Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
01.12.2006

E&W 12/2006: Elternarbeit

Was erwarten Eltern und Lehrer voneinander? Gehen sie aufeinander zu? Haben sie füreinander Verständnis? Statements von Eltern und Pädagoginnen aus Hamburg, Brandenburg und Hessen.
Seitenabschnitte:

Aus dem Innenleben eines komplizierten Verhältnisses

Keine Partner
Romana Hanke, Lehrerin an der Grundschule am Humboldt-Ring in Potsdam

Neulich sollten die Kinder im Unterricht einen Nagel beschreiben. Sie wussten gar nicht, was das ist. Ihre Eltern gebrauchen keine Nägel in ihrem Haushalt, denn in der Plattenbausiedlung rund um unsere Schule sind die Wände der Wohnungen aus Beton. Da geht kein Nagel rein. Man kann den Kindern und ihren Eltern also keine Vorwürfe machen, dass sie nicht über Nägel sprechen. Schule muss sich dem Leben anpassen, nicht umgekehrt. Natürlich wünsche ich mir, dass Kinder und Eltern einen normaleren Alltag miteinander hätten. Doch bei vielen sind nicht einmal gemeinsame Mahlzeiten möglich. Dagegen kann ich nichts machen. Was ich tun kann, ist, an der Schule in Ruhe mit den Kindern zu frühstücken und gewisse Erziehungsaufgaben zu übernehmen. Ich versuche z. B. Wissenslücken zu füllen. Ich bin die „Naturwissenschaftstante“, die mit den Kindern im Technikraum arbeitet sowie in Biologie und Physik Projekte und Experimente macht.
Den ersten Eindruck von den Eltern meiner Schüler bekomme ich bei der Schuluntersuchung. Schon da beobachte ich eine Polarisierung, die sich später zuspitzt: einerseits extrem gleichgültige Mütter und Väter. Andererseits solche, die mir am liebsten vorschreiben würden, wie ich meinen Job zu machen habe. Beides ist schlimm. Manchmal empfinde ich tiefe Ohnmacht, weil ich nichts ausrichten kann. Zum Beispiel wollten Eltern die Mathematikschwäche ihrer Tochter einfach nicht wahrhaben. Doch ohne ihre Zustimmung konnte eine spezielle Förderung für das Mädchen nicht eingeleitet werden. Es ist bitter zu sehen, wie die Schülerin sich jetzt recht und schlecht durchschummelt und immer weiter absackt.

Das Problem ist, Eltern und Lehrer betrachten einander oft nicht als Partner. Erstaunlich ist das nicht. Die Kommunikation besteht größtenteils aus Einträgen im Hausaufgabenheft, die nie etwas Gutes bedeuten. Positives Feedback könnten Eltern erhalten, wenn sie mehr zu Feiern und Projekten in die Schule kämen. Aber fünf bis sechs Eltern pro Klasse nutzen noch nicht einmal den Elternsprechtag. Wir Lehrer haben da leider keine Druckmittel in der Hand.

Ich trete aber Eltern gegenüber durchaus couragiert auf. Einmal sprach ich einer Mutter Schulverbot aus. Sie trug ihrem Sohn jeden Tag den Ranzen bis in den Klassenraum. Ich war der Meinung, mit zehn Jahren kann der Junge das alleine. Auch bei einem Vater aus Afghanistan ließ ich nicht locker. Nach mehreren Anläufen stimmte er schließlich zu, dass seine Tochter genau wie ihr Bruder an Klassenfahrten und am Sexualkundeunterricht teilnimmt. Mein Argument, dass beides in Deutschland zum normalen Unterricht gehört, hatte ihn überzeugt. Ich kann allerdings jetzt ermessen, was es den Vater gekostet hat, sich von seinen starren Positionen weg zu bewegen. Es verbindet auch, wenn Lehrer und Eltern gemeinsame Kämpfe durchstehen. Um die Sanierung unserer Schule vor drei Jahren zu erzwingen, spielten z. B. Lehrer und Eltern gemeinsam Christo: Wir verhüllten das Haus, in dem uns schon die Fenster entgegen purzelten, nach dem Motto: „Wir schämen uns!“. Das war sehr medienwirksam. Am Ende schämte sich auch die Stadt, und unsere Schule wurde komplett runderneuert.


Manches nicht möglich
Simone Thäns, Elternvertreterin an der Europaschule Grundschule Mitte in Eberswalde

Ich habe immer „hier“ gerufen, wenn Elternsprecher gesucht wurden. Andere Mütter und Väter warteten mit gesenkten Köpfen ab, bis sich jemand anderes fand. Ich nicht. Für mich ist das eine Chance, in die Welt der Schule hineinzublicken, eine Welt, die mir sonst weitgehend verschlossen bliebe. Die Kinder erzählen ja kaum noch etwas von ihrem Schulalltag.

