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/ Jahrgang 2009
/ 11/2009
LEGO: Lehrkräfte verzweifelt gesuchtZwei Daten machen mehr als alle differenzierteren Statistiken die Lage auf dem Teilarbeitsmarkt Schule deutlich: 2008 sind deutschlandweit 25 827 Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst eingestellt worden. Im gleichen Jahr „lieferte“ der Vorbereitungsdienst jedoch nur 23.612 neu ausgebildete Pädagogen. Bereits bei den Einstellungen des Jahres 2008 mussten die Länder – dies zeigt der Vergleich der beiden Daten – auf „Altbewerber“ und „Seiteneinsteiger“ (700) zurückgreifen. Die schwierige Situation, die sich in diesen Daten des vergangenen Einstellungsjahres widerspiegelt, betrifft vor allem die so genannten Mangelfächer.
Abwerbekampagnen einzelner Bundesländer ebenso wie die Absichtserklärung der Kultusministerkonferenz (KMK) in Stralsund im März 2009, den Wettbewerb um Lehrer und Lehrerinnen untereinander „fair“ zu gestalten, können als Vorboten eines beachtlichen Lehrermangels begriffen werden. Die KMK, die zuletzt 2003 eine bundesweite Einschätzung der Entwicklungen auf dem Teilarbeitsmarkt Schule vorgelegt hatte, will sich jetzt über die kommende Mangelsituation Klarheit verschaffen: Im vergangenen Juni beschloss sie die Erarbeitung einer „Modellrechnung 2010 bis 2020“. Man kann davon ausgehen, dass deren Ergebnisse nicht nennenswert vor dem Sommer 2010 vorliegen – sieben Jahre nach der zuletzt veröffentlichten Prognose. Von dieser Untersuchung ist kaum zu erwarten, dass sich ihre Ergebnisse wesentlich von den Befunden einer Studie zum Teilarbeitsmarkt Schule unterscheiden werden, die ich bereits im Sommer 2009 präsentiert habe und im Folgenden skizziere.
Künftiger Einstellungsbedarf
Für den in Zukunft zu erwartenden jährlichen Einstellungsbedarf sind drei Elemente bedeutsam: die Altersstruktur der Kollegien, die Entwicklung der Schülerzahlen sowie die Betreuungsrelationen, also die Zahl der Schüler und Schülerinnen, die je Lehrerstelle angesetzt wird.
Von 2007 bis 2015 scheiden von den derzeit rund 800.000 Lehrkräften an deutschen Schulen rund 300 000 aus. Weitere 160.000 folgen bis zum Jahr 2020.
In den Jahren bis 2015 werden die Schülerzahlen in Folge der demographischen Entwicklung von knapp zwölf Millionen im Jahr 2007 bis 2015 auf 10,6 Millionen und bis 2020 auf 10,1 Millionen sinken – von über 88 Prozent auf nur noch 84 Prozent der Ausgangszahlen.
„Sparvariante“
Wenn man die Zahl der Lehrenden im gleichen Umfang verringert, man also in den Schulen den Rückgang der Schülerzahlen nicht für eine Verbesserung der Lehrerversorgung nutzt, müssten in dieser „Sparvariante“ in den Jahren bis 2015 jährlich 27 000 und in den Jahren bis 2020 jährlich etwa 25 000 Lehrer und Lehrerinnen neu in den Schuldienst eingestellt werden (s. Tabelle). Diese Variante würde – um Beispiele zu nennen – den Ausbau der Ganztagsschulen, die Verkleinerung der Klassengrößen und auch jede Zurücknahme der Arbeitszeiterhöhungen der vergangenen Jahre ausschließen.
Würde man allerdings, so wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten im Herbst 2008 auf dem „Bildungshügel“ in Dresden verabredet haben, den Rückgang der Schülerzahlen „insbesondere zur Verbesserung der Bildungsqualität“ nutzen, müssten die Länder in dieser „Hügelvariante“ bis 2015 jährlich bis zu 38 000 und in den fünf Jahren danach jährlich bis zu 32 000 Lehrkräfte neu einstellen. Erst eine an diesen Werten orientierte Einstellungspolitik böte eine personelle Basis dafür, wenigstens einen Teil der immer wieder angekündigten Verbesserungen des Schulalltags durchzusetzen.
