/ GEW-Webservices
/ Download
/ Zeitschriften
/ E&W
/ E&W-Artikelarchiv
/ Jahrgang 2011
/ 10/2011
/ E&W-Schwerpunkt 10/2011 Anders bauen – besser lernen
SP Anders Bauen: DiehlIm Bonner Stadtteil Mehlem treffen viele Nationen und viele soziale Schichten zusammen. Und nicht alle Eltern waren anfangs begeistert, als die beiden Grundschulen zum Schuljahr 2003/2004 zur Katholischen Grundschule zusammengelegt wurden. Doch die Entwicklung der Schule überzeugte bald. Gemeinsam mit der Uni Köln hatte das Kollegium ein interkulturelles Gesamtkonzept erarbeitet.
Zwei Jahre versuchten Lehrkräfte und Eltern, wenigstens etwas vom Konzept in den Räumen sichtbar zu machen: mit neuen Anstrichen, Farben und Vorhängen. Doch Wände konnten sie nicht einreißen und gegen die kaputten Fenster, die teilweise mit Brettern abgedichtet werden mussten, kamen sie nicht mehr an.
„Dann erhielt ich einen Anruf der Montag-Stiftungen“, erinnert sich Schulleiterin Annie-Katherina Kawka-Wegmann. Die von dem Bildenden Künstler und Bauunternehmer Carl Richard Montag gegründete Montag Stiftung Urbane Räume sowie die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft gehören unterdessen zu den führenden Akteuren, wenn es in Deutschland um innovative Konzepte für Bildungsbauten geht. Die Stiftungen initiieren und begleiten Planungsprozesse, beraten Schulen und Kommunen und liefern mit der Online-Datenbank „Lernräume Aktuell“ Inspirationen für Schulen und Kitas.
Ein Jahr lang trafen sich die Mehlemer Lehrkräfte und Eltern regelmäßig mit den Verantwortlichen der Stiftungen, diskutierten, entwickelten Pläne und änderten sie wieder. Konflikte und Kompromisse sind vorprogrammiert, wenn die in diesem Prozess entwickelten Visionen von pädagogischer Architektur mit Vorstellungen und Vorgaben der Verwaltung zusammenprallen. „Unsere Fragestellung war von Anfang an, wie wir das pädagogische Konzept vor Ort mit einer Architektur übersetzen können“, erklärt Karl-Heinz Imhäuser, Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Dazu gehörte auch der Wunsch, die Bildungskette vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr durchgängig zu gestalten. „Eine für die Stadt Bonn zunächst etwas fremde Idee.“ Die aber dennoch Wirklichkeit wurde: Auf dem Schulgelände entstand nämlich eine neue Ganztags-Kita.
Was sich nicht realisieren ließ, war ein offeneres Raumkonzept, wie man es aus skandinavischen Ländern und auch aus einigen deutschen Schulen kennt. Komplett aufschiebbare Klassenwände scheiterten an den Vorstellungen der Verwaltung, auch am deutlichen Hinweis, dass dies noch mehr Begehrlichkeiten bei anderen Schulen wecken könnte. Gelungen hingegen ist etwas anderes: Es gibt drei statt einem Lehrerzimmer – und die sind dicht an den Klassenräumen. „Denn“, so Planer Imhäuser, „es ist wichtig, dass Schüler ihre Lehrkräfte auch jenseits der Unterrichtssituation erleben.“
Dorf im Dorf
Das bunte Ensemble aus drei Schulgebäuden, dem Verwaltungstrakt und der Kita wirkt wie ein Dorf im Dorf und der Schulhof wie der Dorfplatz. Bestimmend sind Farbe und Licht: warme Orangetöne, Fenster, die bis zum Boden reichen, und Glastüren, die aus den Klassenzimmern ins Freie führen. In einigen Klassen laden Liegestühle auf den Freiflächen die Kinder zum Lesen oder zum Träumen ein.
Es gibt keine traditionellen Klassenräume, sondern Einheiten, bestehend aus dem Klassenvorraum mit einem Waschbecken, der auch Platz für Schuhe und Jacken bietet. Vom 90 Quadratmeter großen Klassenraum zweigt außerdem ein Nebenraum ab, der für individuelle Förderung, Sprachunterricht, zur Computerrecherche oder zum konzentrierten Lernen genutzt werden kann.
Das Herz der Schule aber ist die große Eingangshalle des mittleren Gebäudes. „Die Kinder lieben diese Aula“, erzählt Pädagogin Kawka-Wegmann. „Hier werden die Schüler gekürt, die sich durch etwas ausgezeichnet haben, was nicht im Zeugnis steht. Hier präsentieren sie die Projekte ihrer Klassen. Dieser Raum schafft eine große Gemeinschaft.“ Und zwar längst nicht mehr nur für Schüler und Lehrende: „Es ist doch mittlerweile klar, dass Kommunen einen Mehrwert haben, wenn sie Bildungsorte auch als Zentren für kommunale Angelegenheiten verstehen“, weiß Karl-Heinz Imhäuser.
Und auch bei einem anderen Thema ziehen die Schulträger unterdessen mit: Die energetische Sanierung und das energetische Bauen sind beinahe selbstverständlich, schließlich sind solche Entscheidungen auf lange Sicht gut für den Stadtsäckel.
Sternförmig zweigen von der Aula die sechs Räume der offenen Ganztagsschule ab. Hier verbringen 150 der 340 Kinder ihre Nachmittage. In Räumen, die sich mit großen Fenstern und Türen nach außen öffnen, die Platz zum Essen, zum Lernen, aber auch zum Toben oder Ausruhen bieten.
