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/ Jahrgang 2010
/ 02/2010
Pubertät: Moll und DawirsE&W: Haben es die heute 13- bis 15-Jährigen schwerer, sich von den Erwachsenen abzugrenzen, weil vor allem Mittelschichtseltern locker und verständnisvoll sind, so dass Kinder keinen Grund haben zu rebellieren?
Gunther Moll: Wenn es zwischen Eltern und ihren Kindern keine Reibefläche gibt, ist das prima. Dann kann man junge Erwachsene auch besser unterstützen bei ihrem Weg ins Leben und in die Gesellschaft. Die Reibeflächen muss es dann allerdings zwischen Gleichaltrigen geben – sozusagen im wirklichen Leben.
Ralph Dawirs: Eltern sind noch gar nicht so lange in der Lage, die Pubertät der eigenen Kinder bewusst zu erleben. Während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte war es so, dass diese Phase, in der Kinder Geschlechtsreife erlangen, auch die Zeit des Generationenwechsels war. Die Lebenserwartung war beispielsweise bis zum 17./18. und noch im 19. Jahrhundert viel niedriger als im 20. oder gar im 21. Jahrhundert. In dem Alter, wo die eigenen Kinder in die Pubertät kamen, traten damals die Alten ab, sie waren gebrechlich, krank und starben häufig bereits mit 30 Jahren.
E&W: Das heißt, die Pubertät ist deshalb ein Problem, weil dieser Generationenwechsel in der Gegenwart nicht mehr stattfindet?
Dawirs: Genau. Seit zehn Generationen hat sich die Lebenserwartung fast verdreifacht. Die älteren Erwachsenen sind noch sehr lange aktiv. Die Jungen können deshalb ihre Potenziale nicht richtig ausagieren. Das ist dramatisch. Das heißt, die Pubertät entwickelt sich vor dem Hintergrund vitaler Eltern, die dem Nachwuchs nicht Platz machen wollen und können. Deshalb sehen nicht wenige junge Erwachsene in ihren Eltern Störfaktoren.
Moll: Es stören aber nicht nur die Eltern, ganz besonders stört in dieser Entwicklungsphase die Schule. Denn es besteht Schulpflicht für junge Menschen, die mit 14, 15 Jahren biologisch gesehen erwachsen sind. Und was tut die Gesellschaft? Sie setzt diesen jungen Erwachsenen Rahmenbedingungen und schreibt ihnen vor, was sie zu tun, zu lassen und zu lernen haben. Man gewährt ihnen nicht die Freiheit, die sie bräuchten, um ihren eigenen Weg selbstbestimmt zu gehen, beispielsweise zu entscheiden, was und wie sie weiter lernen wollen.
E&W: Nun ist der Umgang mit der Freiheit nicht einfach – weder für Eltern noch für Lehrkräfte. Manche Eltern gewähren viele Freiheiten, andere neigen zu Überreaktionen, üben, oft aus Sorge heraus, zu viel Kontrolle aus.
Dawirs: Aus unserer Sicht sprechen wir gar nicht mehr von Jugendlichen, sondern von jungen Erwachsenen, die eben nur noch unerfahren sind. Der Begriff Jugendliche ist im Übrigen eine Erfindung der Moderne. Entweder man ist geschlechtsreif oder man ist es nicht. Ein junger unerfahrener Erwachsener hat aber aufgrund seiner biologischen Entwicklung die gleiche Legitimation, Gesellschaft, Familie und Schule mitzugestalten wie der erfahrene ältere Erwachsene. Vor etlichen Generationen konnten die Jungen ihre erhöhte Risikobereitschaft, die diese Altersphase auszeichnet, viel stärker ausleben. Auch ihre Sehnsucht nach emotionalen Grenzerfahrungen, um etwas Neues auszuprobieren.
E&W: Aber wie gehen Sie mit einem 13-Jährigen um, der sagt, „ich bin in der Pubertät und ich darf jetzt alles“.
Dawirs: Im Endeffekt hat der Junge Recht. Das Problem ist doch, dass wir in einer Gesellschaft mit bis zu vier Parallelgenerationen leben, darin liegt die heutige Herausforderung.
E&W: Eltern denken oft, sie müssten gerade in der Pubertät Grenzen setzen, Strukturen schaffen, Regeln festlegen.
Moll: Die Erziehung ist in diesem Alter doch längst abgeschlossen. Sie können Kinder erziehen bis zehn, zwölf Jahre, dann ist der junge Mensch erwachsen und Erziehung funktioniert nicht mehr. Ab 13, 14 ist der junge Erwachsene ein gleichberechtigter Partner und als solcher auch zu respektieren. Ein großer Teil aller Konflikte zwischen Jugendlichen und Eltern oder anderen Erwachsenen rührt daher, dass Mütter, Väter, auch Lehrkräfte weiterhin glauben, sie seien die Erfahrenen, die deshalb die Maßstäbe festlegen und das Sagen haben – und daher auch das Recht, die Jüngeren zu erziehen.
E&W: Nun gelingt das vielleicht schon deshalb nicht so recht, weil das Gehirn in dieser Phase einer „Großbaustelle“ gleicht. Das behaupten jedenfalls Neurobiologen.
