Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
05.07.2010

Gastkommentar: Kinder wollen Bildung

Weltweit können über 760 Millionen Erwachsene weder lesen noch schreiben. Vor diesem Hintergrund hat die Weltgemeinschaft sich im Jahr 2000 mit den acht Milleniums-Entwicklungszielen einem hohen, aber notwendigen Anspruch verpflichtet. Sie möchte neben sieben anderen Zielen erreichen, dass bis 2015 jedem Kind eine gebührenfreie und qualitativ gute Grundbildung garantiert wird. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Derzeit gehen mehr als 72 Millionen Kinder nicht zur Schule – ein Großteil von ihnen lebt in Afrika. Ohne Bildung werden sie nur eine geringe Chance haben, der Armut, dem Elend zu entkommen.

Die Fußballweltmeisterschaft bietet eine hervorragende Plattform, für diese Ziele zugunsten der Bildung zu werben. Und es ist keineswegs ein aussichtsloses Engagement – das zeigt die jüngste Entwicklung: 1999 waren es noch 105 Millionen Kinder, die keine Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen. Wenn wir in unserem Engagement nicht nachlassen, werden wir die 70-Millionen-Grenze auch bald deutlich unterschreiten.

An den Kindern liegt es nicht. Wie sehr sie sich Bildung wünschen, hat mir der Besuch einer Flüchtlingsschule in Kuala Lumpur gezeigt. In einem etwa 40 Quadratmeter großen Raum im dritten Stock eines Geschäftswohnhauses saßen 130 Kinder von sechs bis 15 Jahren auf dem Boden. Der Raum war völlig kahl, kein Tisch, kein Stuhl, keine Tafel. Es war heiß und stickig und roch nach verfaulten Lebensmitteln. Unterrichtet wurden sie von Studenten, die dafür ein paar Dollar erhielten. Als ich mit den Kindern ins Gespräch kommen wollte, meldete sich ein etwa 12-jähriger Junge und sagte auf Englisch: „Herr Lemke, wir möchten uns bei Ihnen und den Vereinten Nationen bedanken, dass Sie uns die Möglichkeit geben, zur Schule zu gehen.“ Ich schämte mich, dass ich für dieses Loch auch noch ein Dankeschön bekam. Aber mir wurde auch klar: Selbst dieser elende Schulraum vermittelt Hoffnung, weil hier Bildung erworben werden kann, unter unwürdigen Bedingungen – aber immerhin.

Doch selbst da, wo unter erbärmlichen Bedingungen Schule geboten wird, gibt es noch gravierende Hindernisse zu überwinden – zum Beispiel für Mädchen. Mädchen sind häufig die ers­ten, die die Schule verlassen müssen, wenn die Eltern Not leiden. In Uganda hatte eine Dürreperiode zur Folge, dass weitaus mehr Mädchen als Jungen die Schule verlassen mussten. Trotz aller Not gelingt es manchmal, diese Entwicklung mit kleinen Anreizen zu durchbrechen. Das erlebte ich bei einem Besuch des Flüchtlingslagers Daadab an der Grenze zwischen Kenia und Somalia, in dem rund 200 000 Flüchtlinge aus Somalia leben. Hier nahmen zunächst kaum Mädchen am Unterricht teil, weil die Eltern dies nicht für nötig hielten, sie sollten lieber zuhause arbeiten. Mit einem einfachen Lockmittel änderte sich dies schlagartig. Wenn ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht kommen, erhalten die Familien eine Extraration Zucker, den sie für ihren Tee, den sie gerne sehr süß trinken, benötigen.
Weltweit sind es nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) etwa 215 Millionen Kinder, die arbeiten müssen. Kinderarbeit ist eine Geißel, an der wir, die reichen Länder, nicht unschuldig sind.

In Nairobi besuchte ich eine kleine Firma, in der Fußbälle hergestellt wurden. Dort fertigten etwa 60 erwachsene Beschäftigte die Bälle in Handarbeit. Kinderarbeit gab es hier nicht. Ein in Afrika hergestellter Ball kostet durchschnittlich nicht mehr als sechs Dollar. Doch dieser Gewerbebetrieb arbeitete nur für den afrikanischen Markt. International ist er nicht konkurrenzfähig. Die in Singapur, China und vor allem Pakistan hergestellten Bälle sind um die Hälfte billiger und werden weltweit vertrieben. Diese Produkte, die auch wir in Deutschland erwerben, werden häufig von Kindern hergestellt, weil die kleinen Hände flinker und billiger sind. Ich habe in Pakistan die Kinderarbeit angeprangert und versucht, meinen Gesprächspartnern klar zu machen, wie wichtig es für die Kinder ist, zur Schule zu gehen. Man hat mir brav zugehört, dann aber entgegengehalten, dass ohne die Arbeit der Kinder auch die Eltern nichts zum Leben haben und die Region noch weiter in Not und Elend versinken würde.

Meine moralischen Argumente drangen gegen die Macht der Verhältnisse nicht durch. Es ist leicht, sich zu empören, aber es ist für die Menschen vor Ort schwer, wenn nicht gar unmöglich, ohne das Einkommen der Kinder zu leben. Und die moralische Empörung bleibt einem im Halse stecken, wenn man daran denkt, dass wir dazu beitragen, dass der afrikanische Ballfertigungsbetrieb mit erwachsenen Arbeitern gegen die Lohnkosten durch Kinderarbeit in Pakistan nicht konkurrieren kann.

Dennoch dürfen wir nicht resignieren. Wir müssen Projekte unterstützen, die den Kindern helfen. Oft geht es nicht ohne Kompromisse. Entscheidend ist, dass es gelingt, allen Kindern dieser Welt zumindest eine Grundbildung zu ermöglichen. Darauf müssen wir dringen, dafür müssen wir werben. Auch wenn bei uns die Fußbälle dann eines Tages teurer werden.

Willi Lemke,
UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden

Mitreden

Dazu haben Sie etwas zu sagen? Dann schreiben Sie einen Kommentar und lesen Sie, was andere geschrieben haben Mitreden!

 


Mitreden!



Kommentare:

  • Lemke
    Wilfried Meyer, 30.08.2010, 08:42 Uhr
    Ausgerechnet der Oberschlaumeier Lemke, den die Bremer Lehrkräfte schon als Bildungssenator ertragen mussten, darf einen Gastkommentar in meiner GEW-Zeitschrift schreiben. Während er durch die Welt tingelt ist in seiner Heimatstadt Bremen mittlerweile auch schon jedes 5. Kind von Armut bedroht.Lemke hat Mehrarbeit für Lehrkräfte in den Ferien eingeführt, die demokratischen Entscheidungsbefugnisse von Gesamtkonferenzen abgeschafft und seine ...  / mehr

Kommentar abgeben:



(wird nicht veröffentlicht)





 5738


   
/ zum Seitenanfang