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01.09.2007

Gastkommentar 09/2007: Warnfried Dettling

Bildung für alle, von Anfang an und ein Leben lang: Das ist die überragende Maxime, von der das Leben junger Menschen und die Zukunft des Landes abhängt. Es hat lange gedauert, bis sich dieser Konsens, beflügelt auch durch PISA, in der Gesellschaft Bahn gebrochen hat. Wer Bildung als die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts erkennt, darf freilich nicht auf halbem Wege stecken bleiben. Rolle und Beruf der Erzieherinnen und Erzieher sind vielmehr neu zu definieren und aufzuwerten: in Ausbildung und Anerkennung, was Bezahlung und berufliche Perspektive betrifft.

Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts

Es ist nicht nur ein sozialer Skandal, sondern auch eine ökonomische Dummheit, die Bildungspotenziale eines Landes so wenig auszuschöpfen: Fast nirgendwo in Europa bestimmt die soziale Herkunft eines jungen Menschen so sehr seine persönliche Zukunft wie in Deutschland. Bildung für alle ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Die Weichen werden früh gestellt, lange vor Schulbeginn. Was in dieser Zeit versäumt wird, kann später kaum noch aufgeholt werden. Bildung von Anfang an ist notwendig, um sozial und kulturell unterschiedliche Startvoraussetzungen auszugleichen und chancenlose Biografien gar nicht erst beginnen zu lassen. Wir erleben gegenwärtig einen Paradigmenwechsel in der Familienpolitik und in diesem Zusammenhang eine Aufwertung frühkindlicher Bildung. Das ist gut so. Bildung von Anfang an aber hat ihr eigenes Recht, und das meint mehr als den Ersatz für Familien. Kindertagesstätten werden zu zentralen Institutionen gesellschaftlicher Entwicklung. Auf den Elementarbereich kommen neue Ansprüche und Anforderungen zu. Hier entscheidet sich, ob und inwieweit Benachteiligungen durch das Elternhaus kompensiert werden oder nicht; ob und inwieweit die Bildungspotenziale eines Landes ausgeschöpft werden oder nicht; ob und inwieweit Menschen lernen, mit Fremden, mit Vielfalt, mit kultureller und religiöser Pluralität umzugehen oder nicht. Hier lernen junge Menschen so spielerisch und leicht wie später nie mehr. Hier erwerben sie soziale Fähigkeiten und Daseinskompetenzen, die sie für ein gelingendes Leben brauchen. Der Zugang zur Erwerbsarbeit geht über Bildung und der Zugang zu Bildung läuft über frühkindliche Förderung.
Man soll Einrichtungen nicht überfordern, gewiss, aber wahr ist auch: In der frühen Kindheit werden die Weichen für das soziale Schicksal von Menschen und für die Zukunft des Landes gestellt. Wer mit offenen Augen durchs Land fährt, kann vielerorts beobachten, wie sich Kitas in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben: von Aufbewahranstalten für Notfälle über Einrichtungen für die Betreuung hin zu Stätten des spielerischen Lernens, in denen sich Kinder wohl fühlen und gute Bedingungen des Aufwachsens vorfinden. Der Elementarbereich hat eine wachsende und eigenständige, nicht nur eine abgeleitete Bedeutung: weil Eltern berufstätig sind oder weil Familien für die Erziehung ausfallen.
Es müsste sich heute von selbst verstehen, dass die neuen pädagogischen Aufgaben und Herausforderungen auch einen neuen Status der Akteure verlangen: eine akademische Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher wie in den meisten Ländern Europas, eine gesellschaftliche Aufwertung sowie eine bessere Bezahlung. Nicht zuletzt Karriere-Perspektiven für alle, die in diesem Beruf arbeiten. Warum soll die Leiterin einer Einrichtung nicht wie selbstverständlich auch Leiterin einer kommunalen Behörde werden können? Warum soll – nach einer Phase der Weiterbildung – nicht eine neue Karriere in Lehre, Hochschule und anderen Bildungsberufen möglich sein?
Es hat sich zwar viel getan, doch bleibt noch viel zu tun. Das gesamte Feld der frühkindlichen Bildung wird erst dann wirklich an Attraktivität gewinnen, wenn Kindheit und Jugend, Bildung und Ausbildung nicht länger unter Konsum und Kosten, sondern unter Investitionen für die Zukunft verbucht und
Reformen dort verwirklicht werden, wo die Schlüssel zur Zukunft verborgen liegen.
Warnfried Dettling

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