Dawirs: Zunächst: Bis zum sechsten Lebensjahr eines Kindes entwickeln sich die Grundlagen seiner Persönlichkeit. Das findet seine Entsprechung in der strukturellen Entwicklung des Gehirns. In der nachfolgenden Schulzeit bis zum 13., 14. Lebensjahr erfährt diese Persönlichkeitsbildung auch neurobiologisch ihren Feinschliff. Danach treten „plötzlich und unerwartet“ gravierende Veränderungen auf, der junge Mensch wird geschlechtsreif. Damit ist die Zeit der Kindheit endgültig vorbei. Der Witz dabei ist, dass die Kindheit, von der Ebene des Gehirns betrachtet, dadurch geprägt ist, dass das Kleinkind zunächst starke Bindungen an die Eltern entwickeln muss. Erst die Schaffung fester emotionaler und dann sozialer Strukturen im Gehirn bilden die Grundlage für ein erfolgreiches Lernen.
E&W: Und wie kommt es in der Pubertät zu psychischen, physischen und emotionalen Tumulten?
Dawirs: Diese sind sozusagen „Chefsache“ des Gehirns. Man sagt ja, jetzt spielen die Hormone plötzlich verrückt, das ist aber bloß sekundär. Entscheidender ist, dass der Einzelne sich von seinen frühkindlichen Bindungen wieder lösen muss, um in die Welt der Erwachsenen eintreten zu können und Geschlechtspartner zu finden. Die Rolle eines Erwachsenen zu übernehmen, geht natürlich nicht von heute auf morgen.
E&W: Da finden im Gehirn also dramatische Umstrukturierungen während der Pubertät statt?
Dawirs: Ja, denn die Pubertierenden müssen – neurobiologisch gesehen – von ihrem eigenen Gehirn sozusagen aus dem „Kinderzimmer“ herausgeworfen werden. Ganz konkret sieht das so aus, dass neuronale Netzwerke, die im Stirnhirn und in anderen Regionen des Gehirns für das emotionale Verhalten wichtig sind, „aufgelöst“ werden. Es wird damit alles etwas unverbindlicher, unsicherer, „chaotischer“. Soziale und emotionale Strukturen, die sich durch Erziehung herausgebildet haben, werden jetzt auf der neuronalen Ebene wieder in Frage gestellt. Das heißt, der junge Mensch reagiert im Übergang zum Erwachsenen emotional „verwirrt“. Deshalb hat er erkennbare Probleme, die Emotionalität seines Gegenübers wie seine eigene richtig einzuschätzen. Das bringt ihn manchmal in eine riskante Lage. Die Umstrukturierungen im Gehirn sind aber notwendig, um die neue emotionale und sexuelle Ausrichtung vorzubereiten.
E&W: Die körperliche Entwicklung in dieser Altersphase birgt auch Gefährdungen. Ich greife mal bei den Jungs das Gewaltproblem heraus, Aggressionen z. B. in Form von Jugendgangs.
Moll: Ein wichtiger Punkt, was Aggressivität betrifft, ist die Frage, gibt es Lebensräume, in denen ein junger Mensch sich verwirklichen kann, wo er Wertschätzung erfährt und bestimmen kann, was er tun will. Diese Lebensräume nehmen ab. Darin sehe ich einen Hauptfaktor für aggressives Verhalten. Ein weiterer Grund für Gewalt liegt sicher in der fehlenden Achtung und dem fehlenden Respekt gegenüber Heranwachsenden
.
E&W: Jugendliche empfinden Schule zunehmend als völlig lebensfern, vermutlich weil ihnen dort diese Erfahrungsräume fehlen?
Moll: Die Frage ist doch, wie organisieren, wie gestalten wir Schule. Das ist eine bildungspolitische Entscheidung. Die Schule ist sehr wichtig und sehr wesentlich als Vermittlerin kulturellen Wissens. Sie ist notwendig für Heranwachsende, um sich später in der Lebenswelt orientieren zu können. Aber reichen acht Jahre Schulzeit nicht aus, um die wesentlichen Kulturtechniken zu vermitteln, also um die Grundlagen für Bildung zu schaffen? Warum sollen junge Erwachsene mit 14 Jahren nicht die Schule beenden können? Denn das, was Schule vermittelt, hat oft nichts mehr mit dem wirklichen Leben zu tun. Ein 14-Jähriger sollte entscheiden können, will ich weiter zur Schule oder will ich eine Universität besuchen oder mache ich zuerst eine Berufsausbildung oder gehe ich ein Jahr auf einen Bauernhof und danach wieder auf die Schule.
E&W: Ein sehr provokantes Plädoyer für die Freiheit. Ich möchte aber noch einmal auf die Elternrolle zurückkommen. Warum tun sich Eltern so schwer, ihre Kinder loszulassen?
Moll: Sie befürchten, dass ihre Kinder schlechte Lebens- und Berufschancen haben, wenn sie ihren Nachwuchs in den Bildungseinrichtungen nicht stringent auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Das ist eine berechtigte und existenzielle Sorge.
Dawirs: Die Schulzeit ist die Zeit des kulturellen Lernens. Als Vater und Mutter muss ich mich mit dem „zufrieden“ geben, was dabei herauskommt und darf gespannt sein, wie es weitergeht. Viele Eltern unterliegen aber dem Irrtum, man könne Erziehung auf ein bestimmtes Ziel hin ausrichten, etwa einen gewünschten Bildungsabschluss zu erreichen. Hier wollen Eltern nicht versagen. Wenn das Erziehungsziel dann nicht mit der Realität übereinstimmt, erzeugt das Druck und Unwohlsein.
E&W: Sind die Peergroups das notwendige Gegengewicht zu den Zielvorstellungen der Eltern?
Moll: So ab 14 Jahren ist die Beziehung zu Gleichaltrigen das Entscheidende. Eltern und Schule müssen den jungen Erwachsenen dafür ganz viel Zeit und Raum lassen.
Interview: Helga Haas-Rietschel,
Redakteurin der „Erziehung und Wissenschaft“