Ich bin jetzt Elternsprecherin in den Klassen meiner beiden Söhne und Mitglied der Schulkonferenz. Das macht mir großen Spaß. Hauptsächlich, weil ich etwas bewegen kann. Ohne Eltern wäre manches an der Schule gar nicht möglich. Zum Beispiel Klassenfahrten. Da müssen immer ein Vater und eine Mutter mitfahren, um die Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Bisher ist bei uns noch keine Klassenfahrt in Wasser gefallen. Manche Eltern nehmen sich extra Urlaub. Das spricht auch für ein gutes Verhältnis zu den Lehrern. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis unserer guten Zusammenarbeit darin, dass wir uns immer gemeinsam etwas Konkretes vornehmen. Da bleibt kein Platz für gegenseitige Vorwürfe und langes Lamentieren, wie es an anderen Schulen wohl an der Tagesordnung ist. Was nutzt es, nur zu beklagen, dass Geld fehlt? Wenn bei uns zum Schuljahresende das Kopierpapier knapp wird, bringen eben ein paar Eltern welches mit. Oder das erste Computerkabinett der Schule. Das haben versierte Väter mit ausrangierten Computern aus Firmen aufgebaut. Jetzt hat jeder Grundschüler Zugang, unabhängig von seinem Elternhaus. Zusammengeschweißt hat uns auch die Bewerbung um den Titel Europaschule. Das ist nicht einfach nur ein Name. Hier lernen die Kinder schon ab der ersten Klasse Englisch, zunächst noch nebenbei ohne Zensuren. Ernst wird es in der dritten Klasse. Dann ist Englisch obligatorisch. Und die zweite Fremdsprache kommt hinzu. Die Elternkonferenz hat sich für Polnisch entschieden, weil wir nicht weit weg von der deutsch-polnischen Grenze leben. Jetzt scheint jedoch alle Mühe vergebens gewesen zu sein. Unserer Schule droht der Verlust ihres Profils. Sie soll mit einer Realschule zu einer Oberschule mit integrierter Grundschule verschmelzen. Wir Eltern sind damit nicht einverstanden und suchen nach Wegen, uns dagegen zu wehren. Denn wir befürchten, dass die Grundschulbildung vernachlässigt und die jüngeren Schüler untergebuttert werden. Und das nur, weil Geld gespart werden soll.

Aufgezeichnet von Katja Fischer


Vertrauen schaffen
Susanne Brüning, Lehrerin am Gymnasium Allee in Hamburg

Natürlich spielt manchmal auch das Glück eine Rolle bei der Frage, wie gut Eltern-Lehrer-Verhältnisse funktionieren. Aber von zentraler Bedeutung ist, dass wir Lehrer Gelegenheiten schaffen, damit Eltern Vertrauen finden und zu uns kommen können.

Im Schulalltag heißt das für mich, nichts Zufällen zu überlassen. Ich muss immer wieder Bedingungen schaffen, unter denen sich an der Schule Kommunikation entwickeln kann, auch und gerade zwischen den Eltern und uns Lehrern. Dieses stete Wechselverhältnis ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Elternarbeit. Und es macht zugleich deutlich, welche Anstrengungen und Schwierigkeiten damit verbunden sein können.

Am Gymnasium Allee in Hamburg-Altona bin ich Klassenlehrerin einer 5. Klasse, zusammen mit einem Kollegen. Davor habe ich einen Jahrgang drei Schuljahre lang als Klassenlehrerin begleitet. Anfangs kommen noch alle Eltern zu den Elternabenden, später lässt das nach. Schwierig ist für uns insbesondere, die schweigsamen und zurückhaltenden Eltern zu erreichen. Vor Weihnachten werden wir an unserer multikulturell geprägten Schule die Eltern zu einem internationalen Buffet einladen. Eine freundliche Atmosphäre überträgt sich auf Kinder und Eltern. Sie schafft eine Basis auch für zukünftige Gespräche.

Wir müssen immer wieder einen Rahmen erstellen, in dem Kommunikation stattfinden und gefördert werden kann. In meiner Klasse sitzen 29 Mädchen und Jungen. Davon sind 20 ausländische Kinder aus sieben verschiedenen Nationen. Da besteht natürlich Gefahr, dass sich einmal Cliquen bilden könnten, in denen einige sich sprachlich und kulturell von den Übrigen abschotten. Wir haben deshalb mit der Klasse einen Film über sie gedreht und die Eltern dann zur Vorführung in ein Café eingeladen. Dabei hatten alle viel Spaß und kamen miteinander in Kontakt. Natürlich sind solche Aufgaben nicht mit Dienst nach Vorschrift zu verwirklichen. Aber es wäre unwirksam und wenig sensibel, allein auf Elternabenden zu appellieren, wie Eltern auf ihre Kinder einwirken sollten, damit diese Mitschüler nicht ausschließen. Wir Lehrkräfte müssen eh schon immer mehr zusätzliche Aufgaben übernehmen, die in unserer faktorisierten Arbeitszeit überhaupt nicht auftauchen. Und an allen Schulen sind Lehrer immer wieder mit den sozialen Problemen der Familien konfrontiert. Viel wissen heißt, sich mehr Aufgaben aufzuladen. Manchmal ist mir der Gedanke durchaus nicht fremd, nicht zu viel mitzubekommen von den Problemen. Aber dann telefoniere ich wieder fast täglich, um Hilfestellungen zu geben und zu beraten. Das macht man, ohne dabei auf Mehrstunden zu achten.

Unter Kollegen höre ich schon mal, dass einige genervt sind über zu hohe Elternerwartungen, kleinliches Gemäkel oder schlecht erzogene Kinder. Und natürlich existieren auf beiden Seiten Ängste. Eltern fürchten sich vor ungerechter Benotung ihrer Kinder, wir Lehrer davor, etwas „angehängt“ zu bekommen. Ich wünsche mir eine gerechtere und bessere Darstellung unseres Berufs in der Öffentlichkeit und mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben. Und dass die tatsächlich geleistete Zeit für die Arbeit mit den Eltern auch anerkannt wird.


