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03.03.2010

Der wandernde Berg: GEW muss Mitgliedern „55 plus“ Perspektiven bieten

Seit längerem hat der Altersaufbau der GEW-Mitgliedschaft die Gestalt eines Berges, der auf der einen Seite bei den jungen Mitgliedern ab 30 Jahren steil ansteigt und dann auf der anderen bei den älteren Mitgliedern bis 70 Jahren steil abfällt. Das breite Fundament bestand Mitte der 1990er aus 40- bis 55-Jährigen, einer Gruppe, die gut die Hälfte aller Mitglieder umfasste.

Diese Altersstruktur hing damit zusammen, dass es wenige Neueintritte von Jüngeren gab und viele Ältere die Organisation, sobald sie in Rente oder Pension gingen, verließen. Wenn sich diese Entwicklung fortgesetzt hätte, würde sie ab 2010 zu einem dramatischen Rückgang der Mitgliederzahlen führen. Denn ab diesem Zeitpunkt scheidet in wenigen Jahren die Hälfte der Mitglieder aus dem Beruf und wäre damit (wahrscheinlich) auch aus der GEW ausgetreten.

Um das zu verhindern, hat die GEW in den vergangenen zehn Jahren in den Landesverbänden und auf Hauptvorstandsebene viel Engagement und Geld für Projekte zur Mitgliederwerbung und -bindung eingesetzt (s. Kasten). Die Situation und die Interessen der Mitglieder im Alter von 50 plus wurden 2007 genauer untersucht. Der wichtigste Befund dieser Studien: Es gibt eine Mitgliedergruppe im Alter zwischen 55 und 70 Jahren, die sich sowohl von den jüngeren als auch von den älteren Mitgliedern deutlich unterscheidet und abgrenzt. In dieser Gruppe wird intensiv über Motive für eine weitere GEW-Mitgliedschaft oder einen Austritt diskutiert, über Anforderungen an die Gewerkschaft in der Übergangsphase zum Berufsausstieg, über Wünsche nach Beteiligung an GEW-Arbeit auch im Ruhestand. Die gewerkschaftlichen Aktivitäten haben sicher mit dazu beigetragen, dass der „Altersberg“ Ende 2008 etwas anders aussah: Er war gewandert und hatte seine Spitze eingebüßt. Aber sein Fundament, d. h. die Gruppe der inzwischen 50- bis 65-Jährigen, blieb konstant.

Mitgliederbindung reloaded

Inzwischen hat das Thema demografische Entwicklung auch innerhalb der GEW stark an Bedeutung gewonnen. Ich selbst (Rentner seit 2007) habe als Freiberufler zusammen mit meiner Frau fünf mehrtägige Workshops zur „Gestaltung des Übergangs vom Beruf in den Ruhestand und das nachberufliche Leben“ für GEW-Mitglieder der Gruppe 55 plus angeboten. Unsere Erfahrungen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen der GEW-Untersuchungen. Besonders erfreulich ist, dass die 75 Teilnehmenden nahezu alle in der GEW bleiben wollen – Mitgliederbindung scheint, auf den ersten Blick, in dieser Alterskohorte beinahe ein Selbstläufer zu sein.

Auf den zweiten Blick wird aber deutlich, dass an den Wunsch, einer langjährigen GEW-Mitgliedschaft noch weitere Jahre hinzufügen zu wollen, einige Bedingungen geknüpft sind. Dabei stehen zwei Aspekte im Vordergrund: Zum einen die Frage, wo sich diese Altersgruppe innerhalb der GEW verortet (mit Sicherheit noch nicht bei den Seniorinnen und Senioren) und wer künftig organisatorisch für diese große Anzahl Mitglieder zuständig sein könnte. Zudem müssen die Erwartungen der Generation 55 plus mit Blick auf Unterstützung und Beratung für den Übergang in Altersteilzeit oder Ruhestand von der Gewerkschaft durch deutlich mehr entsprechende Angebote aufgenommen werden. Fest steht: Die Organisation muss sich diesen Anforderungen ihrer älteren Mitglieder stellen. Leitfrage könnte dabei sein: Wie lassen sich die Interessen der Generation 55 plus mit den Aufgaben und Belastungen des „Kerngeschäfts“ der GEW vereinbaren?

Hans-Wilfried Kuhlen,
ehemals Koordinator für gewerkschaftliche Bildungsarbeit (gb@) beim GEW-Hauptvorstand


Mitgliederwerbung und -bindung: wie am besten?
Eine Gewerkschaft ist umso stärker und durchsetzungsfähiger, je mehr Mitglieder sie hat. Deshalb muss sie mit Inhalten und Angeboten Mitglieder werben. Seit 2006 trifft sich die Projektgruppe Mitgliederwerbung und -bindung regelmäßig zum Austausch über die Arbeit in den Projekten der Landesverbände und zur Erarbeitung weiterführender Konzeptionen und Dokumente. Zustande kam die AG aufgrund der Beschlüsse der Gewerkschaftstage in Erfurt und Nürnberg (2003 und 2009) zur Mitgliederwerbung, -bindung und -aktivierung.* Außerdem beschäftigt sich die Projektgruppe auch mit dem anstehenden Generationenwechsel in der GEW: Wie und mit welchen Mitteln gelingt es der Bildungsgewerkschaft, auf den unterschiedlichen Organisationsebenen (Bund, Land, Bezirk …) Mitglieder und interessierte Nichtmitglieder für gewerkschaftliche Arbeit zu motivieren, sie zu organisieren, für Demonstrationen und Streiks zu mobilisieren und last but not least in die Funktionärsarbeit einzubinden? Über das „Wie“ diskutiert die Organisation intern durchaus kontrovers.
Alexandra Schwarz, Referentin für das Projekt Mitgliederwerbung des GEW-Hauptvorstands

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