/ Die GEW
/ GEW-International
/ Aktuell
/ Besuch Kurdenregion
Dersim (Tunceli) – Region der alevitischen KurdenDie Bürgermeisterin von Dersim
Um 8 Uhr sind wir zum Frühstück mit Edibe Sahin, der ersten weiblichen Bürgermeisterin der Türkei, verabredet. Wir treffen uns im Frauen-Cafe „Gökkusagi“, das von der Kommune mit finanzieller Unterstützung von Migranten in Deutschland betrieben wird. Frau Sahin gehört der kurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) an. Dersim passe nicht in das offizielle Homogenitätsschema der Türkei, demzufolge alle Staatsbürger Türken und Moslems seien, so die Bürgermeisterin. In Dersim leben überwiegend Kurden mit alevitischer Religion, es werden die kurdischen Dialekte Kurmanci und Zaza gesprochen. Die Region ist von starker Abwanderung geprägt, viele qualifizierte Menschen haben die Stadt in den letzten Jahrzehnten verlassen. Noch in den 1980er Jahren rangierte Dersim bei Schul- und Universitätsabschlüssen auf den ersten Plätzen im Landesdurchschnitt, heute ist es auf einen der letzten Plätze zurückgefallen. Die Kommunalverwaltung von Dersim ist mit vielfältigen Problemen konfrontiert:
• Chronischer Geldmangel: „Außer die Straße den Fluss entlang zu laufen und am Fluss Picknick zu machen, gibt es kaum Möglichkeiten für sozialen Aktivitäten“, sagt Edibe Sahin.
• Beruflich und was die Freizeitgestaltung betrifft gibt es wenig Perspektiven für die Jugendlichen.
• Drogen: Die Bürgermeisterin geht davon aus, dass das Militär am Drogenhandel beteiligt ist. Die Drogen könnten nicht an der starken Militärpräsenz vorbei, in die Stadt gebracht werden, so Edibe Sahin. Wie in so vielen Fällen fehle es der Kommune an Mitteln, zu effektiven Programmen, um den betroffenen Jugendlichen zu helfen.
• Starke Militärpräsenz: In Dersim leben offiziell 30.00 Einwohner, hinzu kommen schätzungsweise 20.000 Soldaten. Ein Teil der Dersim umgebenden Berge sind bis heute militärisches Sperrgebiet.
• Gewalt in der Familie: Obwohl Dersim als eine der liberalen Regionen der Türkei gilt, ist innerfamiliäre Gewalt ein großes Problem. Nach Ansicht von Frau Sahin wird das Problem durch sogenannte „Bierhäuser“ und durch die Migration von Prostituierten aus Osteuropa verstärkt. Die Einrichtung eines Frauenhauses gehört zu den vorrangigen Projekten der Gemeinde.
• Staudämme: Um Dersim herum werden zahlreiche Staudämme gebaut, die Wohn- und Lebensraum vernichten.
![]() | ![]() | ![]() |
Links und Mitte: “Ich zähle nicht, wie oft ich festgenommen wurde.“ - Frühstück mit Bürgermeisterin Edibe Sahin:
Rechts: In Dersim/Tunceli gibt es viele soziale Probleme
Ein großes Problem besteht für die Bürgermeisterin darin, dass sie mit Kommunalbeamten arbeiten muss, die ihr von ihren Vorgängern hinterlassen wurden. Nicht immer wurden diese Beamten nach Qualifikation ausgewählt, oft wurden Posten an Bekannte und Günstlinge vergeben. Edibe Sahin beklagt weiterhin, dass der stellvertretende Bürgermeister von Dersim vor etwa einem Jahr verhaftet wurde und seitdem ohne Anklage im Gefängnis sitzt. Hat die zierliche Frau selbst schon Repression erlitten? Sie lacht. Das sei normal, wenn man Politikerin einer kurdischen Partei wie der BDP sei. Sie zähle schon gar nicht mehr, wie oft gegen sie ermittelt und Anklage erhoben oder wie häufig sie festgenommen wurde.
Eine neue Universität für Tunceli
In der Universität empfängt uns der quirlige deutsch sprechende Professor Ali Tutay. Er stellt uns zahlreiche Pläne der erst 2008 gegründeten Universität vor. Ab 2012 werden in einigen Fakultäten die Vorlesungen auf Englisch stattfinden. Auch Deutsch als Unterrichtssprache sei geplant. Im Herbst veranstaltet die Uni eine Konferenz über die Geschichte von Tunceli, zu der auch Kollegen und Studenten aus deutschen Universitäten eingeladen sind. In Kürze wird an der Straße Richtung Elazig ein neuer Campus errichtet. 1.200 Studenten sind bisher eingeschrieben. Die Universität hat vier Fakultäten: Wasserwirtschaft, BWL, Ingenieurswesen und Sozialwissenschaften. Außerdem wird ein 2-jähriges berufsbezogenes Studium angeboten. Wie kommt es zu einer eigenen Universität in Tunceli? Die AKP-Regierung hat vor allem im im Osten und Südosten der Türkei die Errichtung neuer Universitäten beschlossen. Professor Ali Tutay meint, dass die AKP dadurch ihre Chancen bei Wahlen verbessern will. Viele Studenten kämen gerne hierher, da Dersim als liberal, nichtislamisch und links gelte.
