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04.07.2010

Gemischte Bilanz

Die Bilanz zum Abschluss des sechsten Europäische Sozialforum ist gemischt. Bildung war wichtiges Thema und die GEW-Seminare waren gut. Ärgerlich war das organisatorische Chaos. Die Zahl der Teilnehmer nimmt weiter ab. Sabine Skubsch und Gunter Quaißer berichten vom letzten Tag in Istanbul.

Das ESF geht zu Ende und die GEW-Delegation trifft sich am Sonntag Morgen zu einem letzten Auswertungsgespräch, bevor alle nach Hause fliegen oder den letzen Tag zu einem Ausflug auf die Prinzeninseln nutzen. Gunter Quaißer ist als einziger noch mal zur Abschlussversammlung des Forums in den europäischen Teil Istanbuls gefahren. „Das ESF in Istanbul war chaotisch“, dieser Satz ist in fast jedem Statement der GEW-Teilnehmerinnen zu hören. Bis zum Tag vor Beginn des ESF gab es kein Programm. Dem Programmheft konnte nicht entnommen werden, wo die Veranstaltungen stattfinden. Der Ort der Abschlussdemo wurde mehrfach geändert. Kurz gesagt: die Teilnahme erforderte einen hohen Grad an Flexibilität. Bei aller Kritik muss aber berücksichtigt werden, dass die Organisatoren in der Türkei unter anderen Bedingungen arbeiten müssen und nicht die Unterstützung bekommen, die wir gewohnt sind. Positiv anzumerken ist, dass Bildungspolitik als Thema beim ESF angekommen ist. Wir konnten feststellen, dass es in anderen Ländern ähnliche Bildungsprobleme gibt und wie wichtig der gegenseitige Austausch über Bedingungen und Widerstandserfahrungen ist. Allerdings nahmen in manchen Seminaren lange Statements viel Raum ein und es blieb wenig Zeit zur Diskussion. Auf zukünftigen Sozialforen müssen Formen von Seminaren gefunden werden, die mehr Raum zur Partizipation und zum Austausch lassen.

Links: Besprechung der GEW-Delegation im Hotel
Mitte: Lange Reden nahmen viel Zeit, die für Diskussion dann fehlte
Rechts: Bildungspolitik ist als Thema beim ESF angekommen

Die Bewertung unserer eigenen GEW-Seminare ist positiv. Allerdings hätten wir uns v.a. bei der ersten Veranstaltung (zur 1GOAL-Kampagne) eine größere Beteiligung gewünscht. Die Rolle des Europäischen Dachverbandes der Bildungsgewerkschaften ETUCE bei Sozialforen sollte geklärt werden. Das ETUCE hat nicht die Vernetzungsarbeit übernommen, die man erwartet hat. Außerdem nahmen wenige Bildungsgewerkschaften aus anderen Ländern am ESF teil und diejenigen, die teilnahmen, waren nicht unbedingt repräsentativ für ihr Land. Die Bewertung des ESF insgesamt wurde kritisch gesehen: Die ESF-Bewegung stagniert. Die Teilnehmerzahl ist zurückgegangen. Präsent waren vor allem Gewerkschaften aus Südeuropa. Viele große Gewerkschaften aus Nordeuropa kamen nicht nach Istanbul. Die Qualität des Programms hat im Vergleich zu vorangegangenen Foren nachgelassen. Angesichts der zurückgehenden Teilnehmerzahl und des abnehmenden Niveaus muss kritisch über die Zukunft der ESF nachgedacht werden. Wir fragen uns auch, ob das ESF bei den Menschen in Istanbul angekommen ist? Die schwache Teilnahme an der Demo lässt Zweifel aufkommen.

Links: TeilnehmerInnen beim Seminar 'Strategies against privatisation in education'
Mitte: Das ESF wurde in Istanbul kaum wahrgenommen
Rechts: An der Abschlussdemonstration des Sozialforums nahmen etwa 5.000 Menschen teil

Als positiv verbuchen wir alle die zahlreichen Begegnungen mit Gewerkschaftern und Aktivisten sozialer Bewegungen. Wo man hinkam, konnte man Kollegen ansprechen und es gab einen offenen respektvollen Umgang untereinander. Insbesondere beim Empfang der türkischen Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen wurden zahlreiche Gespräche mit Kollegen aus spanischen, französischen, italienischen uns portugiesischen Bildungsgewerkschaften geführt. Aber auch sonst berichten alle über einen regen Austausch: Studierende konnten Kontakte zu anderen „Studi-Bewegungen“ knüpfen, Lehrer tauschten sich über die Arbeitsbedingungen in ganz Europa aus, und wir erfuhren, dass die Tendenzen zur Privatisierung überall in die gleiche Richtung laufen. Wir haben viel von Istanbul gesehen. Dazu trug auch bei, dass unser Hotel im asiatischen Teil der Stadt lag, während die Veranstaltungen im europäischen Teil stattfanden. So waren wir Teil der Menschenmassen, die täglich zwischen Asien und Europa hin und her pendeln. Auch auf der Überfahrt kam es zu zahlreichen Gespräche mit Istanbulern. Last not least konnten wir immer wieder die herrliche Kulisse Istanbuls vom Wasser aus bestaunen. Unsere Delegation war eine nette quirlige Truppe mit vielen jungen Kolleginnen und Kollegen aus vielen Bereichen unserer Bildungsgewerkschaft und aus der elf GEW Landesverbänden. Das positive Fazit über unsere GEW-Delegation beim Europäischen Sozialforum 2010 ist nicht zuletzt der Organisationsarbeit von Manfred Brinkmann zu verdanken, dem zum Schluss Tülay, unsere junge kurdische Kollegin aus NRW, im Namen der Delegation mit einer Schachtel Locum, einer süßen türkischen Spezialität, dankt.

Links: Wir waren Teil der Menschenmassen, die täglich zwischen Asien und Europa hin und her pendeln
Mitte: Eine quirlige Truppe mit vielen jungen Leuten aus allen Bereichen unserer Bildungsgewerkschaft
Rechts: Die GEW-KollegInnen Sabine Skubsch, Günther Fuchs, Gunter Quaißer, Christine Rodewald und Manfred Brinkmann über den Dächern von Istanbul

Text: Sabine Skubsch
Fotos: Manfred Brinkmann

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