Weniger Zeit
Christiane Steffens, Elternratsvorsitzende am Gymnasium Allee in Hamburg

Ich engagiere mich bereits im neunten Jahr in der Elternarbeit, seit meine inzwischen 14-jährigen Zwillingstöchter zur Schule gehen. Mit Beginn dieses Schuljahres bin ich auch Elternratsvorsitzende am Hamburg-Altonaer Gymnasium Allee. In diesen Jahren haben sich die Bedingungen deutlich verschlechtert. Die Beziehungen zwischen Lehrern und Eltern sind mittlerweile nicht immer einfach. Man kann inzwischen von einem sensiblen, manchmal auch komplizierten Binnenverhältnis ausgehen.

Es ist nicht unversöhnlich oder resigniert gemeint, aber Lehrkräfte haben heute viel weniger Zeit für Gespräche. Sie lassen sich immer weniger gerne in die Karten schauen, weil ihre Belastungen insgesamt deutlich gestiegen sind. Schuld daran ist das Hamburger Lehrerarbeitszeitmodell, dessen Umsetzung beiden Seiten nicht hilfreich gewesen ist.

Mein Engagement als Elternvertreterin verstehe ich als Eingreifen und Mithelfen auf dem Weg, um den Schulalltag für alle Beteiligten angenehmer gestalten zu können. Dabei bemerke ich aber auch Grenzen. Der Faktor „fehlende Zeit“ führt bei Lehrern oft dazu, dass sie lieber in gewohnten Bahnen denken. Neues auszuprobieren würde natürlich zusätzlichen Aufwand bedeuten, und Lehrer müssen heute eh deutlich mehr arbeiten. Manchmal glaube ich deshalb, dass es einigen wohl ganz recht wäre, wenn ich statt Ansprüche zu formulieren nur zu den Schulfesten Kuchen backen würde.

Dabei möchte ich weg von Frontalunterricht und 45-Minuten-Takt. Und warum zehn oder mehr Lehrer in einer Klasse, warum nicht nur vier oder fünf mit jeweils mehr Fächern? Meine Töchter lernen im vierten Jahr Französisch und haben jedes Jahr einen neuen Lehrer. Doch bei der Diskussion über solche Themen trete ich als Mutter auf der Stelle. Da gibt es deutlichen Widerstand. Die Konfliktlinie verläuft zwischen Eltern und äußeren Umständen, nicht zwischen Eltern und Lehrern.

Wir Eltern müssen uns unsere Akzeptanz an den Schulen jedoch selbst erarbeiten.

Von Seiten der Lehrer würde ich mir wünschen, dass wir Eltern häufiger ermutigt werden in unserem Engagement. Und hilfreich wäre sicher auch, wenn Lehrer die Eltern genauer über ihre Arbeitsbedingungen aufklärten.

Neulich klagte eine Lehrerin, dass sie inzwischen 32 Stunden Unterricht geben müsse. Das verstehen viele Eltern leider nicht, wenn sie selbst 40 oder 45 Wochenstunden arbeiten. Insgesamt glaube ich, dass Elternarbeit künftig noch schwieriger werden wird, denn das neue Schulreformgesetz sieht für uns noch weniger Mitsprache in der Schulkonferenz vor.

Aufgezeichnet von Peter Brandhorst


Leichtes Spiel
Dirk Müller-Kästner, Elternbeirat an der evangelischen Kindertagesstätte Kreuzkirche in Oberursel (Hessen)

Mag sein, dass es manche Eltern mit dem Einmischen in die Erziehungsarbeit in Kindergärten und Schulen übertreiben und so manchem Pädagogen gehörig auf den Nerv gehen. Daraus aber die Forderung abzuleiten, Elternbeiräte abzuschaffen, ist mehr als übertrieben. Ich bin im siebten Jahr Elternbeirat in unserer Kindertagesstätte – sechs Jahre hatte ich den Vorsitz inne – und weiß, wie wichtig die Rückmeldung der Eltern für das Erzieher-Team ist.

Zugegeben: Bei uns ist es relativ leicht, Elternbeirat zu sein. Es gibt ein hervorragendes Team, das eine Menge Ideen entwickelt oder Vorschläge der Leiterin umsetzt und fast alle Querschläger abfängt. Wenn Eltern etwas nicht passt, kann darüber geredet werden, und eigentlich immer wird eine für alle tragbare Lösung gefunden. Aus dem Stadtelternbeirat für Kitas, den engagierte Eltern in Oberursel gerade gegründet haben, weiß ich aber, dass diese Harmonie nicht überall existiert.

Zudem gibt es immer wieder einrichtungsübergreifende Themen, die geradezu nach Eltern-Mitsprache schreien. Gebührendiskussionen mit den Trägern, Kindergarten-Entwicklungspläne der Verwaltung oder unsinnige Deutschkurse für Ausländerkinder während der Kindergartenzeit, in denen diese kein bisschen besser lernen als im Kindergarten – aber notwendige soziale Kontakte verlieren.

Mir selbst macht es Spaß, die Erziehung meiner Kinder auch außerhalb unserer Wohnung zu begleiten und eventuell mitzugestalten. Ich möchte auch wissen, warum meine – oder auch andere Kinder – mit einem Erzieher, einem Lehrer besonders gut zurechtkommen, oder warum sie ihn auf den Mond wünschen. Ich habe Spaß daran, Dinge anzustoßen – auch wenn ich manchmal hier und da anecke oder sogar gegen eine Wand laufe. Es muss ja auch nicht alles richtig sein, was ich denke oder vorschlage. Da ist es gut, wenn andere Eltern, Erzieher oder Vertreter des Trägers dies deutlich machen.

