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03.05.2011

Herkunft ist ein großes Wort ...“

Fünf Porträts von Jugendlichen aus Berlin, Niedersachsen, Hessen und Hamburg: Was heißt Heimat für dich? Wo bist du zuhause? Was bedeutet dir deine Herkunft, deine Religion, die Kultur deiner Eltern? Fühlst du dich wohl in Deutschland?
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„Wickel dein Handtuch ab, Mädchen“

Asya Zaher, 21, Palästinenserin, Azubi für Kauffrau Bürokommunikation, Berlin, Vater Tischler, Gelegenheits­arbeiter, Mutter Hausfrau:

„Als ich meinen Ausbildungsplatz zur Kauffrau für Bürokommunikation beim Bundesverband deutscher Stiftungen bekam, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Hey, jetzt bin ich echt integriert. Meine Eltern sind Palästinenser und vor 30 Jahren aus dem Libanon nach Berlin gekommen. Ich bin in Neukölln geboren und hier mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Ich fühle mich auch als Deutsche, wir sind hier herzlich angenommen worden. Die Lehrkräfte an der Rütlischule haben mich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz enorm unterstützt. Und nun habe ich meinen Traumjob gefunden.

Und doch gab es immer wieder Momente, in denen ich mich als Migrantin empfand. Vor allem als ich jünger war. In der Grundschule entschied ich mich, ein Kopftuch zu tragen. Der Direktor war massiv dagegen. Immer gab es Ärger, er verbot mir, das Tuch mit Sicherheitsnadeln zu befestigen. Im Sommer gab es blöde Kommentare auf der Straße von älteren Erwachsenen: ‚Wickel dein Handtuch ab, Mädchen.‘ Weinend bin ich dann nach Hause gelaufen. Ich trug es trotzdem weiter. Als Zeichen, dass mir meine Religion wichtig ist. Mein Vater hat mir freie Wahl gelassen. Die Entscheidung dafür hat mich selbstbewusster gemacht. Ich bin stolz, dass ich, die Zweitjüngste, Vorbild für meine älteren Schwestern war. Heute tragen sie alle das Kopftuch.

Herkunft ist ein großes Wort. Für mich bedeutet es zweierlei: erstens die Familie. Ohne sie wäre ich verloren. Wir haben ein tolles Verhältnis, jeden Freitag kommen meine Geschwister mit ihren Familien, wir essen gefüllte Auberginen, Weinblätter, gute arabische Küche. Zweitens mein Land, Palästina. Es lebt in unseren Herzen fort, und das muss es auch, weil es politisch nicht existent ist. Als ich vor zwei Jahren da war, habe ich mich sofort zu Hause gefühlt. Leben würde ich dort gerne, aber es ist ja Krieg.

Ich habe aber auch eine ‚deutsche Seite‘. Ich fühle mich wohl hier, meine Verwandten leben im Kiez. Und ich finde es toll, dass Bildung in Deutschland so wertgeschätzt wird, fast mehr als Geld.“


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„Heimat ist für mich hier“

Nenad Orsos, 18, Serbe, 10. Klasse Kepler-Sekundarschule, Berlin-Neukölln, Vater LKW-Fahrer, Mutter Hausfrau:

„Vor acht Jahren sind meine Eltern vor dem Krieg aus Serbien nach Deutschland geflohen. Wir kamen zuerst ins Asylbewerberheim im sächsischen Freiberg. Sechs Jahre haben wir dort gewohnt. Erst war das komisch, weil ich kein Wort Deutsch verstand. In der Integrationsklasse ging es aber allen so. Meine besten Freunde stammten aus dem Iran und der Türkei. Vor zwei Jahren bekamen wir unsere Aufenthaltserlaubnis. Meine Eltern sind geschieden, meine Mutter wollte mit meinem jüngeren Bruder und mir nach Berlin, weil sie hier Verwandte hat.

Serbien? Daran erinnere ich mich kaum noch. Nur, dass wir in der Schule immer denselben Lehrer hatten, hier haben wir mehrere. Oder an das Fernsehprogramm. Trickfilme für Kinder liefen dort nur am Wochenende. In Deutschland gibt es das den ganzen Tag auf Kika und Super RTL.

Heimat ist für mich hier. Ich bin sehr zufrieden. Halb fühle ich mich serbisch, halb deutsch. Die christlich-orthodoxe Religion bedeutet mir viel. Feste wie Weihnachten oder Ostern werden bei uns intensiv gefeiert. An Deutschland mag ich die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit. Mir ist es wichtig, ebenfalls pünktlich und zuverlässig zu sein. Gerade büffle ich für den Mittleren Schulabschluss. Gute Noten sind mir wichtig, das hat uns meine Mutter beigebracht. Ich habe ein gutes Zeugnis und bin der erste aus beiden zehnten Klassen, der eine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann ergattert hat. Die Bewerbungen waren hart, dafür habe ich extra meinen Fußballverein aufgegeben. Bald will ich mit einem Kumpel wieder anfangen zu spielen. Vergangenes Jahr sind wir sogar nach Kroatien gefahren. Das war seltsam. Straßenschilder in meiner Sprache (Kroatisch ähnelt dem Serbischen), Menschen, die genauso reden wie wir. Und die Atmosphäre war dort offener, spontaner. Das hat mir gut gefallen. Aber unsere Familie ist schon sehr deutsch geworden. Vergangenes Wochenende wollten uns Bekannte besuchen. Wir haben gewartet, aber sie kamen nicht. In Serbien wäre das nichts Besonderes. Die Serben sind eben spontaner. Doch meine Mutter ist richtig sauer geworden: ‚Wieso können die nicht anrufen und Bescheid sagen?‘ Typisch deutsch, oder?“


