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02.07.2010

Heiße Diskussionen beim Sozialforum

Eine drückend schwüle Hitze lastet an diesem Tag auf Istanbul. Die drei GEW-KollegInnen Ilke Glockentöger, Anne Waschow und Florian Schubert tauschen sich über ihre Erfahrungen am zweiten Tag des Europäischen Sozialforums aus.

Ilke: Hey, Anne, wie war es denn heute morgen?

Anne: Philipp und ich haben uns zum Frühstück getroffen und sind dann um kurz vor acht mit der Fähre nach Karaköy gefahren, um bei der technischen Universität die Eintrittskarten für die GEW-Delegation zu besorgen. Wir haben vor dem Eingang auf alle gewartet und ihr seid dann ja mit den anderen gekommen, mit denen wir zu dem Workshop „Higher Education und Research in Europe: analysis of the Bologna process and of the research policy of the EU commission, struggles and proposals“ gegangen sind.

Florian: An der Universität hat sich gezeigt, dass der heutige Tag besser organisiert war als der erste. Wir waren in einem kleinen Hörsaal, wo es keine Lüftung gab und deshalb sehr heiß und stickig war. Bei der Podiumsdiskussion, die Manfred moderiert hat, gab es fünf Eingangsreferate, die den Bologna-Prozess und die Umsetzungsprobleme in einzelnen Ländern und in Europa beschrieben: Roman von einer studentischen Initiative aus Wien, Marc von der französischen Gewerkschaft SNESup, Adnan von Egitim Sen aus der Türkei, Andreas von der GEW in Deutschland und David von der europäischen Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften (ETUCE). Kritisiert wurde vor allen, dass die durch den Bologna-Prozess angestrebte und immer wieder gepriesene Mobilität in der Realität nicht stattfindet. Außerdem hat der Bologna-Prozess zu einer Entdemokratisierung der Hochschulen geführt. Auch die Marktorientierung an den Unis hat zugenommen.

Ilke: Interessant fand ich die Ergebnisse der Studie, die David von der ETUCE vorgestellt hat. Die Studie wurde von der Bildungsinternationale durchgeführt und zeigt, dass viele europäische Bildungsgewerkschaften den Einfluss des Bologna-Prozesses auf die Hochschulen als sehr hoch ansehen. Erstaunlich war aber, dass viele Gewerkschaften den Prozess positiv bewerten. Kritik wurde bei den veränderten Arbeitsbedingungen deutlich – der Verwaltungsaufwand an den Hochschulen hat doch stark zugenommen…

Links: Plakat des Europäischen Sozialforums
Mitte: Diskussionsveranstaltung zum Bologna Prozess
Rechts: Die Hitze macht es schwer, den Redebeiträgen zu folgen

Anne: Abschließend wurde dargestellt, dass für bestimmte Gruppen der Zugang zur Hochschule weiterhin schwer ist und durch den Bologna-Prozess bisher keine Chancengleichheit hergestellt wurde.

Florian: Genau! Die soziale Herkunft bestimmt immer noch den Bildungsweg.

Anne: Übrigens fand ich noch gut, was Roman betonte: Auch vor dem Bologna-Prozess war nicht alles optimal an den Hochschulen und man sollte nicht immer romantisierend auf die Zeit davor gucken. Wo hast denn Du eigentlich Mittag gegessen?

Florian: Wir haben in einem kleinen, klimatisierten, studentischen Café gegessen. Nach dem Mittag bin ich zu einem Seminar über die extreme Rechte in Russland gegangen, die von russischen Antifaschisten und von einer zivilgesellschaftlichen Organisation angeboten wurde. Leider war diese Veranstaltung sehr ernüchternd. Dargestellt wurde, dass eine deutliche Mehrheit der russischen Bevölkerung mit den ideologischen Zielen der Rechten sympathisiert. Schockiert hat mich, dass es in Russland sehr viel Gewalt in der Öffentlichkeit gegen Menschen gibt, die aus den südöstlichen, ehemaligen Sowjetrepubliken stammen oder anti-rassistisch arbeiten. Diese Gewalt geht bis zu Mord – so wurde vor ein paar Monaten ein Richter auf offener Straße erschossen, weil er einen Rechtsradikalen verurteilt hatte.

Ilke: Das klingt ja echt schrecklich! Anne und ich waren nach dem Mittagessen bei einem Seminar einer linken, türkischen Initiative von Studierenden und SchülerInnen, die sich für die Demokratisierung in den Bildungseinrichtungen und gleiche Bildungschancen einsetzt. Um ihren politischen Zielen Ausdruck zu verleihen, sind sie letztes Jahr als Gruppe demonstrierend 500 Kilometer von Istanbul nach Ankara gewandert!

Anne: Bei der Veranstaltung haben wir übrigens Kemal aus Hannover kennen gelernt, der mit der Delegation der IG Metall hier ist. Gemeinsam sind wir durch die Nachmittagshitze zu dem anderen Universitätsgebäude gelaufen. Um halb sechs waren wir dort dann bei der Veranstaltung „Strategies against privatisation in education“.

Links: Sozialforumsteilnehmer vor dem Gebäude der Technischen Universität Istanbul
Mitte: Austausch zu Strategien gegen Privatisierung von Bildung
Rechts: Der Egitim Sen Referent für Internationales, Deniz Yilderim und Teilnehmerinnen der GEW-Delegation

Ilke: Ja, die Podiumsdiskussion hat wie schon heute morgen Manfred moderiert. Es gab insgesamt vier Referenten: Günther von der GEW Brandenburg, Mehmet von Egetim Sen, Florian von der französischen Lehrergewerkschaft SNES und Angeliki von OLME, einer griechischen Lehrergewerkschaft. Es wurde wirklich deutlich, dass die Privatisierung von Bildung in den einzelnen Ländern zwar unterschiedliche Ausprägungen hat, grundsätzlich aber das gleiche Phänomen ist. In allen Ländern gibt es immer mehr private Bildungseinrichtungen…

Anne: Ja, und diese Entwicklung ist oft staatlich gewollt! Privatisierung von Bildung ist echt eine komplexe Angelegenheit. In vielen Fällen geschieht Privatisierung schleichend und ist nicht sofort erkennbar. Und es wurde deutlich, dass es schwer ist, gemeinsam Strategien dagegen zu entwickeln. Florian, wo warst Du denn heute Abend?

Florian: Ich habe mit einem kleinen Teil der GEW-Delegation den Abend bei einem türkischen Tee an der Bosporus-Brücke ausklingen lassen.

Ilke: Anne und ich waren noch bei einem Treffen des Europäischen Bildungsnetzwerks. Wir haben die Bildungsversammlung geplant, die morgen stattfinden soll und einige Absprachen für die morgige Demonstration getroffen. Bei der Bildungsversammlung kommen alle ESF-TeilnehmerInnen zusammen, die sich im Bildungsbereich engagieren. Deniz, der Referent für Internationales von Egitim Sen, hat uns danach am Galataturm noch zu einem Wein eingeladen.

Links: Interessierte ZuhörerInnen beim Seminar gegen Privatisierung von Bildung
Mitte: Der Galataturm liegt im europäischen Teil Istanbuls
Die GEW-KollegInnen Ilke Glockentöger, Anne Waschow und Florian Schubert

Text: Ilke Glockentöger, Anne Waschow und Florian Schubert
Fotos: Manfred Brinkmann, Anne Waschow

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