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/ Jahrgang 2008
/ 10/2008
Schwerpunkt: Gute LehreEins vorweg: Die Debatte um die Qualität der Hochschullehre eignet sich nicht für ein Ablenkungsmanöver. Ein wesentlicher Grund für zu hohe Studienabbrecherquoten und zu lange Studienzeiten ist die anhaltende Unterfinanzierung der Hochschulen. Für den Ausbau der Studienplätze benötigen Universitäten und Fachhochschulen nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) jährlich zusätzlich 2,6 Milliarden Euro, für die Verbesserung der Lehre laut WR weitere 1,1 Milliarden Euro.
Mehr als überfällige Debatte
Gleichwohl ist die Debatte um die Qualität der Lehre mehr als überfällig. Nicht wer im Hörsaal brilliert, sondern wer möglichst viele Publikationen mit hohem „Impact-Faktor“ (dieser gibt an, wie häufig eine wissenschaftliche Zeitschrift in der Fachliteratur zitiert wird – Anm. d. Red.) vorlegt, macht an unseren Hochschulen heute Karriere. Die neu gekürten „Exzellenzuniversitäten“ verdanken ihren Titel ausschließlich der Forschung – ob sie auch gute Lehre für ihre Studierenden leisten, spielte bei ihrer Kür keine Rolle. Mit dieser einseitigen Ausrichtung der Wissenschaftspolitik an der Forschung muss Schluss sein. Gute Lehre muss sich lohnen – wir brauchen eine strukturelle Verankerung von Anreizen im Hochschulfinanzierungssystem.
Orientierung an Studierenden
Die Lehre gehört in den Mittelpunkt der Hochschulen, die Studierenden ins Zentrum der Hochschullehre! Struktur von Studiengängen und Hochschuldidaktik dürfen sich nicht länger am Stoff orientieren, den die Lehrenden in den Lernprozess einspeisen, sondern an den Lernergebnissen der Studierenden. Wir brauchen eine „studierendenzentrierte Lehre“, in deren Mittelpunkt der Kompetenzerwerb steht, den die Studierenden für ihre künftige berufliche und gesellschaftliche Praxis benötigen – auch um später den Berufsalltag kritisch reflektieren zu können.
Doch das lässt sich nicht mit Methoden des 19. Jahrhunderts verwirklichen. Das einseitige Sender-Empfänger-Format, wie wir es aus vielen traditionellen Vorlesungen kennen, ist seit Erfindung der Buchdruckerkunst überholt. Wenn das Studium ein Prozess ist, in dem sich Studierende Wissen und Kompetenzen aktiv aneignen, müssen diesem auch innovative Lehr- und Lernformen Rechnung tragen – etwa:
- problemorientiertes Lernen als Voraussetzung dafür, Studium und Lehre an den in der Praxis benötigten Kompetenzen auszurichten;
- Projektstudium, um über die scharfe Abgrenzung von Lehrveranstaltungen und Semestern hinaus die eigenständige Problemlösung im Team zu vermitteln;
- forschendes Lernen, um die Studierenden frühzeitig an die eigenständige Gestaltung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses heranzuführen.
Was im Einzelnen gute Lehre ist, kann nicht einseitig bestimmt werden – weder von der Kultusbürokratie noch von Fachvertretern an den Universitäten. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Prozesses, in den unterschiedliche Perspektiven einfließen müssen: die der Lernenden ebenso wie die der Lehrenden, die der beruflichen Praxis wie die der Wissenschaft, als Berufspraxisvertreter die der Gewerkschaften wie die der Arbeitgeber. Die GEW versteht Studienreform und Qualitätssicherung des Studiums als Aushandlungsprozess, in dem unterschiedliche Sichtweisen und Interessen ausgeglichen werden.
Lehrkompetenz erwerben
Gute Lehre ist ein Job für Profis. Doch niemand kommt als guter Hochschullehrer auf die Welt – und eine glänzende Forscherin ist nicht automatisch eine geeignete Lehrerin. Kompetenz in der Lehre kann und muss daher erworben werden – wenn die Hochschulen nicht nur in der Forschung exzellent sein wollen. Vermittlung und Entwicklung von Lehrbefähigung sollten deshalb wie die Forschung von Anfang an Gegenstand wissenschaftlicher Aus- und Weiterbildung sein. Die Bildungsgewerkschaft fordert eine „Qualitätsoffensive für gute Hochschullehre“:
Andreas Keller,
Leiter des GEW-Organisationsbereichs Hochschule und Forschung