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05.09.2011

Kinder ohne Kindheit: Projekt holt Kinder von den Baumwollplantagen

Sie führen ein Leben wie Nutztiere. In der Hochsaison ackern sie neun bis zehn Stunden bei 40 Grad und mehr auf Baumwollfeldern. Sie sind umhüllt von Wolken giftiger Pestizide. Ihre Augen sind gerötet. Sie leiden unter Übelkeit, Erbrechen und Hautkrankheiten. Sie sind Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren. Sie schuften für 50 Cent am Tag. Der ausgebeutete Baumwoll-Farmer gibt seine Ausbeutung einfach weiter.

In einem gemeinsamen Projekt mit der indischen MV Foundation (MVF) will die GEW Stiftung fair childhood zu­nächst 100 dieser Mäd­chen von den Feldern holen, sie in Schulen bringen und ihnen ein Stück ihrer Kindheit zurückgeben.

Weil wir wissen wollten, wie ein solches Projekt in der Praxis funktioniert, bat E&W Ulrich Meinecke, derzeit Neu Delhi, eine südindische Bauwollregion, den Kurnool-District, zu besuchen und sich dort umzusehen. Hier sein Bericht: Vor uns liegen vier Autostunden. Das bedeutet vier Stunden Straßenkampf – jeder gegen jeden. Wer indische Landstraßen kennt, weiß, dass dort der Verkehr stets auf der Gegenspur stattfindet. Man rast aufeinander zu unter mörderischem Gehupe, nach der Devise, wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Dem Himmel sei Dank, dass unser Fahrer Krishna immer gewonnen hat.

Roter Punkt für Vorbilder

Im Kurnool-District ist Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern, vor allem in der Saatgutproduktion, noch weit verbreitet. Aber es gibt auch schon viele kinderarbeitsfreie Dörfer. Einige dieser Ortschaften will uns Bashka, ein MVF-Aktivist, zeigen. Unser Ziel ist der Uyyalawada Mandal. Ein Mandal besteht aus 20 bis 25 Dörfern. Hier ist die MV Foundation seit zwei Jahren aktiv.
In einer leeren Halle, einer Art Gemeindezentrum, treffen wir die Vertreter der Child Rights Protection Foren (CRPF) aus vier Dörfern, zwei Frauen einer Selbsthilfegruppe, Mitglieder der gewählten Fünfer-Räte (einer Art Kommunalvertretung, genannt Pancha­yats), außerdem einige Farmer und Kinder. Etwa 20 Leute sind gekommen.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Doch schon jetzt gebe es in den meisten Dörfern keine Kinderarbeit mehr, berichtet unser Gesprächspartner. Angefangen habe es damit, dass MVF-Leute sich in den Dörfern des Mandals umgetan haben, um diejenigen zu entdecken, die als Aktive und auch als Vorbilder in Frage kommen. Wer bereit war mitzumachen, wurde Mitglied im CRPF, einige wurden auch als „Organizer“ befristet bei der MV Foundation angestellt.

Um die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder nicht mehr zur Arbeit auf die Baumwollfelder zu schicken und die Einstellung der Dorfbewohner zu verändern, haben sich die CRPF-Leute viel einfallen lassen. Z. B. sind sie mit Lautsprechern und Spruchbändern durch die Dörfer gezogen, haben kleine Kundgebungen abgehalten und Theaterstücke aufgeführt. Die beiden Frauen der Selbsthilfegruppe berichten, dass sie von Haus zu Haus gegangen seien und den Eltern, die ihre Kinder zur Schule schicken, einen roten Punkt als Zeichen der Anerkennung zwischen die Augen gemalt haben, ein so genanntes „Bindi“. Ein alter Mann habe den Kindern immer wieder ein Lied über das Glück, lernen zu dürfen, vorgesungen.
Auf die Frage, wer sie veranlasst habe, zur Schule zu gehen, deuten zwei Kinder auf einen der MVF-Organizer. Er habe sie einfach immer wieder angesprochen.

Kinderhandel

Kinderarbeit ist in Indien zumeist verboten. Die MV Foundation mobilisiert die trägen und oft korrupten Behörden zu gemeinsamen Visiten auf den Baumwollfeldern. Den Farmern werden dann schon mal 10 000 Rupien Strafe angedroht, wenn ein zweites Mal Kinder auf ihren Feldern angetroffen werden – auch das wirkt.