Warum aber haben daran viele Eltern kein Interesse? Ich habe oft den Eindruck, dass die meisten es für ausreichend halten, wenn sie bei Basaren oder kleinen Festen mithelfen. Verantwortung will niemand übernehmen. Schon gar nicht mit einem Amt im Elternbeirat. Manche geben offen zu, dass sie sich mit „politischen“ Themen überfordert fühlen. Das ist sicherlich nachvollziehbar, aber trotzdem: In einem verantwortungsvollen Amt kann man auch wachsen – und eine Menge lernen. Am Ende können alle davon profitieren: Kinder, Eltern, Erzieher, Träger. Wichtig ist lediglich die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Ein Konfrontationskurs hilft niemandem.


Für die Kinder
Nora Mehari, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Kreuzkirche in Oberursel (Hessen)

Wenn wir über Elternarbeit sprechen, muss stets klar sein, dass die Kinder das Wichtige sind. Sie müssen von unserer Elternarbeit profitieren. Wir Erzieher müssen zusammen mit den Eltern für das Kind arbeiten. Ungefähr 20 Prozent unserer Arbeitszeit dient der Vorbereitung der pädagogischen Arbeit und Dokumentation der Entwicklung des Kindes. Einen Teil davon nimmt zusätzlich die Zusammenarbeit mit Eltern ein.
Elternarbeit ist vielschichtig und geschieht auf unterschiedlichen Ebenen. Sie beginnt bei uns, wenn Eltern sich bereits vor einer Anmeldung beim Tag der offenen Tür oder regelmäßigen Führungen über das pädagogische Konzept informieren. Auf dieser Grundlage können Eltern aktiv entscheiden, ob unsere und ihre eigene Vorstellung von Erziehung und frühkindlicher Bildung kompatibel sind. Damit ist der Grundstein für die spätere Zusammenarbeit gelegt.

Zur Verbesserung der vertrauensvollen Zusammenarbeit trägt sicher auch bei, dass unsere Eingewöhnungszeit seit einigen Jahren am „Berliner Modell“ ausgerichtet ist. Hier können Eltern beim Kind und in der Kita bleiben und den Alltag miterleben. Bei den Kleineren müssen sie dies sogar solange tun, bis sich das Kind löst und die Erzieher als Vertrauensperson akzeptiert. Von unserer Seite herrscht Offenheit: Die Eltern erhalten einen Blick hinter die Kulissen, Ängste werden abgebaut, das Vertrauen kann wachsen. Wir haben damit äußerst positive Erfahrungen gemacht.

Ein Aufnahmegespräch zu Beginn der Kindergartenzeit und weitere Elterngespräche im Lauf der Jahre helfen, die Entwicklung der Kinder zu begleiten und zu verstehen, auf Probleme hinzuweisen und das Erziehungsverhalten in Elternhaus und Kita bei Bedarf abzustimmen. Das A und O der alltäglichen Elternarbeit sind die „Tür- und Angelgespräche“ am Morgen oder beim Abholen. So bekommen die Eltern die erforderliche Rückmeldung von uns, wie auch die Erzieher immer auf dem Laufenden sind, was zu Hause Besonderes geschieht.
Komplettiert wird die Elternarbeit durch unterschiedliche Elternveranstaltungen, durch Feste oder auch Gottesdienste, an denen die Kinder das Gelernte präsentieren können. Bei vielen Veranstaltungen brauchen wir die Unterstützung durch Eltern. Sie helfen Basare, Weihnachtsmärkte, Festivitäten oder Kulturtage zu organisieren oder streichen mal die Wände neu. All dies, um Geld für besondere Anschaffungen zusammen zu bekommen oder einfach Ausgaben zu sparen.

Manchmal habe ich den Eindruck, wir erwarten zu viel Unterstützung. Tatsächlich hätten die Kinder ein neues Bad, eine neue Küche oder ein schöneres Außengelände ohne den Einsatz der Eltern nicht. Unbestritten bleibt, dass man mit solchen Aktionen zusammen wächst.
Unser Elternbeirat fungiert als Bindeglied zwischen Eltern, Träger und Kindergartenpersonal. Er darf beraten, mitreden und die Richtung mitbestimmen. Wird ein gesundes Mittelmaß zwischen politischem und pädagogischem Mitreden und auch der Fest-Schiene gefunden, ist dies optimal. Schön ist, wenn der Beirat viele Eltern ins Boot holt und wir zusammen dafür sorgen, dass die Gruppe der Engagierten größer wird.
Die Bandbreite bei dem, was Eltern wünschen, kann sehr groß sein, der Spagat zwischen Wunsch und Machbarkeit gelingt nicht immer und bei 110 Kindern und Eltern gibt es nicht für jeden das passende Konzept. Aber wir schreiben unsere Konzeption fort.

Aufgezeichnet von Torsten Ochs


zum Seitenanfang

Elternarbeit am Fontane-Gymnasium im brandenburgischen Rangsdorf

"Wir müssen raus aus der Meckerecke"

Das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus ist emotional aufgeladen und Bücher wie das „Lehrerhasserbuch“ haben nicht zur Verbesserung des Klimas beigetragen. Dass es auch anders geht, zeigt ein Modellprojekt in Brandenburg.

