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03.11.2009

Deutsch lernen in privater Eliteschule: Ein Platz an der Corcovado-Schule in Rio de Janeiro ist hochbegehrt

Deutschunterricht unter Palmen – wer träumt sich da nicht gerne hin? Die Corcovado-Schule in Rio de Janeiro macht es möglich. Doch der Alltag in der Bildungsstätte mit hohen Leis­tungs­erwartungen und klaren Hierarchien in einem Kollegium, das sehr unterschiedlich bezahlt wird, ist nicht jedermanns Sache. Andere schwärmen von einem „Traumjob“ mit intensiven kulturellen und persönlichen Erfahrungen.

Der erste Eindruck ist betörend. Wenige Meter abseits einer wuseligen Hauptverkehrsstraße im südlichen Teil Rio de Janeiros wird das Ambiente tropisch. Auf dem Kunstrasen gleich hinter dem Eingang zum Schulgelände findet ein Fußballmatch statt. Hinter dem Hauptgebäude, einem Prachtbau, in dem einst der US-Botschafter residierte, erstreckt sich sogar ein Stück Regenwald, und vom Corcovado grüßt der weiße Christus herunter.

Doch langsam wird es eng an der Escola Alemã Corcovado, der einzigen deutsch-brasilianischen Begegnungsschule von Rio. Fast 1300 Schülerinnen und Schüler, doppelt so viele wie Ende der 1980er-Jahre, verteilen sich auf Alt- und Neubauten, die Oberstufe soll in ein paar Jahren ausgelagert werden. Dann ist es endgültig vorbei mit der „großen Familie“, dem Leitbild, das die deutsche Schule noch lange nach ihrer Gründung 1965 geprägt hatte.

Effizienz steht im Mittelpunkt

Weiteres Indiz dafür ist die bevorstehende ISO-Zertifizierungsprüfung, in der die betriebswirtschaftliche Effizienz im Mittelpunkt steht. Frank Strasen, der deutsche Schulleiter, begrüßt diese Entwicklung: „Durch klare Abläufe vereinfachen wir unseren Alltag“, meint der joviale Mittfünfziger, der 2003 aus Westfalen nach Rio kam.

„Ich habe kein Problem, Eltern und Schüler als Kunden zu betrachten“, sagt er, „im Grunde funktionieren wir wie eine Aktiengesellschaft.“ 70 Prozent des Jahresetats stammen aus Einnahmen von Schulgeldern. Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen steuert den Rest in Form einer „Schulbeihilfe“ und vor allem von Gehältern für die Auslandsdienst- und Programmlehrkräfte bei.

„Betriebswirtschaftliche Effizienz steht keineswegs im Widerspruch zu einer modernen, kompetenz- statt inhaltsorientierten Pädagogik“, betont Strasen. Zwischen zwei Palmen ist draußen ein Riesenbanner aufgespannt, das auf die baldige Bund-Länder-Inspektion hinweist – Experten aus Deutschland sollen die pädagogische Qualität der deutschen Auslandsschule überprüfen.

Wie der Unterricht im primär deutschsprachigen R-Zweig aussieht, demonstriert Physiklehrer Christian Lanyi. Mit Matchboxautos und Computeranimationen erklärt er den Dopplereffekt. Die sechs Mädchen und elf Jungen der 7R1, die in Vierer- oder Fünfergruppen um die Tische sitzen, sind alle Brasilianer. Doch würde der stellvertretende Schulleiter nicht hin und wieder Schlüsselbegriffe wie „hohe Frequenz“ oder „Schwingung“ auf portugiesisch absichern, man könnte sich an eine Sekun­darschule in Deutschland versetzt fühlen.

