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/ Jahrgang 2009
/ 09/2009
Inklusion FörderschuleBei seinem erneuten Besuch in Deutschland hat der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz (s. E&W 7-8/2009) wiederum die fehlenden Bildungschancen für Kinder mit Behinderungen kritisiert. UN und GEW verlangen die Abkehr von dem selektiven deutschen Schulsystem und die Weiterentwicklung zu einem inklusiven. Das E&W-Schwerpunktheft zur „Inklusion“ (Ausgabe 3/2009) hat eine spannende Leserdebatte ausgelöst (s. E&W 4/ und 5/2009). Mit den folgenden Beiträgen wollen wir die Diskussion zu diesem Thema fortsetzen. Denn dass die Lehrkräfte an Förder- und Sonderschulen trotz schwieriger Arbeitsbedingungen gute Arbeit leisten und dies wertgeschätzt werden muss, bestreitet niemand. Ein Beispiel dafür ist die Helene-Fernau-Horn-Schule in Stuttgart.
Achten, überall. Wohin der kleine Andreas* auch schaut. Acht zusammengesteckte Würfel hält er in seiner Hand. Acht Knöpfe sieht er, wenn er zu seiner Mitschülerin Hanna hinüberschielt. Acht Spinnen glänzen auf dem Bildschirm des Computers in der Ecke. Mal ganz zu schweigen von all den Achten, die an der Tafel stehen: Acht plus Acht. Acht plus Acht plus Acht. Acht plus Acht plus Acht plus Acht. Und so weiter. Am Ende dieser Stunde wird Andreas auch noch ein Achter-Lied gesungen haben. Als letzte Tat vor dem Mittagessen sitzt die ganze Klasse mit der Lehrerin Julia Winter in einem Kreis und singt mit voller Inbrunst: „Heut und hier mit diesem Lied üben wir die Achter-Reihe. Acht! Sechzehn!! Vierundzwanzig!!! ...“
Differenziertes Angebot
Was aussieht und sich über weite Strecken auch anhört wie ein beliebiger Mathe-Unterricht in irgendeiner 2a der Republik ist es keineswegs. Julia Winter ist nicht Grundschullehrerin, sie ist Sonderpädagogin, Andreas nicht irgendein Grundschüler. Er besucht eine Sonderschule: die Helene-Fernau-Horn-Schule im Norden von Stuttgart, an der Kinder mit Sprachbehinderungen aus der ganzen baden-württembergischen Landeshauptstadt unterrichtet werden. „Schulen für Sprachbehinderte“, wie sie offiziell heißen, sind einer von neun Sonderschultypen in Baden-Württemberg. Hinzu kommen Schulen für Blinde, Schulen für Geistigbehinderte, Schulen für Körperbehinderte und einige mehr. Mit einem so differenzierten Angebot, argumentiert das Kultusministerium, werde „Schülerinnen und Schülern mit einem besonders hohen und umfassenden pädagogischen Förderbedarf ein auf die jeweils individuellen Bedürfnisse zugeschnittenes schulisches Förderangebot“ gemacht.
Zwischen Theorie und Praxis
Im Sinne der Vereinten Nationen (UN) ist das allerdings nicht (s. Seite 24). Die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung“, die seit März auch in Deutschland in Kraft ist, verlangt von den Unterzeichnerstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen – kurz, ein Bildungssystem, das niemanden ausschließt. Damit gemeint ist, dass der gemeinsame Unterricht aller Kinder die Regel und die Sonderbeschulung die Ausnahme sein soll. Nach diesem Konzept soll jede Schule die Schüler, die sie hat, beschulen – und dafür sorgen, Schülern mit Handicaps und Beeinträchtigungen mit entsprechenden Ressourcen und unterstützenden Pädagogen ebenso gerecht zu werden wie den anderen.
