30.06.2010

Das Sozialforum in Istanbul wird sichtbar

Heute wird endlich das Programm veröffentlicht und das Europäische Sozialforum wird sichtbar. Phillip Westphal von der GEW Schleswig-Holstein berichtet über die Suche nach Veranstaltungsorten, einen Empfang der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Eröffnungsveranstaltung auf dem Macka Campus der Technischen Universität Istanbul.

Dies ist der Tag vor dem offiziellen Start des Europäischen Sozialforums (ESF) in Istanbul. Meine gestrige Anreise von Kiel über Hamburg nach Istanbul habe ich gut überstanden. Die Taxifahrt vom Atatürk-Flughafen im europäischen Teil Istanbuls zu unserem Hotel im asiatischen Teil hat zwar etwas länger gedauert, dafür hatte die Überfahrt über die Bosporusbrücke aber auch schon ein echtes Highlight zu bieten: den nächtlichen Blick auf die durch den Bosporus geteilte Millionenmetropole. Bisher sind von der GEW-Delegation nur Manfred Brinkmann, der Referent für Internationales beim Hauptvorstand, und ich in Istanbul angekommen. Manfred hat inzwischen das aktuelle Programm für das ESF im Internet ausfindig machen können. Eine unscheinbare Excel-Tabelle führt die über 300 Seminare und Workshops auf, die in den nächsten Tagen in Istanbul verteilt stattfinden werden. Nach kurzer Zeit haben wir die GEW-Seminare ausfindig gemacht und auch die Ortsbezeichnungen durchschaut. Das erste GEW-Seminar „1GOAL: Education for all and the millennium development goals“ findet schon in der ersten Seminarphase am Donnerstagmorgen um 9:30 Uhr statt. Wir machen uns auf den Weg, um uns vor Ort den Veranstaltungsraum für das Seminar anzuschauen. Dafür setzen wir mit der Fähre von der asiatischen auf die europäische Seite Istanbuls über. Das zweite Highlight meiner Reise, und das für weniger als umgerechnet einen Euro. Vom Schiff aus haben wir einen wunderschönen Blick auf drei weltbekannte Sehenswürdigkeiten Istanbuls: die blaue Moschee, die Ayasofya (Hagia Sophia) und den Topkapi Sarayi (Sultanspalast).

Links: Die Fähre von Kadiköy nach Karaköy verbindet Asien mit Europa.
Mitte: Die Fähre nach Europa fährt an der blauen Moschee (links) und der Hagia Sophia (rechts) vorbei.
Rechts: Die Türkei und Europa: eine Beziehung mit Nähe und Distanz.

Auf der europäischen Seite Istanbuls angekommen fahren wir zu der "Faculty of foreign languages", in der unser Seminar laut Programm stattfinden soll. Dort angekommen weist allerdings rein gar nichts darauf hin, dass hier schon am nächsten Tag ein zentraler Ort des Sozialforums sein soll. Dass hier schon morgen früh hunderte Menschen in Seminaren und Workshops sitzen sollen, ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum vorstellbar. Am Einlass zu dem Gebäude scheint man schon etwas vom ESF gehört zu haben, und eine freundliche Lehrerin nimmt sich unser an. Sie führt uns zu der Vize-Direktorin des Instituts, die allerdings nicht den Eindruck macht, als wüsste sie genau, was morgen in ihrem Institut stattfinden soll. Nach einigen Telefonaten stellt sich aber glücklicherweise heraus, dass wir doch richtig sind. Im Anschluss an die Besichtigung des Seminarraums dürfen wir uns noch auf Einladung des sehr netten Hausmeisters von der Beschaffenheit einer türkischen Mensa überzeugen, die im Gegensatz zu den mir bekannten deutschen Mensen neben ihrem kargen Äußeren vor allem dadurch auffällt, dass es nur ein mögliches Gericht gibt. Gestärkt und dankbar für die freundliche Einladung machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Vorbei an dem berühmten Taksim-Platz laufen wir durch einen schönen Istanbuler Sommerregen zu der Bootsanlegestelle, von der aus wir wieder in den asiatischen Stadtteil Kadiköy übersetzen.

