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Kinder in DiyarbakirOstermontag früh um 8.30 Uhr starten wir zum Besuch der Internatsschule „Vali Nayin Kayali“, die im Stadtteil Jenisehir am Rande von Diyarbakir liegt. Hier arbeitet der Lehrer Hikmet Korkmaz, ein Vorstandskollege der Egitim-Sen. Die Schule wird hauptsächlich von Kindern aus umliegenden Dörfern besucht, die zwischen 7 und 14 Jahre alt sind. Von den 400 Schülern der 1. bis 8. Klasse, davon nur 75 Mädchen, sind 350 im Internat untergebracht, nur fünfzig kommen täglich von außerhalb. Unter den Schülern sind viele Waisenkinder oder solche aus getrennten Familien, manche Väter sind im Gefängnis. Viele Familien haben offensichtlich Vorbehalte, ihre Töchter in ein Internat zu schicken. Hier können die Kinder die fünfjährige Grundschule und weitere drei Jahre Mittelschule absolvieren. Nur die Besten haben anschließend die Chance, nach bestandener Prüfung zu einem Lisesi zu gehen, d.h. entweder einen gymnasialer Bildungsgang oder eine berufliche Ausbildung zu absolvieren. Die Kinder werden von 35 Mitarbeitern betreut, davon sind zwanzig Lehrer und sechs Lehrerinnen neben Köchen, einem Fahrer, Internatsbetreuer, etc. Für alle gilt, dass sie 24 Stunden für die Schüler erreichbar sein müssen. Im Lehrerzimmer wurde unsere Delegation vom stellvertretenden Schulleiter und einigen Lehrern sehr herzlich begrüßt. Wir wurden zunächst sehr interessiert zum deutschen Bildungssystem, der sozialen Lage unserer Lehrerschaft befragt und dann über ihre Schule informiert. Erfreulich ist, dass auf Grund der begrenzten Bettenzahl im Internat die Klassen weniger groß sind als normalerweise in türkischen Schulen (um die 50 bis manchmal 70 Schüler), so unterrichtet Hikmet in seiner Klasse ‚nur’ 35 Schüler. Ein großes Problem ist, dass spezielles Personal für die psychologische Betreuung der zum Teil traumatisierten Kinder fehlt. Die Finanzierung ist sehr knapp, pro Schüler nur rund vier türkische Lira pro Tag, das sind ca. zwei Euro, die für Verpflegung, Bücher, Schulmaterial ausreichen sollen. Einige Klassenräume können wir uns ansehen. Freudig werden wir von den Schülerinnen und Schülern begrüßt. Überall hängt vorschriftsmäßig ein Bild von Atatürk, daneben der Text der Nationalhymne. Uns wird vom täglichen Morgenappell mit dem obligatorischen Satz „Ich bin stolz ein Türke zu sein“ berichtet. Die kurdische Kultur hat hier keinen offiziellen Platz. Die kurdische Sprache ist aus dem Schulalltag verbannt und die Lehrer sind, ob sie wollen oder nicht, dem Ziel der Assimilation verpflichtet.
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Links: Treffen mit Lehrkräften der Internatsschule „Vali Nayin Kayali“
Mitte und rechts: Unterricht in der Internatsschule
Berufsbildung in Diyarbakir
Der nächste Besuch führt uns zu einer berufsbildenden Schule im kaufmännischen Bereich, dem Ticunet Mosuli Lisesi, ein Neubau, der eine „reguläre Schülerzahl“ von 1.100 hat, außerdem weitere 400 Schüler, die im offenen Bildungsangebot abends oder am Wochenende einen Schulabschluss nachholen wollen. Immerhin sind etwa vierzig Prozent der Schüler Mädchen. Hier wird für vier Bereiche ausgebildet: Steuer- und Versicherung, Buchhaltung, Sekretärin, Web-Design/Computerfachleute. Die Ausbildung ist nicht - wie in Deutschland mehrheitlich üblich an den zwei Lernorten Betrieb und Schule - dual organisiert, sondern in den ersten drei Jahren wird schulisch ausgebildet, im vierten Jahr drei Tage in einem Betrieb und zwei Tage in der Schule. Direkt nach der Ausbildung von einem Betrieb übernommen zu werden, ist im Beruf der Sekretärin/Sekretär und Computerfachmann möglich, im Bereich der Steuern und Versicherungen und Buchhaltung sind weitere sechs Monate Schulung gesetzlich vorgeschrieben. Das Problem ist, dass Arbeits- und Ausbildungsplätze in Diyarbakir äußerst knapp sind, die Arbeitslosigkeit in dieser wirtschaftlich abgehängten Region liegt bei dreißig Prozent. Dennoch ist es eine Chance für die Jugendlichen, in einer der zehn berufsbildenden Schulen in Diyarbakir (die Bereiche Gesundheit, Textil, Holz, Chemie, Metall, Kfz, Tourismus werden genannt) eine Ausbildung zu erhalten. Erfolgreiche Schüler können dann in zwei weiteren Jahren an einer Hochschule ein Diplom erlangen. An der von uns besuchten Schule gibt es zwei Arten von Lehrern, zum einen die Praktiker oder Berufsbildner und zum anderen die Fachlehrer, z. B. für Physik, Chemie, Literatur. Die ersteren haben eine Grundverpflichtung von 20 Unterrichtsstunden und können darüber hinaus weitere 20 Stunden unterrichten, um mehr zu verdienen. Die Fachlehrer sind zu 15 Stunden verpflichtet und können darüber hinaus weitere 15 Stunden unterrichten. Der Schulleiter berichtet begeistert von einem EU-Leonardo-Projekt, das vor zwei Jahren einer Gruppe von Lehrern und Schülern einen Austausch mit berufsbildenden Schulen in Berlin und in Holland ermöglicht hat. Fünfzehn der besten Schüler durften mitkommen. Das Interesse ist groß, an weiteren EU-Projekten beteiligt zu sein und wir werden um Unterstützung gebeten. Die Schüler einer Klasse bestürmen uns geradezu, dass sie unbedingt einmal an einem europäischen Austausch teilnehmen möchten und übereichen uns die Klassenliste.
