30.01.2009

Eine andere Welt ist notwendig!

Das Seminar der GEW zum Thema ‚Bildung für alle’ am vierten Tag des Weltsozialforum stieß auf reges Interesse. Diethild Simon von der GEW Nordrhein-Westfalen berichtet über die Diskussionen auf dieser Veranstaltung, eine Begegnung mit Indianerkindern aus dem Regenwald und warum der Besuch von Hugo Chaves in Belém sie um den Schlaf gebracht hat.

von Diethild Simon

"Eine andere Welt ist nicht nur möglich- sie ist notwendig!" Nur ungern zitiere ich Demagogen ( hier der venezolanische Präsident Hugo Chaves auf dem WSF), aber wo er recht hat, hat er recht. Auf dem Weg zu unserer Veranstaltung mit dem Thema: „ Bildung für alle - Wie können die Milleniumentwicklungsziele erreicht werden?“ erleben Günther Fuchs und ich die Dringlichkeit der Fragestellung nur allzu deutlich. Zwei kleine Indios ( „Indianer“ sei politisch nicht korrekt, wurde ich heute beim Frühstück belehrt..)erhalten, nachdem Günther ihrer Mutter gerade ein Blasrohr mit bunten Federn abgekauft hat, von mir zwei rote GEW- Filzstifte. Sie wissen zuerst nicht, was sie damit anfangen sollen. So male ich ihnen Blumen und lachende Gesichter auf ein Stück Papier. Vier dunkle Augen beginnen zu strahlen. Innerhalb von Sekunden versinkt der kleine Junge in der Beschäftigung des Nachzeichnens meiner Blumen und Gesichter Eine tiefe Konzentration wird deutlich. Ein Kind- fasziniert von einem roten Stift!

So eingestimmt, erreichen wir unseren Seminarraum. Kaum zu glauben, ich bekomme nur noch schwer einen Sitzplatz. Heute sind Profidolmetscher eingeladen, die Manfreds Powerpointvortrag simultan übersetzen. Er stellt zunächst die acht Milleniumentwicklungsziele vor, mit denen die Armut bekämpft und das Recht auf Bildung für alle verwirklicht werden soll.. Im Jahr 2000 haben sich 164 Staatschefs darauf geeinigt, diese Ziele bis 2015 umzusetzen. Von den anwesenden Teilnehmern im Raum hat kaum jemand davon gehört. Auch an der Globalen Bildungskampagne, in der sich Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen zusammengeschlossen haben, um Druck auf die Regierungen zu machen, ihre Versprechen auch einzuhalten, hat bis jetzt nur eine Frau aus Norwegen teilgenommen. Um so größer ist deshalb das Interesse an dem Vortrag. An der spannenden Diskussion nach der Vorstellung beteiligen sich vor allem Brasilianer und Brasilianerinnen. Auch ein Vietnamese ist dabei und berichtet von der prekären Situation der Kinder in den Bergen. Es sei oft schwierig, Lehrkäfte zu finden, die in diese entlegenen Gegenden arbeiten wollen. Die Regierung verpflichtet nun die jungen Lehrerinnen und Lehrer, mindestens drei Jahre in ländlichen Gebieten zu unterrichten. Danach können sie in andere Regionen und Städte wechseln.

Bei fast allen ist die Zustimmung zum Vortrag riesengroß, nur die Norwegerin bemerkt kritisch, dass Bildung sicher eine Grundvoraussetzung zur Bekämpfung der Armut sei, aber sie könne nicht alles lösen. Die Brasilianer bedanken sich immer wieder für die Gelegenheit, von der Kampagne erfahren zu haben. Jemand stellt die Frage: „Warum übernehmen wir diese gute Kampagne nicht, alles Schlechte wird von uns doch so schnell kopiert.“ Als Manfred dann dazu aufruft, sich am 22. April am Aktionstag der Bildungskampagne zu beteiligen, gibt es jedoch nur vorsichtige Reaktionen. Und das ist auch gut so! Jeder muss die aufgenommenen Informationen erst einmal verarbeiten und im Sinne des einzelnen Kindes verwirklichen. Auch die Situation der Lehrerinnen und Lehrer wird angesprochen. „Free quality education for all“ ist nur mit genügend gut ausgebildeten Lehrkräften zu realisieren. 18 Millionen sind weltweit nötig, um die Milleniumsziele erreichen zu können.

Links: Der kleine Indio ist fasziniert von einem roten Stift
Mitte: Rege Diskussion beim GEW-Seminar ‚Bildung für alle’
Rechts: Großes Interesse an der Globalen Bildungskampagne

Und wie sieht es z.B. in Brasilien aus? Ein Mitglied der CUT(Dachverband der brasilianischen Gewerkschaften) spricht von ca. 500.000 fehlenden Lehrerinnen und Lehrern. Diese Zahl macht deutlich, wie sich die aktuelle Situation vor allem in der gegenwärtigen Krise ausnimmt- unsere Forderungen, eine Utopie? Alle im Raum sind sich einig.- wir müssen weiter kämpfen, jeder an seinem Platz, in seinem Land. Es ist notwendig. Dieser Chaves hat einfach recht, auch wenn er mich in der letzten Nacht um meinen Schlaf gebracht hat. Er logierte in unserem Hotel auf der gleichen Etage wie ich und einer seiner Sicherheitskräfte(??) hatte sich in der Nacht wohl mit der Zimmernummer vertan und dann so stark gegen meine Tür gebollert, dass mir Angst und Bange wurde.

Leider fliege ich heute Nacht schon zurück nach Deutschland. Zum Abschied passte dann der Empfang der Friedrich Ebert Stiftung für die DGB-Delegation und zahlreiche weitere Gewerkschafter aus Brasilien und Lateinamerika. Das Weltsozialforum als Kontaktbörse zur Entwicklung von Netzwerken bestätigt sich hier in eindrucksvoller Weise. Und vielleicht gelingt es uns ja durch diese vielen internationalen Kontakte ein neues konkretes Projekt mit Hilfe der GEW zu realisieren. Was habe ich neulich bei unserer Ankunft in Belém geschrieben? Träumen gehört auch dazu, etwa der Traum von einer Schule auf den Inseln im Regenwald des Amazonasdeltas, um diesen Kindern, die so leicht zu faszinieren sind, einen Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Mit diesem Traum im Gepäck fliege ich heute Nacht zurück und ich bin mir sicher, dass ich schon viele andere „Mitträumer“ habe.

Links: Ein Vietnamese berichtet von der prekären Situation der Kinder in den Bergen
Mitte: Kulturprogramm mit Kindern beim Weltsozialforum
Rechts: Diethild Simon im Gespräch mit einem kleinen Bewohner des Regenwalds

Fotos: Diethild Simon, Manfred Brinkmann

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