Links. Das Sozialforum ist noch nicht sichtbar: Die Technische Universität Istanbuls ist zentraler Veranstaltungsort des ESF 2010.
Mitte: In der "School for foreign languages" soll am 1. Juli das erste Seminar der GEW stattfinden.
Rechts: Florian Schubert, Tim Lösch, Philip Westphal und Anne Waschow beim Empfang der Friedrich-Ebert-Stiftung

Um 17.00 Uhr treffen wir uns in unserem Hotel mit den anderen schon angekommenen GEW-KollegInnen, um gemeinsam an einem Empfang teilzunehmen, zu dem die Friedrich Ebert Stiftung (FES) alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der DGB-Gewerkschaften in ein Hotel in der Nähe des Taksim-Platzes eingeladen hat. Dort angekommen gibt es eine kurze Einführung des Leiters des FES-Büros in Istanbul, Michael Meier, zur politischen Lage in der Türkei. Wesentliche Themen sind die geplante Verfassungsreform, die aktuellen Entwicklungen in der türkischen Parteienlandschaft und die EU. Daran anschließend gibt uns der Projekt-Koordinator Gewerkschaften, Cihan Hüroglu, einen kurzen Überblick über die Situation der Gewerkschaften in der Türkei. Er macht deutlich, dass gewerkschaftliche Arbeit in der Türkei noch immer sehr stark durch staatliche und betriebliche Repression geprägt ist. Strenge gesetzliche Regelungen führen dazu, dass gewerkschaftliche Arbeit in einem Betrieb oftmals gar nicht, oder nur nach jahrelangem Rechtsstreit, möglich ist. So müssen z. B. Gewerkschaften, um in einem Betrieb tariffähig zu werden, mindestens fünfzig Prozent der Beschäftigten organisieren. Zweifelt dies der Arbeitgeber an, so liegt es an der Gewerkschaft nachzuweisen, dass ein entsprechender Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer organisiert ist. In Verbindung mit der teilweise offenen Repression gegenüber aktiven GewerkschafterInnen stellt dies oftmals eine schier unüberwindbare Hürde dar.

Links: Infos von der Friedrich-Ebert-Stiftung: Michael Meier (Bild Mitte) und Osman Cihan Hüroglu (links)
Mitte: TeilnehmerInnen der DGB Gewerkschaften beim Empfang der FES
Rechts: GEW-KollegInnen über den Dächern von Istanbul

Im Anschluss an die Vorträge bleibt noch etwas Zeit zum gemütlichen Austausch auf der Dachterasse des Hotels mit einem tollen Blick über Istanbul. Nachdem wir diese Aussicht eine Weile mit unseren Kolleginnen und Kollegen der übrigen DGB-Gewerkschaftten genossen haben, machen wir uns gemeinsam auf den Weg zur Auftaktveranstaltung des Europäischen Sozialforums, die um 20.30 Uhr im Macka Park ganz in der Nähe stattfinden soll. Nach kurzem Fußmarsch erreichen wir dann auch pünktlich den Veranstaltungsort, wo wir erfreut feststellen, dass auch endlich ein offizielles Programm in gedruckter Form vorliegt. Überhaupt sind wir froh, das ESF nun erstmals als solches in Istanbul wahrnehmen zu können. Zwar sind noch nicht so viele Menschen wie erwartet in dem Park vor der Bühne versammelt, aber dennoch spüren wir den internationalen und offenen Charakter des Europäischen Sozialforums deutlich. Auf der Bühne werden einige politische Reden in unterschiedlichen Sprachen gehalten, später soll auch noch eine Band spielen. Das Europäische Sozialforum ist eröffnet! Erschöpft machen wir uns auf den Heimweg und genießen die erfrischende nächtliche Überfahrt über den Bosporus. Trotz aller organisatorischer Schwierigkeiten und Unklarheiten hat das ESF nun also begonnen und ich bin sehr gespannt, was die nächsten Tage für uns als GEW-Delegation an interessanten und spannenden Momenten bringen werden.

Text: Phillip Westphal
Fotos: Manfred Brinkmann


Auftaktveranstaltung des Europäischen Sozialforums auf dem Macka Campus der Technischen Universität Istanbuls



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