Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
03.11.2009

Interview: „Es geht um die Förderung von Bildungseliten“

Interview mit Joachim Lauer, Leiter der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen

E&W: Schaut man sich das deutsche Auslandsschulwesen an, Herr Lauer, springt ins Auge, dass es eine große Spanne gibt, was Status und Bezahlung der Lehrkräfte betrifft: Und zwar zwischen denjenigen, die Funk­tionsstellen innehaben, und denjenigen, die als Programmlehrkräfte in den Auslandsdienst gehen. Schließlich gibt es noch die deutschen und einheimischen Ortslehrkräfte, die oft am schlechtesten bezahlt werden. Ist das gewollt – ein Klassensystem in den Kollegien?
Joachim Lauer: Zunächst einmal: Diese Differenzierung des Auslandsschulwesens ist seiner Genese geschuldet. Lehrkräfte übernehmen im Ausland unterschiedliche Aufgaben und Funktionen. Vor allem: An sehr vielen deutschen Auslandsschulen unterrichten zumeist Lehrkräfte, die aus dem jeweiligen Land kommen. Sie werden deshalb auch nach dem in diesem Staat geltenden Tarifrecht bezahlt. Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), die dem Auswärtigen Amt (AA) unterstellt ist, darf nicht in nationale Tarifsysteme eingreifen. Die ZfA hat auch keinen Einfluss darauf, welche Ortslehrkräfte vor Ort unterrichten. Eines sollte klar sein: Die ZfA ist kein Schulträger, sondern vermittelt deutsche Lehrkräfte ergänzend zum lokalen Personal ins Ausland, damit deutsche Bildungsstandards im Sprachbereich umgesetzt sowie das deutsche Abitur und der Abschluss der Sekundarstufe I ermöglicht werden.

E&W: Nun gibt es nicht nur die aus dem jeweiligen Land stammenden, sondern deutsche oder in Deutschland ausgebildete Bundesprogrammlehrkräfte, die ebenfalls von den Schulträgern, den örtlichen Schulvereinen in den Ländern bezahlt werden. Die Vereine wiederum bekommen etwa 80 Prozent ihrer Personal- und Sachmittel vom AA. Ist das richtig?
Lauer: Nein. Sie dürfen davon ausgehen, dass die Schulvereine bei den 135 deutschen Auslandsschulen – es sind fast alle Privatschulen – selbst etwa zwei Drittel der Gesamtmittel über Einnahmen aus Schulgeldern aufbringen. Die ZfA übernimmt im Auftrag des AA für die einzelne Schule einschließlich der Kosten für die Lehrkräfte aus Deutschland lediglich etwa ein Drittel der Gesamtkosten. Diese so genannte Schulbeihilfe beträgt für alle Auslandsschulen insgesamt 35 bis 38 Millionen Euro pro Jahr. Die Fördermittel reichen bei Weitem nicht aus, alle Unterrichtenden an deutschen Auslandsschulen nach deutschem Vorbild sozusagen privilegiert zu behandeln. Dann müssten wir die Einrichtungen tatsächlich zu 80 Prozent alimentieren.

E&W: Das heißt, Sie nehmen Billiglehrer in Kauf.
Lauer: Das tun wir nicht. In Europa haben wir sogar Standorte, an denen Ortslehrkräfte mehr verdienen als von Deutschland aus entsandte Auslandslehrkräfte. Sie spielen auf die Niedriglohnländer an. In Ägypten beispielsweise oder auch in Südamerika werden die Lehrkräfte generell sehr schlecht bezahlt. Was sie an deutschen Auslandsschulen verdienen, hängt auch von den Einnahmequellen der Schulvereine ab. Andererseits ist bekannt, dass in den jeweiligen Ländern geborene und ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer gerne an deutschen Schulen unterrichten, weil sie dort gute Arbeitsbedingungen vorfinden und meist mehr verdienen als landesweit üblich ist.

