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02.02.2010

„Eine ungeheure Schieflage“

Interview mit Prof. Rolf Dobischat, Universität Duisburg-Essen

E&W: Herr Dobischat, in Ihrer Studie „Beschäftigung in der Weiterbildung. Prekäre Beschäftigung als Ergebnis einer Polarisierung in der Weiterbildungsbranche?“ haben Sie im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung des GEW-Hauptvorstandes die Situation der Weiterbildung unter die Lupe genommen. Wie sind Sie vorgegangen?
Rolf Dobischat: Nach unseren Beo­bachtungen haben sich zwei Pole herausgebildet, die zunehmend auseinanderdriften: Einerseits die staatlich finanzierte allgemeine Weiterbildung, in der die Rahmenbedingungen vor allem für die selbstständigen Honorarkräfte miserabel sind. Andererseits die betrieblich und privat finanzierte Weiterbildung, in der die Beschäftigten unter durchaus respektablen Bedingungen arbeiten. Das war unser Ausgangspunkt.

E&W: Sie haben 14 Personen aus der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung in ausführlichen Interviews befragt. Ist das eine ausreichende empirische Basis?
Dobischat: Natürlich lässt sich mit einer so kleinen Fallzahl nur ein exemplarisches Schlaglicht auf die Lage der Beschäftigten werfen. Aber es war extrem schwierig, überhaupt Menschen zu finden, die zu Befragungen bereit waren. Die meisten hatten Angst, dadurch ihren Job zu gefährden, selbst wenn sie anonym blieben. Leider hatten wir auch keine Beispielfälle aus der öffentlich geförderten beruflichen Weiterbildung.

E&W: Was hat ihre Studie ergeben?
Dobischat: Unsere These von der Polarisierung der Weiterbildung hat sich erschreckend klar bestätigt, vor allem was die selbstständigen Honorarkräfte in beiden Sektoren angeht. Die Trennlinie verläuft zwischen der öffentlich geförderten und privat finanzierten Weiterbildung. Die Selbstständigen in der öffentlich finanzierten allgemeinen Weiterbildung arbeiten oft unter prekären Bedingungen, sie müssen mit Einkünften zwischen 800 und 1.100 Euro netto auskommen, sich mit mehreren Jobs gleichzeitig über Wasser halten. Und sie müssen sich selbst um ihre Sozialversicherung kümmern, die sie sich kaum leisten können. Da ihre Verträge eine kurze Laufzeit haben und ihr Einkommen in der Regel die einzige Einkommensquelle im Haushalt ist, sitzt ihnen permanent die Angst vor dem sozialen Absturz im Nacken. Andererseits erwarten die Träger große Flexibilität, die sie als äußerst belastend empfinden. Denn dieser Anspruch steht im krassen Gegensatz zur Honorierung.

E&W: Wie sieht es bei den Beschäftigen in der privat finanzierten beruflichen und betrieblichen Weiterbildung aus?
Dobischat: Die Freiberufler der Branche haben ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 3.300 Euro. Sie können sich daher problemlos eine Sozialversicherung leisten und sind zufrieden mit der großen Autonomie in ihrem Job. Mobilität ist für sie Teil einer erfolgreichen Karrierestrategie. Sie halten ihre Beschäftigungsaussichten für hervorragend, weil sie überzeugt sind, dass demografischer Wandel und technischer Fortschritt ohne ihre Kompetenz in beruflichen und betrieblichen Weiterbildungen nicht zu bewältigen sind. Aufgrund ihrer finanziellen Situation sind sie in der Lage, sich selbst weiterzubilden und ihre Professionalität auszubauen. Da unterscheiden sie sich markant von den selbstständigen Honorarkräften in der allgemeinen Weiterbildung, die diese Chancen kaum haben.

E&W: Inwieweit haben sich die Aufgaben der Weiterbildner geändert?
Dobischat: Auch hier springt die Diskrepanz zwischen den Selbstständigen in beiden Bereichen ins Auge. In der privaten beruflichen Weiterbildung verstehen sie sich als Coaches oder Trainer, die im Wesentlichen das tun, was sie als ihre Kernkompetenz bezeichnen: lehren und beraten. Zu ihrer Klientel gehören in der Regel hochqualifizierte, homo­gene Gruppen in Betrieben oder gut ausgebildete Fachkräfte.

E&W: Beschäftigte in der allgemeinen Weiterbildung arbeiten zunehmend mit kulturell sehr heterogenen, gering qualifizierten Gruppen.
Dobischat: Deshalb verbringen sie einen Großteil ihrer Arbeitszeit damit, die Teilnehmenden sozial zu integrieren und sozialpädagogisch zu betreuen, sonst könnte überhaupt kein Unterricht stattfinden. In den Interviews wurde geäußert: „Wie soll ich noch gute Arbeit machen, wenn die Teilnehmenden schon morgens betrunken in den Kurs kommen.“ Das ist sehr belastend. Viele fühlen sich daher überfordert und nicht ausreichend qualifiziert. Das Schlimme ist: Es fehlt diesen Beschäftigten das Geld, sich entsprechend fortzubilden. Die Qualität der Arbeit leidet, der Frust steigt. Viele Honorarkräfte halten deshalb die mangelnde öffentliche und finanzielle Anerkennung ihrer Arbeit kaum aus.

E&W: Klafft die Schere zwischen betrieblichen Weiterbildnern und den Lehrkräften in der allgemeinen Weiterbildung also weiter auseinander?
Dobischat: Zugespitzt gesagt: Trainer, die die Interessen der Wirtschaft bedienen und Fachkräfte oder Manager auf Vordermann bringen, sind gut bezahlt und können sich weiter professionalisieren. Wer sich aber mit sozialem Engagement um die Benachteiligten kümmert, muss sich mit prekären, schlecht bezahlten Jobs zufrieden geben. Er kann sich nicht angemessen weiterbilden und läuft schließlich Gefahr, seine Professionalität zu verlieren. Daher ist er selbst zunehmend von sozialem Abstieg bedroht. Unsere Gesellschaft produziert mit solchen Arbeitsverhältnissen eine ungeheure Schieflage. Am Ende stehen im Seminar Lehrkräfte am Pult, die genauso destabilisiert sind wie ihre Klientel auf der anderen Seite des Tisches.

Interview: Anja Dilk, freie Journalistin

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