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„Weißrussland ist weit weg“

Katja Azorina, Weißrussin, 14,8. Klasse, Helene-Lange-Gymnasium Hamburg, Vater Ingenieur, Mutter Sozialpädagogin:

„Mit acht Jahren bin ich mit meinen Eltern und beiden Schwestern nach Deutschland gekommen. Weil meine jüdischen Großeltern von den Nazis verfolgt worden sind, sind wir als Aussiedler aufgenommen worden. Ich erinnere mich noch gut an die Unsicherheit in unserer Familie. Wie würde das neue Leben sein? Ein halbes Jahr lang haben wir in einem Hamburger Aussiedlerheim gewohnt, zu fünft in zwei Zimmern. Küche und Bad mussten wir mit sechs anderen Familien teilen. Ungewohnt. Aber eigentlich war es schön dort.

Nach einem halben Jahr sind wir in eine eigene Wohnung gezogen und ich konnte mit meiner jüngeren Schwester von der Integrationsklasse auf eine normale Grundschule wechseln. Aus einem anderen Land zu kommen, war in dieser Schule nichts Besonderes. Viele hatten keine deutsche Herkunft, die meisten stammten aus der Türkei. Erst im Gymnasium habe ich mich als Ausländerin gefühlt. Es lag in einem besseren Wohnviertel, außer mir waren nur drei andere Kinder nichtdeutscher Herkunft. Am Anfang haben die Schüler oft gefragt: Woher kommst du? Warum hast du so einen Akzent? Mittlerweile hat sich das gelegt, auch weil ich perfekt Deutsch spreche.

Für mich ist Weißrussland total weit weg. Seit wir ausgewandert sind, war ich nicht mehr da. Klar, wir kochen und sprechen russisch in der Familie. Das finde ich schön. Aber ich fühle mich mehr als Deutsche. Vielleicht auch ein bisschen dazwischen. Doch ich stelle mir gar nicht die Frage, ob ich deutsch oder russisch bin. Mir gefällt es hier. Ich mag, dass alles so locker ist und die Kinder mehr Freiheiten genießen. Meine Mutter versteht das nicht, in Russland müssen die Kinder immer nur lernen. Was meine Eltern von Minsk erzählen, klingt oft so düster und unglücklich. Meinen Verwandten drüben darf ich nicht mal erzählen, dass wir in Urlaub fahren und wie wir hier leben. ‚Die können sich das doch nicht leisten‘, sagt meine Mutter. Im Sommer will sie mit uns nach Weißrussland fahren. Aber was soll ich da? Worüber soll ich denn überhaupt mit den Leuten reden?“


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„Mach dir dein eigenes Bild“

Ayten Bulduk, 19, Kurdin, Abiturientin, Gesamtschule Gießen-Ost, Vater Kleinbauer, Mutter Hausfrau:

„Im Kindergarten hatte ich kaum Freunde. Wie auch. Ich sprach kein Deutsch. Meine Eltern sind vor 25 Jahren als ‚Gastarbeiter’ aus dem kurdischen Teil der Türkei hierher gekommen, meine Mutter hatte nicht mal die Schule besucht. Ich habe fast nur mit meinen sechs Geschwistern gespielt. In der Grundschule verstand ich am Anfang kaum etwas, zum Glück gab es Lehrkräfte, die mich unterstützten. In der Klasse waren Kinder aus vielen Nationen, manche sprachen sogar Englisch. Wow, dachte ich, es gibt ja noch mehr Sprachen. Damals fing ich an, mich auch für Deutsch zu interessieren.

In der Realschule haben wir ‚Kanak Sprak‘ gesprochen, Türkendeutsch. Ich war vorlaut, habe mit Schimpfwörtern um mich geworfen. Erst in der Oberstufe in Gießen hat sich das geändert. Das war der Wendepunkt in meinem Leben. Die anderen haben mich akzeptiert, wie ich war. Und mich ernsthaft beiseite genommen: Ayten, so geht das nicht mit der Sprache. Erst war ich sauer, dann habe ich mich geschämt und gemerkt – ich muss etwas tun. Ich habe knallhart gelernt und eine Freundin gebeten, mich zu korrigieren.

Es stört mich, dass so viele aus meinem Land sagen, ‚Deutschland ist Scheiße‘. Ist doch Quatsch. Was mir meine Eltern von der Türkei erzählen, ist nun wirklich keine Alternative. Dort gibt es nicht mal Meinungsfreiheit. Hier ist das anders. Es ist toll, wie offen und tolerant die Menschen sind. Natürlich treffe ich auch welche, die sagen: ‚Muslime sind alle Terroristen.‘ Aber das ist nicht die Mehrheit.

