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/ Jahrgang 2008
/ 12/2008
Schwerpunkt: PISA-EPrenzels frohe Botschaften über die vielen angeblichen „Trends zum Besseren“ erfreuen vor allem die Kultusminister, die sich seit dem öffentlichen Schock über die Ergebnisse des ersten internationalen PISA-Schultests aus dem Jahr 2000 permanent am Pranger sehen. Doch der Balsam, den der Wissenschaftler beredt in ihre waidwunden Seelen träufelt, verzerrt die deutsche Schulwirklichkeit. Das erfahren nicht nur die Praktiker täglich vor Ort. Das zeigt auch ein kritischer Blick in den umfangreichen Tabellenteil der Studie.
Viele Fragen bleiben offen
Viele Fragen, die die drei jeweils parallel zum weltweiten PISA-Test der OECD durchgeführten aufwändigen innerdeutschen Ergänzungsstudien aufgeworfen haben, werden nie beantwortet werden. Das gilt insbesondere auch diesmal für die strittige Frage, wie chancengerecht der Zugang zu gymnasialer Bildung im Vergleich der Länder untereinander gestaltet ist, aber auch für das Problem, wie groß der Anteil so genannter Risikoschüler tatsächlich ist. Deutschland macht zwar weiterhin bei PISA-International mit.
Leistungsvergleiche der 16 Bundesländer soll es hingegen schon ab 2009 nicht mehr nach den bisher üblichen PISA-Kriterien der OECD geben, sondern nur noch auf der Basis der neuen bundesweiten Bildungsstandards der Kultusminister.
Neue Basis für Test
Während für PISA-International künftig das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt/Main mit Eckhard Klieme zuständig ist, wird das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin mit Olaf Köller die innerdeutschen Vergleiche auf der Basis der Bildungsstandards organisieren. Bisher hatten die Kultusminister zusätzlich zu der für den internationalen PISA-Test geforderten Stichprobe von etwa 5000 Schülerinnen und Schülern weitere 40 000 bis 50 000 Jungen und Mädchen im Alter von 15 Jahren durch das deutsche PISA-Konsortium nach den OECD-Kriterien testen und auch nach deren sozialem Hintergrund befragen lassen.
Auch das IQB in Berlin wird mit einer Stichprobe in ähnlicher Größenordnung arbeiten und die Lernstandserhebungen der Bundesländer auf der Basis der Bildungsstandards miteinander vergleichen. Ob und in welchem Umfang dabei auch Sozialdaten erhoben werden sollen – darüber sei noch nicht gesprochen worden, hört man aus dem Schulausschuss der Kultusministerkonferenz (KMK). Dabei geht es im Hintergrund um mehr als einen sozialwissenschaftlichen Methodenstreit. Die Frage lautet, wie man Chancengleichheit in der Bildung definiert. Der erste bundesweite Test auf der Basis der Bildungsstandards soll bereits im Frühsommer 2009 starten.
Deutungshoheit erobert
Mit der Trennung von PISA-International und dessen Testkriterien (s. Seite 16) und der Etablierung eines eigenen innerdeutschen Untersuchungsinstrumentariums gewinnen die Kultusminister vor allem jene Deutungshoheit zurück, die sie im Streit mit den Bildungsforschern aus der Pariser OECD-Zentrale in den vergangenen Jahren oft schmerzlich vermisst haben. Ein Vergleich des ersten nationalen Tests 2009 mit früheren PISA-Ergebnissen wird kaum möglich sein.
Aber auch wer die aktuelle PISA-E-Studie mit früheren Veröffentlichungen des deutschen PISA-Konsortiums aus 2000 und 2003 vergleichen will, hat schon heute Probleme. Vor allem bei der Frage der hohen Abhängigkeit des Schul-erfolgs von der sozialen Herkunft erschwert häufiger Methodenwechsel den Überblick über die Langzeitentwicklung. Dabei werden bei der Beschreibung der sozioökonomischen Situation der Eltern nicht nur die Modelle der Schichtenklassifikationen sprunghaft gewechselt.
Auch bei der Definition der Leistungsstärke eines Schülers finden sich zwischen den Veröffentlichungen der deutschen PISA-Forscher ständig Änderungen. Mal werden die Lesekenntnisse herangezogen, mal wird die Lese- und Mathematikkompetenz zusammengefasst (wie 2003), mal werden die kognitiven Grundfähigkeiten mit berücksichtigt.
Trotzdem macht Prenzel 2006 bei der Frage der Abhängigkeit von Schulerfolg und sozialer Herkunft „einen Trend zum Besseren“ aus – obwohl die Studie nur Bayern und Rheinland-Pfalz „statistisch bedeutsame“ Verbesserungen bescheinigt. In Bayern galten laut früherer PISA-Studien die Gymnasialchancen von Facharbeiterkindern im Vergleich zu Schülern aus Oberschichtsfamilien als besonders schlecht. 15-Jährige aus der „oberen Dienstklasse“ haben dort eine mehr als sechsfach so große Chance, das Abitur zu erwerben wie Facharbeiterkinder.** Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen Jahren sein Ganztagsschulangebot erheblich ausgeweitet und wird ab 2011 an mehr als jeder dritten Schule Ganztagsbetreuung anbieten.
Karlheinz Rosenzweig, Bildungsjournalist