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02.12.2008

Gleichwertige Lebensverhältnisse? Schülerleistungen und sozioökonomische Rahmenbedingungen der Länder

Die innerdeutschen Auswertungen der bisherigen drei PISA-Studien belegen: Die durchschnittlichen Kompetenzwerte, die Deutschlands Schülerinnen und Schüler in den Naturwissenschaften, im Leseverständnis und in Mathematik erreichen, machen auf unübersehbare Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern aufmerksam. Diese gehen mit sehr differenten demographischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen einher. Das zeige, so Klaus Klemm in seinem Fachbeitrag, die Lebensverhältnisse in den 16 Bundesländern sind alles andere als gleichwertig.

Fest steht: Die Leistungsunterschiede zwischen den Schulen der Bundesländer sind sowohl Ausdruck als auch Folge einer nicht vorhandenen Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Länder und den dortigen Schulleistungen gibt, haben Bildungsforscher bereits in den innerdeutschen Auswertungen zu den PISA-Studien 2000 und 2003 hingewiesen. So schrieben Jürgen Baumert und Cordula Artelt – beide Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin – zur PISA-Studie 2000: „Dies spricht dafür, dass primär bereichsübergreifende ökonomische, soziale, kulturelle, aber auch institutionelle Bedingungen für Leistungsunterschiede zwischen den Ländern verantwortlich sein dürften.“

Bei der Analyse zu PISA 2003 unterstreichen Jürgen Baumert, Claus H. Carstensen und Thilo Siegle diese Einschätzung, fügen aber einschränkend hinzu, dass die Leistungsdifferenzen zwischen den Ländern nicht „auf Unterschiede in den untersuchten individuellen und kontextuellen Merkmalen reduzierbar sind“. Wegen der unübersehbaren Bedeutung, die den sozioökonomischen Rahmenbedingungen für schulisches Lernen zugeschrieben werden kann, soll im Folgenden das Ausmaß der im außerschulischen Bereich erkennbaren Unterschiede in den Lebensverhältnissen mit Hilfe von drei Merkmalsgruppen skizziert werden, nämlich
- mit Wohlstandsindikatoren als im engeren Sinne ökonomischen Merkmalen der 16 Länder,
- mit Daten zum familiären Umfeld der Schülerinnen und Schüler sowie
- mit Indikatoren, die Aussagen über die den Schulen zur Verfügung gestellten Ressourcen machen.

Wohl- und Schuldenstand

Die dazu herangezogenen Daten beziehen sich in der Regel auf das PISA-Jahr 2006. Zu jedem der vorgestellten Indikatoren werden die jeweils stärksten und schwächsten Flächenstaaten benannt; die Positionen der drei Stadtstaaten, die eher mit Großstädten in den Flächenstaaten zu vergleichen sind, werden, wenn es sinnvoll erscheint, nachrichtlich mitgeteilt. In der Gesamtübersicht der Befunde sollen Länder herausgestellt werden, die in den hier berichteten Merkmalsbereichen eher, was schulisches Lernen angeht, günstige Rahmenbedingungen bieten.

Greift man unter den Merkmalen, die den Wohlstand eines Bundeslandes charakterisieren, den Indikator Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner heraus (für diesen Indikator wird die Summe dessen, was ein Land in einem Jahr erwirtschaftet, durch die Zahl seiner Einwohner dividiert), haben neben den Stadtstaaten Hamburg und Bremen (die aufgrund der hohen Zahl einpendelnder Arbeitnehmer mit den übrigen Ländern nicht verglichen werden dürfen), Hessen, Bayern und Baden-Württemberg die Nase vorn – bei einer Spannweite unter den Flächenstaaten von 33.614 Euro je Einwohner in Hessen und 19.112 Euro in Mecklenburg-Vorpommern. Wenn man diesem einen weiteren Indikator, der das Ausmaß der in der Vergangenheit aufgehäuften Schulden kennzeichnet, hinzufügt, zeigt sich, dass Bayern (mit 3.070 Euro), Sachsen und Baden-Württemberg je Einwohner gerechnet, am wenigsten verschuldet sind. Die höchste Verschuldung je Einwohner haben das Saarland mit 9.262 Euro und – bei Einbezug der Stadtstaaten – Bremen mit 20.149 Euro angesammelt.