Trotzdem ist mir meine Herkunft sehr wichtig. Ich liebe das tolle kurdische Essen, die ausgelassenen, lauten Feste, die Musik, die bunten Gewänder. Natürlich gibt es immer schwarzen Tee und Wassermelonenkerne, wenn Gäste kommen.
Seit ich mehr mit deutschen Freunden zusammen bin, habe ich mich von meinen Landsleuten etwas abgewendet. Ich bin jetzt beides, kurdisch und deutsch. Bin immer noch laut und lache viel. Aber ich sage auch ‚Moin‘ zur Begrüßung und gehe mit meinen deutschen Freundinnen ins Café, über Jungs plaudern. Das hätte ich mich früher nicht getraut. Abends weggehen, einen Freund haben – das geht nicht bei uns. Aber das ist mir egal. Und wenn mich andere Kurden ansprechen, warum ich kein Kopftuch trage, zitier‘ ich den Koran. Der sagt, Frauen sollten ein Kopftuch tragen, sie müssten es aber nicht. Nach dem Abi will ich Polizistin werden oder Luftfahrttechnik studieren. Mit Kopftuch wäre das unrealistisch. Trotzdem liegt mir die Religion sehr am Herzen. Aber das geht keinen etwas an. Moslems, Christen, Juden, dahinter steht für mich ohnehin derselbe Gott. Manch einer fragt mich, wie ist das denn bei euch Kurden? Dann lade ich sie zu uns nach Hause ein: ‚Mach dir dein eignes Bild. Das tue ich umgekehrt doch auch.‘“


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„Ich fühle mich eher am Rande“

Eren Yilmaz, 15, Türke, 9. Klasse, Integrierte Gesamtschule Linden, Hannover-Linden, Vater Logistik­leiter, Mutter Verkäuferin:

„Wenn ich bei meinen deutschen Freunden übernachte, stelle ich fest: Die sind anders als wir. Die Familie isst meist nicht zusammen am Tisch, zum Abendessen machen sich meine Freunde Brote, sperren sich in ihren Zimmern ein und gucken fern. Unsere Lebensart ist anders. Die Familie unternimmt viel gemeinsam. Meine Eltern, meine beiden Brüder und ich reden viel miteinander, es ist warmherziger. Jeden Abend essen wir zusammen, oft sind meine Cousinen und Cousins zu Besuch, die Mütter kochen, es ist eine lebendige große Runde. Das gefällt mir.

Aber es stört mich nicht, dass die Deutschen das anders machen. Ich verstehe mich einwandfrei mit ihnen, Unterschiede merke ich sonst nicht. Höchs­tens beim Grillen. Weil ich als Moslem kein Schweinefleisch esse, nehmen wir im Sommer eben zwei Grills mit. Die deutschen Eltern lassen ihren Kindern allerdings mehr Freiheiten. Das finde ich toll. Ich muss immer pünktlich zu Hause sein, das ist doof. Überhaupt habe ich einen großen Respekt vor der Freiheit, die hier gelebt wird. Wenn ich mal heirate, werde ich meine Frau niemals zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Sie hat die Wahl, sich zu entscheiden. Das habe ich von den Deutschen gelernt.

Zum Glück haben Deutsche und Türken nicht mehr so einen Stress mitei­nander wie vor 30 Jahren, als mein Vater hierher kam. Klar gibt es welche, die sagen, ‚mach dich aus dem Staub, du Ausländer‘, aber viele sind wirklich in Ordnung. In den vergangenen zwei Jahren war die Stimmung mal etwas feindlicher. Das hat sich wieder gelegt. Heute hätte Hitler hier keine Chance mehr.

Bei uns in der Klasse gibt es immer mehr, die so denken wie ich. Vor einer Weile gab es noch öfter Zoff zwischen türkischen und deutschen Jugendlichen. Jetzt ist es richtig brüderlich geworden. Ich habe dazu auch einiges beigetragen. Früher war ich anders. Immer in Schlägereien verwickelt. In der siebten Klasse drehten einige meiner türkischen Kumpels voll ab, rauchten und so. Ich hatte damals einen Notendurchschnitt von 4,5. Da war mir klar, dass ich etwas ändern muss. Heute habe ich einen Schnitt von 3,0 und viele deutsche Freunde. Ich gucke optimistisch in die Zukunft. Trotzdem fühle ich mich nicht mitten in der Gesellschaft, eher am Rande. Es gibt immer noch Junge und Alte, die auf uns Türken herabschauen. Ich bin stolz, ein Türke zu sein. Wenn ich auch nicht unbedingt in der Türkei leben wollte. Das würde ich nicht packen, dort gibt es zu wenig Freiheit. Wenn mich jemand anfährt: ‚Scheiß Türke‘, gehe ich hoch. Wenn er mich ‚Scheiß Kartoffel‘ beschimpfen würde? Das würde mich nicht jucken.“

Aufgezeichnet von Anja Dilk, freie Journalistin


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