Fragt man Petra Brückner nach positiven Beispielen der Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus, muss sie erst einen Moment überlegen. „Wissen Sie, normalerweise kommen bei mir nur die Negativbeispiele auf den Tisch, die, in denen sich Eltern über unmotivierte, abweisende und unfreundliche Lehrer beklagen“, erzählt die Sprecherin des Landeselternrats Brandenburg. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens fallen Petra Brückner aber doch noch die guten Beispiele ein. „Fragen Sie mal in Rangsdorf am Fontane-Gymnasium nach“, rät sie. Schließlich habe diese Schule vor zwei Jahren den ersten Preis für ihre Feedbackkultur beim Landeswettbewerb „Innovative Schule“ erhalten.

Feedback? Ditmar Friedrich, Rektor der ausgezeichneten Schule in der knapp 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde vor den Toren Berlins, erklärt der Reihe nach: „Elternarbeit dümpelte auch an unserer Schule lange vor sich hin.“ Bei den Eltern habe die Einstellung dominiert, die Schüler seien ja schon alt genug, um allein in der Schule zurecht zu kommen, und die Lehrer seien froh gewesen, durch die Abwesenheit der Eltern, „einen Störenfried weniger zu haben“. Und überhaupt schien es aufgrund des großen Einzugsgebiets der Schule schwierig zu sein, Eltern für die Mitarbeit zu gewinnen. Das Umdenken im Lehrerkollegium setzte mit der Teilnahme des Gymnasiums am Schulentwicklungsprogramm „Demokratie lernen und leben“ der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) ein. Die ganze Schule wurde durch das Programm umgekrempelt: ein Klassenrat geschaffen, in dem Schüler Probleme und Konflikte besprechen und gemeinsam lösen und so lernen, Verantwortung zu übernehmen; durch ein Schüler- sowie Schulleitungsfeedback den Erfahrungsaustausch zwischen Schülern und Lehrern sowie Lehrern und Schulleitung verbessert.

Eltern-Feedback

Die Diskussionen machten die Schulleitung nachdenklich. „Viele Kollegen empfanden es zum Beispiel als Manko, dass es kaum möglich ist, in erzieherischen Fragen mit den Elternhäusern zu kommunizieren und zu kooperieren“, fasst der 53-Jährige das Ergebnis der Debatten an der Schule zusammen. Über 600 anonymisierte Fragebögen wurden schließlich vor zwei Jahren an die Eltern verschickt. 430 Elternhäuser antworteten. Die große Zahl positiver Rückmeldungen hat den Schulleiter überrascht. „90 Prozent der Eltern gaben an, dass ihre Kinder gerne hier zur Schule gehen.“ Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus wurde von knapp 75 Prozent positiv bewertet.

Bessere Kommunikation

Im Bundesvergleich ist das in der Tat ein sehr gutes Ergebnis. Im Jahr, an dem am Fontane-Gymnasium das Elternfeedback gestartet wurde, sorgte eine Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IfS) bundesweit für Aufsehen. Danach ist nur noch knapp ein Fünftel der Eltern in Deutschland mit der Schule ihrer Kinder zufrieden, und nur elf Prozent sind der Meinung, die Schule kümmere sich in ausreichender Weise um die Leistungen und die Erziehung der Kinder.


Die Auswertung der Fragebögen habe allerdings auch an seiner Schule offenbart, dass nicht alles optimal läuft, gesteht Friedrich ein. So zeigte sich nur knapp mehr als die Hälfte der Eltern zufrieden mit der individuellen Förderung ihrer Kinder an der Schule und fast 40 Prozent hätten das Informationsverhalten der Lehrer gegenüber dem Elternhaus mit Blick auf die Schülerleistungen bemängelt.

„Wir hatten ein Kommunikationsproblem“, resümiert der Rektor. Um den Informationsfluss zwischen allen Beteiligten in der Schule zu verbessern, wurden Jahrgangsteams mit Vertretern der Schulleitung, Eltern und Schülern gebildet. Wichtigste Maßnahme war aber die so genannte Eltern-Datenbank im Internet. In dieser können Eltern Angebote zur Unterstützung der Arbeit an der Schule machen. Die Vorschläge reichen von Kopierhilfen bis hin zum Anbieten von Sprachkursen, Werksbesichtigungen und Bibliotheksbetreuung. Knapp 260 dieser Angebote sind bis jetzt auf der Website der Schule eingegangen. „Auf dieses Unterstützungssystem greifen die Kollegen mittlerweile gerne zurück”, sagt Ditmar Friedrich.

Misstrauen abgebaut

Die Eltern-Datenbank hat aber nicht nur einen unmittelbar praktischen Nutzen, sie fördert auch die Kommunikation und das soziale Miteinander von Lehrern und Eltern. Zwei Gruppen, die sich an vielen Schulen oft unversöhnlich gegenüber stehen, hätten gelernt, gegenseitiges Misstrauen abzubauen, aufeinander zuzugehen und die Hilfe des anderen anzunehmen. Friedrich: „Wir haben viele engagierte Eltern, aber auch solche, die ihre Erziehungsarbeit an die Schule delegieren. Sei es, weil sie mit der Situation in der Familie überfordert oder weil sie grundsätzlich der Meinung sind, Lehrer müssten selbst sehen, wie sie mit den Kindern zurechtkommen.“

Als ersten Schritt hat man sich deshalb auf eine feste Basis des sozialen Miteinanders verständigt. In einer „Grundlagen-Vereinbarung” verpflichten sich alle drei Seiten – Schule, Schüler, Elternhaus – zur Einhaltung gewisser Regeln. Die Schule sichert zum Beispiel zu, dass „der Lehrplan zeitgerecht und planmäßig vermittelt wird“ sowie „Unterrichtsausfälle vermieden werden“, im Gegenzug versprechen die Eltern u. a., an den Elternabenden und -sprechtagen teilzunehmen und ihre Kinder nicht ohne gesundes Frühstück aus dem Haus zu lassen.

