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/ Jahrgang 2009
/ 11/2009
Auslandsschuldienst: Krüger ShanghaiIch habe schon gehofft, dass es in Shanghai anders ist als in Deutschland“, sagt Marc Vehlow. Nicht weil es ihm hier nicht gefallen hat. Seine Familie und er haben gerne in Berlin gewohnt. „Aber einmal in einem ganz anderen Umfeld zu leben, das hat uns gereizt.“ Shanghai hat Vehlow zuerst auf eigene Faust erkundet – per Fahrrad. „Zwei Wochen bin ich herumgefahren wie ein Irrer“, sagt der 36-jährige Biologie- und Sportlehrer. „Um zu schauen, wo man wohnen kann – und natürlich aus Neugier.“ Er ist Ende Juli nach Shanghai gezogen, gut 14 Tage bevor seine Frau und die beiden Kinder nachgekommen sind.
Neugier, das war auch das Motiv, das ihn in die chinesische Metropole geführt hat. Bis zu seiner Ankunft im Spätsommer war der Pädagoge noch nie in China. „Ich war überrascht, wie fremdartig diese Stadt ist.“ Seit Ende August arbeiten er und seine Frau in Shanghai. Der zehnjährige Sohn und die achtjährige Tochter besuchen die selbe Schule. „In Berlin hätten wir es nicht so gemacht“, meint Vehlow. „Aber hier bin ich froh, wenn ich die beiden auf dem Pausenhof sehe. Und die Kinder finden es auch toll, dass wir alle zusammen auf eine Schule gehen.“
Schneller Anschluss
Die Umstellung auf das Leben und den Arbeitsalltag in China klappt bei den Vehlows gut. Die Kompromisse, die sie der Familie abfordert, halten sich in Grenzen und die Kinder fanden schnell Anschluss in der Schule. „Die beiden waren gerade ein paar Wochen hier, da wurden sie schon zwei Mal zum Kindergeburtstag eingeladen. In Deutschland hätte das etwas länger gedauert.“
Vehlow und seine Frau machen in dieser Hinsicht ganz ähnliche Erfahrungen. „Ich habe mich mal gefragt, wie lange es wohl brauchen würde, bevor ich an einer Schule in Deutschland einen Kollegen zum Essen nach Hause einladen würde.“ In Shanghai, erzählt er, habe das nur einen Tag gedauert. „Die Leute sind hier mehr darauf eingestellt, Neue in Empfang zu nehmen“, bestätigt Petra Fuchs. Die Englisch- und Französischlehrerin ist seit sieben Jahren in Shanghai tätig. „An unserer Schule herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die meisten bleiben nicht länger als drei oder vier Jahre, und das gilt für die Lehrkräfte genau so wie für die Schüler.“
Als Fuchs 2003 nach Shanghai zog, fingen mit ihr nur vier neue Lehrer an der deutschen Schule an. Im Jahrgang von Vehlow sind es bereits rund 30 Zugänge. Für die Neuen gab es vor Beginn des Halbjahrs eine Einführungswoche ins Schulleben sowie Tipps, wie man in Shanghai Taxi fährt, eine Wohnung findet und welche Ecken in der Stadt einen Ausflug wert sind. „Das war damals bei nur vier Neuen nicht nötig“, sagt Fuchs, „da ließ sich das nebenbei regeln.“
Aber die Schule ist schnell gewachsen. 1995 gegründet, hatte sie noch 2002 weniger als 200 Schülerinnen und Schüler. Heute ist sie mit etwa 1000 Kindern und Jugendlichen die weltweit größte Auslandsschule mit deutschen Bildungsabschlüssen. Das Abitur wurde 2005 zum ersten Mal vergeben. Die Bildungsstätte integriert auch Grundschule, Berufskolleg, Kindergarten und Krabbelgruppe.
Keine Begegnungsschule
Alle Einrichtungen sind in einem farbenfrohen, lichtdurchfluteten Gebäudeensemble im Stadtteil Qingpu untergebracht, wohin die Schule 2005 umgezogen ist. Aber schon beim Einzug stieß der neue EuroCampus schon wieder an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit. Darum gibt es seit 2007 eine kleinere Dependance im Stadtteil Pudong. Erst seit Beginn der Wirtschaftskrise verbucht die Schule weniger Anmeldungen. An der hohen Fluktuation unter den Schülern ändert das nichts. Der Grund: Es handelt sich nicht um eine Begegnungsschule. Das heißt, dass chinesische Kinder dort, außer in Einzelfällen, nicht aufgenommen werden können. Nicht, weil die Schule es nicht will, sondern weil die chinesischen Bestimmungen es nicht zulassen – eine Konkurrenz zu den staatlichen, chinesischen Schulen ist in dem Land generell nicht erlaubt. Darum sind fast alle Schülerinnen und Schüler Kinder deutscher Expat-Familien*, die meist nur für ein paar Jahre in der Stadt bleiben.
