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06.05.2008

Das Copy-Paste-Syndrom - ein Interview

Das Internet macht’s möglich: Plagiieren auf neuem Niveau – und faktisch unbegrenzt. Steffen Büffel, Medienberater, im Gespräch mit dem Medienwissenschaftler und Publizisten Stefan Weber.

E &W: Herr Weber, in Ihrem Buch über Plagiarismus beschäftigen sie sich mit dem „Google-Copy-Paste-Syndrom”*. Was muss man sich darunter vorstellen?
Stefan Weber: Das Syndrom entsteht, wenn man Google als neues primäres Tor zur Wirklichkeit und die neue Möglichkeit des Copy/Pastens per Tastenkombination zusammendenkt. Noch vor 20 Jahren recherchierten Studierende mit Karteikarten in realen Bibliotheksräumen, fotokopierten Aufsätze und Buchkapitel und recherchierten in den dort vorgefundenen Literaturangaben nach dem „Schneeballsystem” weiter. Heute starten (und enden!) nahezu alle Recherchen mit Google und Wikipedia. Immer häufiger werden Textteile einfach aus dem Netz kopiert oder ein wenig umgeschrieben. Wenn man diese Veränderung innerhalb einer Generation betrachtet, gibt es kaum einen Zweifel: Hirnaktivität und eigener Forschergeist wurden durch den Suchalgorithmus von Google und die Verführung durch fertige Texte im Internet abgelöst.
E &W: Sie wurden selbst Opfer von Plagiarismus. Teile Ihrer Promotionsschrift haben andere Autoren als 1:1-Übernahme ohne Quellenverweis verwendet. Ärgerlicher Einzelfall oder Symptom für ein grundlegendes Problem in der Wissenschaft?
Weber: Wir wissen nicht, wie viel wir nicht wissen. Die meisten Plagiatsfälle werden durch Zufall enttarnt. Einige, weil sich der Plagiator verrät, und einige auch, weil er sich Feinde gemacht hat, die nicht länger schweigen wollen. In meinem Fall hat sich der Plagiator selbst an mich gewandt, um mich für zwei Lehrerfortbildungsseminare einzuladen. Er schrieb mir, dass er sich dafür entschuldigen möchte, mich in seiner Dissertation nicht angemessen erwähnt zu haben. Ohne diesen Hinweis wäre ich nie auf die Schrift gestoßen, in der knapp 100 Seiten von mir abgeschrieben worden sind.

E &W: Wie weit ist Plagiarismus an Schulen und Hochschulen verbreitet?
Weber: Es ist zu unterscheiden zwischen Plagiatsbereitschaft, dem Eingeständnis des Plagiierens und dem „realen” Prozentanteil entdeckter Plagiate. Empirische Studien wie die von Sebastian Sattler haben unlängst ergeben, dass die Plagiatsbereitschaft bei Studierenden erschreckend hoch ist. Plagiieren gestehen dann aber „nur” zwischen vier und 35 Prozent – je nachdem, ob nach plumpen „Hardcore”-Varianten des Plagiierens oder der unzitierten Übernahme einiger Sätze gefragt wird. Der Prozentanteil von Diplomarbeiten mit relevanten Plagiatsstellen ist höchstwahrscheinlich einstellig. Das bedeutet aber nicht, dass dies kein großes Problem wäre. Wenn eine Massenuniversität etwa fünf Prozent Diplomarbeiten mit relevanten Plagiatsstellen in ihren Regalen stehen hat, sind das schnell mal hunderte Akademiker, die selbst nichts oder wenig getextet haben.

E &W: Referate.de, Hausarbeiten.de – das Internet avanciert zum Selbstbedienungsladen für Schüler und Studierende. Was können Hochschuldozenten und Lehrkräfte präventiv gegen das Copy-Paste-Syndrom tun?
Weber: Der entscheidende Punkt wäre: Kreativität bei der Themenvergabe statt Redundanz. Leider läuft es in vielen Seminaren immer noch nach dem Muster: Schreiben Sie mal 35 Seiten über Bourdieu, und beginnen Sie mit seiner Biographie. Das sucht man mal schnell in der Wikipedia und schreibt dann „(vgl. Wikipedia)“ darunter. Das ist freilich keine Wissenschaft und auch keine Ausbildung mehr, sondern ein simulatorisches Spiel, das eigentlich alle zu Tode langweilt. Leider kommen Lehrende oft zur ernüchternden Erkenntnis, dass das Ablesen und Kopieren von z. B. Wikipedia-Texten bereits in der Schule antrainiert und dort sogar positiver beurteilt wurde als eigenständige Schreibversuche.

E &W: Plagiarismus wäre demnach also ein strukturelles Problem. Wie könnte man Lehrkräfte für dieses Thema sensibilisieren? Und wie im Anschluss die Lehrer, die Schülerinnen und Schüler?
Weber: Plagiatsprävention und -detektion müsste ein Weiterbildungsangebot für alle Menschen in Lehrberufen sein. Es ist eigentlich grotesk, dass es das nahezu nicht gibt. Wir müssen in der Schule aber auch wieder in alte Kulturtechniken investieren – wie Offline-Recherchen in realen Bibliotheken –, solange noch nicht „alles” digitalisiert ist. Derzeit ist es ungemein modisch, e-Learning- und Web 2.0-Experimente auch an Schulen durchzuführen. Der schöne Techno-Schein siegt bei diesen Projekten oft über den Inhalt. Quellenkritik ist der zentrale Punkt, den man eben didaktisch so vermitteln müsste, dass Schüler die Wichtigkeit dieses Themas erkennen.

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