Ein schönes Modell. Findet auch Michael Hirn, der Leiter der Helene-Fernau-Horn-Schule. In der Theorie. In der Praxis, sagt er, sei aber kaum zu erwarten, dass Regelschulen allen Kindern mit allen Behinderungen und Lernproblemen gerecht werden könnten. Zurzeit ohnehin nicht, weil es dafür das Personal nicht gebe. Wer nämlich mit einer Sprachbehinderung an einer der 80 Stuttgarter Grund- und Hauptschulen unterrichtet wird und Förderung braucht, ist dafür ebenfalls auf Michael Hirn und seine Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Und denen stehen für die Besuche an all diesen Schulen genau zehn Stunden in der Woche zur Verfügung. Aber auch sonst biete die Helene-Fernau-Horn-Schule mehr als Normal-Unterricht mit ein bisschen zusätzlicher Förderung, argumentiert der Schulleiter: nämlich eine ganzheitlich andere Lernumgebung. „Wer denkt, dass wir hier nichts anderes machen als mit dem Sprachheilkoffer rumzulaufen und Kindern ein paar Extra-Stunden in Lautbildung zu geben, irrt gewaltig“, erklärt Hirn, „wir machen einen völlig anderen Unterricht.“
Deswegen auch all die Achten. Andreas und seine Mitschüler sind meist nicht wegen simpler Sprachfehler hier. Wer an einer Sprachstörung leidet, hat mit ihr in aller Regel eine Reihe weiterer Probleme: den Sinn von Texten zu erfassen, fällt schwer, mündlich wie schriftlich, phonetisch und/oder grammatikalisch werden Strukturen kaum erkannt; die Bedeutung von Wörtern prägt sich nur sehr mühsam ein. „Wir visualisieren, wo wir können und geben den Kindern möglichst viele Hilfen, damit sie eigene Strategien entwickeln können“, sagt Julia Winter, eine Sonderpädagogin in ihrem ersten Schuljahr. Und das geht nicht auch an einem anderen Lernort? Michael Hirn: „Ich sage nicht, dass das nicht möglich ist – aber der Weg zur ‚Einen Schule für alle‘ ist weiter als sich viele vorstellen. Und man muss bedenken: Kinder mit Sprachbehinderungen sind in gemischten Gruppen kommunikativ häufig ausgeschlossen.“
Gudrun Reinhardt, die Klassenlehrerin von Andreas, 30 Jahre Berufserfahrung an Sonderschulen im Gepäck, geht noch einen Schritt weiter. Dass Kinder an allgemeinen Schulen nur annähernd so intensiv gefördert werden könnten wie hier, sei für sie „offen gestanden überhaupt nicht vorstellbar“. Also besser die Sonderschulen aufrechterhalten, um den Preis, dass die Kinder unter sich bleiben? „Ja, solange sie uns brauchen“, antwortet Reinhardt und erzählt, dass es auch gar nicht so sei, dass die Kinder nicht miteinander in einem geschützten Raum lernen wollten. „So mancher Schüler ist heilfroh, wenn er von einer anderen an unsere Schule kommt und hier endlich nicht mehr ausgeschlossen wird.“ Anders als an anderen Sonderschulen bleiben die Schülerinnen und Schüler hier allerdings auch nicht die ganze Schulzeit. Die meisten sind in der Helene-Fernau-Horn-Schule nur vorübergehend; solange, bis sie an eine allgemeine Schule kommen. Aus den zweiten Klassen werden dieses Jahr 16 von 36 Schülern nach den Sommerferien auf eine Regelschule wechseln – weil man ihnen kaum noch anmerkt, warum sie einst hier waren. Von denen, die bleiben, machen fast alle mindestens den Hauptschulabschluss – auch das ein im bundesweiten Vergleich der Sonderschulen weit überdurchschnittliches Resultat. Zum Vergleich: 2006 verließen 77 Prozent der Förderschüler die Schule ohne Abschluss, 20 Prozent mit Hauptschul-, 2,2 Prozent mit mittlerem Abschluss.
Etwas ist anders geworden
Andreas, der Blondschopf aus der 2a, ist sich voll bewusst, dass seit seiner Einschulung etwas anders geworden ist. Als er zufällig mithört, wie Julia Winter von ihrer Ausbildung für Kinder mit Sprachbehinderungen spricht, schnellt seine Aufmerksamkeit sofort weg von all den Achten: „Ich bin nicht mehr sprachbehindert!“, kräht er ihr entgegen. Selbstbewusst. Fast ein bisschen wütend.
Jeannette Goddar,
freie Journalistin
*Namen aller Schüler geändert