Kathy Hogan, Australien

„Test 1-2-3, Test, Test, 1-2-3“. Kein Surren, keine Rückkopplung. Zufrieden schaltet Kathy Hogan das Mikrofon wieder aus. Ein Mausklick und eine der beiden Studio-Kameras schwenkt zurück in Position. Jeder Handgriff ist Routine. Noch 30 Sekunden bis zum Beginn der Sendung. Im Regieraum, hinter den grellen Scheinwerfern und einer schalldichten Glasscheibe, streckt Paul, der Satelliten-Techniker, den Daumen nach oben. Die Verbindung steht, das Signal ist störungsfrei. Studio Eins ist bereit.

„Ich bin eine virtuelle Lehrerin. Während des Unterrichts muss ich die Studiokameras fernsteuern, drei Computer mit Touchscreens, den Scanner und mein Mikrophon bedienen. Ich komme mir oft vor wie Captain Kirk auf der Brücke der Enterprise.“

Kathy Hogan (49),
Lehrerin an der „School of the Air“
Broken Hill, Australien

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Das größte Klassenzimmer der Welt

Kathy nimmt an ihrem Tisch hinter dem Mikrophon und drei Kontroll-Monitoren Platz. Fünf, vier, drei, zwei, eins. Punkt 10 Uhr leuchtet das Rotlicht über Kamera 1 auf. Showtime. Kathy Hogan blickt nach vorne in die Kamera, drückt die Mikrofontaste und knipst ihr Lächeln an: “Guten Morgen Kinder, wie geht es euch? Over”. Stille. Dann ein lautes Knacken. Krchz. Über Lautsprecher ist die Stimme eines Mädchens zu hören. „Hier ist Madeline von Ruala-Station. Krchz. Mir geht es gut. Guten Morgen Mrs. Hogan. Over.....“ Nach Madeline melden sich noch sieben weitere Kinder und begrüßen ihre Lehrerin. Der Unterricht für die zweite Klasse der „School of the Air“ in Broken Hill hat begonnen.

Klassenzimmergröße: 800.000 Quadratkilometer

Kathy Hogan, 49, unterrichtet im wohl größten Klassenzimmer der Welt. Ihre acht Schüler sind über 800.000 Quadratkilometer verteilt. Eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Deutschland. „Das Motto unserer Schule ist: ,Getrennt und doch vereint'“, erzählt Kathy, „Meine Zweitklässler sind dicke Freunde, obwohl sie sich noch nie getroffen haben.“

Kathy Hogan lehrt seit 1990 an der „School of the Air“. „Mein Traumjob“, gesteht sie. Denn Kathy weiß, was es heißt, von der Außenwelt abgeschnitten aufzuwachsen. Sie hat ihr ganzes Leben in Broken Hill verbracht, Einwohnerzahl 20.000. Kathy ging hier zur Schule, hat in Broken Hill geheiratet und vier Kinder großgezogen. Bis in die nächste Großstadt sind es 900 Kilometer durch karge Einöde, Staub und Sand. Früher wurden in Broken Hill die reichsten Silber- und Eisenerz-Vorkommen Australiens gefördert. Dann machten die Minen dicht. Heute gehört die „School of the Air“ zu den meistbesuchten Touristenattraktionen der Stadt.

In Australien gilt die Schulpflicht auch für Kinder, die hunderte Kilometer weit von der nächsten Ortschaft entfernt leben. Meist auf riesigen Farmen. Weil sie nicht in die Schule kommen können, kommt die Schule eben zu ihnen. Finanziert durch Regierungsgelder bekommen Kinder im Outback seit den 50er-Jahren ihre Grundschulbildung durch die Lehrer der „School of the Air“.

Live und bloß nicht langweilig

Anfangs war der Unterricht buchstäblich Schulfunk. Lernen per Kurzwelle. Über einen Transceiver, einen Radiosender und -empfänger konnten die Schüler zwar aktiv an den Schulstunden teilnehmen und sofort eine Rückmeldung des Lehrers bekommen. Doch die Übertragungsqualität war oft so schlecht, dass es manchmal Tage dauerte, um gemeinsam eine Kurzgeschichte zu lesen.

