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03.04.2008

Erzieherinnen mucken auf – sie sind nicht mehr „die“ stille Profession

Typisch weiblich sei die Betreuung der Kleinsten, der Erzieherinnenberuf entspreche der sozialen Ader des weiblichen Geschlechts. Und was der Frau sozusagen biologisch zueigen sei, muss nicht entsprechend entlohnt werden, so dachten und denken die Arbeitgeber. Erzieherinnen gehörten zur „stillen Profession“: Sie beklagten sich nicht. Doch das ist Vergangenheit. Heute mucken sie auf: Sie verlangen eine angemessene Entlohnung ihrer anspruchsvollen Tätigkeit.

Nein Papa, der Mars ist kein Stern. Der ist ein Planet.“ Ziemlich baff war der junge Vater, als sein dreijähriger Steppke ihn über Astronomie aufklärte. „Das hat er aus der Kita“, erzählt der Vater perplex. „Also, wir haben so etwas früher nicht gelernt.“ Ziemlich viele Eltern wundern sich in jüngster Zeit, was ihre Kinder aus der Kita so alles mit nach Hause bringen. „Ausreden lassen!“, weist da eine kleine Tochter ihre streitenden Eltern zurecht. So nämlich reguliert man Konflikte in der Kita. Andere halten ihr Sprachlernbuch den Eltern unter die Nase, in dem Erzieherinnen zum Beispiel festgehalten haben, welche Tiere das Kind schon kennt, wie sich Wortschatz und Satzbau entwickeln.

Die Kitas haben sich ganz schön verändert, stellen nicht nur viele Eltern fest. Seit die Politik erkannt hat, wie wichtig frühkindliche Bildung ist, haben die Länder Bildungspläne für die Kleinsten entworfen – und viele Kitas haben diese gerne aufgegriffen. Schließlich ist es auch für Erzieherinnen befriedigend, wenn sie etwa Lernfortschritte der Kleinsten erkennen und festhalten können. Doch die Bildungsprogramme ziehen auch etwas Anderes nach sich: viel, viel Arbeit. „Wenn man Bildungsfortschritte in allen Bereichen bei jedem Kind überhaupt beobachten will, kann man nicht alleine 15 Kinder betreuen“, meint Tanja Walter. Sie ist studierte Pädagogin, arbeitet aber zurzeit als Erzieherin in einer großen Kita in Berlin. Von den Bildungsplänen ist sie als Pädagogin begeistert. Allerdings sieht sie auch, dass Erzieherinnen oft an den hohen Zielen der Pläne scheitern. „Das Verhältnis von Arbeitsbedingungen und Inhalt stimmt überhaupt nicht mehr“, so Walter. Es sei zum Teil die Arbeit von Lehrkräften, zum Teil auch die von Therapeutinnen und Therapeuten, die Erzieherinnen leisten müssten. Dafür gebe es aber zu wenig Ressourcen, an Personal und an Geld. „Und die Bezahlung ist immer noch so, als würde man lediglich ein bisschen mit den Kleinen spielen“, moniert sie.

Besonders streikfreudig

Erzieherinnen sitzen im Moment zwischen allen Stühlen. Man erwartet Großes von ihnen, ohne die Bedingungen ihrer Arbeit zu verbessern. So bilden sich zwar über neunzig Prozent von ihnen fort, doch in barer Münze zahlt sich das nicht aus. Auch deshalb sind sie in dieser Tarifrunde besonders engagiert und streikfreudig.

Vergleicht man sie mit anderen Berufsgruppen, die formal eine ähnliche Ausbildung durchlaufen haben, wird eine Diskrepanz besonders auffällig: Der typische Frauenberuf Erzieherin wird generell als geringerwertig eingeschätzt als etwa der eines Technikers im Gartenbau – ein Beruf, den überwiegend Männer ausüben. Während die Erzieherin monatlich höchstens knapp 2500 Euro brutto bezieht, erhält der Techniker bis zu 2750 Euro brutto. Weiblicher Verdienst – männlicher Verdienst. Beide absolvieren eine Fachschul-Ausbildung von gleich langer Dauer und sind daher formal ähnlich qualifiziert. Aber wie ihre Tätigkeiten vergleichen? Was ist anspruchsvoller: eine Reihe Bäume zu pflanzen oder eine Kindergruppe durch die Stadt zu bugsieren? Den Lärm einer Motorsäge zu ertragen oder den Krach von 25 Kindern? Mit dem Gartenbauamt zu konferieren oder wütenden Eltern vorsichtig klarzumachen, dass ihr Verhalten ihrem Kind schadet? Offenkundig braucht man mehr soziale Kompetenz, wenn man mit Kindern arbeitet. Aber wie diese bewerten?

