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/ Jahrgang 2010
/ 02/2010
Pubertät: AmendtDie Bilder im Album zeigen ein lachendes Kind, das stolz seine Schultüte vor sich hält. Bei der Einschulung ist für die meisten Kinder die (Schul-)Welt noch in Ordnung. Das ändert sich bei vielen spätestens ab dem 12. Lebensjahr. „Lernen ist langweilig“, sagt z. B. der 14-jährige Berliner Sebastian. Sein Kumpel Eddy ergänzt: „Gut an der Schule sind die Ausflüge und der Sport. Alles andere ist uninteressant, vor allem die Hausaufgaben nerven.”
Dass die Distanz zur Schule mit zunehmenden Alter steigt, zeigen diverse Studien. Während sich in der Grundschule lediglich 9,4 Prozent der Kinder Gedanken über die Schule machen, nimmt mit dem Alter der Grad der Kritik an der Schule zu, hat beispielsweise der Schulforscher Kurt Czerwenka von der Universität Lüneburg herausgefunden. In der Mittelstufe sind es laut Czerwenka bereits 44,5 Prozent, die der Schule distanziert gegenüberstehen.
Rolf H.* kann das nur bestätigen. Der Mittfünfziger unterrichtet an einem bayerischen Gymnasium. Es sind vor allem die Jungs, die dem Englischlehrer Sorgen bereiten. „Mädchen haben generell die besseren Noten“, sagt er. Die Jungen würden sich dagegen viel stärker über außerschulische Aktivitäten definieren. „Interessant ist der Fußballverein, das Zusammensein abends mit der Clique.“ Gute Schulleistungen seien dagegen weniger wichtig. „Man will zwar nicht sitzen bleiben, aber auch nicht als Streber gelten”, beschreibt er die Motivationsprobleme der männlichen Pubertierenden.
Körperliche Betätigung fehlt
Gerade den Jungen fehle in der Schule die körperliche Betätigung, denn die Sportstunden seien vielerorts gekürzt worden, meint Ursula Horn. Die Lehrerin hat bis zu ihrer Pensionierung im vergangenen Jahr an einem Gymnasium unterrichtet. „Manchmal hätte ich die Jungs gerne rausgeschickt und sie eine Stunde lang Holz hacken lassen“, sagt sie. „Einfach, damit sie Dampf ablassen können.“
Doch dem stehen die Schulordnung und der Lehrplan entgegen. Das Lernpensum habe in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch die PISA-Debatte deutlich zugenommen, kritisiert Rolf H. Die Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien auf acht Jahre (G 8) hat den Druck auf die Schüler zusätzlich erhöht. Den Schülern fehle heute die Freizeit, kritisiert Ursula Horn. Sie hat selbst drei Mädchen groß gezogen und weiß, wie wichtig es für Jugendliche in der Pubertät ist, Auszeit von der Schule nehmen zu können. „Einfach mal rumhängen, geht heute nicht mehr“, sagt sie, „sonst verlieren die Schüler schnell den Anschluss.“ Rolf H. drückt es noch drastischer aus: „Die Leistungsgesellschaft beginnt heute nicht erst mit dem Eintritt ins Berufsleben, sondern bereits mit dem Übertritt aufs Gymnasium.“
Stoffvermittler nicht gefragt
Das Problem ist jedoch, dass Jugendliche in der Pubertät mit Dingen beschäftigt sind, die ihnen alle Kraft abfordern – mit der Rolle im Freundeskreis, dem emotionalen Abnabeln von den Eltern, dem Umgang mit der neu entdeckten Sexualität, den Veränderungen an ihrem Körper. Hier wären Lehrkräfte als Berater und weniger als Stoffvermittler gefragt. Insbesondere vor dem Hintergrund veränderter Familienverhältnisse. Knapp 75 Prozent der in einem Paarhaushalt lebenden Mütter gehen nach Angaben des Bundesfamilienministeriums heute einer Erwerbstätigkeit nach, Anfang der 1970er-Jahre betrug diese Quote in Westdeutschland 35 Prozent. Wenn heute der Unterricht an einer deutschen Halbtagsschule endet, erwarten die Jugendlichen zuhause also nicht immer ein warmes Mittagessen und elterliche Ansprache. Rolf H. wünscht sich deshalb mehr Ganztagsschulen – nicht nur am Gymnasium. „Der Erziehungsauftrag der Lehrer darf nicht um 13 Uhr enden“, fordert er.
Doch der Erziehungsauftrag kann nur erfüllt werden, wenn die pädagogischen Rahmenbedingungen stimmen. Viele der jungen Kolleginnen und Kollegen würden in der Ausbildung zu wenig auf die schwierige Arbeit mit pubertierenden Jugendlichen vorbereitet, kritisiert Ursula Horn. Vor allem Kolleginnen hätten Schwierigkeiten, ihre Autorität gegenüber den „Testosteronbomben“ durchzusetzen. Rolf H. berichtet von einer jungen Kollegin, die nach einer leichtfertigen Äußerung über ihr Privatleben zum Ziel zweideutiger Bemerkungen der Jungs in ihrer Klasse geworden ist. „Der mussten ältere Kolleginnen und Kollegen klarmachen, dass sie nicht der ‚Kumpel’ der Jugendlichen ist“, berichtet Rolf H.
Mit einer Reihe von Kollegen hat die ehemalige Pädagogin Horn dagegen eine ganz andere Erfahrung gemacht. Die Männer könnten sich zwar besser gegenüber den „Halbstarken“ behaupten, doch sähen sie in den Schülern oftmals „Gegner“, die es „klein zu halten“ gelte. „Das ist aber keine pädagogische Lösung“, kritisiert Horn. „Die so Gedemütigten reagieren ihren Frust dann an den vermeintlich schwächsten Mitgliedern des Lehrerkollegiums ab: den Frauen!“
Jürgen Amendt,
Redakteur „Neues Deutschland“
* Name geändert