Das Modell ist sicherlich nicht auf alle Schulen eins zu eins übertragbar. Die soziale Zusammensetzung der Elternschaft des Fontane-Gymnasiums ist vergleichsweise günstig – viele Eltern verdienen gutes Geld beim britischen Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls Royce am Rande der Stadt. Schulen mit einem hohen Anteil von Schülern aus sozial auffälligen Familien brauchen eine andere Form von Elternarbeit. Das weiß auch Dagmar Schreiber. Die 49-Jährige ist Elternvertreterin und Geschäftsführerin des Bildungsvereins Democaris e.V. In dieser Eigenschaft betreut sie auch die Eltern-Datenbanken der Schulen in Brandenburg, die ein solches Elternfeedback mit Ressourcen-Datenbank eingerichtet haben. Die verstärkte Mitarbeit der Eltern, „die sich eben nicht darin erschöpft, dass man den Lehrer beim Klassenausflug begleitet“, habe zu einer Verbesserung des Schulklimas geführt.


Vom Modell zum Standard

Die Schule in Rangsdorf liegt ihr besonders am Herzen – ihr Sohn macht hier zurzeit sein Abitur –; aber als eine Ausnahme will sie weder diese Schule noch die anderen Schulen im Land verstanden wissen. „Wir müssen weg vom Modellcharakter solcher Schulen. Das, was hier seit Jahren gut läuft, muss irgendwann überall Standard werden“, fordert sie. Auch dort, wo Eltern vielfach Probleme haben, ihrer erzieherischen Verantwortung nachzukommen, sei das Konzept im Prinzip anwendbar. Diesen Eltern könnten beispielsweise andere im Rahmen von Eltern-Lehrer-Workshops in Erziehungsfragen zur Seite stehen. Auch eine Debatte in der Schule über Wertevermittlung sei überall und zu jeder Zeit möglich.

Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt seit Jahren die Heinrich-Zille-Grundschule in Berlin-Kreuzberg. Hier erhalten vor allem junge türkische Eltern im Elterncafe Rat und Unterstützung. Dabei sei es von Anfang an um Themen gegangen, die für alle Eltern interessant sind, zum Beispiel: „Wie setze ich meinem Kind Grenzen?“, erläutert Schulleiterin Inge Hirschmann das Konzept. So werde auch die zunehmende Distanz abgebaut, die gerade Eltern mit Migrationshintergrund gegenüber der Schule entwickelt hätten. Kurzum: Elternarbeit sei ein Weg zu mehr Demokratie in der Schule.

Auch für Dagmar Schreiber ist das ein zentraler Punkt. Sie wünscht sich, dass diese „Demokratiepädagogik” möglichst schnell auch an vielen anderen Schulen eingeführt wird. Einrichtungen wie den Klassenrat oder die Jahrgangsteams sollte es bereits in der Grundschule geben. „Wenn soziale Kompetenzen dort schon eingeübt würden, hätten wir nur die Hälfte der Probleme, die uns heute an den weiterführenden Schulen das Leben schwer machen“, ist sich die Sozialunternehmerin sicher.

„Wichtig ist aber, dass die Schritte zu einer demokratischen Schulkultur von Eltern, Schülern und Lehrern gemeinsam gegangen werden“, betont Schreiber. Denn es gebe sie in der Tat „die notorischen Quertreiber unter den Eltern, die an den Schulen viel verbrannte Erde hinterlassen haben. „Man dürfe als Elternvertreter gegenüber den Lehrern ,keine Front‘ aufbauen“, lautet ihr Rat an engagierte und interessierte Eltern: „Wir Eltern müssen raus aus der Meckerecke.”

Jürgen Amendt


zum Seitenanfang

Berliner Hauptschule macht Elternseminar zur Pflicht

Erwachsene auf der Schulbank

Die Nikolaus-August-Otto-Oberschule in Berlin hat Elternseminare zur Pflicht erhoben. Der Nachfrage nach Plätzen an der Hauptschule hat das keinen Abbruch getan – im Gegenteil. Nun sollen 15 weitere Berliner Schulen dem Vorbild folgen.

Die Augen bitte erst wieder öffnen, wenn ich es sage!“ Lehrerin Eva Schmoll läuft hurtig durch den Raum und setzt extravagante Brillen auf Elternköpfe. Als diese die Augen wieder öffnen dürfen, sehen die Anwesenden die Welt in rosa. Auf diese Weise soll der Erinnerung der Teilnehmenden am Elternseminar der Nikolaus-August-Otto-Schule (NAO) in Berlin auf die Sprünge geholfen werden: der Erinnerung an das erste Mal Verliebtsein etwa und an all die wunderschönen Gefühle, die damit auch verbunden gewesen sind. Auch – denn es sind häufig die eher weniger angenehmen Gefühle Unsicherheit, Angst oder Überforderung, mit deren Auswirkungen Eltern zu kämpfen haben, wenn ihre Kinder die erste Liebe erleben: Abkapselung, plötzliches Desinteresse an allen familiären Angelegenheiten, auch an den Pflichten, die in der Familie oder für die Schule zu erledigen sind.