Bisher galten solche Fähigkeiten sozusagen als „angeborene“ Charaktereigenschaft des weiblichen Geschlechts. Darüber beklagt haben sich Frauen meist nicht. „Die ,stille Profession‘ nannte man die Erzieherinnen früher“, erinnert sich Norbert Hocke vom GEW-Hauptvorstand. „Wir müssen selbstkritisch sagen: Oft haben wir den Müllmännern das Streiken eher zugetraut als den Erzieherinnen“, meint Hocke.

Diskriminierungsfreie Tarife …

Dass man sich in den helfenden Berufen „eben ein bisschen opfern müsse“, merkt man in vielen so genannten Frauenberufen besonders am Gehalt. Der alte Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) galt unter anderem deshalb als diskriminierend. Im BAT wurden oft typische Männerberufe – etwa technische, Geld verwaltende und planende – detailreich beschrieben, während Frauenberufe – pflegerische, erziehende und lehrende – weniger akribisch dargestellt wurden – und schon fanden sich die Frauen in schlechteren Gehaltsgruppen wieder. Der BAT verstieß mit dieser Ungerechtigkeit gegen EU-Recht, das diskriminierungsfreie Tarife vorsieht.

Mit dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) sollte sich das ändern. Doch für Erzieherinnen ist die Lage finanziell zunächst nur noch schlechter geworden. Denn solange noch nicht über ihre endgültige Eingruppierung in das neue Tarifgefüge verhandelt ist, gelten so genannte Überleitungstarife. Diese aber stufen neueingestellte Erzieherinnen zwei ganze Gehaltsstufen unterhalb der einkommensmäßig „richtigen“ Entgeltgruppe ein. Dort verharren sie, bis die endgültige Eingruppierung verhandelt wird. Kita-Beschäftigte, die zu den Konditionen des TVöD neu eingestellt werden, bleiben mit ihrem Gehalt damit deutlich unter der Vergütung der älteren Kolleginnen, die aus dem BAT übergeleitet worden sind. Monatlich macht das etwa 300 Euro aus. Da die Verhandlungen über die neue Entgeltordnung von den Arbeitgebern seit 2005 blockiert werden, spart der Staat kräftig Geld. GEW-Tarifexpertin Ilse Schaad kritisiert, dass die Arbeitgeber durch die niedrige Eingruppierung bei Neueingestellten bis zum Abschluss der Entgeltverhandlungen ein Vielfaches dessen einsparen, was die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde an Lohnerhöhung gefordert haben. Die Gewerkschaften verlangen deshalb, die Arbeit der Erzieherinnen im TVöD angemessen und schon gar nicht schlechter als im BAT zu bewerten. Als diskriminierungsfrei gelten etwa Arbeitsbewertungsverfahren, die einzelne Qualifikationen und Belastungen möglichst genau beschreiben. Doch bisher haben die Arbeitgeber nur sehr allgemeine Bewertungskriterien vorgelegt: „Schwierigkeit“, „Verantwortung“ und „Bedeutung“. Aber wie misst man die „Bedeutung“ der Tätigkeit einer Erzieherin? Auch „Verantwortung“ ist so ein Gummibegriff: „Die Arbeitgeber sehen darin vor allem Führungsverantwortung oder Verantwortung fürs Budget. Verantwortung für Menschen kommt oft nicht vor“, so Ilse Schaad. Nach Ansicht der Bildungsgewerkschaft sollte es bei der Bewertung ausdrücklich um die Anerkennung unterschiedlicher Formen von Verantwortung gehen. Zusätzliche Kenntnisse und Fertigkeiten, wie sie Erzieherinnen bei ihren vielen Fortbildungen erwerben, sollten ebenfalls im Tarifvertrag erfasst werden und eine entsprechend höhere Einstufung ermöglichen. Soziale Kompetenzen sollen ebenso eine Rolle spielen wie physische und psychische Belastungen.

… und transparent

Ob die Arbeitgeber sich darauf einlassen, ist offen. Über die Eingruppierungsfragen wird erst nach der Tarifrunde wieder verhandelt. Das EU-Recht, das vorschreibt, Tarifverträge diskriminierungsfrei und transparent zu gestalten, beeindruckte die Arbeitgeber bisher jedenfalls nicht. Anders etwa in Großbritannien, wo viele Berufe im sozialen Bereich in den vergangenen Jahren massiv aufgewertet wurden. „Ich hoffe, dass die Arbeitgeber sich von diesen Beispielen inspirieren lassen“, meint Anne Jenter, beim GEW-Vorstand für Frauenpolitik zuständig. „Sonst müsste wohl erst jemand gegen die diskriminierenden Tarifverträge klagen.“

Heide Oestreich, taz-Redakteurin

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