/ GEW-Webservices
/ Download
/ Zeitschriften
/ E&W
/ E&W-Artikelarchiv
/ Jahrgang 2010
/ 02/2010
Pubertät: Leuzinger-BohleberIn der Adoleszenz stehen Jugendliche vor der Aufgabe, das physische und sexuelle Heranreifen psychisch zu verarbeiten und die körperlichen Veränderungen in ihr Selbstbild zu integrieren. Die individuellen kindlichen Sexualwünsche und -phantasien werden in dieser Phase wiederbelebt und in den Dienst einer erwachsenen sexuellen Befriedigungsstruktur genommen. Mit der Aneignung des sexuell reifen Körpers und der Fähigkeit zum abstrakten Denken ist die innere und äußere Loslösung von den Eltern verbunden. Der junge Erwachsene wendet sich zur Peergroup und zu außerfamiliären Liebesobjekten hin. „Wer bin ich?“, wird zur Kernfrage.
Die neuere Gedächtnisforschung unterstützt grundsätzlich die psychoanalytische Auffassung, dass die Körperwahrnehmung bei der Suche nach Identität eine unverzichtbare, ja absolut entscheidende Rolle spielt: Körper und Seele sind nicht voneinander zu trennen, sondern eine Einheit. So ist für Lehrkräfte wichtig zu wissen, dass die sexuelle Identitätsbildung, vermutlich mehr als in früheren Zeiten, durch das große Spannungsfeld zwischen geschlechtsspezifischen, biologischen Prozessen einerseits und der extremen Individualisierung von Geschlechterrollen in unserer multikulturellen Gesellschaft andererseits bestimmt wird: Wohl kaum in einer anderen Entwicklungsphase unterscheiden sich die körperlichen Veränderungen derart sichtbar wie in der Adoleszenz. Bei den Mädchen setzt die Pubertät durchschnittlich etwa zwei Jahre vor den Jungs, im 10. Lebensjahr, ein: Brüste und Brustwarzen wachsen, um die Hüfte bilden sich Fettablagerungen. Zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr wachsen Schamhaare und die inneren Geschlechtsorgane. Bedingt durch die Akzeleration (Entwicklungsbeschleunigung bei Jugendlichen – Anm. d. Red.) können manche Mädchen schon im 9. Lebensjahr ihre erste Menstruation bekommen. Psychisch sind sie in diesem Alter noch wenig auf die Stürme der Pubertät vorbereitet. Bei den Jungs bilden sich, ausgelöst durch den Sexualhormonhaushalt, zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr die primären Geschlechtsmerkmale aus: Hoden, Hodensack, Penis und Schamhaare wachsen, verbunden mit dem Stimmbruch und ersten Ejakulationen. Zwischen 14 und 16 findet der größte Körperwachstumsschub statt, der den jungen Menschen erstmals physisch in die Lage versetzt, einen anderen Erwachsenen ernsthaft zu verletzen.
Neugier und Angst
Diese Prozesse erfüllen Pubertierende sowohl mit Stolz und Neugier als auch mit Verunsicherung und Angst, oft einhergehend mit Scham- und Schuldgefühlen. Diese Emotionen absorbieren viele ihrer seelischen Kräfte, einer der Gründe, warum viele Jugendliche in dieser Zeit Konzentrations- und Lernschwierigkeiten haben. Zudem stehen heute kaum noch stabile Vorbilder für sexuelle Orientierung zur Verfügung, die dem Jugendlichen als Quelle innerer Sicherheit dienen könnten. Durch das Aufwachsen in einer medialen und multikulturellen Gesellschaft ist jeder junge Mensch mit der ganzen Bandbreite möglicher sexueller Identitäten konfrontiert, vom patriarchalisch-traditionalistischen bis hin zum liberalen, auf Gleichberechtigung beruhenden hetero- und homosexuellen Geschlechterverhältnis. Dieses Spannungsfeld verstärkt die ohnehin charakteristische Ich-Schwäche in der Adoleszenz.
Das Ich muss in der Pubertät verschiedene Abwehrstrategien entwickeln, damit es mit der entwicklungsbedingten, psychischen Labilität umzugehen lernt. Problematisch sind primitive Mechanismen wie Projektion, Spaltung und Verleugnung, die z. B. in rechtsradikalen Gruppen, oft verbunden mit einem Männlichkeitskult, dominieren. Bei Mädchen können solche Mechanismen in „typisch weibliche“ Krankheitsbilder wie Depression, Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Essstörung) führen.
Andere Mechanismen eignen sich hingegen, Entwicklungsprozesse positiv zu fördern. So kommen z. B. Allmachtsphantasien bei der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls eine wichtige Funktion zu: Sie helfen dem Jugendlichen, Visionen zu entfalten, dass er als einzigartiges, unverwechselbares Individuum seinen Platz in dieser Gesellschaft findet. Eine ähnlich positive Funktion haben Onaniephantasien, die ihm ermöglichen, seinen eigenen sexuell reifen Körper in Besitz zu nehmen und spezifische, auf unbewussten Phantasien beruhende Liebesbedürfnisse auszuformen. Rationalisierung und Intellektualisierung sind weitere produktive Abwehrmechanismen, die oft eine starke Motivationsquelle sind, die eigenen Fähigkeiten und Begabungen – auch im schulischen Kontext – zu entwickeln. Falls Erwachsene die Bedeutung dieser teilweise kompensatorischen Strategien erkennen und wertschätzen sowie alle kreativen Formen der körperlichen, affektiven und kognitiven Gestaltung von Phantasien und Konflikten unterstützen, stärkt es die Identität.
Wichtig ist zudem die Peergroup: Durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann der junge Erwachsene seine Ich-Schwäche kompensieren, sich mit anderen körperlich und seelisch vergleichen, verschiedene Wertorientierungen und Identitäten ausprobieren und seine adoleszenzbedingte Einsamkeit besser ertragen. Allerdings wissen wir, dass besonders homogene Gruppen regressive Prozesse fördern, die durch Delegation der eigenen Verantwortung auf einen „Führer“ oder eine Ideologie die Befriedigung aggressiv-destruktiver Triebimpulse „erlauben“. Daher versuchen begabte Lehrende, zwar Bedürfnisse von Jugendlichen nach Peergroups zu befriedigen, aber gleichzeitig Situationen zu schaffen, in denen sich die Einzelnen nie ausschließlich über ihre Gruppenzugehörigkeit definieren, sondern sich immer auch als unverwechselbare Individuen erleben.
Marianne Leuzinger-Bohleber,
Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt am Main
Literaturtipp:
Bohleber, W. (2008) Adoleszenz. In Mertens, W., Waldvogel, B. (Hrsg): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart: Kohlhammer.
Leuzinger-Bohleber, M. (2009): Frühe Kindheit als Schicksal? Trauma, Embodiment, Soziale Desintegration. Psychoanalytische Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer