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/ Jahrgang 2008
/ 05/2008
GastkommentarEin anderes Argument: Die „Angst“ der Lehrer vor technik-kompetenten Schülern. Es ist sicher beeindruckend, wie geschickt manche Schüler den PC nutzen, das Internet einsetzen und im Web 2.0 aktiv sind. Aber: Solche partiellen Kompetenzvorsprünge gibt es auch in anderen Fächern (z. B. Musik, Sport, Englisch) – diese verunsichern einen guten Fachlehrer nicht, er weiß sie vielmehr zu nutzen. Zudem: Selbst wenn ein Lehrer die Zeit und das Interesse hätte, sich die technischen Neuerungen im Umgang mit Neuen Medien permanent anzueignen, würde ihm dies für seinen Fachunterricht nennenswerte Vorteile verschaffen?
Die Ursachen für die Technikdistanz sind komplex: Die Einführung des Computers in der Schule war bestimmt durch die Dominanz technischer, finanzieller und organisatorischer Probleme. Erst spät wurde versucht, die mediendidaktische Lücke zu schließen.
Medienkompetenz hieß und heißt bis heute das Zauberwort – bestehend aus den fünf Teilkompetenzen Medienkunde, Mediennutzung, Medienkritik, Mediengestaltung und Medienwirkung. Aber: Diesem Konzept fehlt die Verzahnung mit den Unterrichtsfächern und Fachdidaktiken, was gravierend ist: Der kluge Fachlehrer setzt (nur) dann Neue Medien ein, wenn der fachdidaktische Mehrwert erkennbar ist.
Wer also den Medieneinsatz in der Schule fördern und die Resonanz bei den Lehrpersonen positiv verstärken will, muss vorrangig fachdidaktische Entwicklungsarbeit leisten! Hinzu kommt: Die Einführung Neuer Medien darf nicht nur einigen innovationsfreudigen Lehrern überlassen werden, sondern muss systematisch erfolgen. Dazu ist die Entwicklung eines Medienkonzeptes für die gesamte Schule erforderlich. In ihm wird deutlich, wie fachintern und fächerübergreifend innerhalb und zwischen den Jahrgangsstufen wohl koordiniert fachspezifische Medienkompetenzen aufgebaut werden können.
Das Einzelinteresse vieler Lehrer am Einsatz Neuer Medien könnte so zum Motor der Vermittlung von Medienkompetenz insgesamt werden – aber den vorliegenden Medienkonzepten fehlt es häufig an Verbindlichkeit. Mit Hilfe von Organisations- und Schulentwicklung kann und sollte dies erreicht werden. Auf diese Weise ließen sich auch viele schulorganisatorische und technische Probleme des Einsatzes Neuer Medien beheben wie Raumbelegung, Beschaffung, Ausstattung und Wartung.
Gelingt es der Schule zudem, ihre Lehrerfortbildungsmaßnahmen gezielt mit dem Medienkonzept zu verbinden, kann der (Erneuerungs-)Bedarf an fachspezifischer Medienkompetenz schrittweise gedeckt werden. In den Fächern entsteht hohes Eigeninteresse, dass alle Kollegen sich die benötigten fachspezifischen Medienkompetenzen aneignen.
Mit einer solchen systemischen Medienbasis (als Einheit von Fachdidaktik, Organisation und Technik) hat die Schule – in Konkurrenz zur Unterhaltungsindustrie – durchaus gute Chancen, das Potenzial Neuer Medien für anspruchsvolle pädagogische Ziele und Inhalte zu nutzen: Die Konzepte des selbstständigen und des kooperativen Lernens sind in den Fächern mit Hilfe von ELearning deutlich leichter zu realisieren.
Das Interesse am schulischen Lernen steigt bei allen Schülern (gerade bei den Computerfreaks), wenn sie in der Schule exemplarisch lernen, die Qualität der Medienangebote (inklusive Spiele) zu beurteilen und die für das (Über-)Leben in der Mediengesellschaft wichtigen Medienwerkzeuge kritisch zu nutzen.
Die politisch-moralische Urteilskompetenz der Schüler kann im geschützten „Mitmachnetz Schule“ gefördert werden, da sich nun jeder Schüler am sozialen Prozess der strukturierten Urteilsbildung, der mit Hilfe einer Lernplattform (z. B. Moodle) oder Web 2.0-Umgebung organisierbar wird, engagieren kann (Learning by doing). Wird Medienkompetenz systemisch verortet, kann sie nicht mehr auf Bedienerkompetenz von technischen Systemen reduziert werden, sondern wird selbst als wichtiges Mittel begriffen, um Ziele zu realisieren, die etwas mit Mündigkeit, Verantwortung und Selbstbestimmung der Subjekte in der Mediengesellschaft zu tun haben.
Prof. Dr. Wolfgang Sander,
Hochschullehrer am Institut für Erziehungswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Wolfgang Sander