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/ Jahrgang 2012
/ 01/2012
Länderserie: Mecklenburg-VorpommernAnnett Lindner sah die Sache recht nüchtern: Mit jeder Legislatur käme doch eh nur ein anderer Bildungsminister und jage wieder eine neue Sau durchs Dorf, kommentierte die Vorsitzende der GEW Mecklenburg-Vorpommern die bevorstehenden Wahlen in ihrem Land (vgl. E&W 7-8/2011). Im September wählte sich das nordöstlichste Bundesland erneut eine SPDgeführte Große Koalition mit der CDU als Regierung.
Es heißt: Hierher ziehen wollen nur wenige, aber wer hier lebe, wolle nicht mehr weg. Ganz kann das nicht stimmen. Von den 16 Bundesländern ist Mecklenburg-Vorpommern flächenmäßig das drittgrößte, aber nur im Saarland und in Bremen leben weniger Menschen. Die 1,6 Millionen Bewohner haben mit einer Arbeitslosenquote von elf Prozent und einer wegbrechenden Infrastruktur in den ländlichen Gebieten zu kämpfen. Zu viele zieht es deshalb fort: Seit der Wende ist das Land um eine knappe viertel Million Menschen geschrumpft.
Wohl auch, um für junge Familien attraktiver zu werden, pumpt das Land derzeit 40 Millionen zusätzliche Euro in die Kinderbetreuung. Es verzichtet auf Studiengebühren, um mehr Studierende an die mecklenburgischen Hochschulen zu locken. Letzteres mit Erfolg: Der Anteil der Studienanfänger, die ihr Abitur im Westen gemacht haben und im Osten studieren, hat sich von 19 Prozent im Wintersemester 2008/2009 auf aktuell 42 Prozent erhöht.*
Allerdings: Viele frisch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer suchen ihr Glück anderswo. Denn nach dem Referendariat fehlt ihnen die Aussicht auf Verbeamtung. Als Angestellte verdienen sie netto weniger, teilweise mehrere hundert Euro, als ihre verbeamteten Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern, obwohl sie 27 bzw. (in Grundschulen) 27,5 Unterrichtsstunden pro Woche schultern müssen. BadenWürttemberg und Hamburg etwa nutzen die offene Flanke und werben junge qualifizierte Kräfte mit allerlei Vergünstigungen ab. Das Problem: Berlin und die fünf neuen Länder tragen zwar die Ausbildungskosten, aber die wohlhabenderen Bundesländer im Westen fahren die Ernte ein (s. E&W 7-8/2009).
Regierung spielt auf Zeit
Dass sich angehende Pädagoginnen und Pädagogen schwer tun zu bleiben, weiß Mathias Brodkorb. „Die Beschäftigungsbedingungen müssen so attraktiv gestaltet sein, dass die Lehrkräfte nicht mehr das Land verlassen. Das ist das Kernproblem“, sagt der 34-Jährige. Als frisch ernannter SPD-Bildungsminister schreibt sich Brodkorb eine „neue Kultur der Kommunikation“ auf die Fahne. Er sei „überzeugt davon, dass sich Lehrer wohlfühlen müssen, um zu brennen, sonst können sie nicht das Feuer für das Lernen wecken“. Bildung lediglich vom Geld her zu denken, stört den studierten Philosophen: „Wir sind kein Finanz-, sondern ein Bildungsministerium.“ Eine Expertenrunde „auch mit den großen Verbänden“ solle „schonungslos und ohne Scheuklappen“ alle schulischen Probleme untersuchen – „ob Unterrichtsverpflichtung oder Verbeamtung“.
Dass der GEW-Landesverband kritisiert, die Regierung spiele mit Prüfaufträgen auf Zeit, ficht ihn nicht an: „Seid froh! Wie wäre es denn, wenn fünf Großreformen im Koalitionsvertrag stünden?“ In der Tat: Von Umwälzungen will im Land kaum noch jemand etwas wissen. Der Grund: Pädagogen, Eltern und Schüler mussten binnen weniger Jahre mehrere Umstrukturierungen bewältigen: Nach der Wende sattelte das Land erst auf Drei-, mit dem Schuljahr 2002/03 wieder auf Zweigliedrigkeit um. Die Haupt- und Realschulen verschmolzen flächendeckend zu Regionalen Schulen, die zur Berufsreife oder Mittleren Reife führen. 2006/2007 führte die Landesregierung die schulartunabhängige Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6 ein, in der Kinder im Anschluss an die Grundschule (allerdings nur) an Regional- und Gesamtschulen sowie an Sport- und Musikgymnasien länger gemeinsam lernen können. 2008 wurde das Abitur nach zwölf Jahren, das bis 2001 die Regel war, wieder eingeführt. Gleichzeitig mussten die Schulen die Selbstständigkeit proben. Mit dem Schuljahr 2010/11 ist die „Inklusion“ per Verordnung eingeführt worden.
Fakt ist: SPD und CDU verzichten auf weitere Veränderungen im Schulsystem und bleiben beim Thema Bildung in ihrer neuen Vereinbarung weitgehend vage: „Die Koalitionspartner bekennen sich zur UN-Behindertenrechtskonvention“, heißt es lapidar, „ein schlüssiges Gesamtkonzept einschließlich einzelner Umsetzungsschritte und Zeitpläne“ wolle man erst noch erarbeiten. Solche Sätze ärgern Annett Lindner. Die Koalition sei doch schon lange an der Regierung: „Was müssen die jetzt noch prüfen? Und: Es muss endlich etwas getan werden, damit die Arbeitsbedingungen attraktiver werden!“
Tina Fritsche,
freie Journalistin