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/ Jahrgang 2008
/ 06/2008
Schwerpunkt: Lokal handeln – vernetzt denkenEnde vergangenen Jahres lud die Wilma-Rudolph-Gesamtschule in Berlin Eltern und Schüler zu einem Afrikaabend ein. Nichts Ungewöhnliches – eigentlich. Der Abend bildete den Schlusspunkt eines mehrmonatigen fachübergreifenden Projektes, an dem die Fächer Politik, Darstellendes Spiel, Deutsch und Musik beteiligt waren. Die Lehrkräfte hatten vorher abgesprochen, dass im Politikunterricht als Beispiel für globale Entwicklung die wirtschaftliche und soziale Lage Ghanas und die damit zusammenhängende Migration der Bevölkerung bis hin zur risikoreichen Überfahrt der Bootsflüchtlinge behandelt, im Musikunterricht mit einem ghanaischen Musiker und im Darstellenden Spiel mit einem kenianischen Tänzer gearbeitet werden sollte. Der Deutschunterricht steuerte themenbezogene Texte bei, aus denen Schritt für Schritt eine szenische Präsentation entstand. Der Afrikaabend dokumentierte die Ergebnisse der interdisziplinären Arbeit im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in ihrer Vielfalt.
Grundsätzlich interdisziplinär
Sicher, derartige Projekte und Veranstaltungen gibt es bundesweit in vielfachen Varianten. Im Fall der Berliner Gesamtschule konnten die pädagogischen Aktivitäten durch externe Hilfe gut ergänzt werden. So wurde der Musiker von einer Nichtregierungsorganisation (NRO) finanziert, der Tänzer – über Elternkontakte vermittelt – arbeitete ehrenamtlich. Aus dem Elternkreis gesellte sich außerdem ein Dokumentarfilmer mit ghanaischem Hintergrund hinzu, der seinen Film über die Migrationsproblematik in Afrika zeigte.
Solche Bedingungen finden sich freilich nicht überall. Denn ein Grundsatzproblem der Praxis von BNE besteht darin, weltweite Zusammenhänge in ihrer Vernetzung zu erkennen und darzustellen. BNE ist grundsätzlich interdisziplinär angelegt. Das hängt mit den sehr komplexen Zukunftsaufgaben – z. B. Klimaschutz, Hungersnöte, Rohstoffknappheit – zusammen, die sie thematisiert. Hilfreich sind die Angebote von NROs, auf die Schulen inzwischen in vielen Bundesländern zurückgreifen können.
Für den Unterricht gilt: Folgen globaler Prozesse können lokal, regional und weltweit beschrieben werden. Globale Zusammenhänge erschließen sich auch durch die Betrachtung lokaler Probleme. So problematisiert das Unterrichtsprojekt „Katanga in der Lausitz“ Probleme des Rohstoffabbaus für die Lebenswelt von Menschen im Kongo genauso wie die Folgen des Braunkohleabbaus in der brandenburgischen Lausitz. Das lokale und regionale Umfeld ist sowohl als Ort für das Lernen als auch des Mitwirkens und Mitgestaltens von Bedeutung. Entscheidet sich das Team einer Bildungsinstitution, das Schulprofil im Sinne einer BNE neu auszurichten, sucht es am besten nach lokalen Kooperationspartnern und beteiligt diese an den geplanten Unterrichtsprojekten. Angebote kommen etwa von Organisationen wie dem DED-Schulprogramm in Berlin, dem Arbeitskreis „Eine Welt“ in Reutlingen oder dem Institut für angewandte Kulturforschung in Göttingen.
Viele Möglichkeiten
Natürlich gibt es auch andere pädagogische Methoden, sich dem Komplex BNE zu nähern, als es die Berliner Gesamtschule praktiziert hat. So können Bildungseinrichtungen komplette außerschulische Angebote nutzen. Ein Beispiel dafür ist im Raum Nordhessen/Südniedersachen das kooperative Bildungsprojekt „WeltGarten“ im Tropengewächshaus Witzenhausen der Universität Kassel. In Zusammenarbeit mit einem Weltladen und einer Reihe weiterer, z. T. kirchlicher Träger und NROs bündelt der „WeltGarten“ die Potenziale verschiedener Lernorte: Tropengewächshaus, Weltladen, Völkerkundemuseum und Kolonialbibliothek. Jährlich arbeiten dort einige tausend Schülerinnen und Schüler kritisch an kolonialer Geschichte, zum Fairen Handel, zur Biodiversität, zum Regenwald und zur Globalisierung. Bildung für nachhaltige Entwicklung trifft hier auf Globales Lernen, d. h. Umwelt und Entwicklung (wirtschaftliche, politische und soziale) werden aufeinander bezogen und vernetzt bearbeitet (www.weltgarten-witzenhausen.de).