Die Welt aus der Perspektive der Kinder zu betrachten, zu prüfen, ob und an welchen Punkten elterliches Eingreifen notwendig ist und wie es sinnvoll gestaltet werden kann – darum, aber um noch viel mehr geht es bei den Elternseminaren an der NAO. Das Konzept beruht auf dem in den USA entwickelten STEP-System. STEP bedeutet: Systematisches Training für eine demokratische, kooperative und ermutigende Erziehung.

In Vorleistung treten

An der NAO-Hauptschule im Berliner Südwesten sind die Seminare für Eltern seit drei Jahren Pflicht. Wer sein Kind in der Schule anmelden möchte, muss zuvor an zehn Abenden für je zweieinhalb Stunden erst einmal selbst die Schulbank drücken. Wer nicht teilnimmt, dessen Kind wird nicht angenommen – die Seminare finden sozusagen als Vorleistung der Eltern jeweils vor Beginn des neuen Schuljahres statt. Als die Pflichtseminare 2003 eingeführt wurden, war das zunächst ein Wagnis. „Ich hatte damit gerechnet, dass ein Drittel der Eltern auf dem Absatz kehrt machen würde“, sagt Eva Schmoll, die die Seminare entwickelt hat. Die Schule hatte damals knapp doppelt so viele Bewerber wie Plätze für die siebten Klassen, mit denen in Berlin nach sechs Jahren Grundschule die Oberschule beginnt. Der befürchtete Rückgang blieb jedoch aus: Mittlerweile gibt es für jeden Platz sogar drei Bewerbungen. Kaum eine Handvoll Eltern hätte damals die Anmeldung wegen der Seminarpflicht zurückgezogen, berichtet die Pädagogin.

Als „Vergewaltigung“ habe sie die Verpflichtung zunächst empfunden, sagt eine Seminarteilnehmerin. Nun denkt sie anders. Das Treffen, an dem sie abends teilnimmt, ist längst keine Pflicht mehr, sondern Kür. Denn die NAO bietet Eltern auch Nachbereitungsseminare an, wenn das Schuljahr bereits begonnen hat. Die Seminare hätten das durch viele Konflikte verhärtete Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tochter spürbar verbessert, stellt die einst so skeptische Mutter fest. Rollenspiele, bei denen sie den Part der Tochter übernahm, haben dabei geholfen. „Es geht in den Seminaren nicht darum, Eltern zu sagen, was sie falsch gemacht haben“, so Eva Schmoll: „Hier werden keine Schuldfragen geklärt.“ Stattdessen gehe es um Hilfe zur Selbsthilfe: weg von der lähmenden Konzentration auf Probleme und Konflikte hin zu deren Verständnis und der Fähigkeit, Lösungen zu entwickeln.

Kein einfacher Satz

Die Schuldfrage stellen sich die meisten Eltern sowieso von ganz allein – auch das ist Thema eines Seminarabends. „Mein Kind ist Hauptschüler“ – für viele Eltern ist das kein einfacher Satz. Sie habe lange überlegt, erzählt eine Teilnehmerin, ob sie ihre Tochter nicht doch lieber auf eine Gesamtschule schicken sollte – nicht zuletzt deshalb, um diesen Satz nicht sagen, sich die „Schuldfrage“ nicht stellen und sich fragen zu müssen: „Was habe ich falsch gemacht?“ Ihre Tochter gehörte wie manch andere Kinder schon in der Grundschule zu denen, aus denen später oft Schulverweigerer werden: Kinder, die jeden Tag beinahe in die Schule gezwungen werden müssen und die jedes Mauseloch dem verhassten Ort Schule vorziehen würden. „Jetzt überlegt meine Tochter schon sonntags, was sie am Montag anziehen will“, erzählt die Mutter: Schultasche und Hausaufgaben seien dann sowieso längst „tiptop“.


„Über vier Fünftel unserer Schüler kommen gerne zur Schule“, sagt Eva Schmoll nicht ohne Stolz. Diese Zahl sei keine Schätzung, sondern das Ergebnis einer auf der Website der Schule veröffentlichten Befragung. Dort ist auch nachzulesen, dass die Fehlzeiten der Schüler an der NAO nicht einmal halb so hoch wie an anderen Berliner Hauptschulen sind. Dass 86 Prozent der Eltern die Schule mit „gut“ oder „sehr gut“ benoten. Dass hundert Prozent aller Lehrkräfte gerne an der NAO arbeiten. Es gibt wohl nicht viele Schulen, die Ähnliches von sich behaupten können – aber bei der NAO läuft eben vieles anders. Sie ist eine von nur drei Hauptschulen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf – insgesamt gibt es in Berlin 55. Über 40 Prozent der Grundschüler in diesem Stadtteil wechseln auf Gymnasien. Lediglich ein bis zwei Kinder aus jeder Grundschulklasse kommen auf die Hauptschule – die „Problemkinder“. Viele von ihnen haben bis dahin allerdings schon den Anschluss an den Unterrichtsstoff verloren: „Wir haben Schüler, die auf dem Lernstand der zweiten Grundschulklasse sind“, berichtet Schmoll. Dass viele Eltern zunehmend überfordert mit den Problemen ihrer Kinder sind, nicht zuletzt deshalb, weil sie mit ihren eigenen Sorgen wie Arbeitslosigkeit, Armut und dem damit verbundenen sozialen Abstieg nicht klarkommen, haben die Lehrer der NAO bereits vor Jahren bemerkt – und darauf reagiert. Das Schulprogramm wurde radikal umgestellt, starre Stundenplanabläufe aufgehoben und neue Lehr- und Lernformen ausprobiert. Heute unterrichten hier 38 Lehrkräfte 220 Hauptschüler. Die Klassengröße liegt bei durchschnittlich 18 Kindern, jeweils vier Lehrkräfte betreuen eine Gruppe. Statt 45-minütiger Unterrichtsstunden wird themenzentrierter Unterricht angeboten. Individuelle Förderung ist so tatsächlich möglich – und zeigt Erfolge: 90 Prozent der Schüler verlassen die Schule mit einem Abschluss. Auch das ist in der Hauptstadt keine Selbstverständlichkeit.

