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Kenia„Zu sehen, wie sich schon abgeschriebene Kinder eine Zukunft erarbeiten rechtfertigt für mich alle Schwierigkeiten.“
Henry Karani (42),
Leitet eine „informelle“ Schule
Nairobi, Kenia
„Wenn ich anderthalb Stunden später an der Schule ankomme, stehen dort meistens schon die ersten Schüler und warten auf mich”, berichtet der 42-jährige Schuldirektor. Bereits vor dem gemeinsamen Morgengebet, das jeden Tag pünktlich um halb acht den Unterricht einläutet, zwängen sich die zwischen drei und 18 Jahre alten Kinder in die viel zu kleinen Klassenzimmer, um ruhig in ihren Büchern zu lesen oder Stoff vom Vortag zu wiederholen. In den fensterlosen Räumen aus Lehm und Blech, knapp vier Quadratmeter groß, sitzen bis zu dreißig Schüler.
Hier unterrichten Karani und seine 13 Kollegen Kinder, die anderswo keine Chance bekommen. Zwar ist in Kenia seit dem Regierungswechsel vor drei Jahren offiziell der kostenfreie Volksschulbesuch garantiert. „Aber unsere Kinder kommen aus ärmsten Verhältnissen, viele haben jahrelang auf der Straße gelebt und Schlimmes erlebt.”
So wie Christine, deren Mutter vor zwei Jahren an AIDS gestorben ist. Ihr Vater ist Lastwagenfahrer und nie zu Hause. Als Karani die 14-Jährige vor einem Monat zum ersten Mal in die Schule brachte, konnte sie nicht einmal ihren Namen schreiben. Jetzt nimmt sie Extrastunden, um lesen zu lernen. An staatlichen Schulen würde Christine, die jeden Tag das gleiche zerrissene T-Shirt trägt, nicht akzeptiert. „Anders als an den staatlichen Schulen gibt es bei uns keine Schuluniform und auch nicht die Pflicht, Schuhe zu tragen – das könnten sich die Eltern nicht leisten.”
Karani kennt die meisten seiner Schüler von Kindesbeinen an. Seit mehr als zehn Jahren lebt er in Mathare und kennt ihre Sorgen und Probleme aus erster Hand. Wie sie, so ist auch er durch das offizielle Raster gefallen. Aufgewachsen nicht weit vom Viktoriasee im Westen Kenias, bewarb Karani sich nach der Sekundarschule beim Staat um einen Posten. Weil Lehrer Ende der 1980er knapp waren, wurden Hunderte ungelernter Kräfte eingestellt – auch Henry Karani. Doch 1992 setzte die Regierung quasi über Nacht alle Hilfslehrer auf die Straße.
Karani schlug sich daraufhin mit Gelegenheitsjobs durch. „Eines Morgens, ich war gerade auf dem Weg ins Industriegebiet, wurde ich nicht weit von hier von einer Bande Kinder überfallen, nicht älter als 12 Jahre alt”, erzählt er. Von den Machetenhieben zeugen bis heute tiefe Narben. In den Tagen danach begann Karani, einen Plan zu schmieden. „Ich habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass Kinder so etwas tun? Die Antwort war klar: Es gab keine Schule, wo sie etwas anderes lernen konnten als das Gesetz der Straße.”
Von Schließung bedroht
Nach mehreren Anläufen gründete Karani 2004 seine Schule, derzeit hat sie 230 Schüler. Bei den zentral vom Staat organisierten Abschlussprüfungen schneiden die stets glänzend ab. Ein wichtiges Argument im Streit mit Bürokraten, die seine Schule schon mehr als einmal schließen wollten. „Im Ministerium kennt man nur staatliche Schulen und Privatschulen, erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es auch informelle Schulen gibt.”
Einmal hat er sogar einen staatlichen Zuschuss erhalten, für Schulbücher. Ansonsten muss Karani sehen, wie er den laufenden Betrieb finanziert. „Die Eltern müssen pro Monat ein Schulgeld von 150 Shilling zahlen, für viele eine Menge Geld”, gesteht er ein. Für die umgerechnet nicht einmal zwei Euro bekommen die Kinder außer dem Unterricht auch ein dünnes Mehlporridge zum Frühstück – für viele die einzige Mahlzeit.
Große Sprünge kann sich Henry Karani nicht leisten. Er und seine Kollegen verdienen selbst in guten Monaten pro Monat umgerechnet knapp 20 Euro. „Aber oft teilen wir uns einfach das wenige Geld, was nach dem Zahlen der Miete übrig bleibt.” Jeden Monat zittert er aufs Neue, ob das Geld reicht.
Trotzdem träumt er nicht von einem besser bezahlten Job, sondern nur von einer besseren Zukunft für seine Schule. „Vielleicht finden wir eines Tages Partner, mit deren Hilfe wir ein eigenes Schulgebäude mit großen, hellen Klassen bauen können”, hofft er, während er im Abenddunkel die schweren Vorhängeschlösser vor den Blechverschlägen überprüft. Seine Motivation ist ungebrochen. „Zu sehen, wie sich schon abgeschriebene Kinder eine Zukunft erarbeiten, rechtfertigt für mich alle Schwierigkeiten”, strahlt der Lehrer aus Überzeugung.
Marc Engelhardt
Kontakt: Henry Karani, email:
; P.O.Box 28272, Nairobi 00200, Kenia