Widerstände der Behörden
Trotz solcher Angebote ist es immer noch nicht selbstverständlich, dass sich Bildungsinstitutionen auf ihr lokales Umfeld beziehen und dabei mit Schülern globale Zusammenhänge entdecken und verstehen, weil es lange Zeit keine Ermutigung und oft Widerstände der Schulbehörden gab. Gleichzeitig sind Projekte wie internationale Schulpartnerschaften aufwändig und müssen gut beraten werden, damit sie nicht auf halbem Wege stecken bleiben und bei Schülern und Lehrpersonen genauso viel Frust zurückbleibt wie bei den internationalen Partnern. So vermittelt und begleitet der Verein „Schulwälder für West-Afrika“ aus Göttingen längerfristig mehrere Schulpartnerschaften, etwa die der Schule am Habbrügger Weg – Schule für Lernhilfe. Es gibt auch Handelspartnerschaften. Die Schülerfima „FairChoc“ am Hamburger Gymnasium Altona nahm zu der Kakaobauernkooperative CONACADO in der Dominikanischen Republik Kontakt auf. Eine Entwicklungshelferin war behilflich, der „Verein Weitblick“ der Hamburger Christuskirche begleitet das Projekt. Die Schüler verkaufen faire Produkte, sie und die Partner lernen Lebens- und Arbeitsbedingungen – auch bei gegenseitigen Besuchen – kennen. Finanziert wird dies über kirchliche Fonds und Stiftungen. Es sind gerade Lehrkräfte, die sich
ehrenamtlich engagieren und die Früchte ihres Engagements in die Schulen bringen. Das führte immerhin in den vergangenen Jahren vielerorts zu engerer Kooperation und Vernetzung von entwicklungspolitischem Lernen mit Umwelt- und Naturschutzbildung unter dem gemeinsamen Dach der BNE.
Globalisierung, Umwelt und Entwicklung geraten neuerdings mehr in den Blick derjenigen, die Bildung steuern. Globale Fragen haben inzwischen eine beachtliche Resonanz in Lehrplänen etlicher Bundesländer, in Handreichungen von Landesinstituten für Lehrerweiterbildung und (weniger) in Lehrbüchern gefunden. Der 2007 von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgelegte „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“ wird weitere Anstöße geben (s. Kasten). Auch an qualifizierten Unterrichtmaterialien mangelt es nicht (s. Seite 20). Für die Erschließung der Materialien, die von kleineren oder größeren NROs wie Misereor oder dem Evangelischen Entwicklungsdienst, aber auch dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) oder Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert werden, ist allerdings immer noch ein „Insiderwissen“ erforderlich. Zwar existieren Vernetzungsstrukturen, d. h. Zeitschriften, Internetportale etc., doch sie erreichen bisher nur einen kleineren Teil des Fachpersonals.
Knackpunkt Ausbildung
Knackpunkt bleibt aber nach wie vor die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Was dort oder in der Weiterbildung an Kenntnissen nicht vermittelt wird, findet später nur unter Schwierigkeiten Eingang in die Unterrichtspraxis. Dadurch, dass Rahmenlehr-, Lehr- und Bildungspläne jetzt neu konzipiert werden, entstehen hoffentlich verstärkt Sachzwänge, die wiederum neue Ansprüche an die Lehreraus- und -weiterbildung stellen. Dennoch: Der thematische Faden zur BNE wird bis heute von nur relativ wenigen Hochschulen aufgenommen. So findet man beispielsweise in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden für das Fach Politik (und Wirtschaft) bundesweit nicht einmal eine handvoll Hochschulstandorte, an denen strukturiert BNE-Themen eingebracht werden.
Die Ausdünnung der Lehrerweiterbildung und die Abnahme von Unterstützungsstrukturen der stark geschrumpften Landesinstitute für Lehreraus- und -weiterbildung verhindern zusätzlich einen schnellen Ausbau dieses zukunftsrelevanten Bereiches.
Bernd Overwien,
Professor für Didaktik der Politischen Bildung an der Uni Kassel