Neueinstellungen in den Schuldienst: zwei Modellrechnungen
Jährliche Einstellungszahlen von Lehrkräften – Deutschland insgesamt
| Einstellungszeitraum | bis 2015 | 2015 bis 2020 |
| „Sparvariante“ | 27.000 | 25.000 |
| „Hügelvariante“ | 38.000 | 32.000 |
Zu wenig Lehramtsstudierende
Geht man der Frage nach, ob dem so ermittelten Einstellungsbedarf ein entsprechendes Angebot neu ausgebildeter Pädagoginnen und Pädagogen gegenüberstehe, stößt man auf ein betrübliches Bild: In den vergangenen Jahren haben sich jährlich zwischen 45 000 und 50 000 Studierende in ein erstes Fachsemester der Lehramtsstudiengänge eingeschrieben. Im Durchschnitt der Studiengänge für die unterschiedlichen Schulformen werden – dies zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre – etwa 60 Prozent ihr Lehramtsstudium erfolgreich abschließen; weitere zehn Prozent der Ausgangskohorte gehen dann auf dem Weg durch das Referendariat bis hin zur Bewerbung um eine Stelle im Schuldienst „verloren“. Wenn diese Werte nicht drastisch verbessert werden (und dafür spricht angesichts der überfüllten Hochschulen und der Studienbedingungen gar nichts), ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren jährlich zwischen 22 500 und 25 000 fertig ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Diese Zahl wird nicht einmal ausreichen, den Bedarf der „Sparvariante“ zu decken – geschweige denn den der „Hügelvariante“. Noch kritischer als diese Daten es signalisieren, wird die Lage dadurch, dass die verfügbaren Lehrer und Lehrerinnen vielfach nicht für die Schulformen und die Unterrichtsfächer, die nachgefragt werden, ausgebildet sein werden. Das heißt, auch die künftige Entwicklung wird nicht nur durch Lehrermangel in einzelnen Unterrichtsfächern und Schulformen, sondern auch durch Lehrerarbeitslosigkeit in „Überschussfächern“ gekennzeichnet sein.
Eine länderspezifische Analyse der Ausbildungszahlen verweist auf ein weiteres Problem: Die ohnedies zu geringe Zahl ausgebildeter Pädagoginnen und Pädagogen wird von den Ländern nicht angemessen verteilt ausgebildet: Vergleicht man die Anteile der Lehramtsstudierenden im 1. Fachsemester 2008 mit denen der Schülerzahlen im Schuljahr 2007/08, zeigen die aktuellen Daten, dass Bayern und Rheinland-Pfalz klar überproportional ausbilden, während Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit ihren Erstsemesteranteilen deutlich hinter ihren Anteilen an den Schülerzahlen zurückbleiben. Insgesamt lassen sich mit Blick auf den Teilarbeitsmarkt Schule für die kommenden Jahre ein bedrohlicher Mangel und – was die Länderverteilung bei der Ausbildung angeht – Ungleichgewichte prognostizieren. Zusammen eröffnet dies ein weites Feld für einen sich verschärfenden Wettbewerb. Die Instrumente, mit denen die Länder die Lehrer-Arbeitsplätze attraktiv machen können, sind vielfältig: Sie können die Altersgrenze für Verbeamtungen flexibel handhaben oder in Konkurrenz zu anderen die wöchentliche Unterrichtsverpflichtung geringer halten. Hinzu gekommen ist, dass seit der Föderalismusreform das Recht, die Höhe der Besoldung festzusetzen, ausschließlich bei den Ländern liegt. Mit der länderspezifischen Ausdifferenzierung der Arbeitsbedingungen, der Einstellungsmodalitäten und der Besoldung gibt es ein Umfeld, in dem – das vorherzusagen ist wenig gewagt – die wirtschaftlich stärkeren Bundesländer dominieren werden. Ob die Fairness, der sie sich wechselseitig versichert haben, die wirtschaftlich starken Länder davon abhalten wird, den schwächeren die „Mangelfachlehrer“ „wegzukaufen“, bleibt abzuwarten.
Klaus Klemm,
Bildungsforscher, em. Professor an der Gesamthochschule, Duisburg-Essen