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/ Jahrgang 2010
/ 03/2010
Bildungspolitik: QualifikationsrahmenOliver zum Beispiel könnte davon profitieren. Der Zimmermann, der seine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hat, würde gerne ein Wirtschaftsstudium absolvieren – vielleicht sogar im Ausland. Er will sich die betriebswirtschaftlichen Grundlagen für die spätere Selbstständigkeit aneignen, am liebsten berufsbegleitend. Formal muss er dafür bisher in den meisten Bundesländern das Abitur nachholen, was ein wenig attraktiver, weil langwieriger und mühseliger Weg ist. Künftig könnte das leichter werden. Denn der Deutsche wie der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) sollen unterstützen, die Sackgassen und Umwege in der Bildungslandschaft abzuschaffen. Sie werden auch die Notwendigkeit aufzeigen, Übergänge von der beruflichen in die tertiäre Bildung zu erleichtern und dadurch mehr Bildungsmobilität zu erreichen. Man traut es einem Wortungetüm wie dem „Qualifikationsrahmen“ nicht zu, aber prinzipiell ist es so gedacht: erstmals alle möglichen Abschlüsse auf einer Art Landkarte der Qualifikationen zu verzeichnen.
Insgesamt hat der Rahmen acht Qualifikationsstufen, die vom Ungelernten auf Niveau eins über den Gesellen auf Niveau vier oder fünf bis zu Niveau sieben und acht reichen, auf diesen sollen sich Master und Promovierte einordnen. Denn anders als bisher sollen nicht mehr nur Zertifikate und Zeugnisse zählen – sondern auch en passant erworbene informelle Kompetenzen. Das bedeutet, der Promovierte bringt z .B. seinen Doktortitel ein, der Computerexperte seine Programmierkenntnisse, die Mutter und Hausfrau ihre Managementkompetenzen. „Der Qualifikationsrahmen gibt erstmals Orientierung in der Bildungslandschaft“, sagt der Karlsruher Bildungsforscher Ludwig Paul Häußner. „Jedes noch so kleine Bildungsbausteinchen kann künftig zum Bau eines Bildungshauses genutzt werden.“ Vorher muss der Bundestag allerdings den DQR mit Zustimmung der Länder beschließen.
So weit die schöne Theorie. Aber gab es da aus Europa nicht schon einmal einen rosaroten Plan namens Bachelor-Master – gegen den im deutschsprachigen Raum Hunderttausende Studenten im vergangenen Jahr protestiert haben (s. E &W 6 und 7-8/2009), weil er seine Ziele weit verfehlte?
KMK tut sich schwer
Gute Idee – fragwürdige Umsetzung. Wie dem Bologna-Prozess so könnte es auch dem Qualifikationsrahmen ergehen. Der soll erstmals berufliche Bildung einerseits sowie allgemeine und akademische andererseits transparent machen. Aber, so hat ein Gutachten von Peter Dehnbostel und anderen im Auftrag der GEW nachgewiesen*: „Der im Übergangssystem seit Jahren zu beobachtende Ausschluss benachteiligter Jugendlicher von ganzheitlichen Ausbildungs- und Berufschancen könnte [dadurch, Anm.d.Red.] erheblich verstärkt werden.“
Anteil daran hat auch die Kultusministerkonferenz (KMK), die sich schwer tut, den Grundsatz der Anerkennung aller erworbener Kompetenzen umzusetzen. Erstens bei der fairen Einstufung beruflicher Abschlüsse. Zweitens wollen die Kultusminister die Schulabschlüsse vorerst nicht in den DQR aufnehmen. GEW-Weiterbildungsexpertin Stephanie Odenwald fordert, „wenn ein Risikoschüler auf den Arbeitsmarkt kommt, dann muss er im DQR seinen Platz finden – egal ob er im Supermarkt nur Tüten hin- und herträgt.“
GEW-Vorstandsmitglied Odenwald teilt die Ziele des DQR – grundsätzlich. Aber sie stellt auch fest, dass die damit verbundenen hehren Ziele nur realisiert werden könnten, wenn er tatsächlich die Abschlüsse und Kompetenzen transparent mache. „Wenn der Qualifikationsrahmen sinnvoll sein soll, brauchen wir flächendeckend ein Beratungs- und Erfassungssystem. Das können beispielsweise Bildungsbüros sein, die etwa bei den Volkshochschulen angedockt werden.“ Dafür wiederum brauche es Personal und Stellen. Auch müsse man sinnvoll evaluieren können, was jemand kann, sonst erfülle der DQR nicht seinen Zweck. Es gebe auf diesem Gebiet bereits leuchtende Beispiele, weiß Odenwald – etwa die Stadt Nürnberg, die jeden Schulabgänger auf seine Kompetenzen testet und ihm dann notfalls in kommunalen Einrichtungen vollzeitschulische berufliche Ausbildungen ermöglicht.
Großer Streit
Der große Streit beim DQR aber dreht sich, ähnlich wie beim Bachelor, darum, ob er nur auf Employability zielt, also auf reine Berufsfertigkeit oder ob er mehr umfassen soll. Die GEW-Weiterbildungsexpertin berichtet, welche Verwunderung sie hervorgerufen habe, als sie den Nachweis kritischer Kompetenz als Bewertungsmaßstab forderte. Auch hier gibt es im Kreise der Kultusminister bisher keine Zustimmung. Sie stellen eine Einteilung in Frage, bei der zu den bereits vorhandenen Kriterien für den Qualifikationsrahmen auch personale, soziale und Selbstkompetenz eingeführt werden sollten.
Christian Füller,
taz-Redakteur
Deutscher Qualifikationsrahmen - DQR