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/ Jahrgang 2010
/ 05/2010
Islam: WierthSelcuk Saydams Aufregung darüber, vor so vielen Gästen zu sprechen, ist ihm anzusehen. Ruhe gewinnt der 38-Jährige erst, als er auf die türkischen Süßigkeiten hinweist, die auf die Besucher warten. Die wurden in seinem eigenen Betrieb hergestellt. Selcuk Saydam ist Bäcker – und er ist der Vorsitzende des Haci-Bayram-Moscheevereins. Gut 50 in- und ausländische Journalisten sind zu Gast in dem Gebetshaus im Stadtteil Wedding. Eigentlich ist die Haci-Bayram-Moschee eine typische Hinterhofmoschee wie die meisten der etwa 80 islamischen Gebetshäuser in Berlin. Doch die Gemeinde zeichnet sich durch ihre gute Vernetzung im Kiez aus. Mit dem Quartiersmanagement, dem Bezirksamt und der Arbeiterwohlfahrt betreut sie die pädagogischen Projekte Hippy und Opstapje*, die Eltern helfen sollen, die vorschulische Entwicklung ihrer Kinder zu unterstützen. Sie ist die einzige Moschee, die an diesem Projekt teilnimmt.
Die Kooperation sei anfangs nicht einfach gewesen, erzählt Saydam. Nicht, weil es in der Gemeinde religiöse Vorbehalte gegeben hätte. Das Interesse muslimischer Eltern an den Unterstützungsprogrammen ist groß, neben teilnehmenden Müttern gibt es auch eine Vätergruppe. „Aber plötzlich saßen wir mit dem Bezirksbürgermeister an einem Tisch“, erinnert sich der Sohn türkischer Einwanderer. Auf dieser Gesprächsebene wahrgenommen zu werden, einen selbstbewussten Dialog zu führen, daran waren die Muslime nicht gewöhnt. Bis auf den Imam, der für die religiösen Belange der Gemeinde zuständig ist, sind die Vereinsvertreter zudem ehrenamtlich und wie Saydam meist neben ihrem Beruf für die Moschee aktiv. Da bleibt häufig nicht viel Zeit für weiteres Engagement.
„Brücken im Kiez“
Moscheen seien deshalb oft überfordert mit Kooperationsangeboten, sagt Werner Schiffauer. Der Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Frankfurt/Oder leitet das von der Stiftung Brandenburger Tor finanzierte Projekt „Brücken im Kiez“**, das Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Moscheen aufbauen will. Die hätten bislang „ein eher verkrampftes Verhältnis“ zueinander, meint Schiffauer: „Beide misstrauen jeweils dem Einfluss, den die andere Einrichtung auf die Kinder nimmt.“ Während die Gemeinden in den Schulen „antiislamische Haltungen“ vermuteten, fürchte man dort, dass die Moscheen problematische Werte etwa in Bezug auf Gleichberechtigung vermittelten. Damit dies nicht auf den Schultern der Kinder lastet, plädiert Schiffauer für Zusammenarbeit.
Dass die gelingen kann, zeigt die Regenbogen-Schule in Berlin-Neukölln (s. Seite 16). Auch hier stand Misstrauen am Anfang: Als die Islamische Förderation Berlin (IFB), zu der auch die Haci-Bayram-Moschee gehört, vor sechs Jahren begann, an der Regenbogen-Grundschule Religionsunterricht zu erteilen, „waren wir zunächst sehr skeptisch“, erinnert sich Schulleiterin Heidrun Böhmer: „Wir befürchteten, dass mit dem Islamunterricht Probleme mit der Teilnahme an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht auf uns zukommen.“ Gleich zu Beginn hat sie deshalb Burhan Kesici, den Vorsitzenden der IFB, zum Gespräch eingeladen: „Wir haben ihm gesagt, dass wir uns Unterstützung bei solchen Problemen wünschen.“ Inzwischen findet dort ein interreligiöser Religionsunterricht in Teamarbeit mit einer Islam-, einer jüdischen Religionslehrerin und Lebenskundelehrkräften des Humanistischen Verbandes statt.
