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10.02.2011

„Hört auf, Schokolade zu essen!“

Wenn Kinder nicht zur Schule gehen liegt das häufig daran, dass sie arbeiten. Nicht selten werden sie von ihren Familien nicht nur aufs Feld oder auf die Straße geschickt, sondern regelrecht verkauft. Was tun? fragten Bildungsinternationale und GEW in Dakar.

Dafür, dass Kinder nicht zur Schule gehen, gibt es ungezählte Gründe – aber ein zentraler ist, dass sie oft Geld verdienen müssen. Wie vielschichtig das ist, was sich hinter dem Wort „Kinderarbeit“ verbirgt, lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops „Kinderarbeit und Kinderhandel“ als allererstes. Kinder arbeiten nicht nur mit ihren Eltern auf dem Feld und als billige Arbeitskräfte in der Industrie. Sie schuften auch – häufig mit ihren Müttern - in Haushalten der Mittel- und Oberschicht, werden als Prostituierte oder Kindersoldaten missbraucht, gehen betteln oder sind als fliegende Händler gleichsam kleine Selbstständige. Nicht selten, erklärte Samuel Ngouanken, Vertreter der Regionalorganisation der Bildungsinternationale für Afrika in Ghana, starteten schon Fünfjährige ins Arbeitsleben. „Das war es dann,“ sagte er, „wer gar nicht erst eingeschult wird, holt das in aller Regel nicht nach.“ Daran, dass Kinderarbeit in allen Teilen Afrikas zum Alltag gehört, ließ er ebenso wenig Zweifel wie daran, dass es an rechtlichen Grundlagen zu ihrer Verhinderung nicht mangelt: Die einschlägigen internationalen Konventionen haben die Regierungen eine nach der anderen unterschrieben. Und warum geschieht dann nichts? Grund Nummer Eins, so Ngouanken, sei die Armut vieler Familien. Gleich dahinter folge: Der fehlende politische Wille.

Links: Marketing unter erschwerten Bedingungen: Kommt in unser Zelt!
Mitte: Fast vierzig Personen diskutieren über Kinderarbeit und Bildung
Rechts: Samuel Ngouanken :„Der Wille unserer Regierungen fehlt!“

Auch bei dem zweiten Workshop, den GEW und Bildungsinternationale gemeinsam in Dakar anboten, schilderten die überwiegend afrikanischen Anwesenden Erhellendes wie Bedrückendes. Es seien nämlich nicht nur die Familien, die Kinder arbeiten schickten, sagte einer nach dem anderen. Kinder gingen auch deswegen nicht zur Schule, weil keine in der Nähe ist, die Klassen zu groß, die Lehrer zu schlecht (qualifiziert) sind. Wer in der Schule ohnehin nichts lernt oder dort geschlagen wird, will dort nicht hin – und sucht sich Arbeit. Dramatisches schilderte der Gewerkschafter Aliou Dansoko aus den im Senegal wie anderen islamischen Ländern verbreiteten Koranschulen: Dort würden die Kinder zum Betteln vor die Tür geschickt - um das Geld anschließend bei ihrem „Marabu“, ihrem Lehrer, abzugeben. Einer Lösung näherte man sich bestenfalls in Ansätzen. Klar wurde aber: Kinderarbeit ist in den afrikanischen Lehrergewerkschaften ein Thema. Mehrere Teilnehmer berichteten von Sensibilisierungstrainings für Gewerkschafter, Lehrer und Eltern. Für Elternarbeit, schlug die senegalesische Lehrerin Fatou Ndjono vor, bräuchte eigentlich jede Gewerkschaft einen Beauftragten. In ihnen lägen nämlich noch tiefer gehende Ursachen dafür, dass Kinder nicht die Schule besuchen: Wo alle Familienmitglieder seit Jahrhunderten drei Monate des Jahres auf den Feldern verbringen, ist ein anderer Rhythmus schwer vorstellbar.

Links: Wer in der Schule nichts lernt und geschlagen wird, bleibt weg und geht arbeiten
Mitte: Sensibilisierungstrainings für Gewerkschafter, Lehrer und Eltern
Rechts: Gruppenfoto mit Teilnehmern afrikanischer Bildungsgewerkschaften

Auch der Sinn von Bildung sei, zudem für Mädchen, vielen nicht präsent. Und: Wer auf den Dörfern Afrikas weiß von einem Recht auf Bildung? Und wo soll er hin, um es durchzusetzen? Oberstes Ziel, so die einhellige Meinung, müsse sein: Weniger Menschen in Armut! Wie weit das entfernt ist – darüber waren sich allerdings auch alle einig. Doch im Kleinen tut sich etwas: Jean Djoman von der Caritas der Elfenbeinküste berichtete von einem Netzwerk gegen die schlimmsten Formen der Ausbeutung von Kindern in der Kakaoproduktion. Nach jahrelangem Druck würden in der Region jetzt Schulen geplant – und hoffentlich später auch gebaut. Auch sei es gelungen, Inspektionsteams in die Kakaoplantagen zu schicken. Die GEW wird im April im Rahmen einer Kampagne gegen Kinderarbeit einen Schwerpunkt auf die Abschaffung von Kinderarbeit in der Kakao-Produktion setzen – und versuchen, auch in Deutschland ein Bewusstsein zu schaffen, unter welchen Bedingungen der Schokoriegel in der Mittagspause hergestellt wurde. Ein Vertreter aus Benin hatte allerdings einen ganz speziellen Vorschlag zur Verbesserung der Lage: „Hört auf, Schokolade zu essen!“

Links: An den zahlreichen Ständen des Weltsozialforums herrscht großer Andrang
Mitte: Senegalesische Abiturienten stürmen eine Veranstaltung zur Bildungsfinanzierung: „Wir wollen einen Studienplatz!“
Rechts: Bildung ist eine wichtiges Thema beim Weltsozialforum

Text: Jeannette Goddar
Fotos: Manfred Brinkmann, Jeannette Goddar


GEW-Delegationsleiter Manfred Brinkmann: „Was findet wann, wo, mit wem statt?



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