Für Fuchs war früh klar, dass sie einmal im Ausland arbeiten will. Noch vor ihrem Studium in Göttingen war sie für ein Jahr in Frankreich, später als Assistant Teacher im englischen Norwich. Beides hat ihr gut gefallen, und so ist sie nach sieben Jahren Unterricht in Deutschland, zuletzt als Studienrätin im ostfriesischen Esens, wieder ins Ausland gegangen. Nach Shanghai wurde die Pädagogin als Auslandsdienstlehrkraft, kurz ADLK, von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Köln entsandt. Ihr neuer Kollege Vehlow war in Berlin als angestellter Lehrer beschäftigt. In der chinesischen Metropole arbeitet er deshalb als so genannte Ortslehrkraft. Ein seltsames Wort – schließlich ist der Pädagoge nicht „örtlicher“ als seine Kollegin Fuchs. Das rührt daher, erklärt Schulleiter Manfred Lauck, dass sich das Gehalt von nicht-beamteten Lehrern an Auslandsschulen früher nach den örtlichen Arbeitsverträgen richtete. In China würde das in einer Großstadt wie Shanghai etwa 500 Euro pro Monat bedeuten; in Provinzstädten und erst recht auf dem Land wird noch viel weniger bezahlt. Die Gehälter an der deutschen Schule orientieren sich darum an denen in Deutschland; eine Ortslehrkraft bekommt hier in etwa dasselbe wie eine ADLK. Das ist an deutschen Auslandsschule nicht überall üblich. Über die Frage, ob er in Shanghai ungefähr so bezahlt wird wie in Berlin, lächelt Marc Vehlow. „Berlin kann sich ja nicht gerade damit brüsten, seine angestellten Lehrer gut zu bezahlen. Shanghai ist deshalb für mich ein Fortschritt.“
Nur 16 Lehrkräfte an der deutschen Schule in Shanghai sind als Beamte im Auslandsschuldienst beschäftigt, darunter auch Schulleiter Lauck. Die anderen, soweit sie in Deutschland verbeamtete Lehrer sind, wurden von ihren Heimatbehörden für den Dienst an der Auslandsschule beurlaubt. Träger der Schule und damit Arbeitgeber der meisten Lehrerinnen und Lehrer ist der Elternverein. Das Curriculum richtet sich nach deutschen Lehrplänen, setzt aber zusätzlich einen besonderen Akzent auf China-Themen und bietet auch Chinesischunterricht an.
Die Schule ähnelt atmosphärisch am ehesten einem deutschen Gymnasium. Aber ihre Architektur ist schöner. Das liegt unter anderem daran, dass die Eltern der meisten Schüler in gehobenen Positionen in deutschen Unternehmen vor Ort arbeiten. Eine bessere Verbindung zu potenziellen Spendern kann eine Bildungseinrichtung fast nicht haben. Ganz ungetrübt ist das Glück aber nicht, denn die Schule finanziert sich, neben kleineren Anteilen vom Bund (der Beitrag des Bundes besteht vor allem aus der Bezahlung der 16 ADLKler, außerdem hin und wieder aus Beiträgen zu einzelnen Projekten wie einem Neubau), vor allem über beträchtliche Gebühren – etwa 11.000 Euro im Jahr. Das macht rund 900 Euro pro Schüler im Monat. Für die Mehrheit der Eltern ist das kein großes Problem, weil ihre Arbeitgeber, meist größere, deutsche Unternehmen, oft die Kosten übernehmen. Für weniger Betuchte gibt es die Möglichkeit, vom Elternverein finanzielle Hilfe zu bekommen, also (Teil-)Stipendien (wie hoch diese sind, hängt vom Einzelfall ab). „Das wird von einem Komitee geregelt. Ich selbst weiß nicht, wer Unterstützung bekommt“, sagt Lauck beim Mittagessen, das er wie die Schüler in der Mensa einnimmt.
Hohe Ansprüche
Die Ganztagsschule ist nicht nur ein Ort für den Unterricht, sondern stellt auch einen wichtigen Lebensmittelpunkt für die deutsche Gemeinschaft in Shanghai dar. So gibt es in der Stadt kaum Vereine, in die die Schüler gehen könnten. Wer nach Unterrichtsschluss Fußball oder Volleyball spielen will, macht das in der Schule. Es sind aber nicht nur die Kinder, die sich nach Unterrichtsschluss in der Schule aufhalten; auch die Eltern nutzen sie als Begegnungszentrum. So treffen sich dort viele Väter aus der Nachbarschaft einmal pro Woche zum Fußballspielen. „Die Eltern sind sehr nah an der Schule dran, sind engagiert und arbeiten mit“, sagt Lauck. Das sei einerseits produktiv; aber es könne bisweilen auch etwas anstrengend sein. „Es werden hohe Ansprüche an die Schule gestellt und wir sollen diese dann sofort umsetzen. Das geht natürlich nicht immer“, so der Schulleiter.
Lauck arbeitet seit anderthalb Jahren in Shanghai. Acht Jahre sind das Maximum für eine ADLK. Mit der zeitlichen Befristung will man verhindern, dass sich die Lehrkräfte zu sehr von den bildungspolitischen und schulischen Entwicklungen in Deutschland entfremden. Für Petra Fuchs ist die Zeit in Shanghai mit Ende des Schuljahres abgelaufen. Ihr Kollege Vehlow dagegen wird noch eine ganze Weile bleiben. Sein Vertrag läuft erst einmal für zwei Jahre und kann danach verlängert werden. Die Frist passt ihm ganz gut. „So können wir leicht wieder zurück, wenn es uns nicht mehr gefallen sollte“, sagt er. Aber danach sieht es zur Zeit nicht aus.
Justus Krüger,
freiberuflicher Journalist in Hongkong und Peking