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06.01.2012

Leistungsbewertung in Kitas?

Bayern entwickelt ehrgeizigen Plan für Kitas – zum Wohl der Kinder?

Fähigkeit zur demokratischen Teilhabe, motorische Kompetenzen und Resilienz (Widerstandsfähigkeit – Anm. d. Red.) – all dies sollen laut dem Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan (BEP) bereits die Kinder in den Kitas entwickeln und dabei Unterstützung durch die Erzieherinnen erhalten. „Gemeinsame Bildungsleitlinien“ sollen bayerische Kitas ab 2012 „anschlussfähig“ zur Grundschule machen. Zu viele ehrgeizige Ziele in der frühkindlichen Bildung?

„Das unbekümmerte Spiel muss im Kindergarten den größten Raum einnehmen“, dafür plädiert Gottfried Koppold, stellvertretender GEW-Vorsitzender in Bayern. Doch eben das sei inzwischen bedroht: „Der Druck der Schule auf die Kindergärten nimmt zu.“ Nicht zuletzt deshalb, weil die Grundschulen selbst einem höheren Erwartungsdruck durch Eltern und weiterführende Schulen ausgesetzt sind. Darum verlangen sie immer öfter, dass Kinder beim Schulstart schon stillsitzen, sich konzentrieren, mit der Schere umgehen, ihren Namen schreiben und bis Zehn zählen können.

Die Situation, befürchtet Koppold, könnte sich durch die neuen „Gemeinsamen Bildungsleitlinien“ von Kita und Grundschule noch verschlimmern. Das Kind als aktiver Mitgestalter seiner Bildung soll den Leitlinien zufolge zwar weiterhin im Mittelpunkt stehen. Doch das Schlagwort von der „Anschlussfähigkeit“ könnte allzu leicht missbraucht werden. Mit Verweis hierauf könnten Eltern zum Beispiel noch vehementer als bisher fordern, dass ihr Kind in der Kita möglichst viel lerne, was ihm „im Anschluss“ in der Schule nütze.

Wunschkatalog der Eltern

Auch GEW-Jugendhilfeexperte Norbert Hocke kennt den langen Wunschkatalog leistungsbewusster Eltern, deren Kind eine Kita besucht, und wendet ein: „Es gibt eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrern, die gar nicht wollen, dass Kinder in der Kita ‚schulfit’ gemacht werden.“ Hocke spricht sich deshalb für gemeinsame Elternabende mit Erzieherinnen und Lehrkräften aus, um Erwartungen abzuklären und Überforderungen auszuschließen. Ein Unding hingegen sei, so das GEWVorstandsmitglied, wenn Lehrkräfte in den Kitas beispielsweise Sprachtests machen.

Der Einwand, dass bereits kleine Kinder etwas leisten möchten, lasse sich aber nicht einfach abtun. „Kinder zwischen null und sechs Jahren lernen mehr als in ihrem gesamten weiteren Lebensverlauf“, unterstreicht der GEW-Experte. Die Kinder forderten sich selbst wechselseitig Leistung ab. „Die Frage ist nur, was wir Erwachsenen daraus machen.“ Auf keinen Fall dürfe die Kita mit üblichem Schulleistungsverhalten belastet werden: „Kinder müssen in den ersten sechs Jahren ihre Leistungsschritte im eigenen Tempo gehen können und sich selbst dabei regulieren dürfen.“

Auch das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München, das den „Gemeinsamen Bildungsplan“ für Bayern federführend konzipiert hat, will darin altersbedingte Leistungsniveaus berücksichtigen. Zugrunde gelegt werde, so die stellvertretende Institutsleiterin Eva Reichert-Garschhammer, ein neu definierter Leistungsbegriff, der danach frage, was Lernende stark mache und gesund erhalte. Die Beachtung der Leistungsfähigkeit solle Vorrang vor der Leistungsbeurteilung haben. Leistung, so Reichert-Garschhammer, habe heute nichts mehr mit purer Wissensaneignung zu tun.

Das klingt gut. „Tatsächlich wird jedoch noch oft von bewusster Anstrengung beim Lernen ausgegangen“, zeigt sich Hocke skeptisch. Dabei entwickelten sich Motorik, Akustik und Optik bei kleinen Kindern auf einer eher unbewussten Ebene. Erzieherinnen sollten deshalb Entwicklungsbegleiterinnen und niemals Leistungsmesserinnen sein, betont der Gewerkschafter. Welch seltsame Blüten der Hang zur Leistungsbewertung treiben kann, zeigt der Blick nach Mecklenburg-Vorpommern: Hier werden inzwischen 15 Prozent aller Kinder, die eingeschult werden könnten, für noch nicht schulfähig erklärt.

Pat Christ,
freie Journalistin

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