05.04.2010

In der Defensive: der musische Unterricht an Schulen

Es ist schlecht bestellt um die kulturelle Bildung an deutschen Schulen. In einer Stellungnahme von Ende Januar 2010 fordert der deutsche Kulturrat, dass der „Marginalisierung der künstlerischen Schulfächer entschieden entgegen getreten wird“. Die Schule sei „die einzige Einrichtung, die allen Kindern Zugang zu Kultureller Bildung eröffnen kann“. Diese Chance dürfe durch eine „Missachtung der künstlerischen Fächer“ nicht vertan werden. Im Moment wird sie es.

Der Kunst- und Musikunterricht wurde in den vergangenen Jahren drastisch zurückgefahren“, sagt Mar­garete Schweizer, Projektleiterin der Kulturstiftung der Länder: „Das Stundendeputat ist gering. Es gibt kaum noch Schulen, an denen Kunst und Musik gleichzeitig unterrichtet werden.“ Seit dem PISA-Schock stehen die Fächer Mathe, Naturwissenschaften oder Deutsch mehr denn je hoch im Kurs (s. Interview S. 6f.). Die Kulturfächer gelten nur noch als „nice to have“, spötteln Experten vom Fachverband für Kunstpädagogik (bdk)*.

Die Kritik belegt ein Blick auf die Stundentafeln des Musik- und Kunstunterrichts an den Schulen. In vielen Klassenstufen stehen gerade mal ein bis zwei Stunden Kunst auf dem Plan, in manchen Bundesländern sieht es für die Klassen fünf bis zehn mit dem Musikunterricht genauso aus. Zudem fehlen Fachlehrkräfte. Nur 6,37 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Schnitt etwa für das Fach Musik ausgebildet. Der Verband deutscher Schulmusiker (VDS)** schätzt, dass an Grundschulen bundesweit 80 Prozent des Musikunterrichts fachfremd erteilt würden. Immer häufiger werden zudem Musik und Kunst oder Werken in einem Bereich wie „Ästhetische Bildung“ zusammengefasst, die einzelnen Fächer müssen sich das Stundenvolumen teilen.

Stiefkinder im Schulalltag

Auch in der Sekundarstufe ist nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) Musik nicht mehr Pflicht, sondern nur noch Wahlfach. Seitdem ist der Musikunterricht in allen Schulformen weiter eingebrochen. An vielen Haupt- und Sonderschulen finde, so der VDS, in einigen Jahrgangsstufen überhaupt kein Musikunterricht mehr statt. In Schleswig-Holstein etwa haben nur noch 20 Prozent der Hauptschüler Musikunterricht. In der gym­nasialen Oberstufe ist er nach Angaben der Schulmusiker zur Randveranstaltung verkommen. Hinzu kommt noch, dass der Unterricht häufig ausfällt. Genaue Zahlen über das Schwinden der musischen Fächer gibt es allerdings weder für Musik noch für Kunst, doch klar ist: Fachlehrkräfte, die sich in die Pension verabschieden, werden selten ersetzt. Es hapert mal am Nachwuchs, mal wird der Rotstift angesetzt.

Seit 2006 haben die Bundesländer immerhin das Fach Darstellendes Spiel zugelassen. Auch die Abiturprüfung ist hier in den meisten Ländern anerkannt (meist als Wahlpflichtfach) und steht auf dem Lehrplan. Allerdings: Noch wird Darstellendes Spiel vor allem in der Primar- und Sekundarstufe nicht überall angeboten, insbesondere wenn bereits Musik oder Kunst zur Wahl stehen.***

Vergleichsweise „gut“ scheint die Kunst dazustehen. Zumindest im Wettbewerb „Schulen kooperieren mit Kultur“, den die Kulturstiftung seit 2005 jährlich ausschreibt, kommt das Gros der Bewerbungen aus der Sparte Bildende Kunst. Barbara Lutz-Sterzenbach, Vorsitzende des BDK-Landesverbandes Bayern, ­tröstet das nicht. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Bilder eine wachsende Rolle spielen. Und Kunst ist das einzige Fach, in dem Schüler die ‚Bildkompetenz’ erwerben können, die sie als mündige Bürger brauchen. In ein bis zwei Stunden pro Woche können wir diesen Bildungsanspruch nicht erfüllen.“

Mit der Bildungsinitiative „Kinder zum Olymp“**** will die Kulturstiftung der Länder deshalb die Kunst an die Schulen holen und die Zusammenarbeit zwischen Kindern, Jugendlichen und Künstlern anregen. „In diesem Jahr gehen wir noch einen Schritt weiter“, sagt Margarete Schweizer. „Im Wettbewerb möchten wir erstmals die Schule mit dem überzeugendsten Kulturprofil auszeichnen. Eine Schule, in der die Künste fächerübergreifend den Alltag prägen. Davon profitieren die Kinder noch mehr als von einem einzelnen Projekt.“

Anja Dilk, freie Journalistin

* BDK-Überblick über die Stundentafeln in einzelnen Bundesländern: // www.bdk-online. info
** // www.vds-musik.de
*** // Bundesverband Darstellendes Spiel
**** // www.kinderzumolymp.de

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