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15.11.2006

GEW fordert Bewegung in der Schulstrukturfrage

Die GEW hat die Kultusminister der Bundesländer ermutigt, die Kritik der europäischen Bildungsminister an der frühen Selektion der Kinder in Deutschland als Vorlage zu nutzen. Kinder müssten länger gemeinsam lernen.

Vorlage aus Brüssel nutzen

Marianne Demmer, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule, forderte die KMK am Mitwoch mit Nachdruck auf, sich endlich in der Schulstrukturfrage zu bewegen. Nachfolgend Demmers Statement im Wortlaut:

Zum Beschluss des europäischen Bildungsministerrates am 14.11.2006

Ich fordere die KMK mit Nachdruck auf, sich endlich in der Schulstrukturfrage zu bewegen und eine geordnete Debatte über die Risiken und Nachteile des gegliederten Schulsystems zu führen. Wir müssen in Deutschland einen Weg finden, die frühe Selektion zu überwinden, ohne uns in sinnlosen Grabenkämpfen zu verausgaben. Die Überzeugung von der „begabungsgerechten Förderung im bewährten gegliederten Schulwesen“ hat sich als Irrtum erwiesen. Es muss jetzt Schluss damit sein, dass diejenigen, die das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit fordern, als Ideologen diffamiert werden.

Nach dem Beschluss der europäischen Bildungsminister vom 14.11.2006, in dem auf die negativen Auswirkungen der frühen Auslese hingewiesen wird, ist es allerhöchste Zeit, die Augen nicht länger vor unangenehmen Wahrheiten zu verschließen. Die nachteiligen Wirkungen der frühen Selektion für die Chancengleichheit sind mittlerweile in der nationalen und internationalen empirischen Forschung unbestritten. Unser Schulsystem benachteiligt ausgerechnet diejenigen Kinder, die es bereits durch ihre Herkunft oder durch Behinderungen besonders schwer haben, ohne dass die anderen bessere Lernergebnisse erzielen. Es gibt keine Forschungsergebnisse, die Vorteile des gegliederten Schulwesens gefunden haben.

Die Verfechter des traditionellen deutschen Schulwesens müssen zudem zur Kenntnis nehmen, dass sie in Europa isoliert sind, wenn sie weiterhin den Zusammenhang zwischen früher Auslese und Benachteiligung leugnen. Nach meiner Erfahrung gilt Deutschland bereits heute auf europäischer Ebene als rückständiger unbelehrbarer Bildungszwerg. Deutschland spielt in Bildungsfragen keine seiner Größe angemessene aktive Rolle, sondern tritt häufig als Bremser auf. Das Verhalten der deutschen Teilnehmer im gerade beendeten Bildungsministerrat dürfte diesen Ruf verstärkt haben.

Information

Von deutscher Seite nahmen am Treffen des Bildungsministerrats lt. // Pressemitteilung am 13./14.11.2006 teil:

Germany:


  • Ms Annette SCHAVAN, Federal Minister of Education and Research
  • Ms Ursula VON DER LEYEN, Federal Minister for Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth
  • Mr Bernd NEUMANN, Minister of State in the Federal Chancellery, Federal Government Representative for Culture and Media
  • Mr Eberhard SINNER, Minister and Head of State Chancellery, Bavaria
  • Mr Thomas GOPPEL, Minister for Science, Research and the Arts, Bavaria
  • Mr E. Jürgen ZÖLLNER, Minister for Science, Further Education, Research and Culture, Rhineland-Palatinate

Grundlage für den Beschluss des Bildungsministerrates ist eine Mitteilung der EUKommission vom 08.09.2006 mit dem Titel „Effizienz und Gerechtigkeit in den europäischen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung“. Sie richtete sich an den Rat und das Europäische Parlament. In dieser Mitteilung wurde davor gewarnt, die Bildungssysteme nur unter Effizienzgesichtspunkten zu sehen und dabei die Bedeutung der Gerechtigkeit zu vernachlässigen.

Eine der Empfehlungen an den Bildungsministerrat bezog sich auf die Schulstruktur. Sie hieß:

„Die Mitgliedstaaten sollten in ihren Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung keine allzu frühe Aufteilung der Schüler (Differenzierung) vorsehen, da dies nachweislich die Wirkung der sozioökonomischen Herkunft auf den Bildungserfolg verstärkt und langfristig zu keiner Effizienzsteigerung führt.“

Die anderen Empfehlungen bezogen sich auf die vorschulische Bildung, den Hochschulbereich, die berufliche Bildung und die Schaffung einer Evaluationskultur für den gesamten Bildungsverlauf (lebenslanges Lernen). Nähere Informationen // hier.

Besondere Aufregung hatte die Passage über die frühe Aufteilung bei der bayerischen Staatsregierung verursacht. In einem Beschluss vom 10.10.2006 forderte die bayerische Staatsregierung die deutschen Mitglieder auf, den Beschluss des Bildungsministerrats durch ein deutsches Veto zu verhindern. Nähere Informationen // hier.

Zu einem Veto ist es nicht gekommen, aber zu einer deutlichen Entschärfung der entsprechenden Passage. Nach der Intervention Deutschlands und Österreichs heißt es nun:

„Whilst respecting the responsibility of the Member States for organising their education and training systems, there is also some research evidence to suggest that, in certain cases, differentiating pupils at too early an age into separate schools of different types on the basis of ability may have negative effects on the achievement of disadvantaged pupils.”

Nähere Informtionen // hier.


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