Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
02.02.2010

Mädchen- und Jungenkonferenzen an der Laborschule

Was unter den Nägeln brennt: „Es gibt eben Themen, wenn wir z.B. über unsere Menstruation sprechen, die sollen die Jungen nicht mitbekommen.“
„Ich finde toll, dass wir mal nur unter Jungs sind. Die Spiele
machen mir den meisten Spaß.“

Gesprächskreise nur für Mädchen und nur für Jungen wurden nach einer Idee von Schülerinnen und Schülern entwickelt und erprobt. Sie sind seit 1990 fester Bestandteil des Gesamtkonzeptes einer „Geschlechterbewussten Pädagogik“ an der Laborschule Bielefeld. Diese Treffen, denen die Jugendlichen den Namen „Konferenzen“ gaben, gehören inzwischen in vielen Schulen zum Programm*.

Ihre Vorteile: Sie bieten Intimität, über sensible Themen – z. B. Sexualität – zu reden, die in der gemischten Gruppe sonst nicht zur Sprache kämen. 13- bis 15-Jährige können bei sexuellen Fragen, die sie beschäftigen, auch nicht warten, bis die Sexualkundeeinheit im über­nächsten Jahr ansteht. Auch Gewalterfahrungen oder -bedrohungen lassen sich besser in einer Gruppe ansprechen, in der Mädchen und Jungs unter sich sind. Sie schaffen einen geschützten Raum, in dem man sich ohne Tabu mit geschlechtsstereotypen Verhaltensweisen auseinandersetzen kann. So schärfen Mädchen und Jungen den Blick auf das eigene Geschlecht und lernen, individuelle Sichtweisen zu vertreten und zu schätzen.

Notenfreie Räume

Bestimmte Rahmenbedingungen haben sich bewährt: Jungenund Mädchenkonferenzen sollten möglichst regelmäßig stattfinden und fester Bestandteil des Schullebens sein. Sie sollten sich deutlich von anderen Unterrichtsstunden abheben, indem z. B. ein anderer Ort als das Klassenzimmer aufgesucht wird. Ideal ist, wenn man doppelt besetzte Verfügungs- oder Förderstunden nutzt, da dann zeitgleich mit dem anderen Geschlecht gearbeitet werden kann. Wichtig: Konferenzen sollten notenfreie Räume sein. Bewährt hat sich, dass die Mädchen und Jungen zunächst einmal über Fragen und Probleme sprechen können, die ihnen unter den Nägeln brennen und die sie nicht in ihrer Klasse thematisieren wollen. Zur Auflockerung sind Rollenspiele gut geeignet. Auch sollten gemeinsame Regeln erarbeitet werden, denen sich alle verpflichtet fühlen. Zu diesen zählen vor allem Verschwiegenheit und Vertrauen. Die Teilnahme an Übungen oder Spielen sollte freiwillig sein. So möchten z. B. nicht alle Jungen und Mädchen gern berührt werden oder selbst Mitschüler oder Mitschülerinnen anfassen. Ein weiteres wichtiges Prinzip ist Partizipation. Denn die Interessen der Jungen und Mädchen haben in diesen Konferenzen Vorrang: Sie bestimmen, was und wie diskutiert wird.

Auch die Leitung einer Konferenz kann man Schülerinnen und Schülern übertragen. Sie selbst betonen allerdings immer wieder, dass gerade in Konfliktsituationen eine erfahrene Lehrkraft notwendig sei, damit Einzelne sich schützen können.

Die Laborschule hat ihre Mädchen- und Jungenarbeit nie im kompensatorischen Sinn verstanden, als Ausgleich vermeintlicher Defizite der Geschlechter. Es ging und geht nicht darum, Mädchen auf „männliches Niveau“ bringen zu wollen bzw. Jungen „weibliche Eigenschaften“ anzutrainieren. Vielmehr sollen tradierte soziale Normen und Verhaltensweisen hinterfragt sowie Fähigkeiten und Stärken jedes Individuums gefördert werden – und dies in gemeinsamer wie auch getrennter Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern.

Christine Biermann, Didaktische
Leiterin der Laborschule des Landes Nordrhein-Westfalen
an der Universität Bielefeld

Literaturhinweis:
Biermann, Christine (2002): Das Thema „Geschlecht“ an der Laborschule Bielefeld in der Retrospektive. In: Koch-Priewe, Barbara (Hrsg.): Schulprogramme zur Mädchen- und Jungenförderung. Beltz-Verlag.
*Vgl. z. B. Modellprojekt des Sächsischen Bildungsinstitutes 2007; Schulprogramm der Gesamtschule Stieghorst Bielefeld.

/ zum Seitenanfang