ihrer Schule, einer Grundschule im Bezirk Neukölln, ist sie das Nesthäkchen unter den 26 Lehrkräften. Die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen sind bereits 55 Jahre oder älter.
Berufsstand „vergreist“
Der Berufsstand des Lehrers in Deutschland „vergreist“: Fast 30 Prozent der Lehrenden an den allgemein bildenden und berufsbildenden Schulen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamts mittlerweile älter als 55. Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland eine Spitzenposition ein: Knapp die Hälfte der Lehrer ist älter als 50, im europäischen Schnitt beträgt diese Quote lediglich rund 25 Prozent. In der Praxis sieht das dann so aus: Bis die Pädagogin Nitsche vor gut zwei Jahren an die Schule kam, gehörte ihre Kollegin Marion Noack mit ihren damals 44 Jahren zu den Küken im Team. „Die mittlere Generation der Mittvierziger ist an den Schulen nur schwach vertreten“, meint die Chefin der beiden, Schulleiterin Hildegard Greif-Groß (54).
Jährlich fehlen 5000 Lehrkräfte
Die Überalterung hat dramatische Folgen: Seit Jahren ist der Pensionierungsstand gleichbleibend hoch. 2007 sind knapp 19 600 verbeamtete Lehrkräfte in Pension gegangen, 2008 waren es mit 19 500 kaum weniger. Vor zehn Jahren gingen nur halb so viele Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand. In den kommenden Jahren, schätzt GEW-Tarifexpertin Ilse Schaad, werde diese Zahl deutlich ansteigen. Ähnlich sei die Entwicklung bei den angestellten Lehrkräften. Gleichzeitig fehle der Nachwuchs. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm schätzt den jährlichen Fehlbedarf für die nächsten fünf Jahre auf bis zu 5000 Lehrkräfte jährlich.
„Den Bundesländern fällt ihre Kürzungspolitik aus der Zeit nach der deutsch-deutschen Vereinigung auf die Füße“, kommentiert Schaad. Damals sei beschlossen worden, die finanzielle Ausstattung der Schulen auf dem Niveau der 1980er-Jahre einzufrieren, sagt die Leiterin des Arbeitsbereichs Angestellten- und Beamtenpolitik beim GEW-Vorstand. Erreicht hätten dies die Länder zu Lasten der Unterrichts- und Arbeitsqualität – u. a. wurden die Pflichtstundenzahl für die Lehrkräfte sowie die Klassenfrequenzen erhöht. Vom folgenden Stellenabbau war vor allem der Osten betroffen, wo die Ausstattung zu Beginn der 1990er-Jahre noch vergleichsweise gut war. „Deshalb vergreisen dort die Lehrerkollegien besonders schnell“, stellt Schaad fest. Um wieder mehr junge Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen, müsste sich der Verdienst der Pädagogen und Pädagoginnen verbessern, fordert die GEW-Tarifexpertin. Die Ablösung des Bundesangestelltentarifs (BAT) durch den Tarifvertrag der Länder (TV-L) habe zu empfindlichen Gehaltseinbußen geführt, „und das macht für viele junge Leute den Lehrerberuf unattraktiv“.
Die Überalterung führe in allen Schulstufen zu Problemen, besonders jedoch in der Mittel- und Oberstufe, ergänzt Norbert Gundacker. Der stellvertretende Berliner GEW-Landesvorsitzende arbeitete bis zu seiner Freistellung als Personalrat an einer Hauptschule. „Wenn man auf die 60 zugeht, traut man sich körperlich nicht mehr so viel zu“, sagt er. Fahrradtouren, Ausflüge, aber auch Betriebserkundungen fallen dann flach. „Gerade für die oft schwierige Schülerschaft an einer Hauptschule sind solche Aktivitäten allerdings wichtig“, betont der Pädagoge die Notwendigkeit des Einsatzes jüngerer Kollegen.
Problem: Übergangsphase
Ein großes Problem ist seiner Ansicht nach der Übergang zwischen Beruf und Ruhestand. Seit dem 1. Januar 2010 gibt es für angestellte Lehrkräfte keinen Rechtsanspruch auf Altersteilzeit mehr. „Der Jahrgang 1949 war daher auch in Berlin der letzte, der davon in vollem Umfang profitierte“, bedauert Gundacker. „Wir Personalräte erhalten immer wieder Anrufe von älteren Kollegen, die verzweifelt nachfragen, ob es diese Regelung zukünftig wieder geben wird“, berichtet er. Doch an eine Wiedereinführung der Altersteilzeit denkt der Berliner Senat derzeit nicht. Schulleiterin Greif-Groß blickt daher mit ein wenig Sorge in die Zukunft: Zurzeit kann sie frei werdende Stellen noch gut besetzen, ob das aber noch der Fall sein wird, wenn in zehn Jahren das Gros ihrer Lehrkräfte auf einmal aufs Altenteil verschwindet, weiß sie nicht.