![]() | ![]() | ![]() |
Links: Die im Jahr 2008 neu gegründete Universität Tunceli
Mitte: Professor Ali Tutay (im Bild rechts) will Deutsch als Unterrichtssprache einführen
Rechts: Bisher sind 1200 Studenten eingeschrieben
Der Vali – Begegnung mit dem Repräsentanten der Zentralgewalt
Der Vali vertritt den türkischen Staat in der Provinz Tunceli, in etwa vergleichbar mit einem Regierungspräsidenten. In der Türkei ist die Zentralgewalt allerdings mit stärkeren Rechten zuungunsten der gewählten Kommunalregierung ausgestattet. Mustafa Taskesen heißt uns willkommen. Er hoffe, dass solche Begegnungen die türkischen Bemühungen für einen EU-Beitritt stärken können. Für die GEW versichert Manfred Brinkmann, dass wir für den EU-Beitritt der Türkei eintreten, spricht aber auch den Nachholbedarf an, den die EU-Fortschrittsberichte bei Gewerkschafts- und Menschenrechten in der Türkei bemängeln. Der Vali nickt. Als Entschuldigung führt er an, dass es in der Türkei – anders als in Europa - keine Tradition des Kampfes für Demokratie gebe. In der Türkei würden demokratischen Rechte nicht von unten eingefordert. Diese Argumentation steht in krassem Widerspruch zu unseren Begegnungen der letzten Tage. Alle unsere anderen Gesprächspartner - ob Gewerkschaften oder zivilgesellschaftlichen Organisationen – treten nachdrücklich für demokratische und Gewerkschaftsrechte ein und nehmen dafür hohe persönliche Risiken wie Strafversetzungen, Anklagen u.a. in Kauf.
Besuch bei der Industrie- und Handelskammer
Mit den Vertretern der Industrie- und Handelskammer Tunceli kommen wir auf die von der islamistischen AKP-Regierung proklamierten „Politik der Öffnung“ in der Kurdenfrage zu sprechen. Die Kurden seien nach dieser Ankündigung im vergangenen Jahr zunächst hoffnungsfroh gewesen. Aber dann sei die Repression gegen kurdische Politiker fortgesetzt worden und die kurdische Partei DTP verboten worden. All das sei mit einer „Öffnung“ unvereinbar. Welche Forderungen müssen erfüllt werden, um die Kurdenfrage zu lösen? Die Kammervertreter antworten:
• Amnestie
• Recht auf Muttersprache
• Änderung des Wahl- und Parteiengesetz, insbesondere Aufhebung der 10% Klausel bei den Parlamentswahlen
![]() | ![]() | ![]() |
Links: Vali Mustafa Taskesen bestätigt Nachholbedarf bei Menschen- und Gewerkschaftsrechten:
Mitte und Rechts: Yusuf Cengiz, der Vorsitzender der Handelskammer in Tunceli und der Egitim Sen Vorsitzende Mehmet Ali Aslan fordern Recht auf muttersprachlichen Unterricht
Gespräch mit den Kollegen von Egitim-Sen
Am Ende dieses begegnungsreichen Tages setzen wir uns mit den KollegInnen von Egitim-Sen zu einem Austausch zusammen. Die Bildungsgewerkschaft vertritt in Dersim achthundert Mitglieder. Der junge Vorsitzende Mehmet Ali Aslan nennt uns zwei spezielle Forderungen von Egitim-Sen in Dersim:
• Muttersprachlicher Unterricht in den kurdischen Dialekten Kurmanci und Zaza
• Kein Zwang zur Teilnahme am islamisch-sunnitischen Religionsunterricht
Die meisten Menschen in Dersim zählen sich zu den Aleviten. Zu der Frage, ob Aleviten Moslems sind oder nicht, gibt es unterschiedliche Meinungen. Sie weichen in wesentlichen Punkten vom sunnitischen Islam ab: Die Aleviten erkennen weder die Scharia (das islamische Recht) noch die fünf Säulen des Islam an. Ihnen ist der Alkohol erlaubt. Die Aleviten haben keine Moscheen, sondern Gebetshäuser (cem evi). Obwohl in Dersim überwiegend alevitsche Kurden leben, müssen alle Schüler zwangsweise am sunnitischen Religionsunterricht teilnehmen. Viele Eltern versuchen dagegen gerichtlich vorzugehen, bisher aber ohne Erfolg. Nach dem türkischen Militärputsch 1980 wurden in allen Städten und Dörfern in Dersim Moscheen gebaut, die von der Bevölkerung als Symbol der Nichtachtung ihrer eigenen Religion angesehen werden. Ziel der türkischen Bildungspolitik sei es, so die Egitim-Sen Kollegen, einen einheitlichen Menschen zu schaffen. Jeder solle Türke und Sunnit werden. Dazu wird an jedem Schulmorgen der nationale Eid gesprochen, der mit den Worten anfängt: „Ich bin ein Türke ...“ Der Verehrung des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk ist ein eigenes Schulfach – Atatürkcülük – gewidmet. In jedem Klassenzimmer muss ein Bild von Atatürk hängen. Die Kinder müssen eine „Atatürk-Ecke“ gestalten, in der sie Bilder aus dem Leben von Atatürk malen oder aufkleben. In dem stark ideologisierten und auf Homogenisierung ausgerichteten Bildungswesen der Türkei, gibt es keinen Platz für persönliche Interessen und Neigungen. Musik- Sport- und Kunstunterricht wird vernachlässigt. Zum Abschied spricht Manfred Brinkmann seitens der GEW die Hoffnung aus, dass wir die Kollegen von Egitim-Sen bald zu einem Gegenbesuch in Deutschland begrüßen können.
![]() | ![]() | ![]() |
Links: Die Gewerkschafter der Egitim Sen sind vielfältigen Repressalien ausgesetzt
Mitte. Nach dem Militärputsch wurden in Dersim/Tunceli Moscheen gebaut
Rechts: Staatsgründer Atatürk wird mit einem eigenen Schulfach geehrt
Text: Sabine Skubsch
Fotos: Manfred Brinkmann/Sabine Skubsch