Die Kita ist der Schule in Farbgestaltung und Architektur sehr ähnlich, auch hier reichen die Fenster bis zum Boden, bestimmen warme Töne die Räume. Im offenen Eingangsraum sitzen heute Mittag einige Erst- und Zweitklässler bei den Hausaufgaben. „Für die Kinder gibt es keine Grenzen zwischen Kita und Schule“, erklärt Kita-Leiterin Angelika Zehnder. Früh schon haben ihre Schützlinge Kontakt zur Schule. Später besuchen die Grundschüler gern ihre alte Kita. Die Einrichtung in Mehlem arbeitet nach einem teiloffenen Konzept: Am Morgen spielen und lernen die unter Dreijährigen und die größeren Kinder getrennt in ihren Gruppenräumen. Später treffen sie sich im Konstruktions-, im Rollenspiel- oder im Bewegungsraum.
Teil der Kommune
Die Grundschule, der offene Ganztagsbereich und die Kita: Diese Bildungslandschaft im Kleinen ist in kurzer Zeit sowohl Lebens- und Lernraum für Kinder, Pädagogen und Eltern als auch Teil der Kommune geworden. „Ich habe hier nicht das Gefühl, dass ich unbedingt nachmittags nach Hause gehen muss“, sagt Schulleiterin Kawka-Wegmann. So geht es auch vielen Müttern und Vätern. Für sie ist die Schule zum wichtigen Treffpunkt geworden. Und dafür muss die Bauplanung wohl noch einmal aktiv werden. „Was fehlt, ist ein Pavillon oder eine Teestube.“
Immer wieder sind es also Etappenziele, die erreicht werden. Künftig wird man Schulen anders bauen müssen, da ist sich Stiftungsvorstand Imhäuser sicher. Für neue Konzepte sorge allein schon die angestrebte Inklusion. „Wenn die großen Förderschulen aufgelöst werden, brauchen wir in Schulen ganz andere Räumlichkeiten und müssen sie anders ausstatten.“
Ein gutes Beispiel, wie Schulen gestaltet werden können, in denen Kinder mit ganz unterschiedlichen Behinderungen lernen und leben, ist die Schule Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Für sie alle sollte eine gemeinsame Schule gebaut werden. Eine Herausforderung, der sich die Bielefelder Architektin Elke Maria Alberts mit ihrem Team und einem besonderen Konzept gestellt hat. Seit Jahren arbeitet auch Marc Wübbenhorst als pädagogischer Mitarbeiter in ihrem Architekturbüro. Der Pädagoge sieht sich als „Übersetzer“ zwischen der Welt der Architektur und der Schule. Außerdem geht Architektin Alberts mit dem pädagogischen Bauausschuss konsequent neue Wege. „Der pädagogische Bauausschuss wird weit vor den ersten Zeichnungen ins Leben gerufen“, erklärt sie. „Wir sprechen erst miteinander – das kann zwei Jahre dauern – ehe dann die konkreten Planungen stattfinden.“
Hausmeister mit im Boot
Im pädagogischen Bauausschuss versuchen Lehrkräfte und Schulleitung gemeinsam mit dem Architekten, das pädagogische Konzept in ein Bauvorhaben zu übertragen. Mit im Boot ist auch der Hausmeister. Alberts: „Er gehört zu den wichtigsten Personen im Bauausschuss, er kennt jede Ecke des Schulgebäudes und auch alle Mängel.“ Die Interessen der Schüler, so sieht es das Konzept von Architektin Alberts vor, werden dem Ausschuss von den Pädagogen übermittelt. Dessen bauliche Vorstellungen landen dann dort, wo die Entscheidungen fallen: beim Schulträger. Viele Wünsche würden realisiert, einige scheiterten an festgefahrenen Auffassungen, andere an finanziellen Hürden, erklärt die Architektin. So besteht zwar oft Einigkeit darüber, dass möglichst mit baubiologisch guten Materialien gearbeitet werden soll, sobald aber die Kosten bekannt werden, nähmen viele Bauträger davon Abstand.
Ideal ausgestattet
Auch in der Schule Wittekindshof gibt es keine einzelnen Klassenräume, sondern Lerneinheiten, bestehend aus einem großen Unterrichts-, einem Gruppenraum mit Küchenzeile und einem Materialraum. Mit leicht transportierbaren Hockern, die an den Wänden gestapelt werden, können die mittleren Flure außerdem in Unterrichtsräume verwandelt werden. Beamer und Leinwände sorgen für die notwendige technische Ausstattung. Im September sind die Schüler mit Pauken und Trompeten in ihre neue Schule eingezogen. Bald schon werden demografische Entwicklung und inklusiver Unterricht für einen deutlichen Rückgang der Schülerzahlen sorgen. Dann wird die Schule nicht mehr ausgelastet sein, es sei denn, aus der Förderschule wird eine Schule für alle Kinder. „Wir sind für solche Inklusionskonzepte offen“, erklärt Schulleiter Andreas Becker-Brandt. Und: „Vieles von dem, was eine Schule sich an Ausstattung wünscht, ist hier vorhanden.“
Ute Diehl,
freie Journalistin
Dazu haben Sie etwas zu sagen? Dann schreiben Sie einen Kommentar und lesen Sie, was andere geschrieben haben.
/ Mitdiskutieren!