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Links: Bülent Ilhan ist Leiter der Ticunet Mosuli Lisesi Berufsschule
Mitte und Rechts: Schülerinnen und Schüler der Berufsschule
Samarsik – Bekämpfung von Armut und Kinderarbeit
Das nächste interessante Gespräch wurde mit dem Vizepräsidenten, sowie Leiter des Vereins „Samarsik - Center für nachhaltige Entwicklung und Bekämpfung der Armut“ und weiteren Mitarbeitern geführt. Dieser Verein wurde von folgenden Akteuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gegründet und seitdem finanziert: Bürgermeister von Diyarbakir, Vereine der Arbeitgeber, Handelskammer, Anwaltskammer, Ärztekammer, Egitim-Sen, weitere zivilgesellschaftliche Organisationen. Ziel ist, die Armut in Diyabakir zu bekämpfen und dafür Lösungsmöglickeiten zu finden. Dazu gibt es vier Projekte:
• Lebensmittelversorgung für die ärmsten Familien (die „Nahrungsbank“) ,
• Bildung für Kinder statt Kinderarbeit und Rumhängen auf der Straße,
• Berufliche Bildung als Perspektive für Jugendliche,
• Gesundheit als Thema der Frauen, das heisst unter anderem Schulung in Hygiene.
„Samarsik hat eine wissenschaftliche Untersuchung über die Armut in Diyarbakir erstellt und eine „urban poverty map“ entwickelt. Einbezogen waren in Form von Einzelgesprächen ("face-to-face" Interviews) insgesamt 5.706 Haushalte in den ärmsten Stadtteilen von Diyarbakir, vor allem dort, wo aus ihren Dörfern vertriebene Menschen sich niedergelassen haben und wo die Armut so krass ist, dass die Menschen hungern. Diese beeindruckende Untersuchung wurde mit Hilfe der Universitäten durchgeführt und in türkischer und englischer Sprache veröffentlicht. Sie soll die Informationsgrundlage dafür schaffen, vor allem denjenigen zu helfen, die es am nötigsten haben. Das uns besonders interessierende Kinderprojekt beinhaltet mehrere Maßnahmen:
• Bildungsunterstützung für 110 Kinder, und zwar individuell durch jeweils einen Paten für ein Kind, das gefördert wird, damit es zur Schule gehen und diese erfolgreich abschließen kann. Dazu gehören auch kulturelle Aktivitäten im künstlerischen Bereich, Besuch von Theater und Kino, Ausflüge und Feriencamps,
• Psychologische Hilfe für traumatisierte Kinder mit Unterstützung des türkischen Menschenrechtsvereins,
• Finanzielle Unterstützung, indem die Familien für die Kinder je nach Alter bestimmte Beträge erhalten, zusätzlich Kleidungshilfe und Materialien für die Schule.
Nachhilfezentren in den Stadtteilen
Die Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen betreibt in Kooperation mit der Kommune Nachhilfezentren in den Stadtteilen, kombiniert mit kleinen Bibliotheken, die auch mit Computern und Internetzugang ausgestattet sind. Die Kommune finanziert die Räumlichkeiten, und die Lehrer von Egitim-Sen leisten ehrenamtlich Nachhilfeunterricht für arme Kinder. Vier solcher Einrichtungen besichtigen wir im weiteren Verlauf des Nachmittags. Wir erleben, wie die Kinder hier betreut werden, wie sie an den Computern beschäftigt sind, wie sie Schach und Dame spielen. Darüber hinaus können sie sich Bücher ausleihen. Das Repertoire an Leihbüchern umfasst sogar klassische deutsche Literatur auf türkisch, so etwa Goethes Faust. Das spannendste Ereignis an diesem Nachmittag ist für die Kinder offensichtlich unser Besuch, sie strahlen und lachen, treten unbefangen in Kontakt, vor allem der jüngste Mitreisende unserer Gruppe, der Schüler Kai aus Köln, wird von ihnen umringt. Am Abend sind wir von Egitim-Sen zu einem Essen eingeladen, ein krönender Abschluss dieses Tages.
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Links: Der Verein Sarmasik will Armut mit Bildung bekämpfen
Mitte: Kinder in einem Nachhilfezentrum in Diyarbakir
Rechts: Stephanie Odenwald ist im GEW-Vorstand für berufliche Bildung und Weiterbildung zuständig
Text: Stephanie Odenwald
Fotos: Manfred Brinkmann