Begegnung auf Augenhöhe

„Integration wird bei uns groß geschrieben“, sagt der deutschstämmige Südbrasilianer Valdir Rasche. Der ruhige Mann mit leicht pastoraler Aura ist der brasilianische Schulleiter, in der Hierarchie ist er Strasen gleichgestellt. „Das fängt bei Details wie der Klassenbezeichnung an“, erläutert er, „R steht für Reifeprüfung, C für conclusão, den brasilianischen Abschluss, der dem deutschen Abi vergleichbar ist – niemand muss sich diskriminiert fühlen.“

Stehen in der Grundschule einer R-Klasse noch drei C-Klassen gegenüber, so sind es in der sechsten Jahrgangsstufe bereits je zwei Klassen pro Zweig. Das brasilianische Curriculum, das auf die Uni-Aufnahmeprüfungen vorbereitet, hat eine klar naturwissenschaftliche Schlagseite. Doch alle C-Schüler lernen Deutsch als Fremdsprache und nehmen an den Prüfungen zum deutschen Sprachdiplom teil.

Vor allem sprachlich und musisch inte­ressierte Schülerinnen und Schüler wechseln in den deutschsprachigen Zweig mit Lehrplänen aus Baden-Württemberg. „In diesem Jahr haben wir 31 Abiturienten, und es werden immer mehr“, sagt Strasen stolz. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit in der Oberstufe des R-Zweiges: Mathematik, Geschichte, Biologie und Chemie werden als Einheit jeweils von Brasilianern und Deutschen unterrichtet, einmal pro Woche sogar zusammen.

Das Kollegium besteht aus gut 100 brasilianischen und 34 deutschen Lehrkräften. Gleichberechtigt soll es auch im Kollegium zugehen – doch die Kluft bei den Einkommen macht dies nicht einfach. Zehn verbeamteten deutschen Auslandsdienstlehrkräften mit vergleichsweise fürstlichen Gehältern – sie haben in der Regel Funktionsstellen inne – stehen einheimische Ortskräfte gegenüber, die nach Unterrichtsstunden bezahlt werden und oft an zwei bis drei Schulen arbeiten. Immerhin, auch sie verdienen weit mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen an den staatlichen Schulen Brasiliens. Martina Lamberz steht als Programmlehrerin – von Status und Bezahlung her – zwischen Auslandslehrkräften und Ortskräften. Die 29-Jährige unterrichtet Deutsch und Englisch im R-Zweig und kam Anfang des Jahres im Anschluss an das Referendariat nach Rio. Sie hat sich offenbar bestens eingelebt, nimmt an einer Theatergruppe mit brasilianischen Kollegen, Eltern und ehemaligen Schülern teil. Der Unterricht „mit vielen offenen Arbeitsformen“ unterscheide sich kaum von dem in Deutschland, meint sie.

Prinzessinnen und Prinzen

„Für 90 Prozent meiner Schüler ist Deutsch eine Fremdsprache“, erzählt Lamberz. „Obwohl sie behütet aufwachsen, sind sie weltläufig.“ Grundschulleiter Robert Kühn sekundiert: „Unsere Schüler sind kleine Prinzessinnen und Prinzen, verwöhnt und fröhlich, aber nie unbeobachtet, weil ihre Eltern sehr um ihre Sicherheit besorgt sind.“ Ihr Kontakt zu ärmeren Kindern beschränke sich auf ein Minimum – „Miami oder Berlin kennen sie besser als Rios Favelas (brasilianische Armenviertel – Anm.d.Red.)“.

Manche Eltern beklagen die überdurchschnittlich hohe Fluktuation unter den deutschen Lehrkräften. Auslandslehrerinnen und -lehrer bleiben meist sechs bis acht Jahre. Programmlehrkräfte (derzeit vier) – die sich über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) beworben haben – oder direkt von der Schule angeworbene Lehrkräfte (derzeit 18) verlassen die Einrichtung oft schon nach ein bis drei Jahren wieder. Manchmal aus familiären Gründen oder weil sich in Deutschland eine feste Stelle ergibt.

