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/ Jahrgang 2009
/ 11/2009
GastkommentarDie Gleichung, dass ein Staat eine Kultur verkörpere, ist längst von der Realität überholt: Türkische Hochkultur ist ebenso Teil Deutschlands wie die Kultur der portugiesisch-sprachigen Welt Afrikas Teil Portugals ist. Kulturen wandeln sich, orientieren sich eher an Fragestellungen und Zielen denn an sprachlichen oder staatlichen Grenzen – wir müssen deshalb über einen neuen Begriff kultureller Identität nachdenken.
Erinnern wir uns an die unseligen Debatten um eine deutsche Leitkultur, die krampfhaften Definitionsversuche einer Nationalkultur sowie das Ringen darum, Deutschland als Kulturnation zu verstehen. Dahinter stand im Grunde die Frage nach dem Selbstverständnis deutscher Kultur im Wandel durch Globalisierung. Die Liste der Künstler anderer kultureller Herkunft, die in Deutschland leben und sich als Teil deutscher Kultur empfinden, ist lang: die Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Ilja Trojanow sowie der Filmemacher Harun Farocki stehen als Namen für viele. Deutsche Kultur hört mit Kulturträgern anderer sprachlicher und kultureller Wurzeln nicht auf zu existieren – im Gegenteil: sie ist so lebendig wie nie zuvor, weil sie eine wunderbare Offenheit und kreative Produktivität auszeichnet. Das muss Einfluss auf Auswärtige Kulturpolitik haben.
Denken in internationalen Netzwerken (UNESCO, EUNIC [eine Partnerschaft nationaler Kulturinstitute]) bedeutet nicht nur, Kooperationen, sondern ebenso Einbindung in globale Kultur-Diskurse zu suchen; das Prinzip des Dialogs meint nicht nur partnerschaftliche Zusammenarbeit, sondern ebenso Bereitschaft zur eigenen Veränderung.
Auswärtige Kulturpolitik hat in den vergangenen vier Jahren einen Aufschwung erlebt. Fast alle Kultur-Institutionen konnten stabilere interne Strukturen entwickeln und haben sich – v. a. im Rahmen von Sonderprogrammen – besonders um die deutsche Sprache, die Länder Afrikas, China, um Bildung und Wissenschaft gekümmert.
Der erste wirkliche Paradigmenwechsel in der AKBP erfolgte mit der Einführung des Erweiterten Kulturbegriffs durch den Soziologen Ralf Dahrendorf, der 1970 als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt (AA) endgültig das „Gute, Wahre und Schöne“ deutscher Kultur verabschiedete bzw. es um die kulturellen und zivilisatorischen Gegenwartsprobleme ergänzt haben wollte. Dahrendorf setzte auf dialogische und partnerschaftliche Kulturarbeit.
Der letzte Paradigmenwechsel geschah vor bereits zehn Jahren unter der Ägide des grünen Außenministers Joschka Fischer. Fischers „Konzeption 2000“ rückte Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in den Zusammenhang der Konfliktprävention in Krisenregionen. Heute gilt es, gemeinsam, unter Einbezug von Wissenschaft, nationaler Kulturpolitik und Entwicklungszusammenarbeit, neue kulturpolitische Leitlinien zu entwickeln. Dafür sollte der neue Außenminister Guido Westerwelle (FDP) ein interdisziplinäres Denkforum initiieren.
Die Globalisierung führte zu Fragen des Bewahrens oder des Verlustes nationaler Identität, die wilde Ökonomisierung unserer Gesellschaften hat uns soziale Probleme weltweiten Ausmaßes beschert und manche Werte und kulturelle Errungenschaften dem Zynismus der Gewinnmaximierung preisgegeben.
Galt die Auswärtige Kulturpolitik – seit Willy Brandt (SPD) und Dahrendorf – als dritte Säule der Außenpolitik (neben der Sicherheits- und der Wirtschaftspolitik), so setzt sich nun die Erkenntnis durch, dass kulturelle Verständigung zwischen den Nationen, Ethnien und Religionen überhaupt die Grundlage von Diplomatie und Außenhandel ist.
Ronald Grätz,
Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA)