28.01.2009

Gewerkschaftliche Arbeit im Regenwald

Mit einer Gruppe von deutschen und brasilianischen Gewerkschaftern und Gewerkschafterinnen besuchen wir das Aluminiumwerk ALBRAS in Barcarena. Neben Einblicken in die industrielle Herstellung des glänzenden Metalls zeichnet die Begegnung mit der örtlichen Gewerkschaft diesen Tag des Weltsozialforums aus. Es berichtet Ilke Glockentöger von der GEW Berlin

von Ilke Glockentöger

Manuel Campos ist vor fast 40 Jahren als Arbeitsmigrant aus Portugal nach Deutschland gekommen. Heute arbeitet er als Referent für internationale Beziehungen mit dem Schwerpunkt Lateinamerika bei der IG Metall in Frankfurt. Brasilien ist ihm sehr vertraut: Er hat vier Jahre lang als Sozialreferent in der deutschen Botschaft in Brasilia gearbeitet. „Ihr müsst unbedingt am Mittwoch mitkommen. Das wird spannend.“ lautete seine Verheißung beim Abendessen nach unserer Ankunft in Belém. Der für Mitte der Woche geplante Ausflug zu einem außerhalb der Stadt liegenden Aluminiumwerk weckte bei mir, die gerade ihren Jetlag in Caipirinha zu ertränken versuchte, allerdings wenig Interesse.

Als heute morgen um fünf Uhr der Wecker klingelt, verfluche ich Manuels brasilianisch anmutenden Charme, der mich letztlich doch zu einer Teilnahme an diesem Ausflug motiviert hat. Nach einem kurzen Frühstück steigt unsere aus rund 30 Personen bestehende, internationale Gruppe in den bunten Bus, der uns im Dämmerlicht durch das langsam erwachenden Belém schaukelt. Nach knapp einer halben Stunde Fahrt durch die verschlungenen Straßen hält der Bus am Hafen, der nur etwa einen halben Kilometer vom Hotel entfernt liegt. „Ein Missverständnis!“ erklärt Manuel lächelnd unseren müden Gesichtern, mit denen wir das kleine Boot besteigen.

Die Morgensonne und der warme Wind über dem Wasser entschädigen schnell für die verpasste Zeit im Bett. Am Ufer der vielen Flüsse des Amazonasdeltas, auf denen wir uns fortbewegen, erstreckt sich das unendliche Grün des tropischen Regenwaldes. Auf dem Boot gibt uns „meine Kollegin“, die Geschichtslehrerin Lucilene, inzwischen eine Einführung in die bewegte Geschichte der Region. Manuel – im Herzen und Geiste also doch ein Brasilianer - beginnt seinen darauf folgenden Vortrag mit dem Satz „Das System der Gewerkschaften ist so kompliziert, dass wir selbst es nicht verstehen.“ In Brasilien gibt es etwa 18.000 Gewerkschaften, von denen allerdings aufgrund einer undurchsichtigen Gesetzgebung nur rund 10.000 offiziell anerkannt sind und sich in mehreren Dachverbänden zusammengeschlossen haben. Der Organisationsgrad der Arbeitnehmer/-innen in Brasilien lässt sich nur schwer ermitteln; Manuel schätzt ihn zwischen 20% und 35%. Seine weiteren Ausführungen lassen auf Gewerkschaftsstrukturen schließen, die der Dschungellandschaft am Ufer gleichen.

Die Stimmung in der Gruppe steigt sichtlich, als uns ein bunt gekleidetes, junges Paar zu schneller Musik brasilianische Tänze präsentiert. Auf dem Boot haben sich einige von den Rhythmen anstecken lassen und schwingen das Tanzbein, als wir die Kleinstadt Barcarena erreichen. In sengender Hitze stehen wir kurze Zeit später am kleinen Hafen der etwa 7000 Einwohner/-innen zählenden Stadt. Wir warten vergeblich auf den im Regenwald verschollenen Bus, der aufgrund einer Reifenpanne schließlich viel später als geplant in Barcarena eintrifft. Die Zwischenzeit überbrücken wir mit einem kurzen Besuch der örtlichen Radiostation, den ich für eine kurze Abkühlung im klimatisierten Vorraum nutze und Manuel für ein kurzes Interview.

Links: Boote auf dem Rio Guama
Mitte: Ilke Glockentöger (GEW Berlin) und Manuel Campos (IG Metall)
Rechts: Das Aluminium der ALBRAS wird in alle Welt exportiert

Der Bus bringt uns durch das Immergrün zum großen Aluminiumwerk ALBRAS, wo wegen unseres Besuches an diesem Morgen neben der brasilianischen auch die deutsche Flagge gehisst ist. Fast zwei Stunden lang lauschen wir dem mit kurzen Filmen und Power-Point-Folien untermaltenVortrag eines eifrigen Mitarbeiters, der sich sehr stolz auf sein Unternehmen zeigt und ansonsten auch gut einen Posten in der Werbebranche bekleiden könnte. Sein Eingangskommentar „Da die Arbeiter viel Zeit ihres Leben hier bei uns im Betrieb verbringen, soll es ihnen auch gut gehen“ bietet eine Zusammenfassung seiner Ausführungen. Von der anschließenden Werkbesichtigung mit roten Helmen und der Erklärung des Produktionsprozesses bleiben bei mir leider nur der monotone Lärm und die Mischung aus tropischer Luft und Ofenhitze in Erinnerung. Wir alle sind dankbar für das Mittagessen in der Betriebskantine, die Teil des „Lebensraums ALBRAS“ ist, zu dem unter anderem auch eine Bibliothek und Tischtennisplatten gehören.

Wir verlassen schließlich das Werksgelände, um die örtliche Gewerkschaft zu besuchen, wo wir den Präsidenten Lúcio Maciel näher kennenlernen. Er berichtet, das vieles, was an diesem Vormittag bei ALBRAS angepriesen wurde, von der Gewerkschaft hart erkämpft worden ist. Die letzte Auseinandersetzung zwischen ALBRAS und dem Sindicato dos Metalúrgicos de Barcarena drehte sich um die betriebseigene Schule, dessen Schließung die Gewerkschaft abwenden konnte. Die Gemeinschaftsschule ist anscheinend wenigstens auf dem Werksgelände realisiert. Alle Kinder der Betriebsangehörigen werden dort gemeinsam unterrichtet. Der Schulbesuch ist nur für Schüler und Schülerinnen kostenpflichtig, deren Eltern zur Geschäftsführung gehören,. „Die verdienen ja schließlich auch mehr Geld.“ erklärt uns Lúcio. Doch von einer „Schule für alle“ bleibt Barcarena weit entfernt. Wer nicht für ALBRAS arbeitet, kann seinen Kindern kaum Zugang zu Bildung ermöglichen. In der Verfassung von Brasilien ist zwar ein Recht auf Bildung festgeschrieben, doch die brasilianische Regierung kommt ihrem Auftrag nur ungenügend nach. Grundschulen sind in Barcarena zwar vorhanden, doch es mangelt an weiterführenden und berufsbildenden Schulen. Die Schule von ALBRAS ist für die Kinder der Arbeiter die einzige Bildungschance, für viele andere gibt es gar keine. Ich schlucke und denke an den Workshop zur Privatisierung von Bildung, den wir morgen beim Sozialforum anbieten werden.

Das lange, spannende Gespräch, in dem Lúcio auch mit Fragen zu gewerkschaftlichen Kooperationen, Tarifverhandlungen und Arbeitssicherheit gelöchert wird, könnte noch unendlich weitergeführt werden. Die von Manuel überreichten Geschenke erscheinen mir mit Blick auf die Tiefe der Begegnung mit Lúcio und seinen Kollegen und Kolleginnen und ihrer Lebensrealität mickrig. Bei mir kann auch der zum Abschied liebevoll zubereitete Imbiss den Hunger nach einer anderen Welt nicht stillen. Wieder mit dem Bus durch die grüne Hitze geht es dieses Mal zum Hafen von Arapi, wo wir auf die Fähre zur Überfahrt über den Rio Guama warten. Ich sitze direkt am Kai und beginne mit einigen Notizen für diesen Bericht, bevor die Dunkelheit einbricht und der tägliche Regenguss auf uns niederprasselt. Der an mir vorbeischlendernde Manuel fragt nach dem Inhalt meiner Aufzeichnungen. „Ich schreibe über diesen Tag mit Dir.“ antworte ich schmunzelnd. „Was? Das will ich lesen!“ lautet seine Aufforderung.
„Aqui esta, senhor!“ (Hier ist er!)

Links: Die Aluminiumherstellung ist ein komplexer Prozess
Mitte: In der Produktion herrscht Helmpflicht
Rechts: Gebäude der Metallgewerkschaft von Barcarena

Fotos: Manfred Brinkmann


Überfahrt mit der Fähre – im Hintergrund die Millionenstadt Belém



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