in gleitender Übergang in den Ruhestand wäre schon allein deshalb sinnvoll, um die Arbeitsbelastung zu kompensieren. Rund die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer fühlte sich laut der „Potsdamer Lehrerstudie“ überfordert und ausgebrannt. Ein Team unter Leitung von Uwe Schaarschmidt untersuchte über einen Zeitraum von gut zehn Jahren die psychosoziale Belastung von knapp 8000 Lehrkräften. Ergebnis: In keiner anderen vergleichbaren Berufsgruppe ist das so genannte Burnout-Syndrom so weit verbreitet. Feuerwehrleute, Polizisten, Sozialarbeiter und Ärzte sind trotz erheblicher beruflicher Belastungen stressresistenter und zufriedener mit ihrer Tätigkeit. Von permanenter Überforderung betroffen sind vor allem Pädagogen jenseits der 50. „Der Krankenstand in dieser Altersgruppe ist sehr hoch“, berichtet Gundacker. Er ist sicher: „Das wäre auch eine Chance für eine Verjüngung der Kollegien.“
Doch die Belastung macht auch Jüngeren zu schaffen. „Wenn ich heute nach der Schule nach Hause komme, brauche ich etwa eine Stunde Ruhe, kein Radio, keine tobenden Kinder, um mich zu erholen“, erzählt die 43-jährige Heike Gutsche. Seit mehr als 20 Jahren ist die Pädagogin bereits im Schuldienst. „In dieser Zeit haben die Belastungen zugenommen“, sagt sie. „Als ich angefangen habe, hatte ich 23 Wochenstunden Unterricht, verteilt auf sechs Tage, heute sind es 28 Unterrichtsstunden an fünf Tagen. Vor zwei Jahren stand ich schon kurz vor einem Burnout. Ich weiß von vielen meiner ehemaligen Studienfreunde, dass es ihnen ähnlich geht.“
Nachwuchs wird verschreckt
Regelungen für die Altersteilzeit und bessere Arbeitsbedingungen helfen beim Generationenwechsel in den Schulen jedoch nur bedingt. Vielerorts wird der Lehrernachwuchs regelrecht verschreckt. Der Berliner Schulsenat etwa setzt seit kurzem auf Quereinsteiger, um „frisches Blut“ an die Schulen zu holen. Damit schwinde die Attraktivität des Lehrerberufs für Jüngere, empört sich Gundacker. Er berichtet von Gymnasien, an denen der hohe Krankenstand mit Ruheständlern kompensiert werde. „Manche Einser-Absolventen müssen in Berlin mit befristeten Verträgen Vorlieb nehmen, anstatt eine feste Anstellung zu erhalten“, kritisiert der GEW-Aktive. Auf Dauer würden so Junglehrkräfte der Stadt und möglicherweise auch dem Beruf den Rücken kehren, befürchtet Gundacker.
GEW-Schulexpertin Marianne Demmer geht in ihrer Kritik an der Einstellungspolitik der Länder noch weiter: Durch den faktischen Einstellungsstopp vergangener Jahrzehnte seien Lehrkräfte „auf Halde“ produziert worden, kritisiert sie. „Heute werden aber von den Ländern händeringend Lehrende gesucht und dann bewerben sich selbst die über 40-Jährigen für eine Erstanstellung.“ Eine gesunde Altersmischung der Kollegien erreiche man damit nicht. Heike Gutsche bestätigt: „Neulich hatte ich eine Praktikantin, die war älter als ich, das hat die Zusammenarbeit nicht unbedingt erleichtert.“
Anders ausbilden
Gutsche macht allerdings auch die Lehrerausbildung für die Misere mitverantwortlich. Durch ein praxisnahes Studium gäbe es weniger Abbrecher und jüngere Berufseinsteiger, ist sie sich sicher. „Das Referendariat muss abgeschafft werden“, fordert sie. In der Tat sind die Zahlen, die Klaus Klemm im vergangenen Jahr in seiner GEW-Studie zum Lehrerbedarf vorgelegt hat, alarmierend: Nur etwa 60 Prozent der Lehramtsstudierenden beenden ihr Studium, weitere zehn Prozent brechen das Referendariat ab.
Eine Abschaffung des Referendariats wäre jedoch keine Lösung, wendet Marianne Demmer ein: „Ob man mit 26 oder 24 ins Berufsleben startet, ist weniger wichtig.“ Die stellvertretende GEW-Vorsitzende mahnt aber ebenfalls Veränderungen bei der Lehrerausbildung an. Die Universitäten müssten Verfahren zur Selbstevaluation der Studierenden schaffen, damit diese Fehlentscheidungen in ihrer Berufswahl frühzeitig korrigieren könnten. Eine Patentlösung sei das allerdings nicht, schränkt Demmer ein. Letztendlich sei Unterricht in der Schule eine handwerkliche Tätigkeit, in der Erfahrung zähle.
Das sieht auch Kathrin Nitsche so. Sie unterrichtet zusammen mit einer der ältesten Kolleginnen ihrer Schule, einer 62-Jährigen. „Die ist im Kopf jünger als so mancher Junglehrer“, betont Nitsche. Sie profitiere vor allem vom reichlichen Erfahrungsschatz der Älteren. „Die ist in Stresssituationen viel gelassener als ich“, lobt die Junglehrerin.
Jürgen Amendt, Redakteur
„Neues Deutschland“