E&W: Trotzdem: Muss der Auslandsschuldienst so zersplittert sein – wäre der unterschiedliche Status der Lehrkräfte nicht vermeidbar?
Lauer: Fest steht doch: Der Auslandsschuldienst ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern. Die ZfA entsendet in deren Auftrag nur eine begrenzte Anzahl Lehrkräfte an deutsche Auslandsschulen, den weitaus größeren Teil der Unterrichtenden stellen in der Regel einheimische Ortslehrkräfte und deutsche Bundesprogrammlehrkräfte. Deutsche Auslandslehrkräfte – sie erhalten neben ihrer Besoldung einen Auslandszuschlag von monatlich 2000 Euro – übernehmen Aufgaben, die in der Regel andere nicht erfüllen können: Schulleitung oder die Vorbereitung und die Abnahme deutscher Prüfungen. Aus diesem Zusammenspiel ergibt sich die bilinguale und bikulturelle Schule. Diese nutzt und baut auf die Stärken der unterschiedlichen Lehrertypen und ihrer verschiedenen Ausbildungen. Darin sehe ich keine Zersplitterung, sondern ein interessantes Kooperationsmodell. Landesprogrammlehrkräfte werden dagegen meist in der Lehrerfortbildung eingesetzt – und bekommen die gleiche Besoldung wie in Deutschland .

E&W: Welchen Auftrag hat der Auslandsschuldienst?
Lauer: Zum einen soll er Kinder deutscher Experten im Ausland mit Bildung versorgen, zum anderen der einheimischen Elite die Begegnung mit deutscher Sprache und Kultur ermöglichen. Durch Förderung der deutschen Sprache im Ausland soll außerdem für den Studienstandort Deutschland geworben werden.

E&W: Mit anderen Worten: Deutsche Auslandsschulen sind primär Privatschulen für die deutsche und einheimische Elite.
Lauer: Ja, es geht der ZfA um die Förderung von Bildungseliten und in dem Zusammenhang sage ich mit Nachdruck, dass wir einen Teil unserer finanziellen Zuwendungen an eine Stipendienvergabe binden. Das heißt, es wird darauf geachtet, dass nur diejenigen Schulen Zuschüsse erhalten, die sich auch sozial öffnen und tatsächlich Stipendien an ärmere Schüler vergeben. Außerdem: Die ZfA hat einen ganz konkreten Auftrag. Zum Beispiel in Lateinamerika und anderen Regionen der Welt Sprachunterricht an nationalen Schulen anzubieten, die nicht zum Kreis der 135 deutschen Auslandsschulen gehören. Da wir auch dort Sprachangebote machen, scheren wir aus dem Elitekontext aus.

E&W: Gibt es genügend Bewerberinnen und Bewerber für den Auslandsschuldienst und kommen die richtigen und besten tatsächlich zum Zuge?
Lauer: Wir haben nie ausreichend Bewerber. In den Mangelfächern wünschen wir uns von den Bundesländern, dass sie in diesen Bereichen mehr Lehrkräfte freistellen.

E&W: Und die Qualität der Bewerberlage?
Lauer: Die ZfA geht davon aus, dass die Bundesländer in Absprache nach dem Rahmenstatut und dem Beurlaubungsbeschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) nur überdurchschnittlich qualifizierte Lehrkräfte für den Auslandsschuldienst entsenden. Es muss zum einen eine besondere Motivation vorhanden sein, zum anderen auch eine besondere Belastbarkeit vorliegen.

E&W: Sie haben gerade angesprochen, dass die Bundesländer durchaus unterschiedlich mit der Beurlaubung von Lehrkräften, die im Ausland unterrichten wollen, umgehen. In einigen Ländern gibt es einen Vermittlungsstopp aufgrund des Lehrermangels sowie einen Streit, Auslandseinsätze als Versorgungszeiten auf die Pensionen anzurechnen?
Lauer: Es gibt ein klares Votum der KMK zur Beurlaubung für den Auslandsschuldienst: keinen Versorgungsabschlag für die Zeit des Auslandsaufenthalts zu erheben. Die Finanzminister fordern allerdings genau das. Zur Zeit sind Bund und Länder dabei, ein Verfahren zu entwickeln, wie sich dieser Knoten auflösen lässt.

Interview: Helga Haas-Rietschel,
Redakteurin „Erziehung und Wissenschaft“

Mehr zum Thema
 

/ zum Seitenanfang