Nicht an allen 32 Grundschulen, an denen die Föderation mittlerweile Religionsunterricht erteilt, klappt die Zusammenarbeit so gut. Viele hatten der IFB gegenüber Bedenken: Ihre Verbindungen zur teilweise wenig integrationsfreundlich eingeschätzten Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (s. Kasten) schürte Skepsis. Doch das schwinde, meint IFB-Vorsitzender Kesici: Die Islamlehrkräfte würden mittlerweile oft um Hilfe bei Problemen mit muslimischen Schülern gebeten. Die Erwartungen könne die Föderation allerdings nicht immer erfüllen. Zwar sprächen keine religiösen Gründe etwa gegen die Teilnahme an Klassenfahrten oder Schwimmunterricht. Doch das seien private Entscheidungen der Familien, „in die wir uns nicht einmischen“, so Kesici: „Wir vermitteln aber gern, wenn es darum geht, Bedingungen zu schaffen, die das nötige Vertrauen aufbauen“, betont er.
Die zweite große Muslimorganisation in der Hauptstadt, die Ditib (s. Kasten), kooperiert nicht mit Schulen. Zwar wird die zu diesem Verband gehörende Sehitlik-Moschee, die mit ihrer klassischen Architektur mit Kuppel und zwei Minaretten die eindrucksvollste Berliner Moschee ist, oft von Schulklassen besucht. Doch engere Projekte der 16 Ditib-Gemeinden mit Schulen gebe es nicht, so der Berliner Ditib-Vorsitzende Fatih Eroglu.
„Heroes“ aus „Ehrenkulturen“
An Oberschulen wird bisher kein islamischer Religionsunterricht angeboten. Dass muslimische Schüler dort durchaus selbstbewusst religiöse Rechte einfordern, zeigte 2009 ein bis vor Gericht ausgetragener Streit zwischen einem Schüler eines Berliner Gymnasiums und der Senatsschulverwaltung: Der muslimische Schüler bekam das Recht zugesprochen, außerhalb der Unterrichtszeit in der Schule zu beten (s. E&W 12/2009). Die Schulverwaltung hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Es mag die Angst vor solchen Konflikten sein, die insbesondere Oberschulen vor der Zusammenarbeit mit islamischen Gemeinden zurückschrecken lässt. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, den Islam oder andere Religionen thematisch nicht in den Vordergrund zu stellen“, sagt Dagmar Riedel-Breidenstein vom Projekt „Heroes“. Die „Heroes“ sind junge Männer „aus Ehrenkulturen“, wie es in der Projektbeschreibung heißt, die von deutsch-, türkisch- und arabischstämmigen Mitarbeitern dazu ausgebildet werden, als Rollenvorbilder in Oberschulen oder Jugendeinrichtungen über Themen wie Gleichberechtigung, Ehre und Menschenrechte zu diskutieren. Das Wort „Islam“ taucht im Projektkonzept nicht auf. „Viele unserer Teilnehmer sind Schülerinnen und Schüler muslimischer Religionszugehörigkeit“, so Riedel-Breidenstein. „Wir betrachten aber Konzepte wie ‚Ehre‘ oder bestimmte Wertvorstellungen etwa über die Rolle der Familie als in der Tradition, nicht in der Religion begründet.“ Das Projekt solle schließlich verbinden, nicht spalten: „Heroes ist kein Vorhaben gegen Kulturen, Religionen oder Werte – sondern eine Initiative für Dialog und Zusammenarbeit“, heißt es auf der Webseite.***
„Vielfalt vermitteln“
Beim Projekt „Vielfalt vermitteln“ des „Zentrums interreligiöser Dialog“ (ZID) in Berlin-Moabit steht Religion offen im Mittelpunkt – doch das ZID geht wie die Regenbogen-Schule den interreligiösen Weg. Mitglieder der christlichen, islamischen und jüdischen Gemeinden, die sich im ZID zusammengetan haben, besuchen Oberschulklassen, besichtigen mit ihnen ihre Gotteshäuser und diskutieren über gemeinsame und unterschiedliche Werte, über Respekt und Geschlechterrollen. Ihn habe schockiert, mit welchen Vorurteilen manche Schüler anderen Religionen begegnen, sagt Mahmoud Bargouth, der als Vertreter der Moschee „Haus der Weisheit“ mitgemacht hat. Viele muslimische Jugendliche begründeten ihre Einstellungen und daraus abgeleitetes Verhalten religiös, sagt Bargouth: „Dabei hat sich da oft mehr die Tradition als die Religion durchgesetzt.