Inzwischen wurden die alten Transmitter und der mühsame Brief- oder Faxverkehr durch Laptops, das Internet und E-Mail ersetzt. Und durch Video. Seit 2004 sind Kathys Schüler, dank zweier Kameras im „School of the Air“-Studio, auch im Bilde. „Die Umstellung von Radio auf Video fiel mir anfangs schwer“, erinnert sich Kathy. „Ich bin ein eher schüchterner Mensch. Auf einmal aber musste ich Schulfernsehen machen. Fünfmal die Woche, je 45 Minuten Fernunterricht. Live und bloß nicht langweilig.“

Dazu kamen die technischen Neuerungen. Während einer Videostunde muss Kathy die Studiokameras fernsteuern, drei Computer mit Touchscreens bedienen, ihr Mikrofon, den Scanner und oft auch noch die DVD- und CD-Player. „Ich komme mir oft vor wie Captain Kirk auf der Brücke der Enterprise.“

Kathys Klasse empfängt die Videoübertragung über Satellit auf dem Heimcomputer. Ohne Zeitverzögerung, störungsfrei und in Farbe. „Jetzt kann ich Gegenstände oder Versuche einfach vorführen, statt sie erst umständlich beschreiben zu müssen“, freut sich Kathy. „Zum Rechnen verwenden wir Legosteine und ich kann den Kindern zeigen, wie sie beim Schreiben ihren Stift halten sollen.


Und wenn wir Dinosaurier durchnehmen, dann komme ich auch schon mal als T-Rex verkleidet zum Unterricht.“ Das Programm für ihre Zweitklässler bestimmt Kathy selbst. „School of the Air“-Lehrer haben Freiheiten, die andere Pädagogen nicht kennen. „Wie ich etwas durchnehme, das bleibt völlig mir überlassen. Und über das Was lasse ich die Kinder abstimmen. Bei uns muss niemand etwas machen, das ihn nicht interessiert.“

Leistungen über dem Landesdurchschnitt

Der Erfolg gibt Kathy und ihren Kollegen der insgesamt elf „School of the Air“-Stationen in Australien recht. Die Leistungen der Schüler, die Fernunterricht bekommen, liegen in jedem Fach über dem Landesdurchschnitt. Jeder Lehrer vergibt Übungen und kontrolliert täglich stundenlang die ausführlichen Hausaufgaben, die auf dem Postweg zwischen Schule und Schülern hin- und hergeschickt werden. Wegen der großen Entfernungen oft per Flugzeug.

Damit kein Schüler der „School of the Air“ sitzen bleibt, gibt es sogar Nachhilfe. Einmal im Jahr besucht ein Klassenlehrer jeden seiner Schüler zu Hause. Einen vollen Schultag lang. Trotz der Strapazen eines 1200 Kilometer-Rundtrips im Allrad-Jeep. Zeit, um Versäumtes aufzuholen und Schwächen auszubügeln.

Für Kathy sind ihre „Hausbesuche“ aber auch eine Gelegenheit um das zu erleben, worum sie Lehrer-Kollegen in gewöhnlichen Schulen am meisten beneidet: Den persönlichen Kontakt mit ihren Schülern. Die „School of the Air“ ist eine Schule ohne Kinder. Es gibt keinen Pausenhof und keine lachenden Gesichter, dafür aber auch keine aufgeschlagenen Knie oder Probleme mit Schülern, die sich daneben benehmen.

Kathy kennt ihre Klasse nur als Namen im Computer oder als Stimmen über den Lautsprecher. „Ich würde viel darum geben, dass jeder meiner Schüler eine kleine Videokamera bekommt. Dann könnte ich sehen, wie die Kinder zu Hause während des Unterrichts reagieren. Ein völlig interaktives Klassenzimmer wäre wundervoll“.

Kulturschock nach der Grundschule

Die Fernkurse, Radio- und Videolektionen für die derzeit 85 Schüler der „School of the Air“ in Broken Hill enden mit dem sechsten Schuljahr. Danach verlassen die Kinder die Farmen ihrer Eltern und besuchen die Internate weiterführender Schulen. Oft in Großstädten wie Adelaide, Melbourne oder Sydney. Der Kulturschock sitzt meist tief. Kathy Hogan aber ist stolz darauf, dass „School of the Air“-Schüler akademisch ihren Klassenkameraden aus der Stadt nicht hinterherhinken.

Im Gegenteil: „Unsere Kinder lernen von klein auf, sich mitzuteilen. Erst denken, dann die Mikrofontaste drücken und dann erst sprechen. Das Funken und die Konferenzschaltungen verlangen Disziplin und technisches Geschick. Und mit Computern sind unsere Schüler anderen meilenweit voraus.“

Früher waren australische Farmersfamilien schon zufrieden, wenn ihre Kinder durch die „School of the Air“ nur lesen, schreiben und rechnen lernten. Lehrerin Kathy Hogan aber will mehr für ihre Schüler. „Ich möchte sie neugierig auf die Welt machen. Diese Kinder wachsen in menschenleeren Gegenden auf, die seit Jahrzehnten in Familienbesitz sind. Sie sollen sehen, daß sich nicht alles im Leben um Rinder und Schafe dreht.“

Kathy scheint ihre Arbeit gut zu machen. Nicht einer ihrer acht Schüler möchte Farmer werden.

Andi Stummer


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