Ein Farmer, der seit einem Jahr keine Kinder mehr beschäftigt, berichtet, dass vor allem die Macht der Broker gebrochen werden müsse – derjenigen, die zur Hochsaison auf Bestellung die benötigte Zahl Kinder aus entfernten Regionen anliefern. Deren Eltern erhalten eine Anzahlung auf die Hand. Wehe, wenn ihre Kinder am Abholtag nicht an der Straße stehen.

Diese Kinder sind die Rechtlosesten. Sie können nach getaner Arbeit abends nicht heimgehen. Sie hausen in erbärmlichen Hütten und sind den Schikanen der Plantagenarbeiter schutzlos ausgesetzt.
Die Kinder, die mit uns sprechen, waren etwas besser dran. Als sie noch gearbeitet haben, sind sie abends zu ihrer Familie zurückgekehrt. Ihr Lohn habe damals 1000 Rupien im Monat (ca. 16 Euro) betragen, so der Farmer – in der Hochsaison mit sieben Wochenarbeitstagen. Erwachsene erhielten 6000 Rupien.

In dieser Region wird vor allem Baumwoll-Hybrid-Saatgut hergestellt. Die Farmer arbeiten als Vertragsbauern für Saatgut-Firmen, die sich lange Zeit nicht verantwortlich für die Arbeitsbedingungen auf den Farmen „ihrer“ Zulieferer fühlten. Das hat sich vor allem bei den multinationalen Konzernen geändert, nachdem diese in ihren Heimatländern teilweise erheblichen öffentlichen Druck erfahren haben. Die Farmer berichten, dass einige Firmen – z. B. Bayer Crop Science – inzwischen einen Bonus zahlen, wenn sie keine Kinder mehr beschäftigen. Dies würde die jetzt zu zahlenden höheren Löhne der Erwachsenen kompensieren.

Die indischen Saatgutfirmen beteiligen sich hingegen noch nicht an solchen Projekten. Ihnen fehlt bisher der Druck der Öffentlichkeit.

Die CRPF-Aktiven kümmern sich auch um die Schule. Wenn nämlich der Schulunterricht schlecht ist, sehen die Eltern kaum einen Sinn darin, ihre Kinder in die Schule statt zur Arbeit zu schicken. Deshalb kontrollieren die CRPF-Leute, ob es das „Midday-Meal“, das vorgesehene Mittagessen, gibt, ob der Lehrer zur Arbeit kommt, ob er pünktlich ist, ob er unterrichtet oder nur Zeitung liest – all dies ist absolut ­üblich in indischen Schulen.

Man muss wissen, dass ein Arbeitsplatz in Indien schon mal zirka ein Jahresgehalt „kosten“ kann. Manchmal müssen Bewerber dafür bezahlen, um ihre Chancen auf den Job zu verbessern.

Seit etwa einem Jahr gibt es den Right to Education Act, der kostenlose Schulbildung bis Klasse 8 für alle vorsieht. Dieses Gesetz ist eine enorme Unterstützung für engagierte Eltern, gemeinsam mit MVF-Leuten Schulbildung in der Region durchzusetzen.

Die jüngeren Kinderarbeiter können direkt in die staatliche Schule gehen. Die Älteren kommen zunächst in eine „MVF-Bridge School“, in der sie erst einmal „Schule“ lernen. Für sechs bis 18 Monate wohnen und lernen sie dort – in einiger Entfernung von zu Hause, damit die Rückkehr zur Arbeit nicht allzu leicht ist. Die Bridge-School in Uyyalawada wurde bereits wieder geschlossen, da es in dieser Gegend mittlerweile keinen Bedarf mehr gibt.

Wir reisen beeindruckt zurück. Dieses MVF-Projekt hat Kinderarbeit offenbar schon nach zwei Jahren im Mandal zur geächteten Ausnahme gemacht, weil die ganze Dorfgemeinschaft dahintersteht und die Erwachsenen jetzt deutlich mehr verdienen.

Das Projekt im Uyyalawada Mandal befindet sich in der Schlussphase. In den benachbarten Mandals ist hingegen noch alles beim Alten, berichten die MVF-Leute. Mögliche Aktivisten gäbe es, sobald Mittel bereitstehen, könne es los gehen.

Ulrich Meinecke,
ver.di, seit zwei Jahren in Neu Delhi

Aufruf: „Schuften für 50 Cent am Tag“ – Kinderarbeit ist ein Armutszeugnis.

Machen Sie mit bei der GEW-Kampagne gegen Kinderarbeit und unterstützen Sie die Initiative, die vom Bildungs- und Förderungswerk (BFW) der GEW gefördert wird, mit einer Spende.
Spendenkonto:
Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 700 205 00,
Kontonummer 375 188 0 188


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