Vertrauensbasis herstellen

Dieser Erfolg strahlt aus. An 15 weiteren Berliner Schulen soll künftig das von Eva Schmoll entwickelte Elterntraining genutzt werden. 21 Lehrerinnen und Lehrer wurden am Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) fortgebildet. Sie sollen künftig die Elternseminare an ihren Schulen organisieren – und nicht etwa externe Fachkräfte. Denn das ist ein wichtiges Element des Konzepts: Nur so wird die notwendige Kooperation zwischen Eltern, Lehrern und Schülern möglich und eine Vertrauensbasis hergestellt, um Probleme gemeinsam zu lösen.
Beim Elternseminar an der NAO ist die Gesprächsatmosphäre vertrauensvoll und offen. Schnell kommen die Eltern von konstruierten Problemfällen, die die Klassenlehrerinnen zur Gesprächsanregung schriftlich verteilen, auf die eigenen, reden über persönliche Sorgen, über Auseinandersetzungen mit ihren Kindern und über ihre Schwierigkeiten, in Konflikten nicht die Nerven zu verlieren. Sich nicht destruktiv, sondern ermutigend zu verhalten – das sei eines ihrer größten Probleme, erzählt eine Mutter. Die anderen stimmen ihr zu. Eingefahrene Verhaltensweisen und Reaktionsmuster zu ändern, ist das wichtigste Ziel der Elternseminare. Diese sollten deshalb schon in Grundschulen oder Kitas angeboten werden, fordert Eva Schmoll. Doch das ist bisher noch Utopie. Unter den 15 Schulen, die die Elternseminare übernehmen wollen, hat sich neben 13 Hauptschulen und einer Gesamtschule nur eine Grundschule gemeldet. Und bisher traut sich keine dieser Schulen, die Elternseminare zur Pflicht zu erheben.

Alke Wierth


zum Seitenanfang

Service

Von der Konfrontation zur Kooperation

Nachfolgend finden Sie einige Tipps für eine kompetente und effektive Elternarbeit.

Literatur und Praxishilfen

„Einführung in die Elternarbeit in der Schule“ / „Erziehungspartnerschaft und Erziehungsverträge“
Unter diesen Titeln bietet der Elternbund Hessen e.V. einige Broschüren an. Sie kosten zwischen 3,50 und 5,00 Euro und können bestellt werden unter // www.elternbund-hessen.de. Hintergründe, Tipps und praktische Materialien zum Thema Schule und Eltern sind auch kostengünstig im Angebot des Schulberatungsservice (Schubs). Siehe: // www.schubs.info

Horst Bartnitzky/Karlheinz Burk/Sybille Jaszovics (Hg.): Mit Eltern die Grundschule kindgerecht entwickeln.
Beiträge zur Reform der Grundschule Nr. 108. Herausgegeben vom Grundschulverband. 2000. 8,00 Euro
In diesem Band werden Beispiele von Schulen vorgestellt, die ihren eigenen Weg gefunden haben, die Grundschule mit den Eltern kindgerecht zu entwickeln. Schulporträts mit Adressen ermöglichen, dass Grundschulen in ähnlichen Lagen miteinander Kontakt aufnehmen können. Zu beziehen ist der Band über//  http://www.grundschulverband.de/mitgliederbaende.html

Jürgen Bärsch (Hg.): Materialiensammlung und Handbuch zur Interkulturellen Elternarbeit (CD-ROM). Köln 2005
// http://www.kni.de/verlag/papers/kni_materialien_elternarbeit.htm
Schwerpunkt dieses Materials ist, Eltern von Jugendlichen mit Migrationshintergrund besser in die Berufsorientierung ihrer Kinder einzubeziehen, um den Übergang von Schule in Arbeit und Beruf zu verbessern. Es eignet sich für den direkten Einsatz bei der Elternarbeit, in Beratungen und bei Veranstaltungen. Viele der Materialien sind in Deutsch und Türkisch erhältlich.

Claudius Henning/Wolfgang Ehinger: Das Elterngespräch in der Schule. Von der Konfrontation zur Kooperation.
Auer Verlag, 3. Auflage, 1999. 18,80 Euro
Eine Hilfe, das eigene Gesprächsverhalten und die gemeinsame Kommunikation zu überdenken in Richtung einer gelingenden Gesprächskultur und Kooperation mit Eltern (mit praktischen Arbeitsblättern).

Fortbildung

Das Forum Eltern und Schule bietet regelmäßig Seminare zur Elternarbeit an. Am 23./24. Februar 2007 findet beispielsweise ein Wochenendseminar zum Thema „Eltern als Verbündete gewinnen durch kompetente Elterngespräche“ in Nordrhein-Westfalen statt. Mehr unter: //  http://www.forum-eltern-und-schule.de (siehe „Bildungsprogramm“).

Zusammengestellt von Martina Schmerr


/ zum Seitenanfang