Manche hätten auch Probleme mit „mangelhaften demokratischen Strukturen“, weiß Diethild Simon, vor ein paar Jahren als Fachleiterin für Deutsch als Fremdsprache in Rio tätig und derzeit stellvertretende Vorsitzende der GEW-Arbeitsgruppe der Auslandslehrkräfte (AGAL). Selten werde die Unzufriedenheit über den „relativ hierarchischen und bürokratielastigen Aufbau“ deutscher Auslandsschulen aber nach außen getragen.

So seien Schulkonferenzen beispielsweise nicht durch „kontroverse und offene Debatten“ geprägt, sondern durch Akklamation vorgegebener Entscheidungen, sagt Simon: „Ein derartiges Demokratieverständnis steht für mich im Widerspruch zum Auftrag der deutschen Auslandsschulen.“

Relaxed in Rio

Andere Anpassungsschwierigkeiten gibt es auch: „Manch einer kommt nie so richtig hier an“, hat Informatiker und Mittelstufenleiter Thomas Mand beobachtet, „doch wenn man mitschwimmt, ohne die eigene Kultur aufzugeben, dann kann das eine bereichernde, ja fantastische Erfahrung werden.“ Die Cariocas, wie die Einwohner Rios genannt werden, seien „extrem aufgeschlossen und hilfsbereit“.

Ähnlich angetan von der deutsch-brasilianischen Mischung zeigt sich Teresa Cristina Malburg. „Die unterschiedlichen Mentalitäten bringen eine gewisse Würze in die Schule“, sagt die Veteranin, die seit 22 Jahren an der Schule ist. Die Doppelbelastung bei der Vorbereitung auf das deutsche Abitur sowie auf die brasilianischen Prüfungen führen dazu, dass die Zwölftklässler des R-Zweigs 43 reguläre Unterrichtsstunden haben – eine sehr hohe Belastung. Trotzdem machen die künftigen Abiturientinnen und Abiturienten einen recht entspannten Eindruck.

An der Corcovado geht es legerer zu als an vielen anderen Privatschulen Lateinamerikas: Lehrende unterrichten zum Teil in T-Shirts, Uniformen sind unbekannt. Das hat allerdings einen kuriosen Grund: Ohne Uniformen fielen die Schüler auf der Straße nicht so auf und seien daher weniger als Oberschichtskinder identifizierbar und entführungsgefährdet, finden manche Eltern.

Ein teures Vergnügen

Zweifellos bekommen die „Kunden“ der Deutschen Schule Rio ein nicht nur für brasilianische Verhältnisse ausgezeichnetes Bildungsangebot serviert. Vorbildlich sind materielle Ausstattung wie auch die durchschnittliche Klassenstärke von 23 Schülern. Doch das hat seinen Preis: Die monatlichen Schulgelder betragen je nach Jahrgangsstufe umgerechnet 470 bis 680 Euro, deutlich mehr als die Löhne der grünuniformierten Angestellten. Hinzu kommt eine einmalige Aufnahmegebühr von gut 2500 Euro. Damit liegt man immer noch deutlich unter den bilingualen Privatschulen unter französischer, britischer oder US-amerikanischer Flagge. Für Familien jedoch, die nicht der schmalen Oberschicht angehören, ist die Corcovado-Schule fast unerschwinglich. Das gilt ebenso für weniger betuchte Familien mit einem deutschen Elternteil. Wenig Chancen haben auch hochbegabte Schüler aus staatlichen Schulen. 80 Kinder bekommen, meist wegen herausragender Leistungen, Rabatte von 25 bis 75 Prozent.

Man bleibt also unter seinesgleichen – das ist durchaus typisch für Auslandsschulen in Lateinamerika. „Wollen wir in der Schule wirklich Mitglieder mit unterschiedlichem Status?“, fragt Schulleiter Strasen eher rhetorisch und fügt hinzu: „Wir leben eben in der brasilianischen Realität“.

Gerhard Dilger,
Südamerika-Korrespondent der taz

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