“ Für den 31-jährigen Vater einer kleinen Tochter ist es selbstverständlich, bei der Kinderbetreuung und im Haushalt zu helfen, ebenso, dass Frauen einen Beruf ausüben und sich ihren Ehemann selbst wählen können. Gegen Klassenfahrten sieht Bargouth aus dem Islam keine Einwände, Sport zu machen, schwimmen zu lernen, werde geradezu empfohlen: „Allerdings sollten die Schulen Rücksicht auf Muslime nehmen“, sagt er: etwa Sport ab der Pubertät geschlechtergetrennt unterrichten. Als es an einer Schule des Bezirks Probleme mit einer Klassenfahrt gegeben habe, sei der Imam der Moschee mitgefahren, erzählt Bargouth: Das habe die Bedenken der Eltern zerstreut. Der sehr aktive und im Kiez geachtete Imam vom „Haus der Weisheit“, Abdallah Hajjir, hat das ZID mitgegründet. In seiner Moschee treffen sich vor allem Muslime arabischer Herkunft, viele Palästinenser – ein entspannter Umgang, gar Zusammenarbeit mit Juden ist hier nicht für alle selbstverständlich.
„Eine Grundvoraussetzung für die Zusammenarbeit mit Moscheen sind kompetente Personen, die die Anliegen der Kooperation in die Gemeinde hineintragen und dort vertreten können“, sagt Riem Spielhaus. Die Islamwissenschaftlerin hat für den Integrationsbeauftragten des Berliner Senats eine Broschüre über das islamische Gemeindeleben in Berlin mitverfasst.**** Alle Beteiligten, auch die Schulen, müssten sich darüber klar sein, dass „Kooperation Dialog bedeutet“, so Spielhaus: „Das heißt, dass beide Seiten aufeinander zugehen und sich dadurch verändern.“ Moscheen, so die Expertin, die an Kooperationen interessiert sind, zeigten Offenheit für solche Prozesse. Sie hat auch an einem anderen Projekt des Senats mitgewirkt: Seit 2006 arbeitet ein von der Senatsverwaltung für Bildung ins Leben gerufener Arbeitskreis an einer Handreichung zum Thema „Islam und Schule“. Publiziert wurde diese bisher nicht – ihre letzte Überarbeitung erfolgte nach Einwänden gegen ein darin enthaltenes Interview mit dem Berliner Imam Ferid Heider.***** Der wird von Kritikern als Fundamentalist eingestuft, weil er vertritt, dass auch während schulischer Prüfungen das religiöse Fasten nicht prinzipiell ausgesetzt werden könne. IFB-Vorsitzender Kesici schlägt in der Handreichung vor, Prüfungen nicht in die Fastenzeit zu legen. Ein Kompromiss in dieser Frage wird wohl noch gefunden werden müssen.
Alke Wierth,
taz-Redakteurin
*Hippy (Home Instruction Program for Preschool Youngsters) ist ein Hausbesuchsprogramm für sozial benachteiligte Vorschulkinder, das in Israel entwickelt wurde und nach dem seit 20 Jahren in vielen Ländern weltweit gearbeitet wird.
Opstapje (Schritt für Schritt) kommt aus den Niederlanden und richtet sich an sozial benachteiligte und Migrantenfamilien. Laienhelferinnen werden
systematisch geschult, um Eltern und Kinder in deren heimischer Umgebung mit Möglichkeiten spielerischen Lernens vertraut zu machen.
**www.brandenburgertor.de/bildung/bruecken_im_kiez/index.html.
***www.heroes-net.de.
****www.berlin.de/lb/intmig/publikationen/interkulturelles/index.html.
*****Die Broschüre ist für Mitte Mai angekündigt.
Die meisten Muslime in Deutschland sind sunnitische Einwanderer aus der Türkei. Ihre Moscheen gehören überwiegend zwei großen Dachverbänden an: Zum einen der Ditib (Diyanet Isleri Türk Islam Birligi, zu deutsch Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), einem Dachverband, der 1984 gegründet wurde und unter der Führung des Staatlichen Amtes für Religiöse Angelegenheiten der Türkei steht.