Arbeitslosenquote

Auch bei den Indikatoren, die sich stärker auf den familiären Hintergrund von Jugendlichen beziehen, stoßen wir unter den Bundesländern auf eine beachtliche Spreizung: Beim monatlichen Bruttoverdienst führen wiederum Hessen, Baden-Württemberg und Bayern; Thüringen liegt auf dem letzten Platz. Ein vergleichbares Bild bieten die Arbeitslosenquote, die in Baden-Württemberg (6,3 Prozent), Bayern und Rheinland-Pfalz am geringsten ist, in Mecklenburg-Vorpommern mit 19 Prozent einen Spitzenwert erreicht. Hamburg, Bremen und Berlin (17,5 Prozent) schneiden dabei durchgängig schlecht ab. Sie weisen auch den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängern auf (Hartz IV): Während von allen über 18-Jährigen in den alten Bundesländern in Baden-Württemberg und Bayern, in den neuen Bundesländern in Sachsen die wenigsten Menschen diese Hilfe beanspruchen, nehmen die drei Stadtstaaten hier Spitzenplätze ein.

Zwei weitere Indikatoren, die etwas zur sozialen Lage von Familien aussagen, vermitteln ein von den ökonomischen Daten der Länder und der einzelnen Familien abweichendes Bild: Beim Anteil derer an der Bevölkerung, die über eine Hochschulreife verfügen, liegen Hessen (26,7 Prozent), Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg auf den vorderen Plätzen, hingegen belegt Sachsen-Anhalt (16,4 Prozent) Platz 16.

Bildungsniveau und Migration

Betrachtet man den Indikator „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ so fällt auf, dass die neuen Länder (gemeinsamer Durchschnittswert: 4,7 Prozent) sich massiv von den alten abheben: Unter den Letztgenannten haben Schleswig-Holstein, das Saarland und Bayern die geringsten, Bremen und Hamburg die höchsten Migrantenanteile.

Noch einmal ein anderes Bild ergibt sich, wenn man die Ressourcen, die den Schulen in den Ländern zur Verfügung stehen, betrachtet: Es zeigt sich, dass bei den Ausgaben je Schüler (die Werte beziehen sich auf das Jahr 2005!) Thüringen (mit 5.600 Euro), Sachsen-Anhalt und Sachsen bei den Flächenstaaten insgesamt führend sind. Bei den alten Bundesländern liegen Baden-Württemberg (mit 4.900 Euro) und Bayern vorn. Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg (mit 5.700 bzw. 5.600 Euro) heben sich bei den Ausgaben pro Schüler von den anderen 14 Bundesländern deutlich ab. Die auf den ersten Blick überraschend starke Position der neuen Länder wird dadurch ermöglicht, dass sich deren im Vergleich eher schwachen Wohlfahrtsdaten auf dem Wege des Länderfinanzausgleichs kompensieren lassen: Nach dem Länderfinanzausgleich sind die Steuereinnahmen pro Einwohner bei den Flächenstaaten in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern am höchsten, in Niedersachsen am niedrigsten. Dies verschafft den neuen Ländern genug Spielraum, um ein hohes Maß an Unterrichtsstunden zu finanzieren.

Anzahl der Unterrichtsstunden

Eingesetzt werden diese z. B. in den Jahrgangsstufen eins bis neun je Klasse – für Unterricht im Klassenverband, für den Einsatz von zwei Lehrkräften je Klasse oder für individuelle Fördermaßnahmen: Sachsen (in neun Jahren werden dort je Klasse insgesamt 12 107 Unterrichtsstunden bereitgestellt) und Brandenburg nehmen mit Schleswig-Holstein eine Spitzenposition ein (s. Tabelle 3). Niedersachsen rangiert mit insgesamt nur 10.635 Unterrichtsstunden dagegen auf dem letzten Platz.
Fazit: Setzt man die hier präsentierten Indikatoren zu Wohlstand und familiärem Hintergrund in den Ländern sowie zu den Ressourcen, die diese ihren Schulen zur Verfügung stellen, in Relation, fällt auf – lässt man die Stadtstaaten unberücksichtigt –, dass Bayern und Baden-Württemberg zumeist und auch Sachsen – wenn auch weniger häufig – günstigere Rahmenbedingungen für schulisches Lernen bieten. Der genaue Blick auf die Bundesländer bestätigt: Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind nicht gleichwertig! Deutlich wird allerdings auch, dass die beschriebenen Rahmenbedingungen nicht ausschließlich die in den Schulen dieser Länder erbrachten Leistungen erklären können: Die PISA-Studien 2000 und 2003 haben gezeigt, dass die Leistungsergebnisse die Rangfolge im Bereich der sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die sich bei den 16 Bundesländern ergibt, nicht unmittelbar widerspiegeln.

Klaus Klemm, Bildungsforscher,
Prof. em. Uni Essen

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