Der Ditib gehören nach eigenen Angaben knapp 900 Gemeinden in ganz Deutschland an. Ihre Gemeinden begannen erst in den letzten Jahren damit, neben den rein religiösen Aufgaben auch soziale wahrzunehmen und sich so nach außen zu öffnen (www.ditib.de).
Der zweite große Dachverband der türkeistämmigen Muslime ist die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, kurz IGMG, die bereits in den 1970er-Jahren erste Gemeinden in Deutschland gründete. Hinter ihr stand die später in der Türkei verbotene religiöse Partei von Necmettin Erbakan. Milli Görüs steht bis heute im Verdacht, verfassungsfeindlich zu sein. Aus der Islamkonferenz des Bundes wurde der von der IGMG dominierte Islamrat kürzlich ausgeschlossen (www.igmg.de).
Zu den türkisch-islamischen Verbänden gehören außerdem der 1973 gegründete Verband islamischer Kulturzentren VIKZ, der der mystisch-islamischen Richtung der Süleymancis folgt sowie die Türkische Föderation, die der türkisch-nationalistischen Bewegung der „Grauen Wölfe“ nahesteht (www.vikz.de, www.turkfederasyon.com).
Auch die arabisch- und bosnischstämmigen Muslime sind mehrheitlich Sunniten. Sie haben kleine oder große Moscheevereine gegründet, die nicht alle einem Dachverband angehören. Die Islamische Gemeinschaft Deutschland (IGD) tritt oft als Vertreterin arabischer Muslime auf, wird allerdings von Verfassungsschützern mit der umstrittenen Muslimbruderschaft in Verbindung gebracht (Die 1928 von Hassan Al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als einflussreichste politisch-islamische Organisation im Nahen Osten und mittlerweile auch in Europa.). Die etwa 50 bosnischen Moscheen in Deutschland haben sich zum Dachverband IGBD (Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland) zusammengeschlossen (www.igd-online.de, www.igbd.eu).
Schiitische Muslime in Deutschland stammen aus dem Iran und aus Aserbaidschan, dem Irak oder anderen arabischen Ländern und zu einem kleinen Teil aus der Türkei. Zur Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten (Schia) kam es beim Streit um die Nachfolge des Propheten Mohammed. In Deutschland (und weltweit) sind die Schiiten die kleinere Gruppe unter den Muslimen. Sie gelten oft als strenggläubiger. In der praktischen Religionsausübung in Deutschland unterscheiden sich die beiden Gruppen wenig, feiern jedoch einige andere Feste. Etwa hundert schiitische Gemeinden haben sich im Frühjahr 2009 zur Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) zusammengeschlossen (www.igs-deutschland.de).
Die Aleviten in Deutschland sind ebenfalls überwiegend türkischer Herkunft. Das Alevitentum hat sich aus dem Schiismus entwickelt, aber nicht alle Aleviten betrachten sich heute als Muslime (und umgekehrt erkennen viele Muslime Aleviten nicht als Glaubensgenossen an). Wichtige Rituale des islamischen Glaubens wie das tägliche fünfmalige Beten gelten für Aleviten nicht, auch ihr Gottesdienst (cem) unterscheidet sich von dem der Sunniten und Schiiten deutlich. Die Aleviten sind mehrheitlich in der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF, Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) organisiert (www.aabk.info).
Vor allem aus Pakistan sind Ahmadiyya-Muslime eingewandert. Auch sie werden von vielen anderen Muslimen nicht als Teil des Islam akzeptiert, da sie ihren Gründer Ahmad als Propheten nach Mohammed ansehen. Viele Ahmadiyya sind nach Deutschland geflüchtet, weil sie aus religiösen Gründen verfolgt werden. Sie stellen eine kleine Gruppe unter den deutschen Muslimen dar, die allerdings viele Moscheen in der ganzen Bundesrepublik betreibt. Organisiert sind sie in der 1955 gegründeten Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland (www.ahmadiyya.de).
Im Zuge der Islamkonferenz, die der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 2006 ins Leben gerufen hatte, gründete sich 2007 der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM), dem neben dem Islamrat und dem Zentralrat der Muslime, der vor allem Organisationen nichttürkischer Muslime vertritt, die Ditib und der VIKZ angehören (www.islamrat.de, www.islam.de).
Alke Wierth
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